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Hans J. Vermeer
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TEXTconTEXT  Vol 15 = NF 5, 2001


Abstracts

Autoren:
Ehrlacher, Angelika | Feyrer, Cornelia | Gstach, Susanne | Hehle, Katrin | Holz-Mänttäri, Justa | Hönig, Hans. G. | Kumar, Schumaila | Müller, Ina| Nord, Christiane | Prunc, Erich | Reiß, Katharina | Salevsky, Heidemarie | Snell-Hornby, Mary




Ehrlacher, Angelika + Hehle, Karin (2001) "Nicht jeder Hahn kräht in derselben Sprache", in: TEXTconTEXT 15 = NF 5.1, 93-109; hier: 93f.

0. Einleitung[1]
Die Geschichte von Max und Moritz ist selbst mehr als 130 Jahre nach ihrer Veröffentlichung bei Jung und Alt beliebt. Die lustigen Streiche der beiden ,bösen Buben` sind beinah weltbekannt. Viele haben sie seit früher Kindheit verfolgt und erinnern sich noch im Erwachsenenalter an Wilhelm Buschs Verse und Bilder.
Die Rezeption ist dank zahlreicher Übersetzungen durchaus nicht auf den deutschen Kulturraum beschränkt geblieben. Nach Görlach (1998a:149) liegen 270 Übersetzungen in mehr als 60 Sprachen vor. Auffällig ist die Zahl der Mehrfachübersetzungen: dreizehn englische, zehn französische, acht lateinische, sieben spanische, je sechs niederländische und italienische und je fünf französische, hebräische und japanische. Dabei sind die nicht-standardsprachlichen Versionen nicht mitgezählt.
Auf den ersten Blick scheint die Aufgabe, 'Jungenstreiche' zu übersetzen, nicht schwierig zu sein. Erst bei genauerem Hinsehen erkennt man die Herausforderung, vor die sich der Übersetzer gestellt sieht. Allein die Frage, ob sich die Geschichte an Kinder oder an Erwachsene richtet, böte Stoff für eine eigene Abhandlung. Hinzu kommen die Beziehung zwischen Text und Bild (vgl. Oittinen 1990), Kultureme (vgl. Vermeer + Witte 1990:135ff), Onomatopoietika (vgl. Schmitt 1998), Eigennamen (vgl. Aschenberg 1991), dialektale Ausdrücke (vgl. Marx 1997) etc.
Auf der Grundlage von je zwei Übersetzungen ins Italienische und Spanische[2] sollen im folgenden einige Überlegungen zu den vorgenannten Punkten angestellt werden.
Als Grundlage für die Analyse dient die scenes and frames theory (vgl. Fillmore 1977; Snell-Hornby + Vannerem 1986; Vermeer + Witte 1990), die durch eine stichprobenartige Befragung von italienischen und spanischen Muttersprachlern ergänzt wird. Dabei wurden den Probanden die unterschiedlichen Übersetzungen getrennt und ohne die zugehörigen Illustrationen vorgelegt, um zu überprüfen, ob die durch die frames evozierten scenes mit den Illustrationen übereinstimmen, d. h. die Bilder zu den Texten bzw. die Texte zu den Bildern passen.


[1] Der vorliegende Beitrag beruht auf der 1999 am Institut für Translationswissenschaft der Leopold-Franzens-Universität Innsbruck eingereichten Diplomarbeit Übersetzungen von Max und Moritz. Versuch einer Evaluierung.
[2] Die Übersetzungen ins Italienische wurden von Giorgio Caproni (ÜI1) und Franco Fava (ÜI2), die ins Spanische von Víctor Canicio (ÜS1) und Mercedes Neuschäfer-Carlón (ÜS2) angefertigt.


 




Feyrer, Cornelia (2001) "Interaktionsmanagement und Translation: von scenes und frames und der 'Begegnung mit dem Teufel'", in: TEXTconTEXT 15 = NF 5.1, 1-76; hier: 1f.

