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Reden, Vorträge und Berichte


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Begrüßung des Dekans zur Eröffnung des 56. Wintersemesters
am Fachbereich Angewandte Sprach- und Kulturwissenschaft (FASK)
der Johannes Gutenberg-Universität Mainz in Germersheim
und zur Podiumsdiskussion
"Konflikt und Toleranz - Was geht das Übersetzer und Dolmetscher an?"

Peter Kupfer

Germersheim, 7. November 2001



Meine sehr geehrten Damen und Herren,
liebe Kolleginnen und Kollegen,
liebe Studierende,
alles ist anders geworden nach dem 11. September, nicht nur in New York, in den USA, nicht nur in Afghanistan und im Nahen Osten, nicht nur in London, Paris, Moskau oder Berlin - nur zwei Tage, nachdem die Menschen überall auf der Welt an den Bildschirmen die unglaublichen Ereig-nisse fast zeitgleich und mit den unterschiedlichsten Reaktionen, von tiefster Bestürzung bis zum Freundentaumel, mitverfolgt hatten, waren auch wir davon massiv betroffen. Eine heimtückische Email bösartigen und verletzenden Inhalts, mit dem Absender "George Bush" und adressiert an etwa 80 Studierende mit ausländischen Namen - getroffen werden sollten allerdings unsere arabi-schen Studierenden - platzte in die ansonsten friedliche vorlesungsfreie Zeit.
Dieser Vorfall und ähnlich bedrohliche Nachrichten aus anderen deutschen Hochschulen und Städten veranlassten uns, die diesjährige Eröffnung des 56. Wintersemesters unseres Fachberei-ches zu nutzen, um über die Funktion und den Auftrag dieser weltweit größten Institution für die Ausbildung von Übersetzern und Dolmetschern nachzudenken und hierzu in der Diskussion mit Studierenden, Dozentinnen und Dozenten sowie Vertretern der Öffentlichkeit Position zu bezie-hen.
Noch vor wenigen Monaten war eine Wende, die die Weltpolitik bereits im ersten Jahr des dritten Jahrtausends derart ins Wanken bringt, nicht vorherzusehen. Samuel P. Huntingtons Geist vom Kampf der Kulturen war schon fast zerredet und vergessen, um nun plötzlich in beängstigender Weise aus den Trümmern des World Trade Center wieder aufzusteigen. Dem Entsetzen über das Geschehen in New York und in Washington folgte die Bange vor dem Aufbrechen latent schwe-lender Vorurteile zwischen Menschen verschiedener Religionen und Kulturen und reflexhafter Übergriffe gegen alles, was nicht ins eigene Paradigma passt und als Fremdkörper auf einmal nicht mehr geduldet wird. Wieviele moslemische Frauen haben dies wohl in den vergangenen Wochen in Deutschland zu spüren bekommen, als sie wegen ihres Kopftuches scheel angesehen, angepö-belt oder sogar angegriffen wurden? Wieviele von ihnen gar wagten sich nicht mehr auf die Stra-ße? Wieviele türkische, arabische und persische Restaurants und Geschäfte stehen vor dem Ruin, weil sich die Kundschaft entschuldigt?
Ein Viertel der ausländischen Studierenden der Universität Mainz lebt in Germersheim, insgesamt rund 1000 junge Menschen aus 80 Ländern aller Kontinente. Diese umfassen mehr als 40% der Studierenden an unserem Fachbereich. Sie bereichern gleichzeitig das Bild einer deutschen Klein-stadt, von der jeder fünfte oder sogar jeder vierte Bewohner Ausländer ist und die sich damit zu einer der internationalen und multikulturellen Kommunen in Deutschland entwickelt hat.
Es wäre ein gefährlicher Irrtum zu glauben, dass Germersheim und der FASK sich in idyllischem Gleichmut den Fragen entziehen könne, die sich nach dem 11. September stellen. Wir können nicht die Augen verschließen vor Ereignissen, die ebenso uns unmittelbar betreffen. Nicht nur die besagte Email hat uns wachgerüttelt. So soll es auch in Germersheim Freudenbekundungen nach den Anschlägen in den USA gegeben haben, die hier lebenden amerikanischen Mitbürger können sich nicht mehr so sicher fühlen wie bisher, und im Rahmen der Rasterfahndung müssen auch wir uns der Frage stellen, ob wir so genannte "Schläfer" beherbergen - ein furchtbares Wort, das bis in unsere kleine Gemeinschaft Misstrauen sät. Wir sind konfrontiert mit der Gefahr von Verdäch-tigungen und Ausgrenzungen Einzelner und von der Vertiefung von Missverständnissen und Kon-flikten zwischen Teilen unserer Gemeinschaft. Wir müssen lernen, diese Gefahr zu erkennen, mit ihr umzugehen und ihre destruktiven Energien umzuleiten, um zu einem verbesserten Miteinander und zu einer bewussteren Wahrnehmung und Steuerung unseres Ausbildungsauftrages am FASK zu gelangen.
