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Handwerk, Mundwerk, Kopfwerk
Zur Studienreform am Fachbereich Angewandte Sprach- und Kulturwissenschaft

(Ansprache zum Beginn des 53. Wintersemesters am 3. November 1998)

Andreas F. Kelletat

Das im Mai 1995 vom rheinland-pfälzischen Landtag erlassene Universitätsgesetz legt in seinem § 16 fest, daß wir uns kontinuierlich um die sog. Studienreform zu kümmern haben. ”Die Hochschulen,” heißt es dort, ”haben die ständige Aufgabe […] Inhalte und Formen des Studiums im Hinblick auf die Entwicklungen in Wissenschaft und Kunst, die Bedürfnisse der beruflichen Praxis und die notwendigen Veränderungen in der Berufswelt zu überprüfen und weiterzuentwickeln. Die Studienreform soll,” sagt das Gesetz weiter, ”gewährleisten, daß

1. die Studieninhalte im Hinblick auf Veränderungen in der Berufswelt den Studierenden breite berufliche Entwicklungsmöglichkeiten eröffnen,

2. die Formen der Lehre und des Studiums den methodischen und didaktischen Erkenntnissen entsprechen,

3. die Studierenden befähigt werden, Studieninhalte wissenschaftlich selbständig zu erarbeiten und deren Bezug zur Praxis zu erkennen […]

4. die Studieninhalte so ausgewählt werden, daß die […] Regelstudienzeit eingehalten werden kann.”

Ferner legt der § 16 unseres Universitätsgesetzes fest, daß die Hochschulen ”regelmäßig öffentlich über Lehre und Studium an der Hochschule (berichten)”. U.a. der Herstellung solcher vom Gesetzgeber geforderten Öffentlichkeit dient auch die heutige Veranstaltung. Ich möchte mich dabei auf einen Aspekt beschränken, nämlich auf einen Bericht darüber, welche Vorstellungen zum Thema Studienreform in den vergangenen Jahren an unserem Fachbereich entwickelt worden sind. Foren der Diskussion unserer Studienreform waren hier in Germersheim mehrere internationale Konferenzen zum Thema ”Übersetzerische Kompetenz”, ferner die Fachgruppen, der Fachausschuss Studium und Lehre und natürlich der Fachbereichsrat als unserem wichtigsten Beschlußgremium. Dort wurden auf Sitzungen im Februar und Juli 1996, also vor 2 ½ Jahren, die Leitlinien unserer Studienreform verabschiedet. Und diese Leitlinien wurden - unter Federführung von Professor Stoll - inzwischen in juristisch hoffentlich halbwegs korrekte Form umgesetzt. Bei zügiger weiterer Behandlung könnten neue Prüfungs- und Studienordnungen in ein bis zwei Jahren in Kraft treten, was freilich nicht nur von unserem Fachbereichs abhängt. Sehr engagiert und kompetent beteiligt haben sich an den Überlegungen zur Studienreform auch die Studierenden des Fachbereichs, worüber ich sehr froh bin, denn das ist an deutschen Universitäten ja keine Selbstverständlichkeit.

Hält man sich an Wortlaut und Geist des § 16 des Universitätsgesetzes, so hat sich die Studienreform u.a. an der Berufswelt, an der beruflichen Praxis unserer Absolventen zu orientieren. Es bietet sich freilich die Möglichkeit zu sagen, daß wir ja gar nicht wissen, in welche Berufe die Studierenden denn später gehen werden - so daß wir die Studieninhalte und die Struktur des Studiums auch gar nicht an einem bestimmten Beruf ausrichten können. Stützen kann sich solche Laisser-faire-Position auf Erhebungen, nach denen 50% unserer Absolventen keine Übersetzer oder Dolmetscher werden...

