Die kulturelle Kompetenz des Translators

Sigrid Kupsch-Losereit, Mainz/Germersheim


Der Translator erfährt sich häufig als ein unzulängliches Ich, das sich im steten Wunsch nach der Akzeptanz durch den Leser/ Auftraggeber zu behaupten hat. Er reflektiert daher seine Tätigkeit des Übersetzens als Interaktion. Wenn diese Interaktion oder der Diskurs nicht gelingt, stellen zum einen die Sprache, häufig aber außersprachliche, kulturspezifische Kontexte das eigentliche Problem dar. Sprachliches Wissen ist somit eine notwendige, wenn auch keine hinreichende Komponente für das Gelingen einer Kommunikation.


Das pragmatische Credo lautet bekanntlich, dass der Inhalt von Begriffen/ Wörtern durch ihren Gebrauch in der zwischenmenschlichen sprachlichen Praxis, also in Abhängigkeit von ihrer Applikation bestimmt wird. Diese Gebrauchstheorie der Bedeutung impliziert, dass die in Situationen eingebetteten Diskurse folglich erst als Teil von sozialen Prozessen, Handlungen, Vorgängen, Sitten, Gebräuchen und menschlichen Erfahrungen näher bestimmbar sind. Translatorische Kompetenz setzt daher eine Verwendungskompetenz von Diskursen voraus, die alle für die erfolgreiche zweisprachig vermittelte Kommunikation erforderlichen Kenntnisse umfasst. Sie umfasst damit auch kulturelle Kompetenz, da sie sowohl Sprach- und Textbildungskompetenz in zwei Sprachen als auch para- und extralinguistisches Wissen für eben diese situativ-kommunikativ angemessene Sprachverwendung einschließt. Translatorische Kompetenz umfasst ebenfalls prognostische Annahmen des Translators hinsichtlich der ZT (Zieltext)-Lesererwartung und der Verstehensvoraussetzungen der ZT-Empfänger. Schließlich gilt die Translation der Vermeidung von Verstehensdefiziten durch Anpassung der Aussage des AT (Ausgangstext) an den Vorwissensstand des in einer abweichenden Sprach- wie Kulturgemeinschaft aufgewachsenen ZT-Empfängers. Der Translator entscheidet somit auch über das Angebot an eventueller kultureller Fremdheit für die Zielkultur.

Die so gefasste interkulturelle Kompetenz des Translators basiert auf einem weitreichenden Kulturverständnis, das im Idealfall die Gesamtheit des landeskundlich-zivilisatorischen wie soziokulturellen Hintergrundes von AS- und ZS-Gemeinschaft umfasst. Kultur, verstanden als Komplex von sozialen Handlungen (Kunst, Religion, Wissenschaft, Ethik), Bedeutungen und Vorstellungen, verstanden als ein System gemeinsamer Formen und Symbole[1]. Diese interkulturelle Kompetenz umfasst daher drei Komponenten: sprachkulturspezifisches, kommunikativ-prozedurales und textuelles Wissen[2].