1. Vorbemerkung
Die translationsorientierte Beschreibung der Modalität zeigt, daß modale Ausdrucksweisen in der Interaktion eine gewichtige Rolle spielen und auch für den Translator unter funktionaler Perspektive relevant sind. Vor allem im impliziten Informationsvermittlungs- und Kommunikationsbereich greifen modale Strukturen massiv mit interaktiven ineinander bzw. stellen solche dar. Daher ist ein Transparentmachen dieser Formen von Interaktionsmanagement für den Translator hilfreich, wenn nicht sogar unabdingbar im Sinne einer skoposorientierten Translationsarbeit.
Der vorliegende Beitrag soll sich daher mit der Rolle von explizitem und implizitem Interaktionsmanagement mit Hilfe modalisierender Ausdrücke (vor allem Modalpartikeln) im Deutschen bzw. im translationsrelevanten Vergleich Deutsch-Französisch beschäftigen. Da jedoch Partikeln als Ausdrucksformen für Modales zwar die einzelne Äußerung steuern, jedoch im Hinblick auf die Komplexität sozialer Interaktion nie die Kohärenz des Ganzen aufzeigen können, ergibt sich – vor allem in bezug auf die Erfordernisse der Translation – die Frage nach einem übergreifenden, translationsrelevanten Zugang. Neben Anregungen aus der Translationswissenschaft sollen dazu einige dem Translator hilfreiche Ansätze aus der Interaktions- und Kommunikationsforschung herausgegriffen werden, um diese dann exemplarisch auf einen deutschsprachigen Text anzuwenden und damit letztlich auf die verschiedenen Komponenten der Translation bzw. des Translats unter besonderer Berücksichtigung der Komponenten 'Prozeß' und 'Produkt' eingehen zu können.
Vorerst sollen jedoch noch einige für die Themenstellung grundlegende Aspekte in großen Zügen umrissen werden.[1]

2. Modalität und Interaktion in der Translation
Der Transfer von Modalität zwischen Sprach- und Kulturkreisen zeichnet sich auf Grund der starken Kultur- und Kontextdeterminiertheit modaler Strukturen aus der Sicht des Translators durch eine Reihe von Besonderheiten aus. Eine dieser Besonderheiten ist die starke Emittenten- und Rezipientendeterminiertheit. Eine spezifische Rolle kommt dabei dem Interaktionsmanagement (vgl. Franck 1979:5) mittels impliziter und expliziter Argumentation zu, wodurch sich hohe Anforderungen an die translato-rische Kompetenz ergeben. Eine ganzheitliche Sichtweise von Ausgangs- und Zieltext ist daher im Sinne einer Skoposorientiertheit, worunter hier Zweck- bzw. Funktionsorientiertheit im Sinne von Reiß + Vermeer (1991) verstanden werden, auch das Desiderat für den Translator. Modalisierende Ausdrücke dienen oft zur Ausführung interaktiver Schachzüge in der Kommunikation, können aber auch das Mittel der Wahl zur Translation interaktiver Strategien darstellen, wobei sich zwischen Ausgangs- und Zieltext ein subtiles Wechselspiel zwischen Explizitem und Implizitem ergibt. Im Deutschen fungieren oft Modalpartikeln – z. B. in der Argu-mentation – als Marker für die implizite Ebene der sozialen Interaktion. Insofern kann von einer Interrelation zwischen Modalität und Argumenta-tion bzw. Interaktion gesprochen werden. Im Französischen übernehmen hingegen unterschiedliche 'Marker' (vgl. Auchlin + Zenone 1980:33) diese Funktion bzw. erfolgt der Ausdruck von Modalität auf verschiedenen sprachlichen und außersprachlichen Ebenen. Somit wird Modales gerade aus translationsrelevanter Perspektive interessant.


[1]Im theoretischen Teil dieses Beitrages wird von 'Translation' bzw. 'Translationsrelevanz' als übergeordneten Größen gesprochen, jedoch wird im praktischen Teil oftmals auf  'Übersetzung' und 'Übersetzungsrelevanz' eingeschränkt, da sich dieser Teil auf einen konkreten 'Übersetzungsversuch' bezieht. Dies gilt auch für direkte Bezugnahmen auf das Übersetzen.

