Abstracts

Block I

Akademisierung, Professionalisierung und Empowerment von Übersetzern und Dolmetschern für indigene Sprachen in Mexiko

Seyed Tanya Nayeri Gilani
Mexiko, besonders der im Südosten Mexikos gelegene Bundesstaat Chiapas, ist geprägt von seiner kulturellen und sprachlichen Diversität sowie dem mit- und nebeneinander unterschiedlicher ethnischer Gruppen. Diese Diversität wird politisch, konkret sprach- und translationspolitisch, organisiert. Infolge der sich in Chiapas ereigneten Zapatistenaufstände kam es 2003 zu einer Änderung der mexikanischen Verfassung, die die Anerkennung der indigenen Sprachen sowie das Recht auf Übersetzung beinhaltet. Im Zuge dessen wurden Interkulturelle Universitäten gegründet, die sich im „Netz der Interkulturellen Universitäten“ (REDUI) zusammenschließen. Eine dieser Interkulturellen Universitäten ist die im Jahr 2004 gegründete Universidad Intercultural de Chiapas (UNICH), mit der die JGU eine Hochschulpartnerschaft pflegt. Obwohl die Verfassungsänderung und die Gründung der Interkulturellen Universitäten, deren Absicht es ist durch die akademische Ausbildung indigenen Gemeinschaften einen verbesserten Zugang zu Bildung und gesellschaftlicher Teilhabe zu ermöglichen, von enormer Wichtigkeit sind, mangelt es derzeit noch an einer akademisierten und professionalisierten Ausbildung von Übersetzern und Dolmetschern für indigene Sprachen und der Anerkennung ihrer Leistung. Dies ist der Fall, obwohl es zahlreiche Situationen gibt, in denen TranslatorInnen für die interkulturelle Kommunikation unabdingbar sind. Doch nicht nur der Translationsprozess steht im Fokus der Betrachtung, sondern auch und vor allem die TranslatorInnen, die durch ihre meist indigene Herkunft unterschiedliche Rollen einnehmen (müssen), und das Translat als Produkt ihrer Leistung, durch das sie Einfluss auf die indigenen Gemeinschaften als Ganze oder einzelne Individuen im Besonderen ausüben. In diesem Zusammenhang leistet auch die Forschung auf diesem Gebiet einen politischen, soziologischen und kulturellen Beitrag.


Die Textsorte des  Immobilienkaufvertrags: ein Vergleich zwischen Deutschland, Italien und Österreich

Sabrina Valente

Ein Rechtstext ist die sprachliche Realisierung einer Rechtshandlung innerhalb einer bestimmten Rechtsordnung. Diese Rolle kann jedoch wirksam erfüllt werden, indem die Rechtshandlung nach bestimmten Formen vollzogen wird. Unter diesen Formen fehlt auch die textuelle Realisierung der betroffenen Rechtshandlung.

In diesem Beitrag möchte ich mein Forschungsprojekt, der die Textanalyse einer juristischen Textsorte in den Rechtsordnungen von Deutschland, Italien und Österreich zum Gegenstand hat, vorstellen. Anhand eines Korpus aus Immobilienkaufverträgen soll aufgezeigt werden, welche makro- und mikrostrukturelle Eigenschaften zu der rechtswirksamen Realisierung dieses Rechtstextes (und somit dieser Rechtshandlung) beitragen. Demzufolge wird zuerst dargelegt, welche Grundfunktionen dem Immobilienkaufvertrag zugrunde liegen und wie diese aus der Analyse der Makrostruktur abgeleitet werden können. Dadurch wird außerdem den funktionalen Textaufbau dieser Textsorte erkennbar. Von hier aus wird der Immobilienkaufvertrag aus mikrostruktureller Sicht untersucht, und zwar in Bezug auf die verbalen Formen, die zur Realisierung seiner Grundfunktionen dienen. Somit wird die Interaktion zwischen der ökonomischen/sozialen Funktion dieser Textsorte und ihrem textuellen Aufbau besonders hervorgehoben, sowie die Konventionen, die sich hierzu in der deutschen, italienischen und österreichischen Rechtsordnung festgesetzt haben, dargestellt.

Dies ist für den Rechtsübersetzer oder -dolmetscher von besonderer Bedeutung, denn die korrekte und ggf. idiomatische Übertragung von Rechtstexten setzt die Kenntnis der Formen, die in einer bestimmten Rechtsordnung zur sprachlichen und textuellen Realisierung von Rechtshandlungen und der entsprechenden Funktionen festgelegt wurden, voraus.