Sprachkulturspezifisches Wissen

Zunächst möchte ich an Hand von Beispielen darlegen, worin sprachkulturspezifisches Wissen besteht. Da ist zunächst einmal das kulturell geprägte Sach-/ Denotatswissen, das Wissen um die sog. Realienlexeme[3]. Hier wären als Beispiele zu nennen: Vogelhochzeit (bei den Sorben eine Art Frühlingsfest), sp. corrida de toros, de. Fasching. Die unterschiedliche Konzeptualisierung sprachlicher Äußerungen belegen folgende Lexeme: der englische Begriff government meint das Kabinett, der US-Terminus dagegen den gesamten Staatsapparat der drei Gewalten. Während es im Deutschen und Spanischen nur fünf Kontinente gibt, erfasst der englische Terminus Nord- und Südamerika als getrennte Kontinente, und kommt daher mit der Antarktis auf sieben. Während im Deutschen ein Gegensatz besteht zwischen 'privaten' und 'staatlichen Schulen', kommt im Französischen école privée vs. école publique ein anderer Gegensatz zum Ausdruck, nämlich einer, der die 'Konfessionsschule' (école privée) der streng laizistischen 'staatlichen Schule' (école publique) antonymisch gegenüberstellt. Entsprechend handelt es sich auch bei fr. enseignement laïque um 'staatliches Schulwesen' oder 'Unterricht/ Lehrpläne an staatlichen Schulen'. Einen in französischen Zeitungsberichten und -kommentaren besonders häufigen Fall möchte ich erwähnen, der ohne kulturhistorisches Wissen Übersetzungsschwierigkeiten bereitet. Im AT verweist eine generische Bezeichnung auf ein einziges Objekt, muss also vom de. Leser erkennbar und identifizierbar sein. Der Satz: La patronne de Paris donna son nom a une des meilleures bibliothèques dürfte erst verständlich und die Bibliothek auffindbar sein, wenn das Referenzobjekt direkt benannt wird. So könnte die Übersetzung etwa lauten: 'Eine der besten Bibliotheken in Paris trägt den Namen der Schutzpatronin der Stadt: Ste-Geneviève'. Auch der folgende fr. Satz: L'oeuvre de Soufflot ... héberge toujours nos grands laïques... muss im De. expliziert werden. Die Übersetzung könnte lauten: 'Das vom Architekten Soufflot erbaute Pantheon in Paris ist immer noch letzte Ruhestätte für die französischen Freidenker/Freigeister...'[4]. Auch antonomastisch gebrauchte Eigennamen literarischer Figuren (z. B. Tartuffe, Othello, Falstaff etc.) bieten ähnliche Schwierigkeiten für das Übersetzen.


Dann ist das Wissen von kulturkreisspezifischen Sachverhalten und kulturspezifischen Realia zu nennen; all das, was meist als landeskundliche Spezifika bezeichnet wird. Dabei kann es sich thematisch handeln um: historisch-geographische Bezeichnungen und Namen, politische Termini, sozialgeschichtliche Realia, Ausbildungsgänge und Abschlüsse, die Benennung von Institutionen und Dienstgraden, die Terminologie in Speisekarten oder die Wortwahl in der Tourismuswerbung und mehrsprachigen Reiseprospekten, die sich um die Wiedergabe von Lokalkolorit bemühen[5]. Eine Lösung für die Übersetzung solcher soziokulturellen Realia bietet eine kompensatorische zielsprachliche Vertextung, die als Paraphrase, Kommentierung oder Fußnotenanmerkung möglich ist. So kann die Übersetzung des fr. collège je nach ZT-Funktion und Vorwissen des deutschen Lesers lauten: 'Sekundarschule' oder 'weiterführende Schule' oder 'der nach einer fünfjährigen Grundschule von allen französischen Schülern besuchte vierjährige 1. Zyklus einer collège genannten Sekundarschule'. Und während die Namen von Regionen, Städten und Straßen - majuskuliert als solche erkennbar - in der ZS-Reiseliteratur meist erhalten bleiben, garantieren sie doch einen Wiedererkennungswert im fremden Land, steht es anders um die Namen historischer Persönlichkeiten. So muss aus sp. Carlos primero de. 'Karl der Fünfte' (Karl V.) werden und aus fr. Frédéric II de. 'Friedrich der Große' oder 'Friedrich II. von Preußen'. Beispiele zu diesen kulturspezifischen Realia sind Legion.


Schließlich ist die Kenntnis von Symbolbedeutungen zu erwähnen. Die andersartige Farbsymbolik z. B. von schwarz oder weiß als Trauerkleidung, kann nivelliert werden, wenn man de. Sie trug schwarz in andere Sprachen übersetzt mit 'Sie trug Trauerkleidung'. Das in französischen politischen Zeitungskommentaren häufig vorkommende les verts bezeichnet nicht nur die Umweltpartei sondern - in Anspielung auf grün als die Farbe des Propheten - die fundamentalistischen Parteien Algeriens. Die Blumen- und Tiersymbolik weichen ebenfalls in den meisten Ländern voneinander ab (typische Todes- und Hochzeitsblumen etc.). Besonders ersichtlich wird das bei folgenden Metonymien, in denen eine Übertragung vom Herkunftsbereich `Tierwelt' auf `Eigenschaften der Menschen' vorliegt: Vom de. Kamel `Dummkopf, Trottel' unterscheidet sich die französische Bildsprache, da ein chameau ein `bösartiger, unangenehmer Mensch' ist, und eher buse bzw. bécasse den `Trottel' bzw. die `dumme Gans, Schnepfe' bezeichnen. Und die Kosenamen caille `Wachtel' und biche `Hirschkuh' für Kind und Frau sind dem Deutschen völlig fremd und wären etwa zu ersetzen durch: Spatz, Spätzchen, Mäuschen, Mausi, meine Taube. Hier sind auch die kulturellen Deutungsmuster zu erwähnen, z. B. die positive oder negative Bewertung in der Werbung von bestimmten Nahrungsmitteln wie Schnecken, Vögel, Kängurus.




