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Reden, Vorträge und Berichte


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Grußwort des Dekans an die neuen Studierenden
im WS 2001/02

Peter Kupfer

Germersheim, 22. Oktober 2001



Liebe Studierende,
zunächst ein herzliches Willkommen an alle, die in diesem neu beginnenden Semester mit dem Studium und damit auch mit einem neuen Lebensabschnitt an unserem Fachbereich beginnen!
Für Sie, die Sie größtenteils wohl zum ersten Mal den Fuß auf Germersheimer Boden setzten, wird in den kommenden Wochen vieles ungewohnt sein. Vielleicht mussten etliche von Ihnen, auch wenn Sie von benachbarten Bundesländern kommen, erst einmal auf der Landkarte suchen, wo Germersheim liegt und feststellen, dass es kein Vorort von Mainz und nicht mit dem ICE erreichbar ist. Vor allem auf diejenigen unter Ihnen, die aus ferneren Regionen, aus Großstädten oder aus anderen Ländern kommen, wird die erste Begegnung mit der Kleinstadt Germersheim und der teilweise in einer ehemaligen Festung aus dem 19. Jahrhundert untergebrachten Filiale der Universität Mainz recht befremdlich wirken. Zumal Sie vermutlich ja schon gehört haben, dass hier die weltweit größte Ausbildungsstätte für Übersetzer und Dolmetscher beheimatet und der Name Germersheim bei den einschlägigen Sprachendiensten rund um den Erdball keinesweg unbekannt ist.
Sie haben sich - möglicherweise noch nicht hundertprozentig - entschlossen, die nächsten vier, fünf oder auch sechs Jahre in Germersheim zu verbringen. Das hiesige Studentenleben, das nun auch ein Teil Ihres Lebens werden wird, hat wie an jedem anderen Studienort seine Vor- und Nachteile. Zuerst mal zu einem Nachteil bzw. zu dem, was man auf den ersten Blick so sehen mag: ein provinzielles Umfeld mit wenig akademischer und kultureller Attraktivität und Inspiration. Schlimmstenfalls mögen einzelne von Ihnen auf den Ortswechsel in die Pfalz, von der man in anderen Teilen Deutschlands oder im Ausland vielleicht etwas durch den früheren Bundeskanzler Kohl gehört hat, und auf die Konfrontation mit dem Pfälzischen als einer Art Fremdsprache mit einem Kulturschock reagieren.
Gleich zu Anfang möchte ich Ihnen aber raten, nehmen Sie, die Sie sich ja auf die Auseinandersetzung mit anderen Kulturen vorbereitet haben, die Chance wahr, Ihre Zeit hier in Germersheim optimal zu nutzen, in dem Sie die Vorzüge des Standortes auskundschaften und erkennen lernen.
Werfen Sie einen Blick auf die Statistik: Der FASK umfasst mit seinen über 2400 Studierenden mehr als 10% der rund 22.000 Bewohner Germersheims. Das bedeutet, dass die Stadt schon seit Jahrzehnten durch seine Studierenden und ebenso durch die Professorinnen und Professoren (zurzeit 16) sowie Dozentinnen und Dozenten (heute etwa 100), die teilweise auch hier wohnen, maßgeblich geprägt ist. Sie werden feststellen, dass die zahlreichen kulturellen Aktivitäten, das üppige Vereinsleben und die Kneipen in Germersheim den Vergleich mit anderen kleinen Universitätsstädten nicht zu scheuen braucht.
Zudem entwickelt sich Germersheim, nicht zuletzt auch wegen der Universität, zu einer international geprägten Stadt. Gegenwärtig gibt es wohl schon mehr als 20% ausländische Mitbürgerinnen und Mitbürger, wovon ein beachtlicher Teil, nämlich über 1000 Studierende aus 80 Ländern, also über 40% aller Studierenden, von unserem Fachbereich kommen. Ohne die Konfliktpotentiale so vieler auf engem Raum zusammenlebender Kulturen unter den Teppich kehren zu wollen, muss man doch die klaren Vorteile und Chancen anerkennen, die in dieser bemerkenswerten Internationalität und täglichen Begegnung mit Menschen verschiedendster Sprachen und Kulturkreise liegen.
Ich appelliere an Sie, diese Chancen gleich von Anbeginn in Ihrem Alltag inner- und außerhalb des Fachbereiches zu nutzen. Gemeinsames Lernen, Teamwork und die Bildung deutsch-ausländischer Tandems sind ein wichtiges und unverwechselbares Charakteristikum des Studienlebens in Germersheim, das wir in den nächsten Jahren noch weiter ausbauen werden, beispielsweise durch die Besetzung einer Professur für Interkulturelle Kommunikation und die schrittweise Ausweitung unseres Alumni-Systems, also eines weltweiten Netzwerks der ehemaligen Studierenden.