Aus genau diesen Erhebungen ergibt sich andererseits, daß 50 % der Absolventen eben Übersetzer und Dolmetscher werden. Und da in Germersheim nur Studiengänge für Diplomübersetzen und Diplomdolmetschen angeboten werden, ist es m.E. zwingend, daß wir bei unseren Reformüberlegungen von diesen Berufsgruppen bzw. Tätigkeitsfeldern ausgehen - aber bei unserer Lehre darauf achten, daß sich den Absolventen insgesamt - wie das Gesetz es ja auch wünscht - ”breite berufliche Entwicklungsmöglichkeiten eröffnen” - auch abseits der Übersetzer- und Dolmetscher-Profession. Und das sollten dann wohl Entwicklungsmöglichkeiten sein, die immer auch etwas mit fremden Sprachen und Kulturen und mit interkultureller Kompetenz zu tun haben. Wir bieten keine Lehrveranstaltungen an für künftige Juristen oder Ingenieure oder Mediziner oder Bankkaufleute - auch wenn der eine oder andere Absolvent in einem solchen Beruf landen mag. Unsere primäre Aufgabe ist es, möglichst hoch qualifizierte Experten auszubilden, die die internationale Kommunikation unter Juristen, Ingenieuren, Medizinern, Bankleuten und vielen anderen Berufssparten sicherstellen. Über diese grundsätzliche Ausrichtung unserer Lehre müßte, bei allen Unterschieden im Detail und von Fach zu Fach, Einigkeit am Fachbereich herrschen. Deutlichere Profilbildung wird von allen Universitäten und Fachbereichen erwartet - bei uns kann es dabei m.E. nur um Profilbildung im Bereich des Übersetzens, des Dolmetschens und der Interkulturellen Kommunikation gehen. Und weit genug ist dieses Feld, denn was muß man nicht alles kennenlernen und studieren, um von sich sagen zu können: Diese fremde Sprache und diese fremde Kultur kenne ich, ich verstehe sie - bzw. ich verfüge über das wissenschaftlich-methodische Instrumentarium, um mir selbständig in jedes Phänomen dieser fremden Kultur erarbeiten zu können.

Daß der Aspekt Profilbildung im Bereich Übersetzen/Dolmetschen von mir überhaupt hervorgehoben wird, deutet allerdings auf meine Einschätzung, daß es uns bisher in Germersheim nicht immer gelingt, den Praxisbezug unserer Studieninhalte für die Studierenden erkennbar zu machen. Handwerk, Mundwerk und Kopfwerk - sie wollen mitunter nicht recht zusammenpassen in unserer Lehre. ”In meiner Veranstaltung geht es nur um praktische Übungen,” sagt der eine, ”vom Übersetzen und Dolmetschen weiß ich nichts und will ich nichts wissen,” läßt der andere erkennen. Beide Haltungen gilt es zu überwinden - die erste unter der Maxime, daß bei jeder Lehrveranstaltung dieses Fachbereichs klar erkennbar sein muß, warum sie eigentlich überhaupt an einer Universität angeboten wird, die zweite durch die Aufforderung an jeden Lehrenden, daß er gelegentlich darüber nachdenkt, was seine sprach- oder kulturwissenschaftliche Lehre unseren Studierenden mit auf den Weg geben könnte in den künftigen Beruf eines Übersetzers oder Dolmetschers.

Mir ist bewußt, daß in diesem Kontext regelmäßig der Hinweis erfolgt, solch berufsbezogenes Nachdenken über unsere Lehre könne dazu führen, daß Germersheim zur Fachhochschule werde. Ich teile diese Befürchtung nicht. Aber ich wünschte mir von unseren Schreibtischen häufiger wissenschaftssystematisch fundierte Überlegungen dazu, warum Übersetzer und Dolmetscher auch an einer Universität ausgebildet werden müssen. Warum es nicht ausreicht, den Nachwuchs für diese Berufe nur an Fach- und Fachhochschulen heranzuziehen. Bei den Antworten kann es m.E. nur um Fragen der Qualität gehen. In Germersheim müssen schlichtweg die besten Übersetzer und Dolmetscher ausgebildet werden, diejenigen, die später in den international tätigen Unternehmen und Organisationen die Top-Positionen besetzen. Und zugleich müssen wir Absolventen ausbilden, die - wie schon erwähnt - auch jenseits der Sprachmittlerberufe ihre Frau bzw. ihren Mann stehen können - z.B. im Bereich der geistes- und kulturwissenschaftlichen Forschung und Lehre. In der Kombination von berufsorientierter und wissenschaftlicher Ausbildung liegt daher die Stärke unseres Fachbereichs. Seine Schwäche liegt derzeit darin, daß das gegenüber Studierenden wie Dozierenden immer wieder betont werden muß.