Kommunikativ-prozedurales Wissen

Das kommunikativ-prozedurale Wissen umfasst die Kenntnisse, die der Translator von den spezifischen gesellschaftlichen Normen, Konventionen, Traditionen, Praktiken, sozialen Rollen, Erfahrungen, Umgangsformen sowie den ZT-Lesererwartungen hat. Sie umfassen auch die für die Kommunikation relevanten unterschiedlichen Sprachkonventionen bei vergleichbarer Situation des Alltaglebens (Restaurantszenarien, Arzt-, Bibliotheks-, Geschäftsbesuch, Telefongespräche, etc.)[6]. Im einzelnen kann man unterscheiden das Interaktionswissen und das Wissen um das Verhältnis von Verbalisiertem und Schweigen/ Impliziertem.

Das Interaktionswissen, das Wissen um soziales Verhalten in bestimmten Situationen, umfasst die Sprech- und Kommunikationskonstellationen von Partnern und Situationen - Anredeverhalten, Sitten, Gebräuche, , Wert- und Klischeevorstellungen (z. B. Tschador vs. Oben-Ohne) - und die entsprechenden Sprachhandlungsmuster. Spechakte wie: bitten, fordern, befehlen, Erklärungen abgeben, empfehlen, abraten etc. sind konventional üblich und an soziale Subjekte und Voraussetzungen gebunden. So kann die Vollversammlung der UNO den Generalsekretär fr. inviter à faire qc. im Deutschen 'ersuchen', aber nicht 'auffordern'. Und de. Die Europäische Kommission hat Stellung genommen und das Europäische Parlament hat Stellung genommen muss, da die Vorrechte der Organe funktional unterschieden sind, im FR. anders verbalisiert werden: 'La Commission a pris position' und 'Le Parlement a rendu son avis'. Der Verbalisierung des Grußes und einer Entschuldigung, der im Fr., auch fremden Personen gegenüber, immer ein Madame/ Monsieur/Monsieurdame folgt, steht im De. die alleinige Verbalisierung des jeweiligen Sprechakts gegenüber. Die in Frankreich üblichen Glückwünsche zum Namenstag bonne fête (souhaiter à qn. sa fête) erfolgen in Deutschland üblicherweise zum Geburtstag. Hochgradig differenziert ist die fr. Briefschlussformel, die eine Unterscheidung der Briefpartner sowohl nach Geschlecht, Alter, sozialer Stellung als auch nach Vertrautheitsgrad erlaubt, während im De. aus der Schlussformel meist nur der Bekanntheitsgrad ersichtlich wird: 'Mit besten, freundlichen, herzlichen Grüßen'[7].
Dieses letztgenannte Beispiel mit seiner Adressatenspezifik leitet über zu einem weiteren Fall, der das Verhältnis von Verbalisierung und Implizitem betrifft. Es kommt häufig vor, dass eine bestimmte Thematik und Absicht in einer bestimmten Situation, bei bestimmten Partnern, nicht verbalisiert wird, nicht sinnvoll oder gar tabuisiert ist. So dürfte die Absicht, Schweine- oder Rindfleisch in Israel oder Südindien vermarkten zu wollen, auf Unverständnis stoßen. Die einzelsprachlich spezifischen Vertextungsnormen z. B. von Sprechakten oder Handlungsmustern sind nicht selten die Ursache für Missverständnisse, sofern sie nicht beachtet werden. Deutsche werden sich vielleicht noch an die klägliche Blamage einer unter Bundeskanzler Kohl hochkarätigen Wirtschaftsdelegation in Japan erinnern. Nach langen Verhandlungen mit japanischen Regierungsmitgliedern und Wirtschaftsmanagern bat der japanische Außenminister noch vor der Unterzeichnung wichtiger, bereits ausformulierter Verträge in Termini voller ergebener Bescheidenheit die Gäste zu einem Essen. Er betonte mehrfach, wie sehr er bedaure, kein Bankett, nur ein dürftiges Essen anbieten zu können. Der Dolmetscher lieferte eine wörtliche Übertragung und die deutsche Delegation, die hungrig war und den Sprechakt der Einladung wohl gar nicht verstand, stürmte - Kanzler voraus - aus dem Saal. Direkt danach öffnete sich die Tür zum Nebensaal und gab den Blick frei auf ein reichhaltiges und höchst raffiniert zusammengestelltes Buffet. Die brüskierten und vor den Kopf gestoßenen Japaner, die alleine unter sich blieben, unterzeichneten später nicht die Verträge. Das Implizite und falsch Verbalisierte führte zu einem diplomatischen faux pas mit wirtschaftlichen Folgen[8]. Kommunikativ-prozedurales Handeln des Translators geht nicht von der Frage aus: "Wie heißt das auf Französisch oder Japanisch"? sondern: "Mit welchen sprachlichen oder außersprachlichen Mitteln realisiert der ZT-Empfänger diese Intention in gegebener Situation"? Daher sind die Kenntnis der konkreten Äußerungssituation und des Äußerungskontextes sowie die Annahmen des Translators hinsichtlich der ZT-Lesererwartung und der Verstehensvoraussetzungen der ZT-Empfänger Grundlage für einen erfolgreichen Transferprozess.




