Arbeitsbereich Interkulturelle Germanistik


Helsinki, Hafen

 

Nix und Neck

 

 

Alexis Kivi

  • Manfred Peter Hein über Alexis Kivi in einem Interview von Uwe Walter vor der Verleihung des Peter-Huchel-Preises in April 1984:

"Uwe Walter: Neben Paavo Haavikko haben Sie ein sehr intensives Verhältnis zu Alexis Kivi entwickelt. Alexis Kivi hat 1870 mit dem Titel "Die sieben Brüder" das früheste Romanwerk von hohem Rang in finnischer Sprache veröffentlicht. Herr Hein, Sie bereiten seit geraumer Zeit eine umfängliche Arbeit zur Wirkungsgeschichte von Kivis großem Roman vor. Wenn Sie nun einmal Ihre Bezüge zur deutschsprachigen Kultur mitbedenken, worin gründet Ihr starkes, intensives Interesse an diesem großen finnischen Autor?

Hein: Das ist vor allem diese großartige Dialektik und die Konfrontierung dieser versunkenen und doch immer noch gegenwärtigen Welt mit unserer Moderne, unserer neuen und in ganz anderer Weise Mythen schaffenden Welt. Die "Sieben Brüder" gehören für mich nicht nur an die Seite des Cervantes, sie gehören auch an die Seite von Herodot. Nach Erscheinen des Romans hiess es zuerst, er habe überhaupt nichts mit dem finnischen Volk zu tun. Dreißig Jahre später war Kivi dann schon die Verkörperung des Nationalgeistes. Man fing damals an, um der eigenen Identität willen, an diesem Denkmal zu bauen. Was der Finnlandschwede und Verfasser der Nationalhymne Johan Ludvig Runeberg in seinen epischen Idyllen an Identität realisierte, genügte nicht. Man brauchte einen finnisch schreibenden Dichter und dazu wurde dann dieser Kivi auserwählt. Man hat lange gebraucht, ehe man gemerkt hat, was für eine großartige Romanstruktur dieses Werk darstellt, wie sich darin Stein zu Stein fügt."

Aus: Deutsch-Finnische Rundschau Nr.42 1984, S. 26.

  • 1984 ist Heins Studie zu den "Sieben Brüder" im finnischen Otava Verlag und im deutschen Klett-Cotta Verlag erschienen. Die Kanonisierung eines Romans. Alexis Kivis Sieben Brüder 1870-1980 ist zugleich das vierte Trajekt-Jahrbuch (Trajekt. Beiträge zur finnischen, lappischen und estnischen Literatur 4/1984).

 

(Foto von Helga Niemeyer)

 

Im August 1994 erschien aus dem damals noch nicht beendeten Prosabuch Fluchtfährte der Abschnitt Gegenüber fließt die Werra als Vorabdruck im Neuen Deutschland. Im Zusammenhang mit dieser Erstveröffentlichung erschien auch ein Interview mit Hein, in dem er sich auch zu Fragen seiner kulturellen Identität äußerte:

"In Prag habe ich gemerkt, daß ich viel lieber eine slawische Sprache hätte studieren sollen statt des Finnischen. Ich bin in Finnland gelandet, weil es der Osten war, aber auch, weil ich mich verlobt hatte und dort heiratete. Was besseres als Finnland ist mir als junger Mann nicht eingefallen. Und da ich nicht in Finnland bleiben wollte, bin ich durch die halbe Welt gereist. Ich fühle mich dem Slawischen so verbunden, daß ich manchmal an eine zweite, eine slawische Identität glaubte."

(Karl-Heinz Jakobs im Gespräch mit Manfred Peter Hein, dem Autor unserer morgigen Sonntagsgeschichte. In: Neues Deutschland, 12. August 1994.)