Darüber hinaus sollten Sie alle Gelegenheiten wahrnehmen, die die buchstäbliche Gastfreundschaft und herzliche Offenheit der Pfälzer "Urbevölkerung" bieten. Sie werden bald merken, dass Pfälzisch nicht so schwer zu verstehen ist wie Englisch, Französisch, Spanisch oder Russisch. Es ist nachzuvollziehen, wenn Sie zum Beginn Ihres Studiums bei Landsleuten, Freunden oder Schicksalsgenossen Halt suchen. Begreifen Sie allerdings auch, dass jegliche Ghettoisierung sowohl Ihrem Alltag als auch Ihrem Studium in Germersheim schadet! Sie werden recht schnell die unkomplizierten Wege zu guten persönlichen Kontakten inner- und ausserhalb des Fachbereiches als den größten Vorteil des Studienstandortes Germersheim schätzen lernen - übrigens auch noch nach Ihrem Studium und wahrscheinlich auch Ihr ganzes Leben lang. Für Anonymität wie bei einem Studium an einer Massenuniversität in einer Großstadt ist an unserem Fachbereich kein Platz. Hier ist es unvergleichlich leichter, sich gleich zum Studienbeginn richtig zu orientieren, seinen Professor, Dozenten, Fachschafts- oder AStA-Betreuer aufzusuchen, sich beraten zu lassen oder Freundschaften zu schließen, die manchmal auch zu späteren beruflichen oder sogar ehelichen Gemeinschaften führen. Man muss nur bereit dazu sein und mitmachen.
Die Erfahrung, dass eine Kleinstadt durch wenig äußere Ablenkung die Konzentration auf das Studium fördert, wurde und wird auch von manchen geschätzt. Nicht zu halten ist allerdings das Vorurteil zu weniger Kultur- und Freizeitangebote für diejenigen, die danach suchen. Erstens hat Germersheim selbst hier in den vergangenen Jahren gewaltige Anstrengungen in dieser Richtung unternommen. Zweitens bietet die gesamte Südpfalz das ganze Jahr über eine breite Palette von Veranstaltungen, von klassischer Musik und Theater über Kabarett, Popmusik, Jazz bis hin zu den unzähligen Weinfesten entlang der landschaftlich einmalig reizvollen Weinstraße. Auch die umliegenden Städte Karlsruhe, Mannheim, Ludwighafen, Speyer und Heidelberg mit allabendlichen Kulturprogrammen können Sie in derselben Zeit erreichen, die Sie etwa in Berlin oder München vom einen Stadtteil zum anderen brauchen. Planen Sie also zwischendurch Exkursionen in die Umgebung ein, und sei es einfach nur, um Land und Leute kennenzulernen. Sie werden Germersheim dann mit ganz anderen Augen betrachten.
Überhaupt heißt es immer, dass man in Germersheim Kultur selber macht. Dazu tragen die Studierenden in großem Umfang bei - durch zahlreiche Aktivitäten in den Bereichen Sport, Musik, Theater, Literatur, Film. Je früher Sie hier mitmachen, umso eher werden Sie sich in Germerheim zu Hause fühlen.
Ihr Einstieg in das hiesige Studium wird je nach den Voraussetzungen, Plänen und Erwartungen, die Sie mitbringen, recht unterschiedlich ausfallen. Vielleicht steht die oder der eine oder andere noch etwas ratlos vor der breiten Vielfalt von insgesamt 12 Sprachfächern mit dem zusätzlichen übergreifenden Lehrangebot in den fünf so genannten Ergänzungsfächern Informatik, Medizin, Recht, Technik und Wirtschaft und in Sprachwissenschaft und Interkultureller Kommunikation.
Erschwerend wirkt seit dem letzten Jahr die Studienreform, die eine "Individualisierung" durch eine verbesserte, flexible Schwerpunktsetzung des einzelnen Studierenden mit sich zieht. Er hat jetzt viel mehr Möglichkeiten als unter der alten Studienordnung, die einzelnen Studieneinheiten in Form so genannter "Module" nach persönlichen Neigungen und beruflichen Interessen zusammenzustellen. Dass dieses Unterfangen am Anfang noch einige Kopfschmerzen bereitet, liegt an der Natur der Sache. Aber seien Sie beruhigt: Auch die älteren Studierenden, ja sogar die meisten Lehrkräfte haben noch ihre Probleme bei der Interpretation und Umsetzung der neuen Studienordnung. In diesem Zusammenhang habe ich zweierlei Bitten an Sie:
1. Üben Sie sich in Geduld und versuchen Sie zunächst, anhand aller verfügbaren Informationen, das für Sie Brauchbare zusammenzustellen. Bereits in dieser und der nächsten Woche haben Sie ja Gelegenheit hierzu auf den Einführungsveranstaltungen. Eine ständige wichtige Informationsquelle ist nicht zuletzt die Homepage unseres Fachbereiches: "fask.uni-mainz.de".