Textuelles Wissen

Das textuelle Wissen erfasst kulturspezifische Textmuster und Textsorten, d. s. einzelsprachliche spezifische Vertextungsnormen und -konventionen sowie die unterschiedlichen Gebrauchsnormen.

Die Kenntnis von Textsorten und Dirkursformen ist Voraussetzung dafür, dass der Translator bei vorgegebenem, möglichst vergleichbarem, kommunikativen Zweck von AT und ZT die Konventionen auf Text-, Satz- und Lexemebene einhalten kann[9]. Schon seit den 70er Jahren gibt es zahlreiche, auch vergleichende, Untersuchungen der Textsorten in den Einzelsprachen, die kulturell geprägte Konventionen in Makro- und Mikrostruktur untersuchen. Ein besonderes - interkulturelles - Problem stellen Anspielungen auf geflügelte Worte, Zitate, Slogans, Namens- und Titelübersetzungen bzw. die Referenz auf bereits übersetzte Titel in Musik, Literatur und Film dar. In der Übersetzung werden heute Eigennamen im Spanischen hispanisiert, im Deutschen und Russischen fremd belassen[10]. Häufig werden Namen und Titel aus kommerziellen, exotischen, sprachlichen und interkulturellen Gründen stark verändert. So vermutet man hinter L'opéra de quatsous nicht gleich 'Die Dreigroschenoper', und hinter 'Sitte und Sexus der Frau' nicht gleich die als 'Das andere Geschlecht' vertraute Übersetzung von Simone de Beauvoirs Le deuxième sexe[11]. Und wie soll man Liszts Präludium und Fuge auf B-A-C-H ins Englische übersetzen, wo das de. B ein en. 'B flat' und das de. H ein 'B' ist? Hier wird wohl eine metasprachliche Erklärung notwendig.
Unterschiedliche Gebrauchsnormen manifestieren sich in der Verwendung von Soziolekten (im Fr.) und Dialekten (De.), von Phraseologismen und Sprichwörtern, von Nominalisierungen und Aktiv- oder Passivformen (z. B. Aktivformen mit namentlich genanntem Handlungssubjekt in der fr. Textsorte arrêté vs. Passivformen in der de. Verordnung/ Erlass) etc. So werden im Russischen die Adressen in anderer Reihenfolge geschrieben als im Deutschen, und die im Chinesischen übliche Benutzung von Sprichwörtern in Fachtexten ist im De. unangemessen. In Berichten und Kommentaren der französischen Tagespresse werden politisch Handelnde häufig durch situationelle Lokalisierung ersetzt. So steht fr. Palais de l'Elysée oder L'Elysée für de. 'Amtssitz des Präsidenten' oder 'dessen Politik'; fr. Quai d'Orsay für de. 'das Außenministerium' bzw. 'die französische Außenpolitik', fr. la Coupole für de. 'die Académie Française' oder 'die vierzig Unsterblichen' und fr. Rue d'Ulm meint den 'Sitz einer der vier geisteswissenschaftlichen Elitehochschulen Frankreichs' oder auch 'den Geist, in dem sie erzieht und ausbildet'. Vielleicht weiß jeder deutsche Leser, dass Downing Street 10 der Amtssitz des englischen Premiers ist, dagegen ist Hôtel Matignon als Sitz des französischen Premiers (oder in übertragener Bedeutung auch dessen Politik) wohl eher erklärungsbedürftig[12]. In den meisten Fällen erfolgt daher eine kommentierende Übersetzung, um mangelndes Kulturwissen zu kompensieren und ein angemessenes Textverständnis zu ermöglichen. Die Relation zwischen Text und außertextlichen Bezügen lässt sich daher nur über die jeweilige Rezipientensituation erfassen. Was für den französischen Leser kohärent ist, braucht es noch lange nicht zu sein für den deutschen, der den Text aus seiner eigenen Geschichtlichkeit heraus versteht.


