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Reden, Vorträge und Berichte


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Rede von Herrn Kristmannsson anläßlich der Absolventenfeier am 22.11.02



Meine Damen und Herren,

Germersheim, ein Ort des Jammers, nicht wahr? Ich kam hier vor zehn Jahren an und hatte nicht vor zu bleiben, nicht lange auf jeden Fall. Aber es kam, so wie es mit Doktorandenplänen kommt, drei Jahre wurden zu fünf und fünf zu acht, dann endlich bin ich abgehauen, ein paar Minuten nach dem ich meine Arbeit eingereicht hatte. Viele von uns kommen hier an (oder auch nicht) und bleiben länger, als sie geplant hatten, auch wenn wir ständig über den Ort jammern und die Umstände und so weiter. Das hat aber nicht alles mit den Umständen oder der eigenen Faulheit zu tun, glaube ich. Wir finden hier, trotz allem, etwas Besonderes, etwas was wir nicht an anderen Unis finden könnten.

Das Global Village FASK in Germersheim ist nämlich eine Besonderheit, die viele Gelegenheiten bietet, etwas mehr als ein Diplom oder einen Doktortitel zu erwerben. Wir wissen es ja alle, aber wissen wir es zu schätzen? Schon, ungefähr drei Tage, nachdem wir von dort weggezogen sind und wieder mit unseren eigenen Inländern zu tun haben. Dann bekommt Germersheim in der Erinnerung schon idyllische Züge, was natürlich auch eine Lüge (entschuldigen Sie den Reim) ist.

Meine persönliche Erinnerungen drehen sich natürlich um die Menschen aus aller Welt, die ich kennen gelernt habe, mit denen ich zusammengearbeitet habe, KommilitonInnen, Theaterfreunde, Kollegen, Mitarbeiter und natürlich meine Familie, die sich hier im Kreiskrankenhaus Germersheim verdoppelt hat. Ich will Sie aber nicht mit ausgedehnten Erzählungen über das Ganze langweilen, ein paar einzelne Momente müssen genügen; es gab natürlich die unverzichtbaren Mensa Discos, wobei ich die praktische Übersetzeraufgabe bekam, für meinen blinden Freund die weibliche Körperwelt in Worte zu fassen; im Theater gab es wichtige ästhetische Diskussionen, zum Beispiel wollten die Mädels, die im Stück Lysistrata spielten, die Phalluse für die männlichen Darsteller selbst gestalten und ich kann Ihnen sagen, dass deren Vorstellungen ziemlich realitätsfern waren. Toll fand ich auch die arabischen Jungs, die in meiner Sprechstunde auftauchten und mit mir über die Arbeitsanforderungen in meinem Proseminar diskutieren wollten. "Sie verlangen aber viel", sagten sie und erwarteten ein Gegenangebot, zum Beispiel ein Buch weniger zu lesen, oder eine paar Seiten kürzere Arbeit zu schreiben. Ein wenig verblüfft war ich damals schon, aber jetzt weiß ich, dass man in anderen Kulturen eben anders handelt und immerhin lernen wir hier doch, dass Texte ein Informationsangebot sind! Warum sollte man also nicht über die Textsorte Kursbeschreibung verhandeln dürfen?

Ich habe natürlich auch versucht meine eigene Kultur zu präsentieren. Bei diesen Versuchen habe ich erfahren, dass es sogar hier mit der Völkerverständigung nicht immer so ganz klappt. Zum Beispiel, wenn ich die kulinarischen Spezialitäten meines Landes angeboten habe, gingen die Leute hochnäsig weg, oder eher schlussnäsig, denn sie behaupteten, dass die zarte und geruchsintensive Spezialität meines Landes, eingegrabener Haifisch, ebenso erschreckend riecht, wie es schmeckt. Schade eigentlich, immer wenn wir versuchen den Leuten zu gefallen, fällt denen ein, dass sie etwas anderes zu tun haben. Dabei könnte es die einzige Chance für sie sein, etwas Besonderes zu erleben, denn wir sind ja nicht viele da oben und wir bieten unsere Spezialitäten nicht jeden Tag an. Dafür riechen sie wirklich zu intensiv.

Ja, das Leben ist hart und nun doch ein wenig zurück zum Ernst des Lebens, oder besser, zur Textsorte feierliche, aber, Gott (oder mir) sei Dank, nur noch kurze Ansprache. Wir sind hier zusammengekommen, als qualifizierte Übersetzer unsere Diplome oder Doktortitel feierlich entgegenzunehmen. Das ist gut und schön und bestätigt auch, dass wir für was taugen, was in der Gesellschaft leider oft nicht so gesehen wird. Immer noch müssen wir damit rechnen, dass unsere Tätigkeit in Frage gestellt wird. Zwar ist es stiller um die Träume von rein maschinellem Übersetzen geworden und unser Können wird im Zeitalter der Globalisierung immer mehr gefragt. Trotzdem müssen wir uns oft altbackene Vorurteile anhören. Wir müssen deshalb, glaube ich, weiter an unseren Berufsprofilen arbeiten, uns bewusst und selbstbewusster präsentieren. Wir sollten unsere globalen Netzwerke einsetzen, um das Bild des Übersetzers, der Dolmetscherin als Kulturexperten darzustellen. Wir hören viel davon hier, aber es ist wichtiger das dort draußen klarzustellen.

Die Jahre in Germersheim haben uns das Zeug dazu gegeben, sowohl durch das Studium als auch durch den Umgang mit Menschen aus all den Kulturen, die wir hier antreffen. Wir haben schon lange die ersehnte Internationalität, die sich so mancher Fachbereich in Deutschland und anderswo wünscht. Wir sollten nicht einfach heimgehen und es vergessen. Dann wären unsere Papiere heute viel weniger wert als sie es tatsächlich sind.

Fotos von der Absolventenfeier am 22.11.2002

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