Block II

Marx' Gespenster. Benjamin-Translation oder die Entdeckung des westlichen Marxismus

Nannan Liu

Mein Vortrag untersucht die Einführung und Erstübersetzung von Walter Benjamin auf dem chinesischen Festland. Mich interessieren in erster Linie die Umstände sowie die Art und Weise, wie Benjamin nach China gekommen und dort angekommen ist. Dabei werde ich die Translations- und Rezeptionsgeschichte Benjamins als eine Entdeckungsreise der chinesischen Wissensklasse rekonstruieren. Die (translatorische) Entdeckung steht daher im Vordergrund der Untersuchung. Um die entdeckerischen Momente sowie deren Wirksamkeit untersuchen zu können, werde ich eine Entdeckungsszene konstruieren. Das bedeutet konkret, dass ich die Einführung Benjamins in China in der Entdeckungsszene des sogenannten westlichen Marxismus (Xima 西马) untersuche. Dabei wird die Entdeckung stets unter eine politische Lupe genommen. 


Ernst Robert Curtius als Übersetzer von T. S. Eliots The Waste Land im deutschsprachigen Raum vor und nach dem Zweiten Weltkrieg (von 1927 bis 1951): Einige Überlegungen zur Entstehung und Rezeption seiner Übersetzung unter Berücksichtigung des sozialen, kulturellen und politischen Kontextes

Christine Maier-Rezić

T. S. Eliot revolutionierte die Dichtkunst und wird als Autor des ersten Gedichts der literarischen Moderne angesehen. Sein Meisterwerk The Waste Land gilt als das einflussreichste Gedicht des 20. Jahrhunderts. Ernst Robert Curtius machte sich um Eliots lyrisches Werk, insbesondere um The Waste Land, verdient, indem er es bereits 1927 ins Deutsche übersetzte. Dieser Übersetzung war der von Curtius intendierte Erfolg auch aufgrund der politischen Situation nicht beschieden. Ein rigoroser und "aggressiver Provinzialismus" (Viebrock/Frank, "Einleitung" Zur Aktualität T. S. Eliots 7) prägte Deutschland in den Jahren des aufkommenden Nationalsozialismus und des Zweiten Weltkrieges. Aufgrund der damit einhergehenden kulturellen Selbst-Isolierung Deutschlands befasste sich die deutsche Leserschaft nicht mit Eliot und seinen Werken. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg änderte sich dies. Jetzt waren die Menschen geradezu hungrig danach, das Versäumte nachzuholen. Man wollte an die Internationalität der Vorkriegsjahre einerseits und an die Kultur der europäischen Nachbarländer andererseits anknüpfen. Dass Eliot, als zu dieser Zeit bereits ausgewiesene Autorität der literarischen Welt, sich in Rundfunkreden an die Deutschen wandte, um sie mit ihrer Kultur wieder in die europäische Kultur zurückzuholen, beförderte den Enthusiasmus, mit dem Eliot in Deutschland aufgenommen wurde. Durch die religiösen Themen seiner Dramen und späteren Gedichte wurde er von denjenigen, die von einer Sehnsucht nach spiritueller Erneuerung getrieben waren, als ein christlicher Heilsbringer rezipiert. Curtius jedoch sah Eliots Bedeutung in einem anderem Licht: Für ihn war Eliot der Dichter der Moderne, der „Finder eines neuen Tons, den man nicht mehr vergessen kann“ („T. S. Eliot II“ Kritische Essays 355).   


Pensiero e Azione – Giuseppe Mazzini und die Literaturübersetzung als Anstoß für politische Aktion

Kathrin Engelskircher

Im Zuge der Beschäftigung mit den politischen Aspekten von Translation bildet der Zusammenhang zwischen Übersetzung und Nationsbildungsprozessen ein weitreichendes Forschungsfeld. Die Einigung Italiens im Risorgimento des 19. Jahrhunderts stellt gerade wegen des Übersetzungskonzepts Giuseppe Mazzinis ein bisher wenig untersuchtes, spannendes, historisches Beispiel dar. Der Genuese wollte seine Heimat in einer Revolution von unten durch das Volk in einer demokratischen Republik vereint sehen und entwickelte ein Projekt zur kulturellen und politischen Veränderung seines Landes, die sich gerade auch durch Übersetzung vollziehen sollte.

