Interkulturelle Öffnung - Kompetenzentwicklung im Landkreis Germersheim

Lehr-Forschungsprojekt des Arbeitsbereichs Interkulturelle Kommunikation in Zusammenarbeit mit der Kreisverwaltung Germersheim

Wie kam es zu diesem Projekt?

Germersheim ist der Landkreis mit dem höchsten Ausländeranteil in Rheinland-Pfalz. Die Ten­denz steigt in ganz Deutschland. Mit einer weiteren Zunahme an kultureller Vielfalt ist zu rechnen. Im Juli 2012 nahm Herr Lehr in seiner Funktion als Persönlicher Referent des Landrates Kontakt mit dem Fachbereich auf. Wunsch der Kreisverwaltung war es vor diesem Hintergrund zu ermitteln, welches Potenzial zur Interkulturellen Öffnung im eigenen Haus vorhanden ist und wie es idealerweise noch weiter entwickelt werden kann. Es ging also darum zu erheben, welche Bereiche der Behörde die Idee einer Willkommenskultur bereits gut umsetzen, wo noch Barrieren oder Hürden bestehen und wie diese beseitigt werden können.

Was geschah dann?

Der Arbeitsbereich Interkulturelle Kommunikation war an diesem Praxisbeispiel interessiert, um ein modellhaftes Lehr-Forschungsprojekt zu entwickeln, bei dem Studierende unter der wissenschaftlichen Anleitung von Dr. Andrea Cnyrim Einblick in die berufliche Praxis interkultureller Kommunikation in Institutionen erhalten und Methoden qualitativer Sozialforschung anwenden lernen, um Lösungen zu erarbeiten. Insbesondere bietet der Rahmen eines Lehr-Forschungsprojektes die Gelegenheit zu einer wissenschaftlich fundierten, individuellen Standortbestimmung und Bedarfserhebung sowie zu daraus abgeleiteten passgenauen Angeboten.

Erste Projektphase (WS 2012/2013)

Im Wintersemester 2012/2013 nahmen rund 30 Studentinnen und Studenten am Proseminar „Entwicklung Interkultureller Kompetenz bei der Kreisverwaltung Germersheim“ teil. Zunächst wurden Grundlagen im Seminar erarbeitet, das heißt, der Kompetenzbegriff eingegrenzt und die sozialwissenschaftlichen Methoden „Experteninterview“ und „Teilnehmende Beobachtung“ besprochen und eingeübt. 21 Seminarteilnehmerinnen führten dann insgesamt 19 Interviews mit Führungskräften und Sachbearbeiter/-innen in 6 Bereichen der Kreisverwaltung durch. In 4 Bereichen fand Teilnehmende Beobachtung durch 8 Studierende statt. Es entstanden / entstehen insgesamt 19 Hausarbeiten und 2 BA-Abschlussarbeiten, die das berufliche Handeln der Mitarbeiter/-innen der Kreisverwaltung erfassen und den Bedarf an Maßnahmen zur Interkulturellen Öffnung auswerten.

Zweite Projektphase (SoSe 2013)

Auf den Ergebnissen des Wintersemesters baute das Projektseminar im Sommersemester 2013 auf, in dem die Erkenntnisse (in streng anonymisierter Form) an die Kreisverwaltung weitergegeben werden. Außerdem wurden zwei Workshops zur Förderung der Interkulturellen Kompetenz von Mitarbeiter/-innen der Kreisverwaltung bzw. für Führungskräfte konzipiert, geplant, durchgeführt und evaluiert. Der erste Workshop fand am Dienstag, 25.6. und Mittwoch 26.6.2013 am Fachbereich statt, der zweite (für Führungskräfte) am 26. und 27.9.2013.
Wesentliches Ziel der lösungs- und ressourcenorientierten interkulturellen Beratung und Kompetenzentwicklung in diesem Projekt ist es, solche bedarfsgerechten Maßnahmen zur Interkulturellen Öffnung zu erarbeiten, die Kulturalisierungen vermeiden und auf die wachsende Vielfalt der Bevölkerung im Landkreis Germersheim abgestimmt sind. Dabei wird ein weiter Kulturbegriff zugrunde gelegt, der auch Geschlecht, Alter, sexuelle Orientierung und Behinderung umfasst.

Dritte Projektphase (WiSe 2013/2014)

Darüber hinaus entwickelte eine Gruppe von Studierenden ein Konzept zur Verbesserung der Außenwirkung, das Vorschläge für eine verständlichere und kundenfreundlichere Beschilderung ebenso umfasste wie Ergänzungen bei den Übersetzungen der Menüführung der Ticketautomaten, mehrsprachige Elemente auf der Website inkl. Begrüßungsvideos in zahlreichen verschiedenen Sprachen. Diese Ergebnisse wurden der Kreisverwaltung von den Studierenden am 10.2.2014 vorgestellt. In dieser Projektphase entstand auch der dritte interkulturelle Workshop für Mitarbeiter/-innen der Kreisverwaltung mit dem Schwerpunkt: Amtsdeutsch verständlich machen – Kompetenzentwicklung im Landkreis Germersheim, der mit sehr großem Erfolg und unter reger Beteiligung am 12.2.2014 stattfand. Zwei weitere BA-Abschlussarbeiten evaluierten den nachhaltigen Erfolg der Maßnahme und die Qualitätssicherung dabei.

