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Reden, Vorträge und Berichte


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Rede zur Trauerfeier für Univ.-Prof. Dr. Gustav H. Blanke


Germersheim, 1. Oktober 2001


Univ.-Prof. Dr. Peter Kupfer, Dekan des FASK



Sehr verehrte Frau Blanke,
sehr geehrte Angehörige, liebe Trauergäste,
im Namen des Fachbereiches Angewandte Sprach- und Kulturwissenschaft möchte ich Ihnen, Frau Blanke, sowie der Familie und den Angehörigen meine tiefe Anteilnahme und die des Kolle-giums übermitteln.
Es fällt mir in zweierlei Hinsicht schwer, Worte zum Wirken und zur Bedeutung eines Mannes zu finden, dessen Name so untrennbar mit der Geschichte des ADI, des FAS, des FASK und auch der Stadt Germersheim verbunden ist. Zum einen war es mir nicht mehr vergönnt, Prof. Blanke als Kollegen während seiner Dienstzeit am damaligen FAS kennenzulernen. Es trennte uns gerade ein Jahr voneinander: Seine Emeritierung erfolgte 1979, meine Ankunft in Germersheim 1980, als das Fach Chinesisch neu eingerichtet wurde. Abgesehen von der zeitlichen Distanz von einer Genera-tion liegen auch große Entfernungen in der fachlich-geografischen Orientierung zwischen uns. Es wäre für mich als Sinologen nicht angebracht, ja vermessen, die Verdienste eines der bedeutend-sten deutschen Amerikanisten in der gebührenden Form zu beurteilen und zu würdigen. Es gelang mir erst in diesem Jahr, Amerika zu bereisen. Die Kulturregion, die mich seit langem fasziniert, die ich jährlich aufsuche und die mein wissenschaftliches Leben zutiefst geprägt hat, liegt genau ent-gegengesetzt in der östlichen Hemisphäre.
Nun ist es aber andererseits gerade der Umstand, dass jemand sich mit nie endender Neugier einer anderen, fernen Kultur zuwendet - die USA waren ja in den 30er und 40er Jahren kaum weniger "exotisch" als heute China - , dieser Kultur soviel Faszination entlocken kann und sich bis an sein Lebensende davon mit zunehmender Passion fesseln und erfüllen lässt, was mir den Wissen-schaftler und Lehrer Gustav H. Blanke so nahe bringt und vertraut erscheinen lässt. Diese Art von "Sympathie" (im ursprünglichsten Sinn des Begriffes) in der gleichermaßen empfundenen Faszi-nation an den Kulturen der Welt und deren Erschließung über die Sprachen ist ja auch der allen Mitwirkenden gemeinsame Impetus, der unseren Fachbereich bereits seit über fünf Jahrzehnten gedeihen lässt.
Meine anfangs flüchtigen Begegnungen mit Prof. Blanke, der auch nach seiner Emeritierung häu-fig in den Fluren des Fachbereiches, bei Neujahrsempfängen und sonstigen feierlichen Anlässen - ja sogar noch mit mehreren eigenen Vorträgen - präsent war, haben in mir das Bild einer ein-drucksvollen Persönlichkeit gefestigt. Nach und nach erfuhr ich, wie außergewöhnlich seine Bio-grafie war und welche Verdienste ihm der Fachbereich zu verdanken hat.
Nicht nur die Tatsache, dass er entgegen den damaligen Zeittrend und als ob er es geahnt hätte, was über Europa hereinbrechen würde, nach der Abgabe seiner germanistischen Dissertation 1938 Hals über Kopf in die Vereinigten Staaten reiste, um sich ganz den Amerikastudien hinzugeben, auch die nachfolgenden, für so viele seiner Generation - sofern sie überhaupt überlebten - verlo-renen Jahre brachten ihn in schicksalhafter Weise den Zielen seiner Neigungen näher: der Einsatz als Dolmetscher in der Wehrmacht, von deren Dienst er nicht verschont wurde, und die Kriegsge-fangenschaft nach dem Afrikafeldzug, die ihn ausgerechnet in das Land seiner Träume verschlug. Auch direkt nach dem Krieg schien der Werdegang von Gustav H. Blanke vorgeprägt. Die Zeit zwischen 1945 bis 1967 nutzte er an der Universität Münster und in Forschungsaufenthalten in den USA intensiv für die wissenschaftliche Aufbauarbeit in dem Bereich, der sich später als Ame-rikanistik durchgesetzt hat, damals aber wohl noch unter dem Begriff "Amerikastudien" als ein wenig geschätztes Anhängsel der Anglistik galt. Bereits in Kriegszeiten begann seine unermüdliche Publikationstätigkeit, die bis zu seinem Tod ohne Unterbrechung anhalten sollte. Die in den 50er und frühen 60er Jahren geschriebenen drei Werke, einschließlich seiner Habilitation, sind heute, wenn ich das richtig einschätze, als Klassiker der sich damals emanzipierenden Amerikanistik in Deutschland zu verstehen.
