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Wußler, Annette (1999)
Anforderungsprofile für Übersetzer
und Dolmetscher


Wußler, Annette (1999) Anforderungsprofile für Übersetzer und Dolmetscher (TEXTconTEXT Beihefte 6), 9-12.

Durch das Universitäts-Studiengesetz 1997 – im folgenden UniStG 1997 – ergeben sich wesentliche Neuerungen für die formale und inhaltliche Gestaltung der Studiengänge an österreichischen Universitäten.
Die neuen gesetzlichen Rahmenbedingungen bieten unter anderem Gelegenheit, die an den Instituten für Übersetzer- und Dolmetscherausbildung der geisteswissenschaftlichen Fakultäten der Universitäten Graz, Innsbruck und Wien bislang angebotenen Studiengänge für Übersetzen und Dolmetschen neu zu überdenken, stärker auf heutige Anforderungen an Übersetzer[1] und Dolmetscher auszurichten und künftige Entwicklungen in diesem Berufsfeld soweit wie möglich zu berücksichtigen.[2]
Forderungen in diese Richtung werden sowohl von wissenschaftlicher als auch praktischer Seite geäußert. Vom wissenschaftlichen Standpunkt aus haben sich in bezug auf Translation[3] vor allem in den letzten zwei Jahrzehnten Theorien (vgl. unter anderem Arrojo 1986 et passim [vgl. dazu Wolf 1997]; Holz-Mänttäri 1984; Reiß + Vermeer 1984; Vermeer 1986; Toury 1980, 1995)[4] herauskristallisiert, die einen grundlegenden Wandel im Verständnis von Übersetzen und Dolmetschen herbeigeführt haben. Parallel hierzu haben sich die Ansprüche der Praxis – öffentliche und private Institutionen, die auf Übersetzungs- und Dolmetschdienste angewiesen sind, – beträchtlich gewandelt und zugleich erweitert (vgl. hierzu Memorandum 1986; Kurz + Moisl 1997; Prunc 1994).
Angesichts der skizzierten wissenschaftlichen und praktischen Lage soll im Rahmen der durch das UniStG 1997 nunmehr ermöglichten Reform ein Curriculum für einen Studiengang Übersetzen und Dolmetschen entwickelt werden.
Nach Freihoff (1995:150) kommt Curricula eine politische Funktion zu, nämlich die Zielsetzungen der betroffenen Institution – in unserem Fall der Universität – nach innen und nach außen zu definieren. Diesem Anspruch möchten wir mit der vorliegenden Dokumentation Rechnung tragen, indem wir nicht nur das Curriculum, sondern auch den Prozeß der Curriculumsbildung so transparent wie möglich machen.
Neben den Initiativen von seiten der Gesamtösterreichischen Studienkommission, die sich aus Vertretern der drei oben genannten Institute zusammensetzt, sowie der Gremien, die an den einzelnen Instituten eingerichtet worden sind, wurde im Zuge der Curriculumreform mit Unterstützung des Jubiläumsfonds der Österreichischen Nationalbank am Institut für Übersetzer- und Dolmetscherausbildung der Karl-Franzens-Universität Graz unter der Leitung von Erich Prunc und der Sachbearbeitung von Annette Wußler vom 01. Juli 1998 bis zum 30. Juni 1999 das Forschungsprojekt Nr. 7090 Anforderungsprofile für Übersetzer und Dolmetscher durchgeführt.

[...]

