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Diskussionsforum des FASK


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"Über das Ziehen von Zähnen"

Andreas F. Kelletat

Ansprache des Dekans zum Neujahrsempfang am 11. Januar 2001


Auf ein "hoffentlich nicht zu ereignisvolles, aber für das Profil unseres Fachbereichs deutlich Flagge zeigendes" Jahr 2000 durfte ich mit Ihnen vor 12 Monaten hier im Bierstübchen anstoßen. Aber es ist anders gekommen, denn an Ereignissen hat es nicht gemangelt und mit dem deutlichen Flaggezeigen war das auch so eine Sache.

Über die Ereignisse habe ich gestern morgen auf der Personalversammlung bereits ausführlich gesprochen, also darüber, wie unser Fachbereich im zurückliegenden Jahr die im Paragraphen 2 des Universitätsgesetzes von 1995 genannten sieben Aufgaben bewältigt hat: Wie sah es bei uns aus mit der - wie es im Gesetz heißt - "Pflege und Entwicklung der Wissenschaften [.] durch Forschung, Lehre und Studium"? Wie haben wir unsere Studierenden auf ihre künftigen "beruflichen Tätigkeiten" vorbereitet? Wo haben wir uns bemüht, "bestehende Benachteiligungen von Frauen" zu beseitigen? Welche Anstrengungen gab es, den wissenschaftlichen Nachwuchs zu fördern? Wie war es um unsere Weiterbildungsmaßnahmen bestellt? Wie um die im Universitätsgesetz vorgeschriebene "soziale Förderung der Studierenden", die Berücksichtigung der besonderen Bedürfnisse von behinderten Studierenden? Was hat sich bei der internationalen Zusammenarbeit getan und wie sind wir mit den ausländischen Studierenden umgegangen? Und wie und im welchem Umfang haben wir uns bemüht, die "Öffentlichkeit über die Erfüllung (unserer) Aufgaben" zu unterrichten? Was aus der Sicht des Dekans zu diesen vom Universitätsgesetz vorgegebenen Aufgabenbereichen für das Jahr 2000 zu sagen war - ich muss es heute abend nicht wiederholen. Und wiederholt werden müssen auch nicht die Anmerkungen zur technischen Entwicklung des Fachbereichs, zu den Baumaßnahmen und den im Jahr 2000 erzielten Ergebnissen unseres "Fit für FASK"-Projektes.

Erneuern muss ich allerdings - weil ja nicht alle von Ihnen gestern morgen zur Personalversammlung kommen konnten oder wollten - meinen Dank an jene Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die im Jahr 2000 unseren Fachbereich verlassen haben bzw. verlassen mussten, sowie meinen Willkommensgruß an jene, die in den vergangenen zwölf Monaten ihre Arbeit für unseren Fachbereich aufgenommen haben. 21 Stellen (ganze oder halbe) haben wir 2000 auf Dauer oder zeitlich befristet besetzen können. Sie nehmen es nicht als grobe Unhöflichkeit, wenn ich auf die Nennung der 21 Namen verzichte und stattdessen alle "Neuen" hier in der Runde nochmals freundlichst willkommen heiße. Möge das Jahr 2001 so verlaufen, dass Sie die im - nach Adam Riese: eben abgelaufenen - zweiten Jahrtausend für unseren Fachbereich getroffene Entscheidung nicht zu bereuen haben werden! Willkommen!

Die heftigsten Kopfschmerzen haben uns im vergangenen Jahr gewiss das Personalbemessungskonzept sowie die probeweise eingeführte Budgetierung unserer Personalausgaben in Höhe von gut 13 Millionen DM bereitet. Auf Details muss ich verzichten, aber zwei allgemeine Beobachtungen seien mitgeteilt.

1. Die Einführung eines etwas ausgeprägteren Kosten-Leistungs-Denkens in unsere Universität und ihre Fachbereiche verlangt eine betriebswirtschaftliche und organisationstechnische Professionalisierung unserer Administration. Und diese notwendige Professionalisierung im Management kann gewiss nicht dadurch erfolgen, dass sich jeder Institutsleiter bzw. Fachvertreter zu einem Möchtegern-Mini-Unternehmer mausert, der mit dem Taschenrechner zu ermitteln versucht, was z.B. eine einzelne Lehrveranstaltung eigentlich kostet, und ob dieser finanzielle Aufwand auch dem Resultat angemessen ist. Wenn wir diese Linie des blauäugigen Wurschtelns fortsetzen, wird sich der schon bestehende Kuddelmuddel in unseren Budgetdingen nie auflösen.

2. Die Budgetierung zeigt schon jetzt den unschönen Nebeneffekt, dass ein Institut gegen das andere, ein Fachbereich gegen den anderen positioniert wird, wobei sehr häufig Äpfel mit Birnen verglichen werden und von der versprochenen Planungssicherheit kaum etwas zu entdecken ist. Das macht mich für die Zukunft skeptisch. Wenn unsere Hauptaufgabe, Studierende vernünftig auszubilden und die Forschung voranzubringen, ständig von einem kakophonen Stellenstreichkonzert begleitet wird, dann wird diese Hauptaufgabe Schaden nehmen. Dass bei erwiesener Überausstattung Stellen abgebaut werden müssen ist klar, aber hierfür bedarf es eines vernünftigen zeitlichen Rahmens, der den Abbau dann auch dort gestattet, wo er am ehesten vertretbar ist und nicht dort erzwingt, wo durch puren Zufall gerade eine Vakanz entsteht.