Eine Glücksstunde für Germersheim war das Jahr 1967, als der inzwischen nicht mehr sehr junge, aber überaus ambitionierte Gelehrte den Ruf an das damalige Ausländer- und Dolmetscherinstitut erhielt. Im Sommersemester 1968 begann er hier mit seiner Lehrtätigkeit als Inhaber des "Lehr-stuhls für Anglistik-Amerikanistik". Schon bald gelang es ihm, diese Bindestrich-Relation aufzu-brechen, die Amerikanistik als selbständige Studienspezialisierung zu profilieren und fachliche wie curriculare Voraussetzungen für das spätere "IAA" - "Institut für Anglistik und Amerikanistik" zu schaffen.
Auf den ersten Blick erscheint die aktive, der Lehre gewidmete Phase von Gustav H. Blanke zeit-lich recht beschränkt: Gerade einmal 11 Jahre, von 1968 bis 1979. Aber zumindest die älteren Kollegen und Germersheimer wissen, dass dies entscheidende Jahre mit folgenreichen Weichen-stellungen für unseren Fachbereich waren.
Als Direktor des Englischen Seminars des ADI, das damals als größtes bereits die Mehrzahl der Studierenden zu versorgen hatte, war Prof. Blanke einer derjenigen, die sich für eine umfassende Reform des Übersetzer- und Dolmetscherstudiums einsetzten. In der Folge dieser Bemühungen wurde das Studium von sechs auf acht Semester aufgestockt und erreichte damit die Anerkennung als vollwertiges Universitätsstudium. Sanktioniert wurde dieser wichtige Schritt zudem durch die ebenfalls mit seiner Unterstützung durchgesetzte Erteilung des Promotionsrechts.
Die manchmal noch stiefmütterlich behandelte sogenannte "Auslandskunde" oder "Landeskunde" wurde als unverzichtbarer, integraler Bestandteil der Übersetzer- und Dolmetscherausbildung auf-gewertet und damit Gegenstand weitreichender wissenschaftlicher Aktivitäten, die sich seither un-ter den neueren Bezeichnungen "kultur---wissen-schaftliche Auslandsstudien", "Kulturwissenschaft" und "Inter-kulturelle Kommunikation" in immer breiterem Umfang entfalten. Dies wird auch erkennbar in der äußerlichen Transformation vom "ADI" als reine "Sprachen-schule", wie sie im Germersheimer Volksmund noch nachwirkt, zum "Fachbereich Angewandte Sprachwissenschaft" bis zum heutigen "Fachbereich Angewandte Sprach- und Kulturwissenschaft". Über sein eigenes Fachgebiet hinaus hat Blanke hierbei, auch lange nach seiner Emeritierung noch, mit entscheidenden Impulsen beigetragen.
Mit großem Weitblick und aus eigener Praxiserfahrung sah er zu Beginn seiner Lehrtätigkeit in Germersheim bereits die Notwendigkeit einer Verwissenschaftlichung der sprachmittlerischen Ausbildung. Der enge Zusammenhang zwischen Sprache einerseits und Kultur, Politik, Gesell-schaft andererseits zieht sich wie ein roter Faden durch seine Werke und stand auch im Mittel-punkt seiner Arbeit in Germersheim. Was wir heute ganz selbstverständlich an sprach- und über-setzungswissenschaftlichem Lehrangebot in allen Fächern integriert haben, musste in jener Zeit erst noch die systematischen Grundlagen finden. Schon sehr früh appellierte Blanke deshalb für eine Zusammenarbeit mit der CIUTI, dem weltweiten Verband der Übersetzer und Dolmetscher ausbildenden Hochschulen, in dem der FASK heute eine wichtige Rolle spielt.
Prof. Blanke ist seinem Hauptinteresse an den Schnittstellen zwischen linguistischen und sozio-kulturellen Fragestellungen bis zum Schluss treu geblieben. Er war dabei kein abgehobener Theo-retiker, sondern war schon damals bemüht, die lebendige Verbindung von Forschung und Lehre zu propagieren und selbst in der Übersetzer- und Dolmetscherausbildung umzusetzen. Mög-licherweise ist aus seiner intensiven Beschäftigung mit dem amerikanischen Sendungsbewusstsein ein eigenes didaktisches Sendungsbewusstsein erwachsen, das sich nicht nur in seiner universitären Lehrtätigkeit niederschlug, sondern auch in einer Reihe von Presseveröffentlichungen, manche als direkte Ansprache an die regionale Bevölkerung in der RHEINPFALZ abgedruckt. Er wirkte dabei nie belehrend, sondern vermittelte oft in unterhaltsamem Ton seine wertvollen Einsichten in ame-rikanische Traditionen, Werte und Denkmuster, ohne dabei an Kritik zu sparen.