 




Gstach, Susanne (2001) "Schmitt, Peter Axel (1999) Translation und Technik. Tübingen: Stauffenburg (Studien zur Translation 6)" [Rezension], in: TEXTconTEXT 15 = NF 5.1, 129-131; hier: 129.

Ein wichtiges Buch für jeden, der die Absicht hat, sich nach dem Studium – oder durchaus auch schon im Verlauf der Ausbildung – auf den Bereich des technischen Übersetzens zu spezialisieren. Es richtet sich aber auch an jene, die bereits ihren Platz in der Berufswelt gefunden haben und es sich nicht nehmen lassen wollen, ihren Horizont zu erweitern. Ein wichtiges Buch nicht zuletzt für Lehrende an den universitären Ausbildungsstätten, die die Verantwortung dafür tragen, Studierenden das Werkzeug für professionelles translatorisches Handeln an die Hand zu geben. Das Buch ist somit für ein breites Adressatenfeld gedacht und wird diesem Ziel auch durchaus gerecht.
So gibt Schmitt zunächst eine allgemeine Einführung in das Thema, in deren Rahmen so unterschiedliche Punkte wie die "Entwicklung der Übersetzungsbranche" (S. 11ff), "Übersetzungsqualität und Imageprobleme" (S. 15ff), "Technical Writing und Übersetzen" (S. 25ff) sowie das Verhältnis von "Lehre und Praxis" (S. 34ff) angesprochen werden. In einem weiteren Schritt beschreibt Schmitt "Translationsprobleme in technischen Texten" (S. 43ff), die von "Ausgangstextdefekte[n]" (S. 59ff) über "Ausdrucksdefekte" (S. 94ff) bis hin zu "[i]nhaltliche[n] Fehler[n]" (S. 98ff) reichen. Im Anschluß daran werden am Beispiel der Kraftfahrzeugtechnik die "Kulturgebundenheit der Technik" (S. 106ff) und deren Relevanz für das Übersetzen diskutiert. Abschließend geht Schmitt auf die "[t]ranslationsorientierte Terminologiearbeit" (S. 302ff) ein, wobei er unter anderem die "Entwicklungsaspekte" und die "Systembeschreibung" von CATS[1](S. 326ff) näher erläutert. Im Anhang findet sich überdies noch eine ausführliche Darstellung über "Richtlinien für Instruktionen in Anleitungen" (S. 383ff).


[1] CATS = Computer Aided Translation System.

 




Holz-Mänttäri, Justa (2001) "Skopos und Freiheit im translatorischen Handeln", in: TEXTconTEXT 15 = NF 5.2, 181-196; hier: 181f.

