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Reden, Vorträge und Berichte


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WAS WIRD NUR AUS GERMERSHEIM WERDEN?

Ansprache bei der Überreichung der Diplome und Zeugnisse, 18.11.2005

 

Andreas F. Kelletat

 

[Vorbemerkung: Seit 1997 werden an unserem Fachbereich die Diplome und Zeugnisse wieder in einer kleineren Feier überreicht, die von unserem Prüfungsamt ausgerichtet wird. (Zwei frühere Ansprachen von mir aus diesem Anlass sind dokumentiert in dem Band Reden ist Silber. Zur Ausbildung im Übersetzen und Dolmetschen. Vaasa und Germersheim 2004, S.66-71 und 180-186.) Nach meiner Rede am 18.11.2005 gab es viel Beifall und Pfiffe. Als Reaktion wurde u.a. kolportiert: „Früher hat er nur die Professoren beschimpft, jetzt beschimpft er auch noch die Studenten.“ – Nun ja, hier folgt der Wortlaut, in der Hoffnung, dass die Diskussion darüber, was der/die einzelne Studierende ganz persönlich für seine Institution, für den Germersheimer Fachbereich tun könnte, an Substanz und Resultaten gewinnen möge ... ]

 

Liebe ehemalige Studierende des Fachbereichs Angewandte Sprach- und Kulturwissenschaft!

Liebe Eltern und Lebenspartner und Lebenspartnerinnen und Freunde und Freundinnen unserer frisch gebackenen Diplomanden!

Verehrte Kolleginnen und Kollegen!

Meine Damen und Herren!

 

Als Prodekan des Fachbereichs Angewandte Sprach- und Kulturwissenschaft darf ich Ihnen nunmehr auch ganz offiziell versichern: Sie haben es hinter sich, es ist aus- und durchgestanden, die Diplome und Zeugnisse sind ausgestellt, offiziell unterzeichnet vom Vorsitzenden des Prüfungsausschusses und von unserem Dekan, von Prof. Dieter Huber, der sich für heute Abend entschuldigen lassen muss (Herr Iller hat es eben schon berichtet) – mir aber an Sie die herzlichsten Grüße und Glückwünsche aufgetragen hat ... Also: die Diplome liegen parat, hier hinter mir in den beiden Pappkartons, und als erstes gilt Ihnen auch mein Glückwunsch! Sie haben die endlosen Prüfungen nicht nur überstanden – Sie haben sie auch bestanden! Gratulation!

Bevor wir zur Überreichung Ihrer Diplome schreiten, darf ich neben der Gratulation noch ein paar Worte Ihnen zum Abschied von dieser Institution, von Germersheim und der Johannes Gutenberg-Universität sagen. Auf diesen Moment des Gratulierens und Feierns hin ist unsere ganze Institution ja eigentlich konzipiert. Dass wir Hochschullehrer jungen Leuten in halbwegs vertretbarer Zeit eine solide Grundlage geben für ihren künftigen Beruf, für Ihr Leben.

Und es ist wohl im Sinne aller hier im Saal versammelten Absolvent/innen, wenn wir an dieser Stelle auch all jenen danken, die dazu beigetragen haben: Den Dozentinnen und Dozenten, die Ihnen die ersten Vokabeln und syntaktischen Regeln und morphologischen Besonderheiten und Textkonventionen für die erste und zweite und sogar dritte Fremdsprache eingebläut haben, jenen, die ihnen in immer neuen Anläufen die Hürden des Übersetzens und Dolmetschens aus der A-Sprache und in die A-Sprache und aus der B-Sprache in die A-Sprache (und aus der C-Sprache vielleicht auch noch!) schön hoch aufgebaut haben, aber doch nicht so sehr hoch, dass Sie sie am Ende nicht hätten überwinden können, jene Hürden.

Zu danken ist auch jenen Lehrenden, die sie mit den Kulturen, den politischen und sozialen Systemen der von Ihnen gewählten Sprachgebiete vertraut gemacht haben, jenen, die Ihnen bei Ihren Pro- und Haupt- und Übersetzerseminararbeiten zur Seite (und hoffentlich nicht im Wege!) standen, die also versucht haben, Ihnen nicht nur das möglichst treue oder loyale Reproduzieren eines von immer Anderen Vorformulierten beizubringen, sondern auch das Formulieren ureigener Gedanken. Gemäß der nicht oft genug zu betonenden Germersheimer Maxime: Es hat keinen Sinn, wenn man in zwei, drei oder sogar vier fremden Sprachen perfekt sprechen kann, aber in keiner was zu sagen hat – etwas Selbergedachtes mithin ... Zu erinnern ist natürlich auch an die Be­treuer Ihrer Abschlussarbeiten und an jene, die in Ihren mündlichen Prüfungen nach immer neuen Wissensreserven gefahndet und ge­stochert haben. Auch das ist nun glücklich durch- und überstanden und bestanden sogar!

