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Reden, Vorträge und Berichte


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Mein zerlesenstes Buch

Ein Dank an Hilde Domin

 

Andreas F. Kelletat

 

Wenn ich am Regal Ausschau halte nach jenem Buch, das nicht nur mehrfach gelesen sondern wirklich "zerlesen" ist, so gebührt dieser Lektürepreis einem von Hilde Domin Mitte der 60er Jahre konzipierten und umsichtig zusammengetragenen Band mit dem Titel Doppelinterpretationen. Das zeitgenössische deutsche Gedicht zwischen Autor und Leser. Die Fischer-Taschenbuchausgabe dieser Doppelinterpretationen kaufte ich 1972, als 17jähriger Schüler. Und lernte - auch später noch - sehr viel aus diesen Gedichten der 50er und 60er Jahre, die jeweils vom Autor selbst (von Peter Huchel, Hans Magnus Enzensberger, Christoph Meckel oder Helmut Mader u.v.a.) und von einem Leser interpretiert wurden. Wobei es sich freilich um sehr professionelle Leser handelte, die Hilde Domin da zu "Interpretations-Doubletten" zusammengebracht hatte: Dichter wiederum und Kritiker und berühmte Germanisten und sogar der Heidelberger Philosoph Hans-Georg Gadamer, der sich auf Hilde Domins Lied zur Ermutigung II einließ. Der Hauptertrag des Zerlesens war für mich als Schüler: Gedichte kann man auf vielerlei Art lesen und zu verstehen suchen, es gibt nicht jene einzig "richtige" Interpretation, die wir in der Schule doch immer abliefern sollten. Und: Es kommt auf mich als Leser an, auf meine Mitarbeit - erst dann erschließt sich ein Gedicht und auch erst dann erschließt sich die Interpretation eines Gedichts.

Hilde Domin scheint mir seit meiner ersten Lektüre Anfang der 70er eine Dichterin für junge Menschen zu sein. Das liegt vielleicht weniger an ihren Themen (denn die sind sehr vielfältig) und an ihrem entschiedenen Engagement für Verfolgte, Schwache und Zurückgestoßene als an einer Grundhaltung, über die sie in autobiographischen Texten selbst mehrfach gesprochen hat: Dass sie etwa Dinge sagt, die "man nicht sagt", dass sie gesellschaftliche Konventionen immer wieder schmerz- und lustvoll durchbricht, dass sie - um es modisch zu formulieren - eine authentische Existenz vorlebt. Das fasziniert junge Menschen - aber wohl nicht nur die, wie u.a. an den zahlreichen Preisen und Auszeichnungen abzulesen ist, mit denen Hilde Domin seit den 60er Jahren geehrt wurde.

Wer sich hier in Germersheim mit ihrem Werk zu befassen beginnt, den wird gewiss ihr fast kometenhafter Aufstieg im westdeutschen Literaturbetrieb seit den späten 50er Jahren faszinieren, die Energie mit der sie in das literarische Leben eingetaucht ist, aber mehr noch sollten wir in Germersheim auf das achten, was die Heidelberger Schülerin von Karl Jaspers und Karl Mannheim aus ihren 22 Exiljahren nach Heidelberg mit zurückbrachte.

"Bis zu meinem 38. Jahr, bis zum Herbst 1951, war ich nur Leserin," sagt sie in ihrer Frankfurter Poetik-Vorlesung 1987/88.

Allerdings war ich Leserin in vielen Sprachen, wie es mein Leben mit sich brachte. Zudem war ich Spracharbeiterin, Übersetzerin aus und in mehrere Sprachen. Wir [das meint Hilde Domin und ihren Mann Erwin Walter Palm, den Kunsthistoriker und Alberti-Übersetzer] mussten im Laufe der Jahre unseren Unterhalt in vier verschiedenen Sprachen verdienen. Das erwies sich, nachträglich, für mich als Vorbereitung auf das Leben als Hilde Domin. Ich war keine Anfängerin, ich hatte mit Worten gearbeitet. Das Gewicht jedes Worts, seine so verschiedenen, horizontalen wie vertikalen Bedeutungsstrata, die ihm zugewachsenen Assoziationen, sind ja in jeder Sprache verschieden. In einer kann ein Wort neu und überraschend sein, und in der eigenen ist es längst verbraucht. "Weiß wie ein Bettuch" zum Beispiel. Bei uns ein Klischee. Ins Spanische übersetzt ein "Aha-Effekt". Wie weit ein Wort reicht, was sich ihm an der Peripherie und in den Tiefenschichten angliedert, das erfährt man nie genauer als beim Arbeiten mit fremden Sprachen. Weswegen es für Dichter, aber auch für Leser, für jeden, der sich mit Literatur beschäftigt, keine bessere Spracherziehung gibt als aufmerksame und kritische Arbeit mit fremden Sprachen. Das kommt dem Umgang mit der eigenen Sprache dann zugute. Man ist zugleich in ihr und doch selbstkritisch.

Hieran anknüpfend ergibt sich u.U. auch eine "interkulturelle" Sicht auf den Ort des Dominschen Gedichts in der deutschen Literatur der letzten 50 Jahre. Sein Ausgangspunkt liegt nicht - wie bei vielen Autoren der Gruppe 47 - in einer je spezifischen Mischung aus Rilke-, Trakl-, Benn- und Brecht-Tönen, sondern ihre Gedichte entstehen primär vor dem Hintergrund der modernen spanischen und italienischen Poesie. Sie lassen sich - hat sie selbst 1972 formuliert - "wie die Gedichte der Spanier oder auch Ungarettis auf vielen Ebenen lesen. Ein einfacher Ostflüchtling erkennt sich darin wieder genau wie ein high brow" (Reclam, 11).

Der Anklang, den ihre Veröffentlichungen seit dem legendären Band Nur eine Rose als Stütze (1959), seit fast einem halben Jahrhundert also, bei immer neuen Lesegenerationen finden, mag sich auch aus dieser authentischen welterfahrenen romanischen Grundierung ihres Werks erklären - gewiss aber aus ihrer optimistisch ungebrochenen Zuversicht in die Atemkraft ihrer Gedichte und der Poesie überhaupt. "Das Nur-Negative ist eine Attitüde," hat sie vor über 30 Jahren konstatiert. Ihre Leserinnen und Leser waren und sind ihr dankbar für ein Werk, das solche Zurückweisung der Monochromasie immer neu eingelöst hat.

 

Germersheim, 5, Mai 2004

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