Textsinn Und Kulturelle Kompetenz

Ich möchte die interkulturelle Kompetenz des Translators näher bestimmen, indem ich von drei elementaren, für den Sinn von Texten konstitutiven Faktoren ausgehe[13]:

Diese Unterscheidung kann vom Translator textanalytisch angewendet werden. Es geht darum, wie der konkrete Kulturkontext im AT vorhanden ist und ob und wie er suppletiv im ZT aufgebaut, also sprachlich artikuliert werden muss. Der interkulturell kompetente Translator beherrscht die differenten Weisen, in denen die verbale Suppletion geschieht, die von der konkreten Situation, den soziokulturellen Konventionen der Sprachverwendung sowie von den Präsuppositionen und Erwartungen des Rezipienten (subjektive Wissenskontexte) abhängt.

Ein letztes Beispiel möge das Zusammenspiel der drei Faktoren, das Zusammenspiel von sprachlichem und außersprachlichem Wissen in AT und ZT zeigen. Es ist auch ein Beispiel für die Vermittlung zwischen eigener und fremdkultureller gegenwärtiger Erfahrung, die dem Anspruch der Übersetzung als transkultureller Kommunikation gerecht wird[14]. Als 1983 ein hoher EG-Beamter bedauerte, dass man Illusionen dem konkreten Handeln für eine europäische Erweiterung (gemeint war Spanien) vorziehe, sagte er: "Was sollen wir tun? Luftschlösser bauen ist sicherlich nicht die angezeigte Lösung". Die erste Übersetzung in das FR. war sehr wörtlich und sprachlich korrekt: Que devons-nous faire? Bâtir des chateaux en Espagne n'est certainement pas la meilleure solution[15]. Zu einem Zeitpunkt, wo Spanien an der europäischen Haustür anklopfte, wäre eine solche Übersetzung pragmatisch falsch, ja ein diplomatischer faux pas, wenn nicht gar eine Katastrophe. Sie wurde schnell korrigiert und ersetzt durch eine situationell angemessene Übersetzung: Tirer des plans sur la comète... n'est certainement pas la meilleure solution . Übersetzen heißt folglich dialogisch Denken, heißt Inbeziehungsetzen und Auswählen, heißt, sich am Bedeutungs- und Sinnhorizont der Empfängererwartung orientieren. Der Translator muss infolgedessen über ein kulturelles Wissen verfügen, das im Idealfall die Gesamtheit der sozialen Handlungen in der AS- und ZS-Gemeinschaft, die Gesamtheit des kulturell geprägten Sach-/Denotatswissens sowie der ausgangs- und zielkulturellen Normen und Konventionen der Vertextung umfasst...Wir alle wissen, dass es weiße Elephanten gibt!