Mazzini entwickelte aber nicht nur ein Konzept, das in einer Biblioteca Drammatica, einer Sammlung historisch chronologisch geordneter Dramen (in Übersetzung) mit einem jeweils kritischen Kommentar zum „richtigen“ Verständnis der Werke verwirklicht werden sollte, sondern setzte seine theoretischen pensieri und Forderungen auch selbst in politische azione um. Hierzu inspirierte ihn vor allem Friedrich Schiller als sein prophetischer Modelldichter einer von menschlicher Gemeinschaft geprägten Zukunft sowie insbesondere dessen Werk „Don Karlos“, das Mazzini zum einen literaturkritisch für sein politisches Projekt untersucht und auslegt sowie ihn zum anderen zu konkreten politischen (Anschluss-)Handlungen motiviert. Gestützt auf die These André Lefeveres und der Manipulation School, das jeder (Literatur-)Übersetzung (politisch motivierte) Manipulation zugrunde liege, und das von Antoine Berman in seiner Studie zur deutschen Romantik herausgearbeitete Übersetzungskonzept der Bildungs- und Horizonterweiterung wird Mazzinis spezifische Annäherung an und Aneignung von Schiller exemplarisch für sein Denken und Wirken insgesamt analysiert.


Block III

Unterschiedliche Konzepte von Modernität in China, Taiwan und im Westen

Chen Yun Jou

Die Modernisierung geht mit einem schmerzhaften Prozess einher, der nicht nur den Umsturz des Alten und des Vergangenen sowie die Dringlichkeit für etwas Neues und die Ängste vor Rückständigkeit mit sich bringt, sondern gleichzeitig auch die Machtdominanz der unter dem Aspekt des Fortschritts vorauseilenden Länder impliziert. Eine Seite der vielfältigen Modernisierungen Europas fand im Imperialismus und Kolonialismus ihren Ausdruck. Diese „unfreiwilligen“ Modernisierungen manifestierten sich in China und in Taiwan auf verschiedene Art und Weise.

Ende des 19. Jahrhunderts war aufgrund der Niederlagen in den zwei Opiumkriegen und im ersten Japanisch-Chinesischen Krieg eine Öffnung Chinas gegenüber dem Westen zu beobachten. Die Modernisierung, die von den chinesischen Beamten und Intellektuellen gefördert wurde, war eigentlich eine „Verwestlichung“ des Militärs, des politischen Systems sowie des Wirtschaftsbereichs bis hin zum Bildungswesen und kulturellen Bewegungen. Dazu gehörte auch die Blütezeit der Übersetzung westlichen Wissens, Gedankenguts und westlicher Literatur. Taiwan, damals erste Kolonie Japans, wurde unter dem Machteinfluss der japanischen Regierung modernisiert. Ein Teil der Vorstellungen zur Moderne kam daher aus Japan, in dem man schon seit Beginn der Meiji-Restauration dreißig Jahre Modernisierung oder auch eine Art „Verwestlichung“ erlebt hatte. Die Modernisierung brachte in diesem Sinne den Fortschritt nach Taiwan; dies impliziert aber auch einen Kompromiss mit dem japanischen Imperialismus. Dieser Widerspruch gehört daher zu einer Art Modernität, die sich noch vielfältig entfaltet und weitere Fragen aufwirft: Ist etwas Altes, Traditionelles auch etwas „Eigenes“? Heißt etwas Modernes und Neues gleichzeitig etwas „Fremdes“? Oder etwas Westliches? Wie wurden die Rezeption und die Vorstellungen zur „Moderne“ veranschaulicht? Und schließlich: Wie verändern sich die Konzepte von Modernität in verschiedenen Länder mit so unterschiedlichem Kontext?


Travelling Theories in Translation Studies: Rediscovering Fedorov

Anastasia Shakhova

Andrej Fedorov elaborated the first consistent theory of translation based on the linguistic approach that concerned itself not primarily with the translation of literature, but also with other text types, and provided the scholars with a translatological text type taxonomy. Designed according to the needs of the Soviet system, it used to be perceived through the prism of ideological incompatibility with the Western discourses of Translation Studies. But was Fedorov’s work a theory based on ideology, or a theory developed despite ideological pressure? Did he anticipate the development of modern TS and contribute to the development of the discipline? Do TS need to learn to translate themselves through time, space, language and ideological borders? The analysis of Fedorov’s work and its further editions as well as a review of some critical articles concerning Fedorov, propose controversial answers to these questions and allow to join a vibrant conversation on reshaping TS temporally, geographically, and ideologically.


