Workshop mit Riccobono und La Camera

Von Sonja Collet

Eindrücke aus dem Workshop mit Dario Riccobono und Claudio La Camera anlässlich der Konferenz „Italien im Wandel: Der Beitrag der Zivilgesellschaft zur Bekämpfung der Mafia in Italien und Europa“, 04.06.2012 am FTSK Germersheim.

Im Anschluss an die Vorträge hatten die Studierenden am Nachmittag Gelegenheit, im Rahmen der Workshops zwei Stunden lang persönlich mit den Gästen zu diskutieren. Die vielen Fragen, die im Laufe der Veranstaltungen dieses Semesters und während der Konferenz aufgekommen waren, sorgten für eine rege Teilnahme und fruchtbare Gespräche.

Mit Dario Riccobono von der Organisation Addiopizzo Travel aus Palermo und Claudio La Camera, dem Koordinator des Museo della ’Ndrangheta in Reggio Calabria, sprachen wir über die alltägliche Arbeit in den beiden Organisationen, persönliche Erfolge und Niederlagen im Kampf gegen das organisierte Verbrechen sowie Wünsche für die Zukunft.

Eine der ersten Fragen seitens der Studierenden lautete: „Sind Sie je von der Mafia bedroht worden?“ – eine Frage, die sicherlich so manchem beim Versuch, sich die Arbeit eines Antimafia-Aktivisten vorzustellen, als allererstes in den Sinn kommt.

Dario Riccobonos Antwort: ein klares Nein. Er vertraut auf die Stärke der Gruppe und ist überzeugt, dass es der kollektive Charakter der Kampagne ist, der die Mafia davon abschreckt, Einschüchterungsversuche gegen Addiopizzo zu unternehmen. Die Mitgliedsliste der Antimafia-Initiative zählt mittlerweile über 700 Unternehmen aus Palermo. Diese Zahl mutiger Unternehmer, die die geforderten Schutzgeldzahlungen verweigert und ihre Erpresser angezeigt haben, lässt sich sehen, doch seien es laut Riccobono noch immer viel zu wenige Mitstreiter, um der Mafia durch die fehlenden Schutzgelder nennenswerten finanziellen Schaden zuzufügen.

Statt gegen Addiopizzo habe die Mafia ihre Angriffe gegen die Unternehmen gerichtet: Riccobono berichtet von einem Brandanschlag auf einen Betrieb im Jahr 2007. Dank der finanziellen Hilfen durch die Region Sizilien und der Spendengelder zahlreicher Unterstützer aus der Zivilbevölkerung konnte der geschädigte Unternehmer wieder neu anfangen. Ein Mafiaboss, der als Drahtzieher des Anschlags identifiziert wurde, kam wenig später hinter Gitter. Seit diesem Vorfall habe sich nichts derartiges wiederholt. Riccobono vermutet, dass sich Mafiamitglieder zunehmend vor Anzeigen aus der Bevölkerung fürchten und die Organisation aus diesem Grund nicht angreifen.

Anders dagegen die Erfahrungen Claudio La Cameras, der uns erzählt, dass es nur einen Monat nach der Eröffnung einen Übergriff auf das Museo della ’Ndrangheta gegeben habe. Darauf seien Morddrohungen gegen ihn und einige seiner Kollegen gefolgt, die sie zur Anzeige gebracht hätten. Nachdem die Polizei Ermittlungen aufgenommen habe, sei dem Museum zwar in einer inoffiziellen Mitteilung versichert worden, dass es in Zukunft nicht mehr zu solchen Vorfällen kommen werde, dennoch sei es laut La Camera in den meisten Fällen ergebnislos, sich Hilfe suchend an die Polizei zu wenden. Dieses Beispiel führte er an, um deutlich zu machen, dass er Gewalt und Delegitimierung als die gängigen Methoden des organisierten Verbrechens erlebt.

Ist Schutzgeld in ganz Süditalien Gang und Gäbe?

Riccobono bestätigte dies für seine Heimat Sizilien und La Camera für Kalabrien. In diesen Regionen werde überall Schutzgeld gezahlt. La Camera erklärte, dass es gar nicht selten sogar zum umgekehrten Fall komme und nicht die Mafia ein Unternehmen erpresse, sondern dass gerade bei größeren Unternehmen z.B. ganz freiwillig ein Angebot über die Höhe der zu zahlenden Summe unterbreitet oder eine Beteiligung der Mafia an Projekterlösen vorschlagen werde. All dies um bereits im Voraus Unannehmlichkeiten zu vermeiden.

Der Einsatz im Kampf gegen das organisierte Verbrechen erfordert viel Mut und Ausdauer. Wir fragen nach den Erfolgen, die Riccobono und La Camera in ihrem Tätigkeitsfeld bisher erlebt haben und danach, was ihnen den Ansporn gibt, weiterzumachen.

Beide Referenten bewerteten ihre Arbeit als sehr befriedigend, wenn auch zuweilen anstrengend. Manchmal wünsche man sich eine Auszeit, so Riccobono. Doch dann wiederum schöpfe man Kraft aus den Erfolgen: Addiopizzo findet seit seiner Gründung im Jahr 2004 immer stärker in den italienischen Medien Beachtung, die Mitgliederzahl steigt, d.h. mehr Unternehmer bringen den Mut auf, ihre Erpresser anzuzeigen. Zudem leistet die Organisation Aufklärungsarbeit an Schulen. Auch gebe es bereits viele ältere Urlauber, besonders aus Deutschland, die mit Addiopizzo Travel schutzgeldfreien Urlaub auf Sizilien machten. Die aktuellen Entwicklungen hätten seine Vorstellungen deutlich übertroffen.

La Camera fügt hinzu, dass man die Arbeit eines Antimafia-Aktivisten mit einem Weg vergleichen könne, auf dem man tagtäglich einen weiteren Schritt zurücklegt. In der Praxis geschieht dies in Form von Aufklärungsarbeit wie z.B. Vorträgen auf Konferenzen, Arbeit mit Schulklassen etc.

Die Reaktion auf die Frage nach Zukunftsplänen für die beiden Organisationen war sehr realistisch und nüchtern. La Camera sagte dazu: „Wir wissen nicht, ob wir morgen noch da sein werden. Wir arbeiten weiter, solange wir können. Vielleicht schaffen wir es nicht.“

Und Riccobono warf ein: „Am besten wäre es ja, wenn es uns gar nicht mehr gäbe!“ Denn wenn jeder einzelne den Mut hätte, sich zu wehren, indem er die Gewalttaten der Mafia zur Anzeige brächte, wäre die Arbeit von Antimafia-Initiativen in Italien nicht mehr nötig. Doch alles, was zähle, so Riccobono, sei das Hier und Jetzt. Er und seine Kollegen versuchten, sich keine Fragen über die Zukunft von Addiopizzo zu stellen, sondern sie konzentrierten sich jeden Tag aufs Neue darauf, ihr Land von der Mafia zurückzuerobern.

Abschließend lässt sich festhalten, dass die Arbeit in den Workshops zweifelsohne einen Mehrwert für die Teilnehmer bedeutet hat. Denn ergänzend zu den Informationen aus den vorangegangenen Vorträgen hat das persönliche Gespräch mit den Gästen, die bereit waren, so viele ihrer Erfahrungen und Eindrücke mit uns zu teilen, sicherlich viele neue Denkanstöße geliefert und das Bewusstsein für die Problematik erweitert.