Auch wenn wir noch mehr gesicherte Daten zur Entwicklung der Übersetzer- und Dolmetscher-Berufe benötigten, läßt sich doch auch so ausmachen, daß sich die Anforderungen der Praxis in den letzten Jahrzehnten gewandelt haben und weiter wandeln werden. Fragt man die ”Praktiker” (etwa auf unseren Veranstaltungen ”Zwischenrufe aus der Praxis”), was sie bei unseren Absolventen vermissen, was sie sich als weitere wissenschaftlich vermittelte Qualifikationen wünschten, so erhält man unterschiedlichste Antworten. Ein paar Beispiele:

- Die Sachkenntnisse der Germersheimer Absolventen reichen nicht aus. Sie müßten jeweils viel mehr von Technik, Recht, Wirtschaft oder Medizin verstehen. Nicht 12 SWS sollte das Ergänzungsfach umfassen, sondern 20 oder 30.

- Ein Ergänzungsfach reicht nicht. Neben Recht müßte man auch etwas von Wirtschaft verstehen. Mindestens zwei Ergänzungsfächer sollten obligatorisch sein.

- Das Germersheimer Angebot an Ergänzungsfächern entspricht nicht mehr den Anforderungen der Praxis. Weitere Bereiche sollten hinzukommen, Informatik z.B. oder auch ein Fach wie internationales Kulturmanagement.

- Die Germersheimer Absolventen können sich in ihrer jeweiligen Muttersprache nicht hinreichend differenziert und elaboriert ausdrücken. Bei ausländischen Studierenden, die das ganze Studium in Germersheim absolvieren, wird beklagt, daß die muttersprachliche Kompetenz auf dem Niveau von 18- oder 20jährigen stecken geblieben sei und daß sie von ihrer eigenen Kultur viel zu wenig wüßten, nur eine recht naive Vorstellung von ihr hätten.

- Auch die deutschsprachigen Absolventen wissen zu wenig über ihre eigene Kultur und Gesellschaft, über die Institutionen, die öffentliche Verwaltung, die Geschichte, das politisch-soziale System.

- Die Absolventen wissen zuwenig über die Arbeitsweise der Europäischen Institutionen, nicht einmal Europarat und Europäischen Rat könnten sie auseinanderhalten.

- Am Arbeitsmarkt wird nur Englisch verlangt, alles andere kann man vergessen, aber das Englische soll man wirklich perfekt können.

- Nicht Englisch ist wichtig, sondern Amerikanisch

- Nicht Englisch und Amerikanisch seien wichtig, sondern man müsse jenen anglophonen Soziolekt dolmetschen können, der auf internationalen Fachtagungen von Chinesen, Franzosen, Arabern und Finnen gesprochen wird.

- Mit zwei Sprachen muß sich ein Germersheimer Absolvent bei der EU gar nicht mehr bewerben, drei Sprachen müssen es mindestens sein, lieber vier. Von denen muß man freilich keine perfekt sprechen und schreiben können, denn es wird ja immer nur IN die Muttersprache übersetzt und gedolmetscht. Sehr gute passive Kenntnisse in möglichst vielen Sprachen sind viel mehr wert als gute aktive Kenntnisse in einer plus mittelprächtige in einer zweiten Sprache.

- Wer nicht Französisch kann, kommt bei den EU-Institutionen in Brüssel und Straßburg doch nicht mal am Pförtner vorbei.

- Wer in unserer Firma arbeiten will, muß Englisch und Französisch können, und zwar so gut, daß er in beide Richtungen arbeiten kann.

- In unserer Firma werden die Übersetzungen ins Englische und Französische und Italienische nur noch von Muttersprachlern gemacht. Das hat sich als effektiver erwiesen und die Qualität wird auch besser, wenn man nur in die A-Sprache arbeitet. Und schließlich: es ist doch heute kein Problem mehr, einen Ausländer als Übersetzer einzustellen, in den Ländern der EU darf jeder leben und arbeiten, wo er will.

- Nicht nur Übersetzen muss man bei uns können, man muß auch schon mal für die Chefin dolmetschen, nicht absolut professionell, aber halt doch.

- Vom Dolmetschen allein kann man nicht leben, man muß nebenher immer auch mal Fachtexte übersetzen.