1. Situation
Vor fünfundzwanzig Jahren, 1976, hat Hans J. Vermeer eine "Minitheorie der Translation" skizziert. "Minitheorie" nannte er sie, denn sie entstand im Rahmen der Rezension eines Sammelbandes mit Aufsätzen zum Übersetzen und Dolmetschen. Was er suchte, war ein Standort, ein einheitlicher Blickwinkel, unter dem sich alle Aufsätze betrachten ließen. Für das Thema relevante Fragestellungen sollten auf diese Weise als verschiedene Aspekte des Gesamtthemas 'Übersetzen und Dolmetschen' erscheinen. Das heißt, sie sollten einen gemeinsamen Nenner aufweisen. Was diesen Nenner nicht aufwies, ging an der gemeinsamen Sache vorbei. Die "Minitheorie" erwies sich als Ansatz zu einer Allgemeinen Translationstheorie, die für die wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Übersetzen und Dolmetschen einen fachlichen Rahmen absteckte, der mitwachsen konnte.
Im Laufe der Zeit gewann das translatologische Forschungsfeld an Weite und Tiefe. Auch das Spektrum translatorischer Tätigkeiten zeigte immer neue Varianten. Dem translatologischen Interesse taten sich im geschichtlichen Rahmen wie bei vergleichender oder fokussierender Betrachtungsweise immer wieder neue Zusammenhänge auf. Was wir heute dringend brauchen, sind fundierte Vorstellungen über das Zusammenspiel von Gedanken, Gefühlen und Bewußtsein beim kreativen Schaffen. Vermeer hat überall Anregungen gegeben, Wege gewiesen, neue Ansätze gefördert, zum Gespräch aufgerufen und den Mut gefordert, selbständig zu dem lebendigen Prozeß beizutragen. Die lockere Gesprächsrunde, zu der die Innsbrucker Kollegen eingeladen haben, bietet mir Gelegenheit, nach vielen Jahren der Stille an den offenen Grenzen des Fachs Umschau zu halten, ob sich in den Naturwissenschaften Erkenntnisse zeigen, die uns tiefere Einsichten in das bewußte und unbewußte menschliche Wahrnehmen und Handeln gestatten. In einer Gesprächsrunde läßt sich über Lektüre berichten, einem Hinweis folgen, eine Anregung aufgreifen. Für diesen Rahmen danke ich den Innsbrucker Kollegen.
Das Thema meiner Anregung zum Gespräch bringt zwei Begriffe zusammen, die einander im Translatorischen Handeln (vgl. Holz-Mänttäri 1984; 1988; 1996) komplementär bedingen, die einander ergänzend anziehen. Mit dem Skopos gewinnt der translatorische Prozeß Rahmen und Richtung, mit der Freiheit den schöpferischen Elan zur Gestaltung und die Verantwortlichkeit im partnerschaftlichen Verbund. Insbesondere in den 'harten Wissenschaften' wurde (und wird) zwischen Tatsachen und Werten unterschieden und den Wissenschaften den Bereich der Tatsachen zugewiesen. Heute erkennen wir überdeutlich, daß beides Hand in Hand gehen sollte. Bewerten läßt sich als Bewußtwerden in Relation zu Situation und Mitwelt verstehen – ein zentrales Thema unseres Fachs. Nicht zuletzt durch das bewusste Tun aller, die sich ernsthaft auf Translation einlassen, trägt Translatorisches Handeln auch zur evolutiven Entwicklung des Menschen bei – das ist eine alte These von mir (Holz-Mänttäri 1988; 1996; dazu Horst M. Müller 1987). Wir haben also Fäden in der Hand, die sich vielleicht verknüpfen lassen.

 




Kumar, Schumaila (2001) "Vom indischen 'dupatta' zum Schweizer Wollschal – die literarische Übersetzung als Brücke zwischen Kulturen", in: TEXTconTEXT 15 = NF 5.1, 77-92; hier: 77f.

The solutions to many of the translator's dilemmas are not to be found in dictionaries, but rather in an understanding of the way language is tied to local realities, to literary forms, and to changing identities. Translators must constantly make decisions about the cultural meanings which language carries, and evaluate the degree to which the two different worlds they inhabit are 'the same'. (Simon 1997:464)

0. Einleitung[1]
Die Kontakte zwischen den Kulturen haben sich im Laufe der Zeit vervielfacht. Da Literatur als Teil von Kultur angesehen wird, gewinnt der literarische Übersetzungsmarkt immer mehr an Bedeutung. Inwieweit die literarische Übersetzung dem Verständnis zwischen Kulturen zuträglich ist, sei im Folgenden exemplarisch anhand des Romans Gauri von Mulk Raj Anand, einem englisch schreibenden indischen Schriftsteller, und seiner Übersetzung ins Deutsche analysiert. Das genannte Werk scheint für diesen Zweck insofern interessant zu sein, als der Autor im englischen Original zahlreiche Hindi-Ausdrücke verwendet, so dass bereits im Ausgangstext zwei Kulturen aufeinanderstoßen.
Die theoretischen Grundlagen bilden unter anderem die Skopostheorie von Vermeer (1992), die Kulturtheorie von Oksaar (1988), die scenes-and-frames semantics von Fillmore (1977) sowie das auf dieser Theorie aufbauende Modell der Übersetzungskritik von Ammann (1990).

