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Hans J. Vermeer
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Vermeer, Hans J. (1996)
Das Übersetzen im Mittelalter


Vermeer, Hans J. (1996) Das Übersetzen im Mittelalter (13. und 14. Jahrhundert) Band 1: Das arabisch-lateinische Mittelalter. (Reihe Wissenschaft 4.1), 316-321 ,
Auszug aus "Vom Dolmetschen".

Als nach Rocher zweitfrüheste Stelle überhaupt und erste in der deutschen schöngeistigen Literatur, in der ein Dolmetscher und ein Dolmetschvorgang ausführlich erwähnt werden, geht Rocher auf Ulrichs von Etzenbach Wilhelm von Wenden (um 1290; ed. Rosenfeld 1957) ein. V. 2333 besagt, Ulrich habe nach einer Vorlage gearbeitet, die er sich übersetzen ließ (als mir der rede bediuter jach; V. 2333). Bei dieser Vorlage dürfte es sich um eine uns unbekannte französische Dichtung gehandelt haben. Denn Ulrich konnte gut Latein, hätte hierfür also keinen Helfer benötigt (Boor 1962, 106). Wenn die Stelle mehr als eine in Epen der Zeit öfter anzutreffende Leerformel ist, hätte Ulrich also im Gegensatz zu den Klassikern des Hochmittelalters ebensowenig Französisch gekonnt wie Konrad von Würzburg und Wisse und Colin. (Boor 1962, 106; vgl. Leonhardt 1931.)
Der vom Christentum tief beeindruckte heidnische Wendenherzog Wilhelm (Willehalm) aus Böhmen pilgert im Alter von circa 19 Jahren (V. 2888) nach Jerusalem; er spricht nur "windesch". Das müßte dann eine frühe Erwähnung des Tschechischen in der deutschen - und, wenn die Vorlage wirklich französisch war, - evtl. auch in dieser Literatur gewesen sein. Das Tschechische stand damals seit einiger Zeit bereits in literarischer Verbindung mit dem Deutschen, zumeist durch Übersetzungen aus dieser Sprache.
Wilhelm findet Unterkunft bei einem reichen und einflußreichen französischen Kaufmann (V. 3547), der Französisch, Arabisch ("heidensch") und Windesch (!) beherrscht (V. 3001-3007). Der Kaufmann führt ihn (V. 3029-3338) kurz in die christliche Glaubenslehre ein und belehrt ihn alsbald, daß der die Taufe begehrende Wilhelm gut daran tue, nicht als armer Pilger aufzutreten, sondern sich als der Fürst zu zeigen, der er in Wirklichkeit ist, zumal er ja auch zum christlichen Ritter geschlagen werden wolle (V. 3339-3374). [Beziehungen fördern ein Anliegen mehr als guter Wille und Gesinnung.]
Im Gespräch zwischen Herzog Wilhelm und dem christlichen Patriarchen fungiert der französische "wirt" dann bei einer Einladung seitens des Patriarchen als Gesprächs- oder Verhandlungsdolmetscher (V. 3496ff).

"als ich der rede bewîset bin,
der fürste ze næhste dem herren saz,
andersît sîn wirt, der mit im az.
daz was niht wan alsô getân
daz der hôhe möhte hân
antwurt nâch der frâge sîn.
der solt der wirt berihter sîn
zwischen im und dem gaste." (V. 3608-3615)

Rocher (1991, 31f) führt dazu aus:

"Wir wohnen hier einer Art Gipfeltreffen mit Dolmetscher bei, wohl die erste 'Dolmetschszene', die uns in der deutschen Literatur begegnet [...]. Allerdings ist sie noch ein bißchen primitiv gestaltet, den Gesprächspartnern fehlt es offensichtlich an Übung: der Dolmetscher setzt sich nicht zwischen die beiden Herren, die er in Kommunikation miteinander bringen soll, dies wohl aus Protokollgründen; er sitzt rechts (oder links) von Willehalm und muß sich wohl über ihn beugen, um die Fragen des Patriarchen zu hören und ihm Willehalms Antworten zu übersetzen. Sonst aber verliert der Autor die Situation nicht aus den Augen: der Patriarch [...] unterredet sich also nie direkt mit dem fremdsprachigen Gast, sondern immer nur über den Dolmetscher."

Der Patriarch bittet also nach Rocher den Kaufmann, zwischen ihm und Herzog Wilhelm zu dolmetschen.