Vor kurzem hat Ministerpräsident Kurt Beck die Hochschulen als "besondere Orte der Integration und der gelebten Toleranz" charakterisiert. Genau dies war das Motiv der französischen Gründer der Staatlichen Dolmetscherhochschule Germersheim 1947, die nur zwei Jahre später eine "Deut-sche Abteilung für Ausländer" dazu erhielt und ihren internationalen Charakter in den folgenden Jahrzehnten immer mehr ausbaute. Nicht nur die Tatsache, dass heute fast jeder zweite Studieren-de aus einem anderen Land stammt, trägt zu dieser exponierten Rolle unseres Fachbereiches in der deutschen Universitätslandschaft bei. Auch rund 100 Kontakte und Austauschbeziehungen mit Hochschulen in der ganzen Welt und die beruflichen Aktivitäten unserer rund 11.000 Absolventen als Sprach- und Kulturmittler, als interkulturelle Experten und Repräsentanten international wir-kender Behörden und Unternehmen haben ein Netz gesponnen, in dessen Zentrum seit über einem halben Jahrhundert die Studierenden und die Dozierenden des FASK wirken. Seit ihrer Gründung arbeitet unsere Institution unablässig und mit eindruckvollen Erfolgsbilanzen an ihrer originären Aufgabe der Ausbildung junger Menschen verschiedener Nationen mit dem Ziel der sprachlichen und interkulturellen Verständigung.
Auch ohne den 11. September beschäftigen uns seit geraumer Zeit Überlegungen, wie wir diesen Bildungsauftrag noch zeitgemäßer und optimaler umsetzen und erfüllen können. In den vergange-nen Jahren ist es uns gelungen, die Palette des Lehrangebots stetig auszubauen und den aktuellen Bedürfnissen anzupassen: So können hier gegenwärtig zwölf Sprachen und Kulturen als Studien-fächer mit ergänzenden und zusätzlich qualifizierenden Lehrveranstaltungen in Sprach-, Überset-zungs- und Kulturwissenschaft, in Informatik, Wirtschaft, Technik, Rechtswissenschaft und Me-dizin sowie in weiteren Fremdsprachen gewählt werden. Im kommenden Jahr werden wir erstmals in der Geschichte des FASK eine Professur für Interkulturelle Kommunikation besetzen.
Schon der Anfang des Studiums in Germersheim vermittelt die Einsicht, dass die Beherrschung einer Fremdsprache und der professionelle Umgang mit ihr ohne eine intensive Beschäftigung mit den historischen, politischen, ökonomischen und sozialen Hintergründen des betreffenden Kultur-kreises unmöglich ist und dass umgekehrt eine zunächst fremde Kultur nur über die Sprache wirk-lich erschließbar und begreifbar wird. Weitere wichtige Schritte im Verlauf des Studiums beinhal-ten die systematische Arbeit an sich selbst, die Zielkulturen aus unterschiedlichen Perspektiven zu betrachten und mit wissenschaftlicher Distanz, zugleich aber auch mit Neugier und Sympathie zu studieren, und die wichtige Erkenntnis, dass dies eine sich niemals erschöpfende Lebensaufgabe ist. Eine wirkliche Annäherung an eine Zielkultur kann nur funktionieren, wenn neben der Fest-stellung der Gemeinsamkeiten mit der eigenen Ausgangskultur auch die Unterschiede analysiert und diagnostiziert werden. Eine seriöse Erforschung der Wege zur Verständigung, Toleranz und Akzeptanz setzt grundsätzlich die intensive Beschäftigung mit den interkulturellen Differenzen und Konfliktursachen voraus.
Meine Damen und Herren, ich hoffe und wünsche, dass diese seit langem geübte und bewährte Forschungs-, Lehr- und Lernpraxis unseres Fachbereiches und ihre Perspektiven in einer sich ver-änderten Weltlage zum Beginn des 21. Jahrhunderts im Zentrum unserer heutigen Diskussion ste-hen möge. Zu den zentralen Aufgaben des Übersetzers und Dolmetschers gehört es, kritisch und mit größter Sorgfalt mit Begriffen und den dahinter stehenden Denkmustern umzugehen. In seiner großen Verantwortung liegt es letztlich, was über die Medien lancierte Begriffe wie "zivilisierte Welt", "Kreuzzug" und "uneingeschränkte Solidarität" in anderen Sprachkulturen implizieren und anrichten können. Auch die Kreation zahlreicher neuer "-ismen", die - ohne Rücksicht auf die Lehren eines soeben abgelaufenen Jahrhunderts voller gescheiterter "-ismen" - zur brisanten Eti-kettierung eines weitgehend anonymen Kreises von politisch-ideologischen Gegnern dienen, sollte im Blickpunkt der Diskussion stehen. Welche semantische Zerstörungskraft und welche Logik der kollektiven Inquisition lösen solche neu aufgelegten Begriffe oder gar Wortneuschöpfungen wie "Terrorismus", "Funda-men-talismus", "Islamismus", "Dschihadismus", "Antiamerikanis-mus" aus? Sind derartige Begriffe nicht in Wirklichkeit tödliche Waffen in einer sich abermals polarisierenden Welt?
