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Hans J. Vermeer
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Vermeer, Hans J. (2000)
Das Übersetzen in Renaissance und Humanismus


Vermeer, Hans J. (2000) Das Übersetzen in Renaissance und Humanismus (15. und 16. Jahrhundert), Band 1: Westeuropa (Reihe Wissenschaft 6), 336-338 ,
Auszug aus "Eine Diskussion mit und um Alonso de Madrigal".

Ich möchte aber die begonnene Linie noch kurz ein wenig weiterführen. Hier wäre anzufügen, daß der Sinn eines ganzen Textes als Einheit meines Wissens zuerst bei Heinrich Steinhöwel (vgl. unten) mit dem Ausdruck verstentnusz zaghaft anklingt. Und nicht von ungefähr geschieht dies in der Vorrede zu seiner Übersetzung des Esopus, der - nur z. T. - von Äsop stammenden Fabeln. Das deutet auf die Literaturtheorie in Johann Christoph Gottscheds Versuch einer kritischen Dichtkunst (1730) und etwas später die Translationstheorie des Novalis (1772-1801) voraus.
Es gibt für Gottsched drei Arten des Kunstschaffens in aufsteigender Wertehierarchie: Beschreibung, Nachahmung im engeren Sinne (imitatio) = Rollenspiel und "Fabel"[43]. Nachahmung ist nach Gottsched im Rollenspiel, z. B. des Schauspielers, gegeben. Die Nachahmung sucht Wahrheit. Vgl. hierzu Aristoteles (1451a31), wonach Fabel ~ mythos ~ praxeos mimesis (Darstellung einer Handlung) ist. "Das Wort in der Mimesis verweist nicht auf Gemeintes [...], sondern es evoziert." (Helmut Kuhn 1966, 339) Die Wirklichkeit wird im künstlerischen Schaffensprozeß bereichert und qualitativ verändert (vgl. Rieck 1972, 169).

"Die Fabel, so reich sie auch sein mag, ist eine, und sie gewinnt Einheit durch die Einheit der von ihr dargestellten Praxis. Eins-sein bedeutet für die in der Zeit ablaufende Rede, daß sie gestaltet ist. Sie muß einen als Anfang kenntlichen Anfang, ein als Ende kenntliches Ende und einen Höhe- oder Mittelpunkt haben. Sie muß ein Ganzes sein, das sich mit einem Lebewesen vergleichen läßt. [...] Und auch diese Ganzheitlichkeit kommt der Mythos-Rede zu aus der von ihr mimetisch vergegenwärtigten Praxis." (Helmut Kuhn 1966, 340)

Gottscheds Kunst- als Übersetzungstheorie interpretiert besagt Folgendes: Eine Übersetzung kann einen Ausgangstext in enger Anlehnung in Inhalt und Form nachahmen (die obige Beschreibung [= das möglichst wörtliche Übersetzen einer Ausgangstextoberfläche]), als Rollenspiel nachbilden (das freie Übersetzen) oder mit derselben oder einer anderen (? - das wird bei Gottsched nicht intendiert) Moral [hier: Textsinn] versehen als "Fabel" nacherzählen (das skoposadäquate kreative kultursensitive Übersetzen). Dabei kann die Übersetzung wiedergeben, was im Ausgangstext angelegt ist/sein kann oder (nach Meinung des Übersetzers) angelegt sein sollte (oder der Zielkultur adäquat wäre = in ihr realisiert werden soll[te]).
Novalis erreicht eine kultursensitiv-holistische Auffassung vom Übersetzen. (Zur deutlicheren Hervorhebung ordne ich die Abschnitte nach aufsteigender Gewichtung für das heutige Translationsverständnis um.)

"Eine Übersetzung ist entweder grammatisch, oder verändernd, oder mythisch.
Grammatische Übersetzungen sind die Übersetzungen im gewöhnlichen Sinn. Sie erfordern viel Gelehrsamkeit, aber nur diskursive Fähigkeiten.
Zu den verändernden Übersetzungen gehört, wenn sie ächt seyn sollen, der höchst poetische Geist. Sie fallen leicht ins Travestiren, wie Bürgers Homer in Jamben, Popens Homer, die Französischen Übersetzungen insgesamt. Der wahre Übersetzer dieser Art muß in der That der Künstler selbst seyn, und die Idee des Ganzen beliebig so oder so geben können. Er muß der Dichter des Dichters seyn und ihn also nach seiner und des Dichters eigner Idee zugleich reden lassen können. In einem ähnlichen Verhältnisse steht der Genius der Menschheit mit jedem einzelnen Menschen.
Mythische Übersetzungen sind Übersetzungen im höchsten Styl. Sie stellen den reinsten, vollendeten Karakter des individuellen Kunstwerks dar. Sie geben uns nicht das wirkliche Kunstwerk, sondern das Ideal desselben. Noch existirt wie ich glaube, kein ganzes Muster derselben. Im Geist mancher Kritiken und Beschreibung von Kunstwerken trifft man aber helle Spuren davon. Es gehört ein Kopf dazu, in dem sich poetischer Geist und philosophischer Geist in ihrer ganzen Fülle durchdrungen haben. Die griechische Mythologie ist zum Theil eine solche Übersetzung einer Nazionalreligion. Auch die moderne Madonna ist ein solcher Mythus.
Nicht bloß Bücher, alles kann auf diese drey Arten übersetzt werden." (in Blüthenstaub, zit. n. Störig 1973, 33)

Wie die beiden zuletzt von Novalis angeführten Beispiele zeigen, hat er mit seiner "mythischen" Übersetzung nicht nur verbale Texte und damit die Translation eines verbalen Ausgangs- in einen verbalen Zieltext noch die bloße Adaptation ausgangskultureller an zielkulturelle Phänomene im Sinn, sondern eine für seine Zeit ganz neuartige holistische kreative Umbildung einer Kultur qua Translation: Ein Kulturphänomen (hier z. B. die vorgriechische noch rohe Religion, in der Kronos seine eigenen Kinder frißt) wird in einer Zielkultur (hier der klassisch-griechischen) derart verwandelt, daß etwas Neues, Höheres entsteht, das die Zielkultur selbst zugleich verwandelt und erhebt. Das ist wesentlich mehr als eine Adaptation. Es ist eine neue Translationstheorie. Heute, fast 200 Jahre nach Novalis, gilt allerdings immer noch, was er damals schrieb:

"Noch existiert wie ich glaube, kein ganzes Muster derselben."

Die Geschichte rundet sich bereits mit Juan Luis Vives' (1492-1540) Dictum "Homo ipse ludus ac fabula est" (Fabula de homine; 1518) - der Translator als autoskoposadäquater Selbsttranslator in der Spirale beständiger autonomer Weiterbildung ...


[43] Vgl. auch Rieck (1972, 168; zur Fabel ibid. 180-187). Grundsätzliches zum Begriff Fabel seit der Spätantike bis zum 18. Jh. bei W. Freytag (1985f). Grassi (1980, 162) kritisiert die Wiedergabe von griechisch mythos durch "Fabel" zumindest für Aristoteles als unzulänglich und versucht den Begriff in einer längeren Erörterung zu klären (ibid. 162-182). Mythos wird von Grassi (vgl. ibid. 172; 178) für Aristoteles vielmehr als sakrale zusammengesetzte (!) sinngebende Ganzheit menschlicher Handlungen bestimmt - womit wir, Aristoteles ein wenig säkularisierend, beinahe bei Gottsched wären.