In den Dank sind dann gewiss auch all die einzuschließen, die sich jenseits der rei­nen Lehrveranstaltungen um Ihr Studium gekümmert haben: die Techniker, die Bi­bliothekare, die Hausmeister, die Computerleute, die Mitarbeiterinnen in Studieren­densekretariat und im Prüfungs- und Bafögamt, die Damen in den Geschäftszimmern, die am Ende dann doch immer noch am genauesten wissen, was denn nun für diese oder jene Prüfung zu beachten sein könnte ...

Ein Dank also an die Leute, ohne die Sie nicht durch die Germersheimer Jahre gekommen wären – und ein ganz persönliches Dankeschön richte ich an die Mitarbeiterinnen unseres Prüfungsamtes und an Herrn Iller – ohne deren Engagement diese Feier nicht zustande gekommen wäre!

Natürlich ist mir bewusst, dass Sie auch durchaus gemischte Erfahrungen aus Germersheim mitnehmen. Nicht jeder Dozent kann sich auf jede Gruppe gleich gut einstellen, nicht jeder ist für jede Stunde gleich gut vorbereitet. Nicht mit jeder Kritik und jeder Benotung Ihrer Studien- und Prüfungsleistungen werden Sie voll einverstanden gewesen sein. Aber wenn Sie die Summe nehmen, dann können Sie – so scheint es mir zumindest – mit der Wahl Ihres Ausbildungsortes im Rückblick doch zufrieden sein. Sie haben erfahren müssen, dass in Germersheim gute Note oder gute Diplome gar keineswegs verschenkt werden. Dass man hier sehr hart arbeiten muss, um sein Studium zu einem erfolgreichen Abschluss zu bringen. Das haben Sie geschafft, darauf können Sie mit Fug und Recht stolz sein, darauf sollten Sie stolz sein.

Und Sie sollten sich solch durchaus berechtigtes Selbstbewusstsein auch dann nicht abhanden kommen lassen, wenn es mit dem Übergang ins Berufsleben nicht ganz so glatt gehen wird, wie sich das jeder von Ihnen und Ihren Angehörigen und Freunden natürlich erhofft, wenn Ihnen also nicht gleich eine feste Anstellung mit einem ordentlichen Gehalt offeriert wird. Der Übergang ins Berufsleben ist nicht leicht, war es auch in den zurückliegenden Zeiten nicht. Selbst sehr gute Absolventinnen und Absolventen brauchen ein halbes oder auch anderthalb Jahre, bis sie ihren Ort im Berufsleben gefunden haben. Lassen Sie sich bei der Bewerberei nicht entmutigen und auch nicht einschüchtern und verkaufen Sie vor allem Ihre Qualifikation nicht unter Wert! Sie haben ein Universitätsdiplom, das Qualität verbürgt – und die sollte dann auch ihren Preis haben!

Umgekehrt ist gewiss die Vorstellung verfehlt, dass Sie mit Ihrem Diplom nun problemlos allen Aufgaben sofort gewachsen sind, die es im Bereich des Übersetzens und Dolmetschens und der interkulturellen Kommunikation gibt. Der Grad an Spezialisierung ist sehr weit vorangeschritten. Sie werden – egal, wo Sie beruflich beginnen – Einarbeitungszeit brauchen. Und oft genug werden Sie denken: warum ist mir dies und das eigentlich in Germersheim nicht anständig beigebracht worden? Tja, warum eigentlich nicht?

Manche von Ihnen haben sich gewiss nicht nur in Gedanken schon von dem Studienort Germersheim verabschiedet, um einen neuen Lebensabschnitt zu beginnen. Aber ich möchte Sie trotzdem auffordern, heute noch einmal auf die Jahre Ihres Studiums hier am Germersheimer Fachbereich zurückzuschauen – und das nicht nur sentimental nostalgisch zu tun, sondern auch kritisch, wie es sich für uns Akademiker gehört ...