- Jahrein jahraus Bedienungsanleitungen für Computerprogramme übersetzen, das reicht mir, ich hab genug verdient, jetzt will ich mal ein Theaterstück übersetzen.

- Bei Sprachen wie Polnisch oder Neugriechisch oder Finnisch darf man sich nicht auf ein Spezialgebiet festlegen. Da muß man jeden Auftrag annehmen können, egal ob Technik oder Wirtschaft oder Recht. Und in beide Richtungen muß man arbeiten.

- Die Germersheimer Ausbildung ist zu kurzatmig, zu sehr auf die heutige Praxis fixiert. 90% jener Computerprogramme, mit denen Ihre Absolventen werden arbeiten müssen, sind noch gar nicht erfunden. Es reicht nicht, Studierenden die allerneuste Technik zu zeigen, sie müssen sich völlig selbständig allerneuste Techniken selbst aneignen können. Lernen, wie man alleine weiterlernt, das müssen Sie den Studierenden beibringen.

Reichlich unsortiert hab ich Ihnen die Zwischenrufe der Praktiker referiert. Nimmt man die ernstzunehmenden Anregungen zusammen und versucht, daraus ein Studienprogramm zu machen, so müßten wir unsere Regelstudienzeit gewaltig ausdehnen, von 8 auf 16 Semester. Wenn also JEDER eine dritte Fremdsprache erwerben soll, wenn JEDER ein zweites Ergänzungsfach absolvierte, wenn JEDER neben der übersetzerischen auch eine Dolmetsch-Kompetenz erwürbe, wenn JEDER sich auch gründlicher mit Sprache und Kultur seines Heimatlandes befaßte.

Aus dem Dilemma, daß leider nicht JEDER alles studieren kann, was mit Blick auf die Entwicklung der Berufswelt insgesamt sinnvoll sein könnte, ist das Konzept der sog. Modularisierung entstanden. Nicht jeder macht alles, nicht alle machen das Gleiche, sondern jeder ”bastelt” sich ein ihm passend erscheinendes individuelles Studium in einer Art Baukastensystem zusammen... Am Ende stehen lauter unterschiedlich ausgebildete Absolventen - mit einem hoffentlich jeweils nach Interesse und Begabung maßgeschneiderten Wissens- und Kenntnisstand. Das ist die Grundidee der Studienreform.

Sehr neu oder gar umstürzlerisch ist diese Idee nicht. Denn auch bisher gibt es in unserer Studien- und Prüfungsordnung eine Art Großmodule, über deren Kombination die Studierenden selbst entscheiden: Man entscheidet sich für eine erste und eine zweite Fremdsprache, man wählt ein Ergänzungsfach, man wählt am Übergang zwischen Grund- und Hauptstudium zwischen Übersetzen und Dolmetschen und auch innerhalb der einzelnen Fächer gibt es bei den übersetzungs-, sprach- und kulturwissenschaftlichen Veranstaltungen mitunter breitere Wahlmöglichkeiten. Diese zahlreichen Alternativen verlangen von den Studierenden schon bisher ein erhebliches Maß an Eigenverantwortlichkeit. Denn es ist ja wohl eine Lebensentscheidung, ob ich fünf Jahre lang Englisch oder Chinesisch, Polnisch oder Arabisch als erste Fremdsprache studiere. Wenn ich mich für Chinesisch oder Arabisch entschieden habe, benötige ich als Studierender keine ständigen Informationen mehr, wie es um die Berufschancen bei der EU in Brüssel bestellt ist oder daß auf dem sog. freien Markt ”eigentlich” nur technische Fachtextübersetzer für die Ausgangs- und Zielsprache Englisch benötigt werden - sondern ich brauche dann von meinen Dozenten Hinweise, wo es denn für mich mit dem Fach Chinesisch oder Arabisch etwas Vernünftiges zu tun geben könnte. Und die fachliche Kompetenz von Hochschullehrern wird inzwischen auch danach beurteilt, ob sie auf solche Fragen vernünftig antworten können.

Bei der jetzt anstehenden Reform geht es nicht darum, diese grundlegenden Entscheidungen für bestimmte Sprach- und Kulturregionen aufzuheben oder in eine bestimmte Richtung zu steuern. Es geht darum, die Wahlmöglichkeiten der Studierenden innerhalb des bisher schon gegebenen Rahmens noch etwas zu erweitern, um damit Raum zu schaffen für einen zusätzlichen individuellen Studienschwerpunkt. Zugleich soll durch diese maßvolle Reform auf die geschilderten Veränderungen der Berufswelt reagiert werden.