Auf der Grundlage wissenschaftlich-theoretischer und berufsbezogen-praktischer Erwägungen soll unter besonderer Berücksichtigung des Instituts für Übersetzer- und Dolmetscherausbildung der Universität Graz ein Entwurf für einen akademischen Studiengang für Übersetzen und Dolmetschen ausgearbeitet werden.
Über das im Rahmen des UniStG 1997 vorgeschriebene Anhörungsverfahren hinaus (vgl. http://www-gewi.kfunigraz.ac.at/uedo/teaching/studref/aufruf sowie http://www-gewi.kfunigraz.ac.at/uedo/teaching/studref/index.html#stellungnahmen) wurde zunächst eine österreichweite Enquête unter Auftraggebern[5], Übersetzern und Dolmetschern sowie Übersetzungsagenturen durchgeführt, die zu einer detaillierten Analyse der gegenwärtigen Bedingungen auf dem Translationsmarkt und der Erwartungen an einen akademischen Studiengang für Übersetzen und Dolmetschen führen soll.
Die sich dabei abzeichnenden Ergebnisse werden im folgenden von wissenschaftlich-theoretischen Überlegungen ausgehend in ein allgemeines Kompetenzprofil für Translatoren (vgl. UniStG 1997) überführt.
In einem weiteren Schritt sollen mit Hilfe des erstellten Kompetenzprofils die Studien- und Prüfungsordnungen der Institute Graz, Innsbruck und Wien analysiert (vgl. Studienordnung für die Studienrichtung Übersetzer- und Dolmetscherausbildung vom 03. Oktober 1972) und einem 'Soll'-Curriculum gegenübergestellt werden.
Vor dem Hintergrund der derzeit am Institut für Übersetzer- und Dolmetscherausbildung der Universität Graz zur Verfügung stehenden Kapazitäten und den durch das UniStG 1997 vorgegebenen Bedingungen werden abschließend Möglichkeiten der Realisierung eines 'Soll'-Curriculums aufgezeigt. (Vgl. hierzu http://www-gewi.kfunigraz.ac.at/uedo/research/projekte/fpprofil.html.)
Wie aus obigen Ausführungen hervorgeht, ist es uns im Rahmen des Projekts ein besonderes Anliegen, bei der Curriculumbildung Wissenschaft und Praxis weitestgehend zu integrieren. Wenngleich ein Brückenschlag zwischen den beiden Positionen angesichts der von der Wissenschaft gegenüber der Praxis beklagten Theoriefeindlichkeit und der von der Praxis gegenüber der Wissenschaft kritisierten Praxisferne (vgl. Hönig 1995:21ff; Snell-Hornby 1986b:9ff) auf den ersten Blick schwierig erscheint, vertreten wir die Ansicht, daß sich Wissenschaft und Praxis nicht ausschließen, sondern einander bedingen (vgl. Risku 1994:242f).
So repräsentiert die Praxis zunächst einen 'Ist'-Zustand, der mit Hilfe einer wissenschaftlich geleiteten Reflexion in theoretische Modelle und damit in einen potentiellen 'Soll'-Zustand überführt werden kann, der seinerseits Einfluß auf den 'Ist'-Zustand nehmen und diesen verändern kann. Von der Praxis, d. h. dem 'Ist'-Zustand, kann außerdem ein Impuls ausgehen, theoretische Modelle und den davon abgeleiteten 'Soll'-Zustand kritisch zu hinterfragen und entsprechend zu modifizieren. Somit befinden sich Wissenschaft und Praxis in einem wechselseitigen dynamischen Prozeß.
Faßt man Curricula als Schnittmenge von gegebenen 'Ist'- und potentiellen 'Soll'-Zuständen, erscheint eine Integration von Wissenschaft und Praxis insofern relevant, als Curricula im Zuge der Globalisierung und den dadurch bedingten Veränderungen in Wissenschaft und Praxis zu ephemeren Erscheinungsformen geworden sind, die zum Zweck der Aktualisierung einer ständigen Adaption an immer neue Entwicklungen bedürfen. Dies kann allerdings nur dann erfolgreich vonstatten gehen, wenn in der Praxis gegebene 'Ist'- und von der Wissenschaft postulierte 'Soll'-Zustände transparent gemacht und im Dialog zwischen Wissenschaft und Praxis kontinuierlich gegeneinander abgewogen werden.


[1] Die Bezeichnung Übersetzer, Dolmetscher etc. wird im folgenden als inkludierende Form für Übersetzer und Übersetzerin, Dolmetscher und Dolmetscherin etc. verwendet.
[2] Vgl. hierzu auch das Projekt POSI (Praxisorientierte Studieninhalte für die Ausbildung von Übersetzern und Dolmetschern). Eine Beschreibung des Projekts findet sich bei Schreiber (1997:4ff).
[3] Translation wird in Anlehnung an Kade (1963:91, 1968:33) als Oberbegriff für Übersetzen und Dolmetschen verstanden.
[4] Literaturverweise werden grundsätzlich in alphabetischer Reihenfolge angeführt.
[5] Zur Terminologie vgl. Nord (1991:5). Holz-Mänttäri (1984:109) unterscheidet zwischen dem Translations-Initiator bzw. Bedarfsträger und dem Besteller. Unter dem Translations-Initiator bzw. Bedarfsträger ist derjenige zu verstehen, der die translatorische Handlung auslöst, d. h. eine Translation für einen von ihm intendierten Zweck braucht. Der Besteller erteilt dem Translator den Auftrag zur Produktion des Zieltextes. Begründet wird diese Differenzierung mit der von Rolle zu Rolle unterschiedlichen Verantwortung und Entscheidungskompetenz.