Workshop mit Galante und Klupsch

von Christine Schmidt

In angenehmer Atmosphäre sprachen Francesco Galante - Vorsitzender der Genossenschaft „Placido Rizzotto“ (Libera Terra) aus Palermo - und Martin Klupsch vom Fair-Handelszentrum Rheinland oHG mit Studierenden, Dozenten und Interessierten über ihre Arbeit und ihre gemeinsamen Ziele. Libera Terra ist eine Organisation, die in verschiedenen Regionen Italiens die von der Mafia konfiszierten Ländereien bestellt und die Produkte unter dem Motto „mafiafrei“ in Italien, aber auch hier in Deutschland vertreibt. Das Fair-Handelszentrum ist dafür der deutsche Ansprechpartner und Martin Klupsch u.a. zuständig für die Produktauswahl.

Besonders interessiert haben sich die Teilnehmer beispielsweise für die juristische Grundlage der Konfiszierung und die Übergabe der Ländereien an die Genossenschaften. Nach der Verurteilung eines Mafioso können dessen Güter vom Staat konfisziert werden. Es handelt sich nämlich um Güter, die illegal „angehäuft“ worden sind. Der italienische Staat hat nun die Möglichkeit, diese Güter wieder zu nutzen. Er darf Ländereien an Agrargenossenschaften wie „Placido Rizzotto“ übergeben. Diese Vereinigung muss allerdings auch nachweisen, dass die Bestellung des Landes effizient ist und dabei benachteiligte, lokale Arbeitskräfte involviert werden. Man bietet also Möglichkeiten für legale Arbeit. Wichtig bei der Übergabe an die Genossenschaften ist dabei immer die Gemeinnützigkeit.

Diese Übergabe kann bis zu sieben Jahren dauern. Das ist, laut Galante, sogar die Durchschnittszeit zwischen Konfiszierung und Übergabe. Dies liege vor allem an der komplizierten italienischen Bürokratie. Doch manchmal zögerten auch die Gemeinden, eine Genossenschaft zu gründen, weil die Ländereien verwahrlost sind oder zerstört wurden. Also benötige man viel Geld, gerade zu Anfang des Projekts. Leider würden konfiszierte Mafia-Gelder zur Finanzierung dieser Projekte noch viel zu selten herangezogen. Diese Mittel gingen eher an Hilfsfonds für Mafia-Opfer. Manchmal dauere die Übergabe aber gar nicht so lange, vor allem wenn im Voraus schon geklärt ist, an wen konkret die Güter übergeben werden sollen.
Tatsächlich ist aber vom gesamten konfiszierten Gelände bisher sehr wenig an die Genossenschaften übergeben worden. Das liege daran, meint Galante, dass viele Gemeinden keine Ideen oder wenig Interesse hätten, diese Dinge anzupacken. Und leider würde die bestehende Gesetzeslage noch viel zu wenig angewendet werden.

Im Laufe des Gesprächs kam die Frage auf, ob die Mafia nicht auch nach der Übergabe ihren Einfluss deutlich macht, Einschüchterungsversuche unternimmt und die Projekte unterbinden möchte. Galante erzählt daraufhin, dass Manipulation von Traktoren oder Ernte-Ausfälle öfter vorgekommen seien. Getreidefelder seien zu spät abgeerntet worden, die Mafia habe ihre Chance erkannt und alles abgebrannt. Es sei leicht, Libera Terra hart zu treffen. Das Risiko bestehe immer. In Kalabrien beispielsweise, gab es teilweise spektakuläre Vorfälle. In der Lombardei gelang es der Mafia sogar, die Ländereien wieder zurückzubekommen, weil eine richtige Kontrolle bei der Übergabe schwierig ist. Die Mafia habe sehr viel Geld und viele Möglichkeiten, so Galante.

Libera Terra liege es aber am Herzen, weiterzumachen und weiterhin Arbeitsmöglichkeiten zu schaffen. Mit der Zeit hätten die Arbeiter erkannt, dass die Zielsetzung dieser Projekte sinnvoll ist und ziehen legale Arbeit der Mafia vor. Nun kämen viele nicht mehr verängstigt oder kritisch, sondern seien sich des Vorteils bewusst.
Jährlich arbeiten über 4000 junge Menschen den Sommer über freiwillig auf den Feldern der Agrargenossenschaften, aber der Großteil der Arbeitskräfte ist fest angestellt.
Die Produkte also, die in Italien biologisch angebaut und traditionell hergestellt werden, findet man u.a. im Fair-Handelszentrum in Bonn, das sich dem deutschlandweiten Vertrieb von fair gehandelten Produkten aus der ganzen Welt gewidmet hat. Dessen Vertreter, Martin Klupsch, sprach darüber, dass man deutsche Händler oft lange überzeugen müsse, bis sie sich für einen Vertrieb von italienischen Produkten in den Weltläden einsetzten. Noch eher würde man Produkte von Agrargenossenschaften aus Lateinamerika oder Afrika fördern. Es sei dann entscheidend, grundsätzlich über Angebot und Nachfrage nachzudenken und Akzente zu setzen. Daher sei auch von Region zu Region der Vertrieb von Libera Terra-Produkten sehr unterschiedlich. Der Limoncello, der Wein von Cento Passi und und die Pasta seien aber generell sehr gut angekommen beim deutschen Verbraucher. In Bonn bemühe man sich darum, das Vertriebsnetz der Libera Terra-Produkte deutschlandweit stärker auszubauen, mehr Läden zu gewinnen und einen Gegentrend zu anonymen Produkten zu schaffen. Man setze sich dafür ein, Produkte zu verkaufen, deren Ursprung man kennt, die unter menschenwürdigen Bedingungen entstanden sind und transparent gehandelt werden. Um als Verbraucher kritischer beim Kauf italienischer Produkte zu sein, solle man einfach mehr Interesse zeigen und den Händler vielleicht einfach auf den Produzenten ansprechen. Von der Mafia seien die Libera Terra-Produkte in Deutschland bisher noch nicht boykottiert worden, dazu seien sie noch nicht bekannt genug. Die Deutschen, die sich für Libera Terra-Produkte interessieren, seien vor allem von den Preisen und der Qualität überzeugt und oftmals fast zu schnell für das Schlagwort „mafiafrei“ zu begeistern.

Die Preise liegen etwas höher als die für konventionelle Produkte im Supermarkt. Aber es seien Preise der Legalität und der Qualität, die man bezahlen müsse, um die legale Arbeit in Italien gewährleisten zu können. Die deutsche Gesellschaft bezahle insgesamt zu wenig für Lebensmittel. Es sei eine deutsche Gewohnheit, immer das Billigste zu wählen. Und Galante fügt noch hinzu, dass die garantierten Mindestpreise für die italienischen Bauern wichtig seien. Die Produzenten sollten den Preis selbst bestimmen können und nicht die Mafia, die mit Nahrungsmittelpreisen spekuliert, die Bauern unter Druck setzt und sich illegal bereichert. Um fair zu bleiben, so Klupsch, dürfe man den Preis nicht herabsetzen. Nur bei einem größeren Absatz, könnte sich daran in Zukunft eventuell etwas ändern.