Freilich: Wer im Rahmen der Regelstudienzeit und nicht etwa durch Studienzeitverlängerung Platz schaffen will für Neues, der muß aus dem vorhandenen Obligatorischen etwas herausnehmen, muß auf einige bisher für alle verbindliche Lehrveranstaltungen verzichten. Und genau an dieser Stelle beginnt dann der Meinungsstreit. Weil eine Reform doch eine Verbesserung sein soll - und wie kann man von Verbesserung reden, wenn z.B. die von mir bisher verantworteten Lehrveranstaltungen plötzlich nicht mehr obligatorisch sondern nur noch fakultativ sind? Wenn ich meine Lehre ernst nehme, werde ich das als Verschlechterung der Lehre ansehen. Die Studierenden wissen von meinem Fach in Zukunft weniger als sie bisher wußten. Das ist doch ganz objektiv eine Verschlechterung. Nur bedeutet Reform eben auch nicht Verbesserung jedes einzelnen Details, sondern Reform meint Anpassung an neue Anforderungen.

Die bei uns anstehenden Reformen lassen sich unter vier Stichworten zusammenfassen: Es geht

1. um eine Aktualisierung des Lehrangebots (z.B. Informatik, Übersetzen für Medien, veränderter Bedarf der europäischen Union an uns bisher exotisch erscheinenden Fremdsprachen wie z.B. Finnisch oder Tschechisch),

2. um eine Flexibilisierung des Lehrangebots, sprich breitere Wahlmöglichkeiten für Studierende, z.B. Kombination von übersetzerischer und dolmetscherischer Kompetenz,

3. um eine Modularisierung des Lehrangebots; d.h. sachlich zusammengehörende Lehrveranstaltungen werden zu Modulen im Umfang von 4-12 SWS gebündelt, woraus sich eine übersichtlichere Gestaltung des Studienangebots und der Kombinationsmöglichkeiten ergibt. Modularisierung hat indes nichts mit Verflachung oder Entwissenschaftlichung des Studiums zu tun, auch nicht mit Verschulung.

4. geht es um Europäisierung und Internationalisierung bei der Einteilung und Erfassung von Studienleistungen, was vor allem zu mehr Transparenz bei der Anrechnung von anderswo erbrachten Studienleistungen führen soll.

In der Studien- und Prüfungsordnung unseres Fachbereichs bleibt festgelegt: Jeder Studierende muß sich intensiv mit mindestens zwei fremden Sprachen und Kulturen intensiv befassen sowie mit einem Ergänzungsfach. 7/8 aller Lehrveranstaltungen bzw. 140 von 160 SWS entfallen auf diese drei Bereiche. An der Grundstruktur des Studiums ändert sich mithin nichts. 1/8 der Lehrveranstaltungen, ca. 20 SWS, werden dann jedoch zur Bildung eines weiteren individuellen Studienschwerpunkts zur Verfügung gestellt. Dieser Schwerpunkt kann aus einem breiten Angebot gewählt werden: z.B. zweites Ergänzungsfach, zweites Fachtext-Übersetzen-Modul in F1 oder F2, dritte Fremdsprache, Dolmetschen für Übersetzer, Übersetzen für Dolmetscher, Literarisches Übersetzen bzw. Übersetzen für Medien, Amerikanistik für Anglisten, Computerlinguistik, Türkisch für türkische Muttersprachler, Deutsch für Deutsche usw. usf.

