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Reden, Vorträge und Berichte


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Rede von Herrn Lozo Rede von Herrn Lozo anläßlich der Absolventenfeier am 22.11.02



Sehr geehrter Herr Dekan,

sehr geehrte Professorinnen und Professoren,

sehr geehrte Eltern und Gäste der Absolventen,

sehr geehrte Studierende,

es ist schon ein merkwürdiges, aber auch ein positives Gefühl hier zu stehen: Genau 20 Jahre ist es nun her, dass ich hier im Audimax den ersten Vorlesungen lauschte - und knapp 15 Jahre ist es her, dass ich - dort irgendwo rechts hinten - meine Diplomabschluss-Klausuren schrieb.

Englisch und Russisch waren meine Fächer - Englisch und Russisch im Zeitalter des Kalten Krieges, Aufrüstung seitens der Sowjetunion, dann der NATO-Doppelbe-schluss, hitzige Diskussionen in der Mensa, Friedensdemonstrationen und, und, und ...

Als wir Neulinge den älteren Semestern mal beim Konferenzdolmetschen zuschauen sollten bzw. durften, glaubten wir uns Lichtjahre davon entfernt, irgendwann ausländische Politiker oder gar Staatschefs zu sprechen oder zu dolmetschen.

Mein Studium hier - und da mach ich keinen Hehl draus - begann eher holprig, zu groß waren auch die Ablenkungen und Versuchungen außerhalb des Uni-Betriebs. Doch ich hatte zwei feste Ziele: das Studium gut abzuschließen und dann Journalist werden.

An dieser Stelle möchte ich auch den Dozenten und Professoren danken, die mir das sprachliche und kulturwissenschaftliche Handwerkszeug mitgegeben haben, vor allem in der slawistischen Abteilung. Ein stark praxisorientiertes Studium kann es ja auch nur geben, wenn die Lehrenden wissen, wovon sie reden und wie es draußen aussieht.

Russisch war meine Zweitfachsprache und ich entschied mich, meine Diplom-Arbeit über ein Thema zu schreiben, das mir später einige Türen öffnen half: Und zwar über die sowjetische Presse im Zeichen von Glasnost. Prof. Salnikow musste zwar noch ein wenig überzeugt werden, doch er spürte wohl meine Entschlossenheit, Journalist zu werden und gab sein o.k.

Als ich mich 1987 in meinem stillen Kämmerlein in Germersheim und in meinem Jugendzimmer in Köln, meiner Heimatstadt, in der sich das Bundesinstitut für Ostwissenschaften befand, mit Gorbatschows neuer Politik befasste, war der Führer der sowjetischen Weltmacht einfach nur weit weg, fast ein Abstraktum. Umso schöner war es, nachdem mir der Einstieg in den seriösen Journalismus gelungen war, ihn mehrfach in Moskau zu interviewen und einmal sogar, kurz vor dem Tod seiner Frau Raissa, mit ihm zu frühstücken.

Das Fundament für meinen Beruf wurde zweifellos hier in Germersheim gelegt. Immer wieder bekommen die Studenten hier gesagt, eine Zusatzqualifikation, vielleicht ein Zusatzstudium sei sinnvoll. Diesen Rat hörte ich auch oft und ich möchte ihn den jetzt Studierenden, aber auch den Absolventen weitergeben. Immer wieder bekomme ich im ZDF E-Mails von Germersheimern, die sich für den Journalismus interessieren. Hier nur der Rat: Journalismus kann keine Verlegenheitslösung sein - auch ist eine "Ich probier's einfach mal-Einstellung" fatal. Und an diejenigen, die es ernst meinen, der Hinweis: Empfehlen kann ich ein zweijähriges Journalismus-Aufbaustudium in Mainz, Bewerbungs-Schluss ist jeweils Mitte Juli, Anfang September findet dann eine dreitägige Eignungsprüfung statt.

Diplom in Germersheim - was nun? Diese Frage stellten sich die meisten meines Jahrgangs. Reine Übersetzer oder Dolmetscher ist eher die Minderheit geworden. Ich begann nach Germersheim besagtes zweijähriges Journalistik-Aufbaustudium an der Uni Mainz, diesmal wirklich in Mainz, und blieb nach einem Praktikum im Sommer 1989 beim ZDF und kam in die Heute-Redaktion, zunächst als freier Mitarbeiter, da ich noch das Aufbaustudium abschließen wollte, was ich dann ein Jahr später auch tat.

Angewandte Sprach- und Kulturwissenschaften bedeutete bei mir zum ersten Mal im sogenannten ERNST DES LEBENS, dass ich Gorbatschows Rede zum 40jährigen Jubiläum der DDR Anfang Oktober 1989 für das Heute-Journal übersetzte. Günter Iller bat mich, einige Highlights hier einzuflechten, was ich hiermit tue - eigentlich auch gerne tue...

Also dann:

Zwei weitere wichtige Daten waren der Putschversuch gegen Gorbatschow im August 1991, wo ich Jelzins historische Widerstandsrede, die er auf einem Panzer hielt, als erster über den deutschen Bildschirm brachte. Wenige Monate später brach die Sowjetunion auseinander, den Rückblick auf die Ära Gorbatschow durfte ich dann für die Heute-Sendungen machen.

Im Sommer darauf der Dank meines Senders: Ein Traum wurde war, als ich mit 29 Jahren als Korrespondenten-Urlaubsvertreter zwei Monate ins Studio Moskau durfte, eine Arbeit, von der ich als Student in Germersheim, wie gesagt, nur geträumt habe.

