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Die Mühen der Ebenen

Gruß zur Antrittsvorlesung von Universitätsprofessor Dr. Peter Kupfer in Mainz am 26. November 1998

Andreas F. Kelletat

Die Berufung eines neuen Kollegen oder einer neuen Kollegin auf eine Professur am Fachbereich Angewandte Sprach- und Kulturwissenschaft in Germersheim ist fast regelmäßig von Grundsatzdiskussionen begleitet darüber, worin sich Forschung und Lehre einer Professur in den Germersheimer Studiengängen Übersetzen und Dolmetschen von scheinbar analogen philologischen Professuren auf dem Mainzer Campus oder an anderen Universitäten unterscheiden müßten. Was soll ein Anglist, Romanist, Gräzist oder Slavist in Germersheim anders machen, was soll er bitteschön anderes mitbringen als ein Anglist, Romanist, Gräzist oder Slavist hier auf dem Mainzer Campus in den Fachbereichen 13, 14 und 15?

Die Frage ist im Prinzip sehr leicht zu beantworten: Er soll die Voraussetzungen mitbringen, die für die universitäre Ausbildung künftiger Übersetzer und Dolmetscher wichtig sind. Die Frage ist im Einzelfall aber durchaus verzwackt: Was sind denn solche Voraussetzungen? Soll der künftige Stelleninhaber selber praktizierender Fachtextübersetzer oder gar professioneller Konferenzdolmetscher sein? Dann wird ihm die nötige wissenschaftliche Qualifikation fehlen und im Falle des Konferenzdolmetschers wahrscheinlich auch der finanzielle Anreiz, sich auf eine Professorenstelle zu bewerben... Aber worin könnte er dann liegen, der Unterschied in den mitzubringenden Voraussetzungen?

Im Falle des Chinesischen fällt die Antwort leicht: Der Inhaber der Germersheimer Professur für Chinesische Sprache und Kultur muß alles anders machen und vieles andere können als ein “traditioneller” Sinologe. Ein solcher “traditioneller” Sinologe nämlich - entschuldigen Sie meine Verallgemeinerung! - kann das heutige Chinesische weder sprechen noch verstehen und er interessiert sich zudem in Forschung und Lehre nicht sonderlich für das, was heute in China geschieht. Er widmet sich dem wahrhaft weiten Feld der klassischen und vormodernen Schriftsprache sowie der Literatur- und Kulturgeschichte Chinas - in dem Bewußtsein, ein hochinteressantes Spezialwissen zu erwerben und weiterzuvermitteln, für das irgendeine praktische Verwendung außerhalb des Elfenbeinturms freilich kaum existiert. Das kann für die Studierenden der Sinologie eine gewiß spannende Sache sein, aber es ergibt kein sinnvolles Rüstzeug für einen Universitätsabsolventen, der als Fachübersetzer oder Dolmetscher für das Sprachenpaar Deutsch-Chinesisch ein Fortkommen sucht.

Für einen solchen Absolventen zählt an allererster Stelle, ob ihm seine Universität das Lesen, Verstehen, Sprechen und Schreiben des heutigen Chinesischen beigebracht hat - also genau das, worauf die traditionelle Sinologie eher verzichtet, wohl verzichten muß. Lassen Sie mich eine plumpe Analogie ziehen: Stellen Sie sich vor, wir würden jungen Ausländern, die sich für die Sprache, Kultur, Gesellschaft, Politik und das Wirtschaftsleben der Bundesrepublik interessieren, ein Studienprogramm Germanistik anbieten, das ausschließlich die Beschäftigung mit dem Gotischen, dem Altsächsischen und dem Mittelhochdeutschen vorsähe - diese jungen ausländischen Deutschland-Interessenten kämen sich wohl etwas verschaukelt vor...

Ähnlich sehe ich es - bei aller eingestandenen Unkenntnis der Materie - im Falle der klassischen Sinologie und dem Fach Chinesisch, wie es in Germersheim seit dem Wintersemester 1980/81 entwickelt worden ist. In der ehemaligen Bundesrepublik war Germersheim hier Vorreiter. In der DDR hatte es - natürlich aufgrund der weltpolitischen Konstellation - schon seit den 50er Jahren eine Hinwendung zu einer gegenwartsbezogenen China-orientierten Regionalwissenschaft gegeben. Wie überhaupt regionalwissenschaftlich-interdisziplinäre Studiengänge in der DDR weit verbreitet waren - ich denke z.B. an die Greifswalder Nordeuropa-Wissenschaften - sie sind weitgehend abgewickelt, ersetzt durch traditionell philologische. Das wird die deutsche Wissenschaftsgeschichte eines Tages als markanten Rückschritt verbuchen, vermute ich.