Um für die Bildung dieses individuellen Studienschwerpunkts in der Studienordnung und der Studienwirklichkeit ”Platz” zu schaffen, sind entsprechende Reduktionen im bisher obligatorischen Programm notwendig. Dabei kann es nicht um kosmetische Reduktionen gehen - etwa Verringerung von Semesterwochenstunden in einzelnen Bereichen ohne Verminderung der Prüfungsanforderungen - das würde automatisch zu einer Studienzeitverlängerung führen. Und die ist tabu. Nach bisheriger, noch nicht abgeschlossener Diskussion soll im Grundstudium im Zweitfach auf das bisher obligatorische Übersetzen in die Fremdsprache verzichtet werden, woraus der Wegfall der entsprechenden Klausur in der Vorprüfung resultiert. Studierende, die auf eine aktive übersetzerische Kompetenz auch in der Zweitsprache nicht verzichten wollen (und bei vielen Sprachen empfiehlt sich das dringend!), erwerben die entsprechende Kompetenz durch ein Wahlpflichtmodul im Umfang von 10 SWS. Absolviert wird dieses Modul allerdings erst im Hauptstudium, wodurch auch das bisher auftretende Kuriosum beseitigt wird, daß man in der Vorprüfung Fähigkeiten nachweist, über die man bei Abschluß des Studiums dann nicht mehr recht verfügt, nämlich die aktive übersetzerische Kompetenz in F2.

Aus dieser Veränderung der Studienstruktur ergibt sich für jeden einzelnen Studierenden allerdings eine bisher kaum vorstellbare Fülle an Kombinationsmöglichkeiten im Rahmen der Regelstudienzeit. Ich nenne zur Verdeutlichung einige Beispiele:

Die Erstfachsprache kann von 86 auf bis zu 106 SWS aufgestockt werden, die Zweitfachsprache von 42 auf 62 SWS - nicht nur bei angeblich besonders ”schweren” Sprachen wie Arabisch, Chinesisch, Neugriechisch oder Russisch wird das sehr nützlich sein. Statt nur eines Ergänzungsfaches können bis zu drei Ergänzungsfächer gewählt werden, statt eines Zwei-Sprachen-Studiums ist auch ein, dem EU-Bedarf gerecht werdendes Drei-Sprachen-Studium möglich. Es kann eine stärkere Konzentration auf die Kulturwissenschaften oder auf die Angewandte Sprachwissenschaft erfolgen, man kann im Erstfach die Dolmetschprüfung, im Zweitfach die Übersetzerprüfung ablegen. Und natürlich ist daran gedacht, daß jeder Studierende in Zukunft mit seinem Diplomzeugnis einen Nachweis erhält, welche Lehrveranstaltungen er insgesamt mit welchem Erfolg absolviert hat.

Haben wir es bisher in der Studienstruktur wie auf dem Diplomzeugnis im großen und ganzen mit 3 klar abgegrenzten Einheiten zu tun (Erstfach, Zweitfach, Ergänzungsfach), so werden es künftig 5 sein: Erstfach, Zweitfach, Ergänzungsfach sowie zwei weitere, von den Studierenden selbst zu wählende Module im Umfang von je ca. 10 SWS.

Ich möchte Sie nicht mit weiteren Details der Studienreform befassen, etwa mit Zahl und Qualität der zu erbringenden Leistungsnachweise, mit der Stärkung des Zweitfaches, der Austarierung kultur-, sprach- und übersetzungswissenschaftlicher Studienkomponenten, mit der Integration von Praktika in das modulare System, mit der Überwindung des Germersheimer Prüfungs-Protektionismus durch Klarstellung, ob es sich bei der jeweiligen Grundsprache um eine A- oder B-Sprache handelt. Nur so viel: Die starke Differenzierung der einzelnen Studienverläufe macht es in Zukunft zwingend, daß wir erstens unsere Studienberatung deutlich intensivieren und verbessern und daß wir zweitens allen Absolventen neben dem Diplomzeugnis jeweils auch eine Liste mitgeben, auf der alle von ihnen mit Erfolg absolvierten Module bzw. Lehrveranstaltungen aufgeführt sind. Daß wir also das einführen, was in all unseren Nachbarstaaten längst Standard ist und für die künftige Teilnahme an Sokrates-Austauschprogrammen ohnehin vorausgesetzt wird.

Ich muß noch kurz darauf verweisen, daß die jetzt spruchreife Studienreform nicht die letzte Veränderung unseres Germersheimer Studien- und Prüfungssystems sein wird. Wir werden uns z.B. mit der Einführung von BA- und MA-Studiengängen befassen müssen, darauf hat uns vor einem Jahr schon die Staatssekretärin Ahnen hingewiesen. Allerdings steht und fällt mit dieser oder jener Reform nicht die Qualität unserer Ausbildung. Diese Qualität hängt nicht nur von Studienstrukturen ab, sondern z.B. auch von unserer technischen Ausstattung. Unsere über 30 Jahre alten Dolmetschanlagen werden in den nächsten Wochen gründlich erneuert, an die 700.000 DM werden dafür ausgegeben und denselben Betrag können wir nochmals bekommen, wenn wir der Deutschen Forschungsgemeinschaft überzeugende Argumente vortragen. Diese Chance dürfen wir uns nicht entgehen lassen.