Die Hinterfragung dieses sich zurzeit formierenden ideologischen Instrumentariums hängt wohl aufs engste mit der Untersuchung der Ursachen zusammen, weshalb die Anschläge am 11. Sep-tember auch in Afrika und Indonesien sowie in nicht-islamischen Ländern, etwa in China, mit Schadenfreude von größeren Teilen der Bevölkerung gefeiert wurden. Hat dieser neue Riss durch die Welt wirklich religiöse Ursachen oder ist er nicht vielmehr die Folge einer sich nach dem Kal-ten Krieg ausdehnenden Hegemonialpolitik, einer aggressiven MacDonaldisierung in benachteilig-ten Ländern, die sich nicht dagegen wehren können, und die hemmunglose Nutzung wirtschaftli-cher Globalisierungsfreiräume durch eine Handvoll Konzerne? Welche Rolle spielt hierbei die traumatische Erinnerung an Ruanda, an Irak und Jugoslawien, an US-Flotten im Persischen Golf und US-Spionage-flugzeuge vor der chinesischen Küste?
Peter Scholl-Latour dürfte, so fürchte ich, Recht behalten mit seiner These, dass der große Kon-flikt des 21. Jahrhunderts erst noch bevorsteht und sich im Pazifik abspielen wird. Welchen neuen Aufgabenstellungen sieht sich unser Fachbereich gegenüber angesichts einer derartigen Dimension der Globalisierung von Konflikten? Welche präventiven Mittel stehen ihm zur Verfügung, um Intoleranz und Hass zu begegnen? Wird er wie zu seiner Gründerzeit verstärkt wieder zur Ver-mittlung ethisch-moralischer Werte aufgerufen sein, in der der Erziehung zur Toleranz und zum "Recht, verschieden zu sein", wie es in der UNESCO-Toleranzdeklaration von 1995 heisst, eine zentrale Rolle zukommt?
Übrigens wird der Tag, an dem diese Deklaration verabschiedet wurde, der 16. November, seither jährlich als "Tag der Toleranz" begangen, und ich meine, dass die heutige Diskussion ein würdiger Beitrag zur Erinnerung an dieses bevorstehende Datum ist.
Meine Damen und Herren, ich freue mich sehr, dass sich prominente Vertreter der Öffentlichkeit bereit erklärt haben, mit Studierenden und Dozierenden unseres Fachbereiches aus verschiedenen Ländern über diesen uns gegenwärtig bewegenden Themenbereich zu diskutieren. Ich begrüße ganz besonders Frau Landtagsabgeordnete Schleicher-Roth-mund, Herrn Bundestagsabgeordneten Dr. Geißler und Frau Wirges, zuständig und vollauf engagiert für die ausländischen Mitbürgerin-nen und Mitbürger im Landkreis Germersheim. Alle drei sind dafür berüchtigt, dass sie ohne Ein-schränkung durch tages- oder parteipolitische Zwänge offen für den kulturellen Pluralismus ein-treten.
Zugleich heisse ich den Vizepräsidenten unserer Universität, Herrn Prof. Dr. Preuß, unseren neu-en Landrat, Herrn Dr. Brechtel, und den uns seit vielen Jahren verbundenen und demnächst scheidenden Bürgermeister der Stadt Germersheim, Herrn Heiter, herzlich willkommen.
Bevor ich Herrn Landrat und Herrn Bürgermeister bitten möchte, ein kurzes Grußwort an Sie zu richten, um anschließend mit der Podiumsdiskussion beginnen zu können, darf ich auch noch Herrn Masha-yekh und Herrn Masali begrüßen, die uns heute Abend mit ihren Instrumenten vom Okzident in den Orient begleiten und musikalisch demonstrieren, wie alt und tief verwurzelt die Verbindungen zwischen diesen Kulturen sind. Es ist ihr erster Auftritt in Germersheim.
Meine Damen und Herren, lassen Sie mich die heutige Diskussion und gleichzeitig auch das 56. Wintersemester mit einer der ältesten und weisesten Maximen der chinesischen Diplomatie eröff-nen: qiu tong cun yi, was soviel bedeutet wie "Lasst uns unter Beibehaltung unserer Unterschiede nach Konsens streben".
Vielen Dank!

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