Blankes ausgeprägte didaktische Ader, seine Zugänglichkeit und seine Sorge um die Belange einer wachsenden Zahl von Studierenden machten ihn zu einem geschätzten Kollegen und Lehrer, der allerdings stets hohe Anforderungen an die Ausbildung stellte. Im Rahmen seines auch nach der Emeritierung anhaltenden Interesses an den Geschicken des Fachbereiches und speziell der Ameri-kanistik gründete er 1999 die nach ihm benannte Stiftung zur Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses.
Die bis heute nachwirkenden Beiträge zur Reform des Curriculums und der Studieninhalte gingen einher mit Blankes kompromisslosem Eintreten für die Beibehaltung des ADI als organisatorische Einheit der Universität Mainz. Die Umsetzung eines der zu jener Zeit auf höchster Ebene disku-tierten Alternativmodelle wäre verhängnisvoll für das weitere Schicksal der Institution und ihre damals noch nicht einmal 1000 Studierenden, aber auch für Germersheim gewesen, das sich dann heute vielleicht nicht als Universitätsstadt präsentieren könnte. So ist es maßgeblich auch Blankes Verdienst, dass der Ableger ADI 1972 in einen regulären Fachbereich der Universität Mainz um-gewandelt wurde und damit der Name Germersheim als Markenzeichen für eine sowohl wissen-schaftlich anspruchsvolle als auch professionelle Übersetzer- und Dolmetscherausbildung im In- und Ausland zum Begriff wurde.
Wie bereits dargelegt, waren die wenigen Dienstjahre Blankes eine Zeit des Umbruchs, der Re-formen und der wiederholten grundsätzlichen Frage, wie es mit dem ADI bzw. dem Fachbereich weitergehen soll. Zum Teil heftige Konflikte waren dabei unvermeidlich - auch die 68er Stürme konnten schließlich nicht spurlos an Germersheim vorübergehen. Der sensible Mensch Blanke blieb davon nicht verschont und hat in diesen Jahren einen Teil seiner Gesundheit opfern müssen.
Sein unermüdliches Engagement für die Entwicklung eines deutsch-amerikanischen Beziehungs-netzes über die Universitätsgrenze hinaus, unter anderem durch die Mitbegründung der Deutschen Gesellschaft für Amerikastudien 1953 und durch zahlreiche Vorträge, USA-Reisen, wissenschaft-liche Publikationen und Presseartikel, wurde bereits mehrmals in Wort und Schrift gewürdigt, ins-besondere anlässlich seines 75. und 80. Geburtstages, der jeweils mit großen Ehrungen in seiner Wahlheimat Germersheim begangen wurde.
Gustav H. Blankes Leben war ein bewegtes, rastloses, stets von Engagement und Faszination für die Sache geprägtes Leben, auf das er auch auf dem Krankenlager bis zum endgültigen Abschied nicht verzichten wollte. Es war gleichwohl ein abgerundetes und erfülltes Leben, in dem viele Er-folge und Ziele erreicht wurden, wie es den meisten Wissenschaftlern nicht in diesem Umfang vergönnt ist. Mir persönlich und, ich glaube, auch der jetzigen und der künftigen Generation von Kolleginnen und Kollegen sowie von Studierenden am ganzen FASK wird Prof. Dr. Gustav H. Blanke als Vorbild in Erinnerung bleiben.
Auch als Amerikanist wird sein Schaffen sowohl in der wissenschaftlichen Nachwelt als auch in der politischen Öffentlichkeit noch lange wirken. Manche seiner schon vor Jahren geäußerten Standpunkte scheinen heute wieder aktuell zu sein, ja muten fast prophetisch an. Ich erinnere an einen seiner RHEINPFALZ-Artikel von 1980, der betitelt war mit "Ideale der Gründer bestimmen noch immer Amerikas Politik: Nach Afghanistan besinnen sich die USA auf Ihre Traditionen". Vielleicht ist es Fügung, dass Gustav H. Blanke uns gerade jetzt nach den niederschmetternden Ereignissen in den USA verlassen hat, um uns ein wissenschaftliches Vermächtnis zurückzulassen, mit dem wir uns möglicherweise in nächster Zukunft noch intensiv auseinanderzusetzen haben.
Wir werden den Kollegen und Freund Gustav H. Blanke nicht vergessen!




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