1. Inhaltsangabe des Romans
Der Roman Gauri ist wie andere Werke von Mulk Raj Anand ein gesellschaftskritisches Werk. Die indische Kultur – Sitten, Traditionen, Bräuche etc. – spielen eine wichtige Rolle in der Romanhandlung. Im Zentrum steht die Inhumanität einer von Männern dominierten Gesellschaft. Ein alter indischer Mythos, der von der Unterwerfung und Fügsamkeit der Frau handelt, wird in unsere Zeit verlegt: Eine von ihrem Mann verstoßene Frau nimmt ihr Leben selbst in die Hand und schlägt sich mutig durchs Leben.
Gauri wird mit Panchi, einem armen Bauernsohn aus dem Nachbardorf, verheiratet. Bei der Hochzeit gibt es Streit zwischen den Familien der Braut und des Bräutigams. Das Leben nach der Hochzeit ist nicht leicht für Gauri. Die Tante ihres Mannes entpuppt sich als böse Schwiegermutter, die Panchi gegen Gauri aufzuhetzen versucht. Panchi, der bereits wegen der Dürreperiode im Dorf geplagt ist, fängt an, Gauri zu schlagen. Als sie dann schwanger wird, jagt er sie in einem Anfall von Wut aus dem Haus. Gauri kehrt zu ihrer Mutter zurück, die sie aber nicht ernähren kann und daraufhin an einen alten, verwitweten, reichen Händler aus der Stadt verkauft. Dort vertraut sich Gauri dem Arzt Dr. Mahindra an, der sie als Krankenpflegerin in seiner Klinik einstellt. Inzwischen hat auch Panchi erfahren, dass Gauri verkauft worden ist. Er ist wütend auf seine Schwiegermutter. Geplagt von Reue und schlechtem Gewissen begibt sich diese in die Stadt, um Gauri zu suchen und bringt sie zu ihrem Mann zurück. Panchi ist froh über Gauris Rückkehr, doch aus der kleinen "gutmütigen Kuh" ist eine selbstbewusste und wortgewandte Frau geworden. Das irritiert Panchi; auch zweifelt er an ihrer Sittsamkeit. Als er wieder anfängt, sie zu schlagen, verlässt ihn Gauri und macht sich auf in Richtung Stadt zu Dr. Mahindras Praxis. Einen Moment lang zögert sie noch und hofft, dass sich die Erde wie im alten indischen Mythos öffnet, um ihre Unschuld zu beweisen. Da dies jedoch ein Mythos bleibt, schreitet sie selbstbewusst und stolz voran.


[1] Der vorliegende Beitrag beruht auf der 2000 am Institut für Translationswissen-schaft der Leopold-Franzens-Universität Innsbruck eingereichten Diplomarbeit Die Rolle von Kulturspezifika im Translationsprozess. Versuch einer Analyse anhand des Romans Gauri von Mulk Raj Anand.

 




Müller, Ina (2001) "Stolze, Radegundis (1999) Die Fachübersetzung. Eine Einführung. Tübingen: Narr (Narr Studienbücher)" [Rezension], in: TEXTconTEXT 15 = NF 5.1, 111-127; hier: 111f.