2. Suchen Sie die für Sie zuständigen Studienberater und Fachschaftssprecher auf und lassen Sie sich ausführlich beraten. Nicht nur am Anfang, auch in den folgenden Semestern. Unsere Bestrebungen, die Studienberatung zu verbessern, führen nur zum Erfolg, wenn Sie sie in Anspruch nehmen und dabei konstruktiv mitwirken.
Die Modularisierung ist nur ein Baustein in einer umfassenden Reform, die alle deutschen Hochschulen erfasst hat und bei der wir gern an vorderster Front arbeiten. Aber jede Reform hat ihren Preis, und auch wenn Ihnen und uns dabei so manches Hindernis nicht erspart bleiben wird, so darf ich Ihnen doch versichern, dass alle unsere Reformbemühungen nur das eine große Ziel haben, nämlich Ihr Studium moderner, effizienter, berufsorientierter und international wettbewerbsfähiger als jemals bisher zu gestalten. In diesem Sinne wäre es ein Missverständnis, wenn Sie sich als Opfer irgendwelcher Neuerungen sähen. Wie glatt und erfolgreich die laufenden und noch vor uns liegenden Reformaufgaben zu realisieren sind, liegt auch zum großen Teil an Ihnen. Bitte nutzen Sie die vielfachen Mitgestaltungsmöglichkeiten, sei es in Kontakten mit Dozenten oder anderen Studierenden, sei es in der Arbeit in den Fachschaften, im Studierendenparlament und im AStA oder als studentische Vertreter in den Gremien des Fachbereiches. Auch dies ist übrigens eine Möglichkeit, sich für die im Übersetzer- und Dolmetscherberuf so dringend gefragte Team-Fähigkeit zu qualifizieren. Sollten Ihnen aus irgendwelchen Gründen einmal die Türen anderweitig verschlossen sein, dann scheuen Sie sich nicht, sich an mich zu wenden.
Vielleicht haben Sie sich schon fest entschieden, welchen der klassischen Studien- und Berufswege - Übersetzer oder Dolmetscher - Sie einschlagen wollen. Ein Rat für diejenigen, die in Bezug auf Ihr Ziel noch nicht so sicher sind: Wenn Sie nach ein, zwei, drei Semestern merken, dass weder diese Berufsprofile noch die Ausbildung am FASK Ihren Neigungen und Erwartungen entsprechen, verlieren Sie keine Zeit und gehen Sie möglichst bald an einen Ort, wo Sie das studieren können, was Sie eigentlich interessiert. Jahre in Germersheim zu verschwenden, um erst dann zu merken, dass ein Studium in BWL oder Informatik besser gewesen wäre, bringt Ihnen und uns nur Nachteile.
In allen Fächern steht am Anfang der Erwerb bzw. die Verbesserung der fremdsprachlichen Kompetenz. Dies gilt auch für die Schulsprachen, wo wir leider immer wieder die Erfahrung machen müssen, dass die bis zum Abitur erworbenen Kenntnisse oft nicht ausreichen, um eine solide Grundlage für das Übersetzer-/Dolmetscherstudium zu bilden. So sollten die ersten zwei Semester intensivst genutzt werden, um dieses Niveau zügig zu erreichen. Das setzt für alle Sprachen in der ersten Phase einen erheblichen Lernaufwand und auch die entsprechende Nutzung der vorlesungsfreien Zeiten voraus, die Sie bitte nicht als "Ferien" missinterpretieren. Wem diese tägliche Paukerei mit Vokabeln und Grammatikregeln zu anstrengend ist, sollte sich im eigenen und auch im Interesse des hiesigen Lehrbetriebes lieber beizeiten nach einem anderen Studium umsehen. Wir werden im Rahmen der Reformvorgaben künftig auch immer mehr auf die Qualität der Lehre und die Einhaltung der Regelstudienzeit von neun Semestern zu achten haben. Dass der Appell an eine harte Arbeitsdisziplin im Grundstudium voll berechtigt ist, zeigt auch unsere Statistik. Von 100 Studienanfängern bestehen nur etwa 50 die Vorprüfung, von diesen absolvieren durchschnittlich 45 die Diplomprüfung. Längerfristig wird sich auch unser Fachbereich der Frage stellen müssen, inwieweit er in der Ausbildung wirtschaftlich arbeitet.