Investitionen in ebenfalls sehr erheblichem Umfang sind nötig, um die Computerausstattung unseres Fachbereichs durchgreifend zu verbessern. Mit Genugtuung hat der Fachbereichsrat zur Kenntnis nehmen dürfen, daß Germersheim sich auf dem Gebiet sprachwissenschaftlicher Forschung einschließlich Computerlinguistik weltweit an der Spitze bewegt. Das ist sehr viel wert - aber wichtig ist auch, daß jeder Studierende in seinem Studium reichlich Möglichkeiten bekommt, von den Resultaten dieser Forschung zu profitieren. Wenn z.B. im Hauptstudium laut Studienordnung 12 Stunden pro Woche auf Übersetzungsübungen entfallen, so sollten davon 4 oder doch zumindest 2 für computergestütztes Übersetzen reserviert sein. Dafür braucht es deutlich mehr mit Computern ausgerüstete Unterrichtsräume und entsprechend qualifizierte Dozenten und Dozentinnen. Ein wenig fürchte ich, daß Germersheim hier den Anschluß an wichtige Entwicklungen der Arbeitswelt verpassen könnte. Und - ob man es nun hören mag oder nicht - manche Institutionen für Übersetzer- und Dolmetscherausbildung in Ostmitteleuropa sind heute technisch besser ausgestattet als unser Fachbereich. Wers nicht glaubt, mache eine Reise nach Poznan an der polnischen Westgrenze oder nach Venspils an der lettischen Ostseeküste...

Intensiver reagieren müßten wir schließlich auch auf all das, was sich bei den modernen Medien im Bereich Übersetzen und Dolmetschen tut. Auch wenn der - pardon - digitale Rinderwahn eines Leo Kirch mit seinen 150 Fernsehsendern, die ihre Programme zu 90% aus ins Deutsche synchronisierten ausländischen Filmen bestreiten sollen, nicht sofort ausbricht, so läßt sich doch absehen, daß im Bereich der neuen Medien interessante Arbeitsfelder für unsere Absolventen entstehen, die wir im Blick behalten müssen. Experten, die etwas davon verstehen müssen, sprechen davon, daß allein auf dem Spielfilmmarkt jährlich mindestens 70.000 Filmminuten auf ihre Übersetzung warten - und das in mehrere Sprachen! Das audiovisuelle Markt wächst rasant, aber auf ihm werden nur jene Übersetzer mitreden können, die von den neuen Medien auch etwas verstehen. Auch hier wünschte man sich für Germersheim mit entsprechender Technik ausgerüstete Lehr- und Forschungseinrichtungen. Aus unserem gewöhnlichen Budget ist das alles nicht zu finanzieren. Wie bei den Dolmetschanlagen müssen hierfür zusätzliche Mittel eingeworben werden.

Ich wäre am Fachbereich freilich unter den letzten, die in einer technischen Hochrüstung die Lösung für alle Zukunftsprobleme sähen. Das für die Qualität unserer Ausbildung wirklich Entscheidende bleibt, was sich in der einzelnen Lehrveranstaltung zwischen Dozierenden und Lehrenden abspielt. Was nutzt der schönste Computer, wenn sich der Dozent für seine Studenten nicht interessiert, wenn die Studenten aus Verängstigung oder aus schierer Dummheit ihren Dozenten nicht das abverlangen, was sie von ihnen bekommen könnten. Aber solche durch die besten Studien- und Prüfungsordnungen nicht auszuschließenden Konstellationen gibt es in Germersheim nach meinem Eindruck nicht allzu oft. Daß sie noch seltener werden und irgendwann ganz verschwinden - die verqueren Konstellationen zwischen Lehrenden und Lernenden und all den anderen Angehörigen des Fachbereichs auch - das wünsch ich Ihnen und uns allen für die kommenden beiden Semester!

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