Es gibt bereits eine große Anzahl von Publikationen auf dem Gebiet der Fachsprachenforschung. Zur Fachübersetzung war jedoch vor 1999 meines Wissens noch keine eigenständige Monographie in Deutschland erschienen. Stolzes Publikation ist daher angetan, eine bisher bestehende Lücke zu schließen. 1999 sind neben der Arbeit von Stolze noch zwei weitere Publikationen zur Fachübersetzung erschienen, beide jedoch – im Gegensatz zur vorliegenden Arbeit – ausdrücklich mit Blick auf das Übersetzen technischer Fachtexte: Horn-Helf (1999) und Schmitt (1999).
In der Einleitung zu ihrem Buch Die Fachübersetzung. Eine Einführung geht Stolze davon aus, daß die in der Interkulturellen Fachkommunikation (IFK) notwendige Übersetzungskompetenz komplexer Natur ist und Einzelaspekte und übergreifende Zusammenhänge in ihrer Interrelation wahrgenommen werden müssen. Dazu seien "vernetztes Denken, Einbezug vielfältiger neuer Aspekte und Offenheit der Perspektive" (S. 11) gefordert. Auf der Grundlage dieser Überlegungen will die Verfasserin der Frage nachgehen, "wie die Aufgabenstellung interkultureller Fachkommunikation durch Übersetzen theoretisch fundiert werden" (S. 12) könne. Dabei sollen Probleme, die aus einer Vielzahl empirischer Studien zusammengetragen wurden, nicht sprachenpaarbezogen, sondern mit Blick auf verschiedene Sprachen "im Sinne eines ganzheitlichen Ansatzes und vernetzten Denkens" (ibid.) problemorientiert erörtert werden. Allerdings bleibt offen, wie Ganzheitlichkeit und Vernetzung erzielt werden sollen, wenn es ausdrücklich nicht das Ziel ist, eine "weitere grundlegende 'Übersetzungstheorie' für die Fachübersetzung" zu entwickeln, sondern vielmehr eine "theoretisch reflektierte Beispieldiskussion von Fachtexten und deren Übersetzungen" zu führen (ibid.).
Der vorliegende Band will einen Überblick über die Fachübersetzung geben, wobei sich Stolze bewußt ist, daß dies nur unvollständig bzw. exemplarisch erfolgen kann. Zudem will sie den Leser für die mit der Fachübersetzung verbundenen Probleme sensibilisieren. Die Fachübersetzung soll nach Angabe der Verfasserin sowohl im Rahmen eines Einführungskurses zum Fachübersetzen verwendbar sein als auch fortgeschrittene Übersetzerstudenten und Praktiker mit Interesse an Reflexion ansprechen – "in verständlicher Ausdrucksweise", "wissenschaftlich fundiert" und "praxisnah" (ibid.).
Auf 278 Seiten (davon 18 Seiten Bibliographie und 7 Seiten Sachregister) werden folgende Kapitel abgehandelt:

(1) Die Rolle der Fachkommunikation
(2) Der Fachausdruck
(3) Die fachsprachliche Wortbildung
(4) Der Funktionalstil
(5) Die Rolle der Textsorten
(6) Texte im fachlichen Horizont
(7) Kulturspezifische Vertextungskonventionen
(8) Qualitätssicherung bei Fachübersetzungen

 



Prunc, Erich (2001) "Quod licet Iovi ...", in: TEXTconTEXT 15 = NF 5.2, 165-179; hier: 165.

Die Autoversion oder Selbstübersetzung gilt in den aktuellen europäischen Translationskulturen als jene Form des Übersetzens, bei welcher dem als Übersetzer fungierenden Autor all jene Freiheiten eingeräumt werden, die einem Übersetzer, der einen Autorentext in eine Zielkultur zu übersetzen hat, aufgrund des Treuegebots versagt bleiben (vgl. u. a. Perry 1981; Fitch 1985, 1988; Edebiri 1993; Grutman 1998).
Wenn wir bewusst von europäischen Translationskulturen in der Mehrzahl sprechen, so wollen wir damit sagen, dass es natürlich in den einzelnen Kulturen in Abhängigkeit von ihrer literarischen und gesellschaftlichen Situierung, der Struktur und dem Sättigungsgrad ihres literarischen Kanons, dem globalen oder kulturpaarspezifischen Machtpotential der jeweiligen Kultur und schließlich von den vorherrschenden Interessens- und Machtkonstellationen innerhalb der jeweiligen Gesellschaft durchaus unterschiedliche Zugänge zum Übersetzen, somit auch miteinander konkurrierende Translationskonventionen und -normen geben kann und muss. Wir wollen jedoch davon abstrahieren und vereinfachend einige Schlaglichter auf die ideologischen Hintergründe werfen, welche die eingangs angeführte Dichotomie von Version und Autoversion zu rechtfertigen scheinen.