Daß der Aufbau einer modernen Chinawissenschaft in Germersheim trotz vieler Hindernisse und mancher Rückschläge gelingen konnte, hat m.E. zwei Ursachen: Zum einen gab es auf dem Mainzer Campus keine etablierte Sinologie, so daß nicht die Versuchung bestand, von dieser Philologie eine Doublette in Germersheim einzurichten. Zum anderen hat der Fachbereich mit Dr. Peter Kupfer bei Etablierung des Faches Chinesisch Anfang der 80er Jahre einen Mitarbeiter gewonnen, der schon früh eine sehr klare Vorstellung entwickelt hat, wie ein akademisches Chinesisch-Studium aussehen müßte, das zu einem Verstehen des heutigen China führen könnte. Dies machte ihn zu einem Pionier im Bereich der gegenwartsbezogenen deutsch-chinesischen interkulturellen Kommunikation und zu einem Außenseiter in der historisch-philologisch und geisteswissenschaftlich dominierten deutschen Sinologie. Er mag sich - nicht erst seit seiner Trierer Habilitation von 1990 - mehr als einmal die Frage gestellt haben, ob er sich mit seinen resistent auf Gegenwart und Gegenwärtiges, auf Didaktisches, Grammatisches und Sprachpraktisches ausgerichteten Forschungsinteressen nicht schlicht ins akademische Abseits manövriert hat. In solch dunkleren Lebensmomenten mag ihn die altchinesische Wahrheit getröstet haben, nach der nur tote Fische mit dem Strom schwimmen...

Wie dem auch sei: Der zielstrebige und systematische Aufbau des Faches Chinesisch im Rahmen der Übersetzer- und Dolmetscherausbildung der Johannes Gutenberg-Universität ist auf Dauer mit dem Namen und mit den Leistungen Peter Kupfers verknüpft. Er hatte stets genau im Blick, was in Deutschland und in China von einem China-Experten erwartet wird. Und er hat daraus ein stringentes Konzept entwickelt, wie solchen Erwartungen der Berufswelt durch einen universitären Übersetzer-Studiengang entsprochen werden könnte. Er überblickt weltweit die Bemühungen um die Etablierung des Faches “Chinesisch als Fremdsprache” und er hat zu dessen Weiterentwicklung durch seine Dissertation und seine Habilitation grundlegend beigetragen. Er hat damit zugleich demonstriert, daß auch philologische Grundlagenforschung praktische Relevanz haben kann.

Eigenständige Profilbildung - für das Fach Chinesisch dürfte das am Fachbereich Angewandte Sprach- und Kulturwissenschaft gelungen sein. Im Rahmen seiner Berufung auf die Germersheimer Professur hat Peter Kupfer weitere bemerkenswerte Akzente gesetzt - ich nenne nur die Stichworte: Anhebung des Sprachniveaus vor Aufnahme des Fachstudiums, Entwicklung von Lehrveranstaltungen auch für das Dolmetschen Chinesisch-Deutsch, Intensivierung der Kontakte zu Universitäten in China, Durchführung von Weiterbildungsveranstaltungen, Gewinnung des neuen Mitarbeiters Dr. Kautz - dem herausragenden Dolmetschexperten für das Chinesische und zugleich kompetenten literarischen Übersetzer chinesischer Gegenwartsliteratur. Die eben vom FB 23 verabschiedete Studienreform wird dank der damit gewonnenen größeren Flexibilität bei der Studiengestaltung zu einer weiteren Intensivierung und Profilierung des Chinesisch-Studiums beitragen.

Die Johannes Gutenberg-Universität hat die große Chance, im Bereich kultureller, wirtschaftlicher, politischer und wissenschaftlicher Kontakte zwischen Deutschland und China eine beachtenswerte Rolle einzunehmen, dank der klaren Gegenwartsorientierung der Germersheimer China-Studien. Diese Chance würde allerdings mit einem Schlag vertan, wenn die bisher ins Gespräch gebrachten Personalbemessungskonzept-Zahlen ernsthaft auf ein Fach wie das Chinesische heruntergerechnet werden müßten. Statt wie bisher mit 4 Stellen hätte das Fach mit maximal 2 Stellen zurandezukommen. Man kann aber jungen Leuten die aktive Beherrschung der chinesischen Rede und Schrift sowie halbwegs solide Vertrautheit mit China nicht mit jenem Lehrdeputat vermitteln, das der blinde Schematismus des PBK dafür vorsieht. Und umgekehrt wäre es völlig verantwortungslos, so viele Studierende in den Studiengang Chinesisch zu locken, wie man sie für angemessene PBK-Werte eigentlich brauchte. Aus diesem Dilemma muß unsere Universität einen Ausweg finden! Ich bin überzeugt: Sie wird ihn finden. Sie wird nicht jedes sog. kleine Fach mit dem Rechenschieber plattrechnen.

Ein letzter Hinweis: Einmalig ist in Germersheim gewiß auch, daß die deutschen Studierenden des Faches Chinesisch in täglichem Kontakt mit den gut 60 Studierenden aus China stehen, die sich im Rahmen des Übersetzer-Studienganges mit der deutschen Sprache und Gegenwartskultur vertraut machen. Auch solches lebendiges deutsch-chinesisches Miteinander gibt es an den traditionsreichen sinologischen Instituten in Deutschland sonst nicht. Das Chinesische ist am Fachbereich Angewandte Sprach- und Kulturwissenschaft keine sog. Orchideenwissenschaft - falls das ohnehin nicht nur ein Euphemismus für die notorische Unterausstattung eines Faches ist. Ein weiterer sinologischer Elfenbeinturm wurde an der Johannes Gutenberg-Universität jedenfalls nicht errichtet, aber die Mühen der Ebenen, die gibt es auch bei uns...

Ich wünsche - in Ihrer aller Namen - Professor Peter Kupfer Kraft und Erfolg und Fortune beim Durchmessen dieser Ebenen, in seinem neuen Amt!