Auch hier nochmal der Rat an die Studierenden: Ziele setzen, Ziele setzen und sie nie aus den Augen verlieren - auch nach kleinen Rückschlägen, die ich auch ohne Frage hatte - dann klappt's schon. Das soll Euch aber nicht hindern, das Leben hier in Germersheim in all seinen Facetten zu genießen.

In meinen Ausführungen ist bisher eigentlich zu kurz gekommen, dass Englisch meine Hauptfachsprache war. Der Nutzen hieraus für meinen Beruf war und ist auch enorm. Denn die internationale Nachrichtensprache ist Englisch, der internationale Nachrichtenaustausch wird in Englisch abgewickelt. Dass Englisch eben keine Selbstverständlichkeit ist, wenn es um Präzision in unserem Geschäft geht, zeigt sich an der Tatsache, dass das ZDF immer wieder spezielle Englischkurse anbietet, weil es hier oft hapert.

Mitte der neunziger Jahre war ich oft in Kriegseinsätzen in Sarajevo, wo es ohne ein fundiertes Englisch einfach nicht ging: Ob in der Kommunikation mit den UN, später mit der SFOR und IFOR oder ganz einfach bei der allgemeinen Informationsbeschaffung und beim Vergleichen mit CNN und anderen Sendern.

Sprachkompetenz ist in einem Job wie diesem einfach unabkömmlich und sicher auch in anderen Jobs. Denn viele aus meinem Jahrgang arbeiten auch erfolgreich in Berufen, für die das Studium in Germersheim ein solides Fundament geschaffen hat. Also nur Mut - und lasst Euch vor allem nicht von der aktuellen wirtschaftlichen Flaute und Krisenstimmung anstecken.

Um in einer Berufswelt, die sich immer schneller dreht, besser bestehen zu können, gilt das russische Sprichwort: Wek schivi, wek utschis! - zu Deutsch: die Aufforderung, sich ständig, nämlich ein Leben lang, weiterzubilden. Und: was vielleicht noch wichtiger ist: schrittzuhalten mit dem allgemeinen Tempo. Meine Dozentin im Russisch-Grundkurs, Frau Bielawska-Ellermeier, predigte das schon 1982 und sie behielt natürlich recht.

Lassen Sie mich das veranschaulichen anhand einiger fundamentaler Veränderungen in meiner Berufswelt, in anderen Sparten wird es wahrscheinlich nicht viel anders sein:

Die Nachrichtenwelt war in den Zeiten ohne Handies, E-Mails, Lap-Tops eine komplett andere. Das Tempo hat einfach enorm zugenommen. Wir erinnern uns: noch vor ein paar Jahren endeten die Programme von ARD und ZDF gegen Mitternacht mit der Nationalhymne, danach Testbild bis zum nächsten Mittag. Kein Morgenmagazin, kein Mittagsmagazin, keine Nachmittagsnachrichtensendungen - einfach Ruhe. Zu jeder kleinen Lawine, zu jedem Sturm werden heutzutage gleich Satelliten-Live-Übertragungswaren aufgefahren, eine Sonder-Sendung jagt die andere.

Die Gewichtungen haben sich enorm verändert - wahrscheinlich ein Tribut an den schnellen Zeitgeist, an die Konkurrenzsituation mit den Privatsendern. Unvorstellbar aus heutiger Sicht, dass es zum Beispiel am Tag des Zusammenbruchs der Weltmacht Sowjetunion im Dezember 91 keine Sondersendungen gab. Eine Gelassenheit, die ich mir heute manchmal zurückwünsche. Alles fließt, Flexibilität ist ein weiteres Zauberwort, alles ist möglich. Die früher übliche Vorstellung, vielleicht ein ganzes Berufsleben bei der gleichen Firma oder beim gleichen Sender zu bleiben, ist völlig obsolet.

So bin auch ich mal zu den Privatsendern gewechselt, ging als Korrespondent zum Beispiel für Pro 7 nach Moskau, trat im russischen Fernsehen in einer Art Presseclub auf oder kommentierte Ereignisse in Moskau für CNN aus deutscher Sicht, sah das Elend in Tschetschenien, dann wieder ein Plauderstündchen mit den Rolling Stones bei ihrem allerersten Konzert in Moskau vor vier Jahren - und nie vergessend, dass ich das Rüstzeug in Germersheim mitbekommen habe, einem Ort, von dem manche sagen, er sei provinziell - dabei ist für mich das Gegenteil der Fall. Gerade durch die Studenten, die in den Semesterferien in die weite Welt ziehen, andere, die von ihren Auslandssemestern erzählen, ist der Ort eigentlich ein Schmelztiegel der Länder und Kulturen, ein Ort, an dem man seinen Horizont erweitern kann, wenn man es denn will - und sei es nur durch landeskundliche Pro- oder Hauptseminare.

Im Frühjahr 2000 bin ich nach drei Jahren als Korrespondent in Moskau nach Deutschland zurückgekehrt. Im ZDF-Studio München geht es etwas gemächlicher zu, und das ist für mich zur Zeit auch gut so.

Den Ausflug nach Germersheim heute habe ich gerne gemacht, und wenn ich dem ein oder anderen Studenten oder Absolventen ein wenig Mut gemacht haben sollte, dann freut mich das. Für eventuelle Fragen stehe ich am Ende der Veranstaltung zur Verfügung.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

Fotos von der Absolventenfeier am 22.11.2002

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