Block IV

Asymmetrische Strukturen und Machtgefälle in Gesprächen der Sozialarbeit und ihre Implikationen fürs Dolmetschen

Julia Yakushova

In meinem Vortrag gehe ich von der Tatsache aus, dass Dolmetschen im Bereich der Sozialen Arbeit generell eine höchst komplexe und durchaus politische Tätigkeit ist. Ein Gespräch im Bereich der Sozialen Arbeit ist meistens von asymmetrischen Strukturen und Machtbeziehungen geprägt, die die Beteiligten zum strategischen Handeln verleiten (Pöllabauer 2005, Bahadir 2007, Kadric 2008, Prunç 2011, Vargas Urpi 2012). Hinzu kommen zudem unterschiedliche kulturelle Hintergründe und emotionale Spannungen, die das Setting für alle Gesprächsteilnehmer sehr anspruchsvoll gestalten. Gleichzeitig sind auch die Themen eines Beratungsgesprächs vor allem darauf gerichtet, Machtasymmetrien in einer Beziehung oder Partnerschaft des Klienten zu enthüllen und eine individualisierte Handlungsstrategie zu entwickeln.

Im Rahmen meines Vortrages beschäftige ich mich mit den folgenden grundlegenden Fragen: Welche asymmetrische Strukturen sind für welche Art von Gesprächen der Sozialen Arbeit charakteristisch? Wie entstehen die Machtbeziehungen zwischen den Gesprächsbeteiligten? Welche Strategien werden von den Beteiligten im Umgang mit diesen asymmetrischen Strukturen und den Machtbeziehungen angewendet? Im Laufe des Vortrages gehe ich ebenso auf die Begrifflichkeiten „Macht“ und „Machtbeziehungen“ sowie auch „Strategisches Handeln“ aus der Perspektive der Sozialen Arbeit ein.

Zu Beginn begebe ich mich auf die Ebene einer Dyade, also eines Gesprächs zwischen einem Sozialarbeiter und einem Klienten. Ein Zweiergespräch bildet zumindest grob eine strukturelle Grundlage für ein zu verdolmetschendes Gespräch, das zu einem triadischen Kommunikationssystem wird und als Folge komplexes Handeln aufweist. Danach ziehe ich meine Schlussfolgerungen, was für Implikationen asymmetrische Strukturen und Machtbeziehungen, die für ein Zweiergespräch in der Sozialen Arbeit charakteristisch sind, potenziell fürs Dolmetschen bedeuten.


Betrachten Repräsentieren Pfropfen. Eine dekonstruktive Lektüre translationsdidaktischer Darstellungsformen

Raquel Pacheco Aguilar

Dieser Vortrag widmet sich mithilfe von Jacques Derridas philosophischem Ansatz der folgenden Frage: Wie beeinflusst der Blick – auf das Politische, das Institutionelle, das Performative usw. – die wissenschaftliche Forschungsarbeit im Bereich der Translationsdidaktik? Als Ausgangspunkt dieser dekonstruktivistischen Analyse wird die paradoxale Figur des Blickens und Betrachtens genommen, die zwar praktisch immer wieder zu lösen ist, im Denken des translatorischen Lehrens und Lernens aber nur unzureichend gedacht wird. Der wissenschaftliche Blick, gerichtet auf die translationspädagogische Wirklichkeit, begründet und legitimiert zum einen translationsdidaktische Gegenstandskonzeptualisierungen wie Translationsbildung, Unterricht, Bildungsziele, Hochschule, Lehrer, Lernende usw. Aus dem Blicken auf und dem Betrachten von translationspädagogischen Wirklichkeiten entsteht translationsdidaktisches Wissen. Zum anderen ist die translationspädagogische Wirklichkeit – verstanden als die konkrete Situation, in der durch Denken, Fühlen und Handeln der jeweilige Einzelne translationsbildungsermöglichende Erfahrungen macht – durch eine radikale Singularität, Differenz und Ereignishaftigkeit bedingt, welche sich jeder systematischen Theoretisierung entziehen. Folglich impliziert der wissenschaftliche Blick in der Translationsdidaktik eine notwendig und zugleich unmöglich objektive Wirklichkeit, die gleichermaßen als Grund und Abgrund der wissenschaftlichen Betrachtung fungiert.

Was dieser Vortrag ins Spiel bringt, ist eine Verschiebung des Blicks, was neue Fragen und Probleme mit sich bringt: Nicht der Gegenstand des Betrachtens, sondern seine Medialität steht im Vordergrund. Indem der forschende Blickwinkel zu dem Medialen translationsbildungswissenschaftlicher Produktion gerückt wird, kommen die Fragen nach dem Medium, durch das translationspädagogische Wirklichkeiten vermittelt werden, zum Vorschein: Translationsdidaktische Repräsentation- und Darstellungsformen translationspädagogischer Wirklichkeiten, die durch Wiederholungen, Aufpfropfungen und Iterationen hergestellt werden, können nun in Bezug auf die politischen, institutionellen und performativen Rahmungen, die sie strukturieren, untersucht werden.