 



Salevsky, Heidemarie (2001) "Marc Aurel in Anton Cechov – Skoposprobleme bei der Übersetzung", in: TEXTconTEXT 15 = NF 5.2, 135-150; hier: 135.

0. Einleitung[1]
Der Skopos-Begriff von Hans Vermeer umfaßt Intention, Funktion, Zweck, Zielsetzung. Am Beispiel von Cechov-Übersetzungen soll der Frage nachgegangen werden, was dieser Begriff bei der Analyse literarischer Kunstwerke und bei ihren Übersetzungen bedeutet. Dabei soll der Bogen zur Antike geschlagen werden – zu Marc Aurel.
Als man Tennessee Williams fragte, welche Schriftsteller ihn als jungen Menschen beeinflußt hätten, antwortete er:

Cechov! Als Dramatiker? Cechov! Als Erzähler? Cechov! (Interview der Paris Review New York, publiziert in der Nr. 81, 1981, zit. n. Urban 1988:379[2

Hätte man Cechov diese Frage gestellt, was hätte er wohl von seinen Quellen preisgegeben? Hätte er Marc Aurel genannt? Im folgenden sollen einige Bemerkungen
(1) zum Verhältnis von Anton Cechov (1860/Taganrog - 1904/Badenweiler) zu Marc Aurel (121/Rom - 180/Wien),
(2) zum neuen Skopos bei Cechovs Dramen und
(3) zu Skoposproblemen für Cechov-Übersetzer
gemacht werden.


[1] Einige Gedanken dieses Beitrags sind eine Vorabveröffentlichung aus dem Kapitel Dramenübertragung in Salevsky (in Vorbereitung).
[2] Bezeichnenderweise tritt in dem Einakter Lady of Lakespur (dt.: Die Dame mit dem Oleandergeist) von Tennesse Williams ein Schriftsteller namens Tchekhov auf.

 




Snell-Hornby, Mary (2001) "Scenes, Frames, Skopos: Sinn und Leistung des ganzheitlichen Ansatzes in der Translation", in: TEXTconTEXT 15 = NF 5.2, 151-163; hier: 151-153.