Wenn ich selbst mir einen solchen Rückblick auf die letzten (sagen wir mal: vier bis sieben) Germersheimer Jahre gestatte, so stellt sich bei mir neben der Genugtuung über die hier und heute ja an Ihren bloßen Köpfen abzählbaren Erfolge unserer Ausbildung auch Unmut ein, ja sogar ein wenig Zorn. Und dieser Unmut und Zorn richtet sich auch – es tut mir leid, das ausgerechnet heute bei dieser Feier sagen zu müssen – gegen Sie, gegen unsere Absolventen des Jahres 2005. Denn Sie alle haben in den Jahren Ihres Studiums von Semester zu Semester deutlich mitbekommen, dass wir an unserem Ausbildungsangebot immer weitere Abstriche machen mussten, dass unsere Lehre schon rein quantitativ immer schlechter wurde – und Sie haben das hingenommen, völlig klaglos zumeist.

Wenn wieder einmal die Öffnungszeiten der Bibliothek eingeschränkt wurden, haben Sie das akzeptiert. Wenn die Fachübersetzungsübungen im Bereich Technik ersatzlos gestrichen wurden, haben Sie das akzeptiert – Hauptsache Sie selbst konnten den entsprechenden Schein noch erwerben ... Wenn zwei Übungsgruppen mit bisher je 30 Teilnehmern zu einer einzigen Gruppe mit einer Herde oder Horde von nunmehr 60 oder auch 80 Teilnehmern zusammengeschlagen wurden, haben Sie das akzeptiert. Wenn in den Dolmetschkursen die Gruppen so groß wurden, dass die Kabinen zum Üben kaum noch hinreichten, haben Sie das akzeptiert. Wenn die Arbeitsbedingungen in den Computeranlagen schon rein physisch unzumutbar wurden, haben Sie das akzeptiert. Wenn Veranstaltungen im Bereich Spracherwerb so voll wurden, dass man dort gar keine Sprache mehr erwerben konnte, haben Sie das akzeptiert.

Ursache all dieser von Ihnen i.d.R. klaglos hingenommenen Verschlechterungen unserer Ausbildung war der schleichende Abbau von Lehrkapazitäten, der sich für die letzten Jahre, die Jahre Ihres Studiums also, auf gut 150 Stunden beläuft – das sind über 10% der Gesamtlehrkapazität des Germersheimer Fachbereichs. 150 Stunden Unterricht pro Woche also wurden im Verlauf Ihres Studiums ersatzlos gestrichen, das ist soviel, wie die Fächer Niederländisch, Polnisch, Portugiesisch und Neugriechisch zusammen benötigen – 150 Stunden, das ist so viel, als ob man vier Fächer komplett und ersatzlos streichen würde. Das freilich wurde nicht getan, Germersheim bietet heute noch immer genauso viele Fächer an wie bei Ihrem Studienbeginn, aber es wurde überall ein bisschen oder sogar deutlich schlechter, deutlich voller, ein bisschen langsamer ...

Warum haben Sie diesen an allen Ecken und Enden doch deutlich spürbaren Verschlechterungs-Prozess akzeptiert? Warum haben Sie sich nicht – jeder ganz persönlich! – stärker für diese Institution, für Ihre Fächer, für Ihren Fachbereich und für Ihre Universität eingesetzt? Warum haben Sie Ihren Germersheimer Fachbereich nicht – für sich und für Ihre Ausbildung! – stärker in Besitz genommen? Denn nur durch solche Besitznahme könnte unser Germersheimer Fachbereich vielleicht noch aus seiner Dauermisere der Unterfinanzierung herausgeführt werden ... Die Studierenden selbst müssten diesen Fachbereich instandbesetzten!

Man denke nur einmal: Jeder Studi würde pro Woche 2 Stunden etwas für seinen Fachbereich tun. Das wären bei 2.500 Studierenden 5.000 Arbeitsstunden pro Woche. Und die Woche hat einschließlich Sonntag 168 Stunden. Das heißt: Die Bibliothek und unsere Computeranlagen und die Sprachlabore könnten wir 24 Stunden am Tag geöffnet halten, wenn Studenten dort Aufsicht führten. Jedem Studienanfänger könnten wir durch im Studium weiter Fortgeschrittene Extrastunden für den Spracherwerb, für die Übersetzerei, für die Anfertigung erster Seminararbeiten anbieten, wir könnten die Studienberatung entscheidend verbessern, die Betreuung der Austauschstudenten, wir könnten Studenten intensiv an Forschungsprojekten beteiligen, könnten Praktika für Öffentlichkeitsarbeit vergeben usw. usf. – zwei Stunden pro Woche und pro Student – die hätten uns mehr geholfen und würden uns mehr helfen als die leidigen Studiengebühren, die dann doch beim Finanzminister in Mainz oder sonst wo landen, nur nicht hier am Fachbereich in Germersheim ...