"Im hiez sagen der hêre
wanne Wilhalm wolde
daz er in toufen solde." (V. 3650-3653)

Der Dolmetscher heißt hier "Berichter". Wenn er auch "aus Protokollgründen", wie Rocher meint, so plaziert ist, daß der Wendenherzog zwischen ihn und den Patriarchen zu sitzen kommt, so wird er doch als gleichwertiger Gesprächspartner aufgefaßt (er ißt mit den anderen beiden am selben Tisch). Es wäre wohl unmöglich gewesen, ihn "zwischen" die Hauptpersonen zu setzen, die dadurch getrennt worden wären; der Herzog als Ehrengast wurde wohl auf den Platz rechts vom Patriarchen genötigt. Andererseits kommt gerade in der gewählten Sitzordnung auch die hohe Stellung des französischen Großkaufmanns zur Geltung. An die drei Hauptpersonen schließen sich nach Ulrich in langer Reihe immer an derselben Tischseite an den Wänden des Raumes entlang, so daß niemand dem andern den Rücken zukehrt, weitere geladene Personen an (V. 3623-3626):

"Andersît des herren sâzen
künege, fürsten, die ouch âzen,
vil grâven, ritter ûzerwelt,
der tât ze prîse was gezelt."

Das Wesentliche scheint also - wenn Rocher recht hat - zu sein, daß die Anwesenden einschließlich des bürgerlichen Dolmetschers so plaziert wurden, daß keiner dem andern den Rücken zukehrt, auch der Dolmetscher nicht. (Der Dolmetscher hätte heutzutage als statusniederer ´Gehilfe' vielfach hinter den beiden Gesprächspartnern gesessen, die ihm dabei den Rücken zugekehrt hätten, was ihn nach mittelalterlicher Auffassung ausdrücklich als niedriger eingestuft hätte. Aber es handelte sich um einen Großkaufmann. Beim Essen hätte er heute lange Zähne bekommen und zuschauen dürfen, um nicht evtl. mit vollem Munde kauend dolmetschen zu müssen.)
Allerdings scheint mir Rochers Interpretation denn doch nicht ganz so eindeutig zu sein. Läßt sich der mhd. Ausdruck andersît vielleicht auch als "gegenüber" interpretieren? [...]
Saß der Dolmetscher also in Ulrichs Wilhelm von Wenden nun als dritter neben den beiden nebeneinander plazierten Gesprächspartnern oder ihnen gegenüber, um seinen Dienst besser ausüben zu können? Wenn rechts der Ehrenplatz war, der Wendenfürst also vom Patriarchen als Gastgeber rechts von diesem plaziert wurde, hätte dann der Dolmetscher rechts neben dem Gast sitzen können? Vielleicht, um ihn dadurch in die Mitte als Ehrenplatz zu nehmen.
Die beiden erörterten Möglichkeiten finden eigentlich eine frappierend einfache Lösung in einer dritten Art der Plazierung. Bei Somerset Maugham [1943] (1988, 27f) wird ein Diner für zwölf Personen, meist jungen Leuten im Alter der Tochter des Hauses, geschildert. Gastgeberin ist Mrs. Bradley in ihrem Haus in Chicago. Zwei Sätze skizzieren die Sitzordnung.

"At dinner I found myself placed between Mrs Bradley and a shy drab girl who seemed even younger than the others."

Etwas später spricht das junge Mädchen über einen der Tischgäste.

"'Well, you know Dr Nelson,' she said, indicating the middle-aged man who was opposite me on Mrs Bradley's other side."

Die Sitzordnung zeigt also den fiktiven Erzähler (angeblich Maugham selbst), Mrs Bradley (die Gastgeberin) und opposite on the other side Dr Nelson. Die Beschreibung erklärt sich offenbar dadurch, daß die Gastgeberin an der Stirnseite des (viereckigen oder ovalen, das wird nicht gesagt) Tisches sitzt, so daß die sie flankierenden Gäste sich gegenüber zu sitzen kommen. - Diese Annahme ließe sich auch auf die Dolmetschszene in Ulrichs Wilhelm von Wenden übertragen: Der Fürst sitzt auf dem Ehrenplatz an einer Schmalseite des Tisches, von wo er alle übrigen Teilnehmer sehen kann und sie ihn sehen und hören können, Patriarch und Dolmetscher zu seinen beiden Seiten am Kopfende des Tisches sitzen sich gegenüber. Ihnen schließen sich in zwei langen Reihen zu beiden Seiten des Tisches die übrigen Gäste an. Der Dolmetscher hat dadurch beide im Blick und kann vorzüglich 'übers Eck' dolmetschen. Bliebe zu untersuchen, ob eine solche Tischordnung zu Zeiten Ulrichs als akzeptabel galt.