Darüber hinaus gibt es eine Motto, das für alle unsere Studierenden, insbesondere aber für Studierende aus bestimmten Ländern gilt: No English, no job! Ohne einschlägige Englischkenntnisse kann heute niemand mehr auf dem internationalen Übersetzer- und Dolmetschermarkt bestehen. Es spielt dabei keine Rolle, dass Sie hier vielleicht Englisch gar nicht als Erst-, Zweit- oder Drittfach gewählt haben. Sie werden es auf alle Fälle in und nach Ihrem Studium brauchen. Falls Sie hierbei Lücken verspüren, bedeutet dies, dass Sie sich während der nächsten vier Semester verstärkt auch in die englische Sprache vertiefen müssen.
Als Binsenweisheit gilt bei uns, dass eine Sprache nur über die dahinter stehende Kultur wirklich zu verstehen ist und umgekehrt eine Kultur nur über die zu ihr gehörende Sprache. D.h. dass Sie sich ab der ersten Semesterwoche tagtäglich mit den Kulturen ihrer Wahl beschäftigen müssen, sich über die historischen und soziokulturellen Hintergründe und vor allem über die aktuellen Entwicklungen in allen Bereichen der Zielkulturen informieren. Innerhalb des viersemestrigen Grundstudiums sollte eine für das entsprechende Fach solide Allgemeinbildung erreicht werden, um sich darauf aufbauend im Hauptstudium Spezialwissen erarbeiten zu können. Da das kulturwissenschaftliche Lehrangebot am FASK naturgemäß nur einen Bruchteil des notwendigen Wissensstoffes vermitteln kann, muss das Allermeiste selbst erarbeitet werden - durch regelmäßiges, unermüdliches Lesen von Zeitungen und Büchern (Nutzen Sie die wertvollen Ressourcen unserer Bibliothek!), durch Reisen und Studienaufenthalte in den Zielländern usw. Mit einem Schmalspurstudium, das sich nur auf die sprachliche Ausbildung beschränkt, werden Sie hier nicht einmal bis zur Vorprüfung durchdringen. Auf dem Markt sind heute keine bloßen Experten für Portugiesisch, Polnisch, Arabisch oder Chinesisch gefragt, sondern hochkarätige Fachkräfte mit fundierten Kenntnissen zur Sprache und Kultur ihres Ziellandes sowie sprachmittlerischer und interkultureller Kompetenz.
Vergessen Sie jedoch bitte nicht: Wir können Ihnen im Rahmen des hiesigen Studiums nur die Startvoraussetzungen und Grundkompetenzen, das wissenschaftliche, methodische und berufspraktische Rüstzeug für den Einstieg ins Übersetzer- und Dolmetscherleben vermitteln. Alles Übrige liegt an Ihnen und erfordert vom ersten Semester an Ihre Eigeninitiative - eine Fähigkeit, die sie übrigens über Ihre Diplomprüfung hinaus kultivieren müssen. In kaum einem anderen Beruf sind Sie so sehr gefordert, das zu entfalten, was man heute als "lebenslanges Lernen" umschreibt. Erst wenn Ihnen bewusst wird, dass Sie mit dem Antritt Ihres Studiums in Germersheim gleichsam ein "Gelübde" zum lebenslangen Lernen ablegen, haben Sie Aussichten, sich zu einem gefragten Experten zwischen den Kulturen zu entwickeln.
Über wichtige anstehende Termine können Sie in den nächsten Stunden und Tagen im Rahmen der Einführungveranstaltungen und auch über die Website erfahren. Ich möchte Sie abschließend nur noch auf die Eröffnung des 56. Semesters des FASK aufmerksam machen, die in diesem Jahr anlässlich der Ereignisse des 11. September als Podiumsdiskussion mit dem Bundestagsabgeordneten Dr. Heiner Geißler und der Landtagsabgeordneten Barbara Schleicher-Rothmund sowie Studierenden und Dozentinnen und Dozenten gestaltet ist. Sie findet statt am Mittwoch, dem 7. November, um 19 Uhr, hier im Audimax unter dem Thema "Konflikt und Toleranz - Was geht das Übersetzer und Dolmetscher an?". Ich würde mich über Ihre zahlreiche Teilnahme sehr freuen.
Zum Schluss bleibt mir nur, Ihnen einen möglichst reibungslosen Einstieg ins Studium und ein erfolgreiches erstes Semester zu wünschen!


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