[1] Zur näheren Bestimmung eines so verstandenen Kulturbegriffs vgl. Clifford Geerts (1983), pp. 7-43.
[2] So auch Wotjak (1993), pp. 189-191.
[3] Dazu gehören auch spezifische Wissensrepräsentation im Sinne von Scenes.
[4] Vgl. die Beispiele in Kupsch-Losereit (1997), pp. 217-221.
[5] Fachtermini aus Kunst und Kultur - hier sei das Fachvokabular der Musik erwähnt - sind häufig internationalisiert und lexikalisch-semantisch deckungsgleich.
[6] Zu Beispielen aus dem Alltagsleben vgl. Elisabeth Markstein (1992).
[7] Fr. Veuillez agréer, Madame (Monsieur), (l'expression de) mes sentiments les plus distingués/ les meilleurs/ les plus amicaux de. 'Mit besten/ freundlichen/ herzlichen Grüßen'.
[8] Die Dolmetschfehlleistung, die sehr wahrscheinlich zum Abwurf der Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki führte, ist nachzulesen bei Marthe Robert: La vérité littéraire. Paris: Grasset (1981), pp. 113-116.
[9] In der Textsorte wird der Zusammenhang von kommunikativen Zwecken sowie sprachlichen Mitteln und Strukturen gestaltet. Zu Textsortenkonventionen vgl. Kapitel D im Handbuch Translation (1998), pp. 205-300.
[10] Vgl. Markstein (1992), p. 33.
[11] Zu Titelübersetzungen allgemein: Christiane Nord (1993) und Fritz Nies (1986), pp. 154-158.
[12] Vgl. Kupsch-Losereit (1995), pp. 5 und 6.
[13] Textsinn und Textverständnis beziehen sich dabei auf das kulturspezifische Handeln und Wissen über die betreffenden Wirklichkeiten und Welten, die durch die Texte expliziert oder implizit aktualisiert werden und Auslöser für Übersetzungsprobleme sind.
[14] Der Bestimmung der Übersetzung als transkultureller Kommunikation sind die im Erich Schmidt Verlag in Berlin erschienen Bände der "Göttinger Beiträge zur Internationalen Übersetzungsforschung" gewidmet.
[15] Vgl. Kupsch-Losereit (1999), p. 23.


Literaturverzeichnis

Geertz, Clifford (1987) Dichte Beschreibung. Beiträge zum Verstehen kultureller Systeme. Frankfurt: Suhrkamp.

Kupsch-Losereit, Sigrid (1995) Übersetzen als transkultureller Verstehens- und Kommunikationsvorgang: andere Kulturen, andere Äußerungen. In Salnikow, Nicolai (ed.) Sprachtransfer - Kulturtransfer. Text, Kontext und Translation. Frankfurt: Lang, pp. 1-15.

Kupsch-Losereit, Sigrid (1997) Übersetzen: ein integrativ-konstruktiver Verstehens- und Produktionsprozess. In Drescher, Horst W. (ed.) Transfer. Übersetzen - Dolmetschen - Interkulturalität. 50 Jahre Fachbereich Angewandte Sprach- und Kulturwissenschaft der Johannes Gutenberg-Universität Mainz in Germersheim. Frankfurt: Lang, pp. 209-223.

Kupsch-Losereit, Sigrid (1999) Vom Ausgangstext zum Zieltext oder: Dokumentarisches vs. Instrumentelles Übersetzen. In Bernecker, Roland/ Umlauf, Joachim (eds.) Die Übersetzung in der Unterrichtspraxis. Akten eines DAAD-Fachseminars in Nantes. Münster: Nodus Publikationen, pp. 11-25.

Markstein, Elisabeth (1992) Die kulturelle Kompetenz des Übersetzers und Dolmetschers. In: Folia Translatologica 1, pp. 30-36.

Nies, Fritz (1986) Titel-Verschandelung, oder Ist es auch Unsinn, hat es doch Methode. In Kortländer, Bernd/ Nies, Fritz (eds.) Französische Literatur in deutscher Sprache - eine kritische Bilanz. Düsseldorf: Droste, pp. 154-158.

Nord, Christiane (1993) Einführung in das funktionale Übersetzen. Am Beispiel von Titeln und Überschriften. Tübingen: Francke.

Snell-Hornby, Mary/ Hönig, Hans/ Kußmaul, Paul/ Schmitt, Peter A. (eds.) (1998) Handbuch Translation. Tübingen: Stauffenburg.

Wotjak, Gerd (1993) Interkulturelles Wissen und zweisprachig vermittelte Kommunikation. In Revista de Filología Alemana 1, pp. 181-196.

Letzte Bearbeitung: 8. November 2000
Erstellt und bearbeitet nach der Vorlage von Frau Dr. Kupsch-Losereit
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