1. Scenes, frames, Kommunikationssituation
Es ist Neujahrsfest in Phitsanulok, einer Provinzstadt im nördlichen Thailand; am Flussufer Abenddämmerung und reger Betrieb. Eine kleine Einkaufstraße mit lauter Imbissbuden, jede ein Minirestaurant für sich mit vielfältigen, exotisch duftenden Spezialitäten traditioneller thailändischer Küche. In diesem fremdländischen Ambiente sieht man plötzlich ein großes blau-grünes Plakat mit den Buchstaben "OK", dazu Messer, Gabel und Teller mit Smiley-Bild darauf, und ganz unten der Slogan: 'Clean food. Good taste'.
[Abb.1 ]
Als native speaker weiß ich zunächst, dass dieser Spruch eigentlich "kein Englisch" ist, aber aus der Kommunikationssituation heraus kann ich mir trotzdem eine Botschaft konstruieren. Hier in tropischen Breitengraden wird im Freien Essbares dargeboten: Daheim in Europa würden Gesundheitsfanatiker eventuell vor Bakterien und sonstigen Gefahrenquellen warnen, aber ich kann unbesorgt kosten, denn hier ist alles "hygienisch rein". Und daraus ergibt sich ferner, dass unter "Good taste" nicht wie sonst "geschmackvoll", sondern "wohlschmeckend" zu verstehen ist.
Ich glaube, verstanden zu haben, aber so war die Botschaft, wie es sich aus späteren Recherchen ergibt, eigentlich nicht gemeint. Es handelte sich hier nicht um einen kleinen Marktstandlergag für europäische TouristInnen, sondern um eine großangelegte Kampagne der thailändischen Regierung zur Überwindung der Wirtschaftsflaute, und zwar in Form eines zweisprachigen Werbespruchs, der landauf, landab in allen möglichen Ausführungen zu sehen war – sei es als dezenter Hinweis im Hotelrestaurant oder auf riesigen Transparenten entlang des Flusses. Er war vor allem an das eigene Volk gerichtet und als Aufforderung zum Konsum gedacht. Wie vieles in Thailand erschien dieser Spruch in der Landessprache Thai mit einer "Übersetzung" in der lingua franca Englisch: auch die englische Fassung war allen Einheimischen ein Begriff, und verstanden haben sie (völlig unabhängig von den sprachlichen Mängeln bzw. der "eigentlichen" Bedeutung des Textes): "Ihr sollt viel essen gehen, viel ausgeben und genießen". Der Ausgangstext besteht syntaktisch aus zwei Adjektiven und lautet "saard lae aroai" (zu Deutsch etwa "sauber (rein) und köstlich"). Es handelt sich hier um sehr positiv konnotierte Adjektive, die mit Essbarem kollokieren und daher als Frame die Scene "Speisen" hervorrufen[1]. Besonders bei /aroai/ schwingt Begeisterung mit, etwa im Sinne von "wunderbar schmackhaft", und bei der thailändischen Küche heißt das; "sehr scharf, reichlich gewürzt". Es ergibt sich somit bei der englischen Fassung eine paradoxe Situation, die mit der spezifischen Rolle des Englischen als weltweiter lingua franca zusammenhängt: Für einen Werbeslogan wäre eigentlich eine instrumentelle Übersetzung (bei Beachtung der Werbe- bzw. Textsortenkonventionen) notwendig gewesen, erfolgt ist aber eine eher dokumentarische, zudem auch sprachlich 'defekte' Fassung, die aber trotzdem - zumindest bei Nicht-Muttersprachlern – durchaus ihren Zweck erfüllt. Die Gründe dafür liegen erstens im Zusammenspiel von scenes und frames in dieser spezifischen Kommunikationssituation, und zweitens in den Besonderheiten der 'Translationskultur' – im Sinne von Prunc 1997 – die in Thailand vorhanden ist. Da die Landessprache außerhalb der Staatsgrenzen (also für die meisten ausländischen Besucher) eher wenig bekannt ist und zudem eine eigene Schrift aufweist, so dass ohne einschlägige Sprachkenntnisse nicht einmal Straßenschilder verständlich wären, fungiert das Englische zwar nicht als offizielle Amtssprache, aber als stets präsente und allseits anerkannte lingua franca. Deshalb kommen Texte in zweisprachiger Fassung sehr häufig vor – auf Speisekarten zum Beispiel werden die Gerichte meist dreifach angeboten: auf Thai, als Transkription in lateinischen Buchstaben und auf Englisch. Es fällt in dieser Translationskultur aber immer wieder auf, dass die englischen Fassungen, auch wenn der Skopos – wie im Falle von "Clean food. Good taste" – eine kommunikative oder instrumentelle Übersetzung nahelegen würde, fast durchwegs nur informativ sind. Über die "bloße Transkodierung" kommt man in der Regel nicht hinaus. Allerdings ist diese meist keine bewusste Wertentscheidung, sondern eher das Ergebnis der Unkenntnis über die Komplexität der Translation im modernen Sinne, über die man erst in den letzten Jahren professionell nachzudenken begonnen hat.[2]Auch den dortigen BerufsübersetzerInnen, die meistens von philologischen Fächern stammen, sind die Botschaft vom funktionalen Ansatz sowie die Vorstellung einer kommunikativen Übersetzung noch fremd und gewöhnungsbedürftig.


[1] Vgl. die Erläuterung der - in der Translationswissenschaft inzwischen sehr bekannten - ,scenes-and-frames semantics` in Fillmore (1977). Für eine Anwendung dieses Ansatzes im Übersetzungsprozess s. Vannerem + Snell-Hornby (1986) und Vermeer + Witte (1990).
[2] Ein Übersetzerprogramm wurde 1995 an der Chulalongkorn-Universität in Bangkok eingerichtet, an anderen Universitäten sind ähnliche Programme in Vorbereitung.