Meilensteine

27.11.2012: Kick-Off zum Projekt bei der Kreisverwaltung Germersheim
12.12.2012: bis Anfang Februar 2013 Interviews und Teilnehmende Beobachtungen
31.3.2013: Abgabe der Hausarbeiten / Auswertung der Ergebnisse
24.6.2013: Ergebnispräsentation bei der Kreisverwaltung durch die Projektleiterin Dr. Andrea Cnyrim

25. + 26.6.2013: Erster interkultureller Workshop für Mitarbeiter/-innen der Kreisverwaltung (Schwerpunkt: Schaltersituationen und kurzfristige Fallbearbeitung ohne längere Beziehung zu den Klienten)

26. + 27.9.2014: Workshop für Führungskräfte der Kreisverwaltung

10. Februar 2014: Präsentation der Ergebnisse zur Verbesserung der Außenwirkung auf der Kreisverwaltung (Beschilderung, Website, Plakate, Beschriftungen Pinnwände)

12.2. 2014: Dritter interkultureller Workshop für Mitarbeiter/-innen der Kreisverwaltung (Schwerpunkt: Amtsdeutsch verständlich machen – Kompetenzentwicklung im Landkreis Germersheim)

Vorläufiger Abschluss des Projekts und Ergebnispräsentation

Die Ergebnisse dieses modellhaften Projekts wurden beim SIETAR Deutschland Forum in Jena zum Thema 'Willkommenskultur in Deutschland - Herausforderungen für Wirtschaft, Gesellschaft und Bildung' am 4.10.2014 wissenschaftlich diskutiert. 

Meinungen zum Projekt

„Bei vielen Aufgaben der Kreisverwaltung sind Kenntnisse und Fertigkeiten, die sich unter dem Begriff ‚Interkulturelle Kompetenz’ zusammenfassen lassen, von großer Bedeutung. Um unseren Mitarbeitern dafür das individuell passende Instrumentarium an die Hand zu geben und sie für das Thema zu sensibilisieren, hat die Verwaltung zusammen mit dem Fachbereich Translations-, Sprach- und Kulturwissenschaft in Germersheim (FTSK) das Lehrprojekt ‚Entwicklung Interkultureller Kompetenz – Bedarfserhebung und Umsetzung’ aufgesetzt. Aufbauend auf dieses aussagefähige Bild der spezifischen Bedarfslagen wird im zweiten Schritt dann ein passgenaues Schulungskonzept erarbeitet, das unterschiedliche Maßnahmen zur Entwicklung interkultureller Kompetenz enthalten kann. Von Fall zu Fall könnte das auch Vorschläge für neue Handlungsalternativen oder individuelles Coaching enthalten.“

Landrat Dr. Fritz Brechtel

 

Aus einer Hausarbeit:

„Ich für meinen Teil bin sehr froh Teil dieses Projektes gewesen zu sein und die Chance gehabt zu haben, praktische Erfahrungen mit der Teilnehmenden Beobachtung, aber auch in der Gruppenarbeit im restlichen Semester zu machen. Auch wenn es einige Anfangsschwierigkeiten gab und wir keine erfahrenen Forscher sind, empfinde ich es als Privileg mitgemacht zu haben, da unsere Forschungsergebnisse weiterverwendet werden und das Semester nicht nur mit einer Hausarbeit endet, die im Nirgendwo verschwindet, sondern als Grundlage für die Trainingsentwicklung im nächsten Semester dient. Dieser Kurs war wie ein frischer Wind im sonst sehr theoretischen Unialltag. Ich hoffe, dass die Kreisverwaltung von unserer Arbeit profitiert. Es wird immer wieder deutlich, dass Arbeit, die ein Ziel verfolgt und einen positiven Einfluss auf ein größeres Projekt hat, Spaß macht und man gerne investiert, wenn es nicht nur um eine Note geht. Auch durch die Kombination von Vorbereitung, Unterricht, Forschungsarbeit und jetzt der Hausarbeit wurde das Gelernte und die Konzepte der interkulturellen Kommunikation viel stärker verinnerlicht, als wenn man und theoretischen Unterricht gehabt hätte. Darum geht es ja im Grunde, dass wir nicht nur theoretisch ausgerüstete Fachkräfte werden, sondern auch einen Einblick in die praktische Realität bekommen.“

Hanna Michal Friese

   Zum Reinhören!

 

„Die Vorteile für uns liegen vor allem im Praxisbezug der Lehrveranstaltungen: unsere Studierenden erhalten auf diese Weise differenzierte und diverse Einblicke in eine berufliche Praxis des Umgangs mit zunehmender kultureller Heterogenität von Seiten der Beschäftigten. Damit steigt die Motivation, sich gründlich mit den Konzepten und Begriffen, aber auch mit den Methoden auseinanderzusetzen. Von der Professionalität der Interviewer/-innen und Teilnehmenden Beobachterinnen im Wintersemester war ich wirklich beeindruckt. Da haben unsere Studies meine Erwartungen wirklich übertroffen! Sie bekommen in diesem Projekt aber auch einen Eindruck von anderen Formen kultur(ver)mittelnder Tätigkeiten, über die reinen Translationsdienstleistungen hinaus. Sie lernen, wie Behördenkommunikation als ein Fall interkultureller Kommunikation in Institutionen funktioniert und können das Gelernte sofort umsetzen.“

Dr. Andrea Cnyrim