UNI-MAINZ

FASK

INTRANET


.




Eine Delegation der Université de Bourgogne zu Gast in Germersheim

Marie-Francoise Straub



Seit geraumer Zeit finden turnusmäßig jährliche Konsultationen zwischen den Partnerschaftsbeauftragten der Fachbereiche der Universitäten Mainz und Dijon unter der Leitung ihrer jeweiligen Präsidenten statt – einmal in Dijon, im nächsten Jahr in Mainz usw. Nachdem man sich in diesem Jahr in Mainz getroffen hatte, besuchten die Delegationen, sozusagen als kulturelles Rahmenprogramm, am 7. Juli 1998 den FASK in Germersheim. Man hatte von dieser ”Außenstelle” schon viel gehört und wollte sich einmal über die hier angebotenen ”Spezialitäten” informieren (in Dijon gibt es kein genau entsprechendes Lehrangebot).

Sehr schnell wurde allen Teilnehmern klar, daß sich der Besuch in Germersheim wohltuend von der üblichen Routine internationaler Begegnungen abhob, wo zwar viel geredet, aber doch oft nicht viel gesagt wird.

Der Dekan hatte alle Teilnehmer zu einer ”kleinen Dolmetschkonferenz” eingeladen, zu einer Art Rundem Tisch zum Thema Erasmus/Sokrates, bei dem einmal nicht nur die Lehrenden unter sich diskutieren, sondern bei dem die direkt Betroffenen – die Austauschstudierenden – ihre Erfahrungen mit dem Austausch äußern sollten. (Daß sich Studierende an solchen Diskussionen aktiv beteiligen, ist in Frankreich alles andere als selbstverständlich.)

Zu Beginn hielt der Dekan ein kurzes einführendes Referat zur leidvollen deutsch-französischen Geschichte der Stadt Germersheim, die schließlich zur Gründung des Fachbereichs führte, womit man zur Verwirklichung des Konzepts beitrug, ”endlich einmal Schluß damit zu machen, sich unter Nachbarn zu verprügeln”, wie ein französischer Kollege bemerkte.

Danach kam man zum eigentlichen Diskussionsthema, wobei sich bald herausstellte, daß Wünsche und Wirklichkeit bezüglich des Austauschsemesters zum Teil weit auseinanderklaffen. Am deutlichsten beklagten sich französische Studierende darüber, daß ihnen von ihren Heimatuniversitäten strikte Vorgaben gemacht werden, was sie dem Lehrprogramm der Maîtrise bzw. der Licence entsprechend zu belegen haben (Schwerpunkt Sachfächer wie Informatik, Wirtschaft), Vorgaben, an die sie sich halten müssen, wenn ihr Auslandsaufenthalt als Teil des französischen Kursus anerkannt werden soll. Allerdings gerät dabei der eigentliche Zweck des Auslandssemesters, nämlich die Verbesserung der deutschen Sprachkompetenz, zu stark in den Hintergrund.

Von seiten der Germersheimer Dozentinnen und Dozenten kann dagegen die Klage, daß aufgrund des sehr unterschiedlichen sprachlichen Niveaus im Deutschen insbesondere in den Übersetzungsübungen nur sehr schwer ein wirklich gewinnbringender Unterricht durchgeführt werden kann. Zwar gibt es bereits spezielle Übungen für Erasmus-Studierende, aber erstens existieren auch hier große Niveauunterschiede und zweitens besteht die Gefahr, daß diese Übungen zu ”Ghettokursen” werden, was dem eigentlichen Sinn eines Auslandssemesters zuwiderläuft.

Die Frustration über das Nichterreichenkönnen der angestrebten Ziele wurde von Lehrenden und Studierenden deutlich zum Ausdruck gebracht. Resigniert erzählte z.B. eine französische Studentin, sie habe so gerne Dolmetscherin werden wollen, sie sei aber an den hohen Anforderungen kläglich gescheitert. Zusammenfassend wurde festgestellt, daß das französische Studienfach LEA (Langues étrangères appliquées), aus dem die Mehrzahl der Austauschstudierenden kommt, im Hinblick auf die Studieninhalte wenig mit dem Germersheimer Ausbildungsgang gemein hat, und daß hier auf beiden Seiten (Lehrende, Studierende, Gast- und Heimatuniversität) falsche Erwartungen und überhöhte Anforderungen korrigiert werden müssen und mehr Flexibilität zu wünschen wäre.

Übereinstimmend stellten alle französischen Austauschstudierenden fest, daß ihr Auslandssemester trotz aller Probleme für sie eine sehr große Erfahrung und persönliche Bereicherung darstellt, die sie auf keinen Fall missen möchten.

Die Gäste der Universität Burgund waren sehr angetan von der Offenheit und Sachbezogenheit der Diskussionsbeiträge. Für ihn seien die Diskussionsbeiträge sehr aufschlußreich gewesen und er werde die angesprochenen Probleme bei künftigen Sokrates-Gremiensitzungen in Frankreich zur Sprache bringen, so der für Auslandsbeziehungen zuständige Vize-Präsident der Universität Dijon.

Viele französische Gäste hatten außerdem zum ersten Mal ”live” miterlebt, wie Reden und Diskussionsbeiträge simultan gedolmetscht werden und waren von den Leistungen der Studierenden in den Kabinen sehr beeindruckt.

Den Rest des Besuchsprogrammes konnte man mit dem befriedigenden Gefühl genießen, den Hauptzweck des Partnerschaftstreffens erfüllt zu haben (also nicht nur Erasmus-Tourismus!).


Die Stadt Germersheim spendierte den französischen und deutschen Gästen ein kleines Mittagessen im Motoryachtclub mit anschließender Rundfahrt durch den großen und doch gespenstisch leeren Germersheimer Hafen. Der Kaiserdom zu Speyer wurde besichtigt (aus Zeitmangel leider etwas hoppla-hopp) und schließlich fuhr die Gesellschaft zur Villa Ludwigshöhe nach Edenkoben, wo sich die französischen Gäste besonders für die Slevogt-Ausstellung begeisterten. Nach einem kleinen Rundgang durch Rhodt unter Rietburg steuerte der Bus das Weingut Wilhelmshof in Siebeldingen an, wo der gesellige Abschluß des diesjährigen Partnerschaftstreffens stattfand. Nach einer Kellerbesichtigung mit vielen önologischen Erläuterungen zur Méthode Champenoise (von zwei Studentinnen mit viel Engagement gedolmetscht) bat das Winzerehepaar zum Abendessen mit Weinprobe. Der gute Pfälzer Wein trug seinen Teil dazu bei, daß auch noch die letzten Sprachbarrieren fielen und allenthalben eine sehr gelöste Stimmung herrschte. Zum Schluß stimmten die französischen Gäste, der Tradition bei solchen Anlässen folgend, einige Lieder an und sangen unermüdlich auch während der ganzen Rückfahrt im Bus! Auf die lautstarke Aufforderung ”Une chanson allemande, une chanson allemande!” ertönte lediglich aus einer nicht definierbaren Ecke des Busses ein zögerliches ”Wem Gott will rechte Gunst erweisen ...”, das aber bald erstarb. Den Deutschen ist das spontane Singen offensichtlich gründlich ausgetrieben worden – eigentlich schade.


 

ñ


ñ