Dass ich Sie – die Sie sich doch als Opfer der Ressourcenverknappung am Fachbereich sehen könnten – für die in jedem Fach spürbaren Qualitätseinbußen der letzten Jahre mitverantwortlich mache, ist wahrscheinlich nicht ganz fair. Denn vielleicht wären Sie ja bereit gewesen, etwas für Ihre Institution zu tun, wenn man Sie nur danach gefragt hätte, wenn man Ihnen nur die Chance zum Helfen gegeben hätte ... Aber solche Bereitschaft hätten Sie, bitteschön, auch etwas deutlicher signalisieren können ...

Bei all diesen „hätte“s fällt mir – wenn Sie mir eine private Erinnerung gestatten – mein Vater ein. Wenn ich mit dem wieder einmal Streit hatte und ihm die Argumente ausgingen, dann rief er voll Zorn: „An meinem Grabe wirst du stehen und schreien: Hätt’ ich doch!! Hätt’ ich doch!!! – aber dann ist es zu spät!“ – Und dann fing er an zu lachen ...

Für das „hätte“, für das Helfen ist es freilich noch nicht ganz zu spät. Helfen können Sie uns in Zukunft – wenn Sie es denn tun wollen – zum Beispiel dadurch, dass Sie uns möglichst detailliert und konkret erzählen, wie es draußen – jenseits von Germersheim – in der Berufswelt der Übersetzer und Dolmetscher, der Sprach- und Kulturexperten, aussieht. Welche Bestandteile Ihrer Ausbildung haben Ihnen beim Start ins Berufsleben und bei Ihrer späteren Arbeit ganz besonders genutzt und was sind die Dinge, die sich im späteren Rückblick als eher sekundär oder gar überflüssig erwiesen haben? Auf solche Rückmeldungen sind wir angewiesen, denn die helfen uns, unsere Ausbildung immer wieder entsprechend den sich wandelnden Anforderungen auf dem Arbeitsmarkt zu modernisieren. Dabei geht es natürlich nicht nur um das schlichte Kennen und Können von fremden Sprachen, nicht nur um das rein Handwerkliche – so wichtig das zweifellos ist!, sondern uns interessiert auch, was Ihnen Selbständigkeit und die Fähigkeit zu eigenem kritischen Denken vermittelt hat.

Denn eine reine Berufsschule oder eine Fachhochschule ist Germersheim ja schließlich nicht. Sie haben sich vor 4, vor 5 oder 7 Jahren für eine Ausbildung an einer Universität entschieden und sich selbst damit eben auch noch manch Anderes, nicht unmittelbar und direkt auf einen ganz konkreten Beruf Bezogenes, abverlangt. Wie dieses Andere – nennen wir es einmal „Bildung“ – zu Ihrem späteren Beruf gepasst hat, auch das würden wir gerne von Ihnen hören. Und das müssen Sie uns gar nicht in Form hochoffizieller Recherchen mitteilen – auch die sind natürlich sehr willkommen, es reicht oft schon, wenn Sie sich ab und an auf unserem Sommerfest blicken lassen und dort mit ihren früheren Dozentinnen und Dozenten bei einer Pfälzer Schorle plaudern.

Nach dieser Einladung zu möglichst vielen und vielfältig vielstimmigen „Zwischenrufen aus der Praxis“ bleibt mir nur, Ihnen nochmals im Namen des ganzen Fachbereichs und der Universität herzlich zum erfolgreichen Abschluss Ihres Studiums zu gratulieren und Ihnen für die Wahl Ihres Studienortes zu danken. Und weil es für eine 18- oder 22-jährige bestimmt keine leichte Entscheidung ist, ihre universitäre Ausbildung in einem fremden Land, in einer fremden Kultur, in einem unbekannten Bildungssystem zu absolvieren, gilt dieser Dank doppelt unseren Absolventinnen und Absolventen, die aus dem näheren und sehr fernen Ausland ins pfälzisch-exotische Germersheim gekommen sind.

Dank Ihnen allen für das Vertrauen, das Sie dem Germersheimer Fachbereich Angewandte Sprach- und Kulturwissenschaft der Johannes Gutenberg-Universität entgegengebracht haben! Es dürften entscheidende Jahre Ihres Lebens gewesen sein. Eine zweite Chance, sich so gründlich und so lange mit nur einer Sache zu befassen, werden Sie schwerlich bekommen. Ich wünsche Ihnen allen auch deshalb eine Zukunft, die solches Vertrauen in diese Institution auch im späten Rückblick noch als gerechtfertigt erscheinen lassen wird.

 

Und dann danke ich Ihnen fürs Zuhören und den Dolmetschern oben in den Kabinen für ihre Arbeit!

Germersheim, 18.11.2005

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