Ermuntern will ich generell zu einem Perspektivenwechsel: Es macht keinen Sinn, hingebungsvoll davon zu schwärmen, was man noch alles Schönes in Germersheim machen könnte, wenn unser Kuchen doch nur etwas größer wäre. Denn wenn es dann - nach unendlichen Mühen im Gremiengehedder - wirklich gelingt, ein bisschen mehr zu bekommen, dann schielt man schon wieder auf das nächste Stück und es bleibt stetig bei dem Gefühl, dass man eigentlich viel zu wenig bekommen hat. Geht es nicht auch umgekehrt: Also sich mit der Kuchengröße im Großen und Ganzen abzufinden und dann zu überlegen: Was fangen wir mit dem, was wir haben, um sinnvollsten an? Und ganz so klein ist unser Kuchen ja auch gar nicht... sind wir doch immerhin die weltweit größte Ausbildungsstätte für künftige Übersetzer und Dolmetscher! Aber was machen wir daraus?

Wer denn unbedingt mehr haben will, der muss jedenfalls auch anderswo energisch anklopfen als nur bei der Universitätsleitung oder im Ministerium. Der muss sich z.B. um Drittmittel bemühen. Da sind uns in den letzten Jahren erhebliche Steigerungen gelungen und ich bin mir ganz sicher, dass sich diese positive Entwicklung fortsetzen wird. Haupteinnahmequellen sind bisher für uns die Internationale Sommerschule, zahlreiche Weiterbildungsveranstaltungen, z.B. für Dolmetscher des Europäischen Parlaments, sowie vom DAAD oder der Volkswagenstiftung geförderte internationale Kooperationen mit Ostmitteleuropa und Lateinamerika.

Allerdings zeigt sich im Bereich der Weiterbildung auch eine Kehrseite: Unser Fachbereich ist für diese neuen Aufgaben nicht so gut gerüstet, wie es sich mancher innerhalb und jenseits von Germersheim gedacht hat. Nur ein Beispiel: Seit einigen Monaten bilden wir im Auftrag der Europäischen Union (und von ihr massiv unterstützt) polnische Muttersprachler zu Dolmetschern für die Organe der EU aus - im Rahmen eines Weiterbildungskurses. Einige Mitarbeiter unseres Fachbereichs - an ihrer Spitze Frau Professor Worbs - haben (ohne irgendeine Kompensation!) sehr viel Energie und Arbeitszeit in dieses anspruchsvolle Projekt investiert, das für uns ja auch Pilotcharakter hat. Denn es soll beweisen, dass wir der ruhmreichsten Ausbildungsstätte für Dolmetscher, den Genfern also, die Stirn bieten können. Aber die Rückmeldungen, die von Kursteilnehmern kommen, sind zum Teil recht durchwachsen. Mancher fühlt sich am Fachbereich nicht willkommen, hat auch den Eindruck, das Ganze sei eher eine Lückenbüßerveranstaltung... Wenn sich solche Impressionen verhärten, werden wir die Sprachendienste des Europäischen Parlaments und der Brüsseler Kommission als Partner bei der Weiterbildung verlieren - mit allen Konsequenzen auch für das Prestige unserer Institution. Ich habe die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass es sich um Anlaufprobleme handelt, die in der zweiten Kurshälfte behoben sein werden.

Weitere Probleme am Fachbereich, Dinge, die uns im Jahr 2000 nicht oder nicht gut genug gelungen sind - ich mag sie heute abend nicht aufzählen. Denn es ist ja mein letzter Neujahrsgruß, den ich als Dekan an Sie richten darf. Und so ist es vielleicht der passende Zeitpunkt, ein paar Bemerkungen zu meinen Erfahrungen in diesem Amt zu machen.

Wobei sich mir natürlich ein Vergleich mit meinen beiden Jugenddekanaten aufdrängt, die ich von 1988 bis 1991 an der finnischen Universität Vaasa absolviert habe. Das Dekansamt dort ist mir viel leichter gefallen, nicht nur, weil ich 10 Jahre jünger und belastbarer war, weil die Universität Vaasa viel überschaubarer war und die Budgetierung und das Kosten-Leistungs-System erheblich professioneller eingeführt wurden als bei uns, sondern vor allem, weil im Fachbereichsrat und im Senat Finnisch gesprochen wurde und nicht Deutsch. Es galt also nicht das Faustrecht und es gab keine ständige und lähmende Personalisierung von Sachfragen. An Meinungsverschiedenheiten hat es uns auch in Finnland nicht gefehlt, aber Klatsch und Tratsch beschränkten sich auf das, was klatsch- und tratschwürdig ist. Das war hier anders. Und das ist ein deutsch-finnischer Kulturunterschied, an den ich mich auch nach sieben Jahren Germersheim noch nicht gewöhnen mag.

Worin bestand die Macht, die das Amt mit sich bringt? Im sog. Herrschaftswissen kaum, denn das ist hohl. Im Strippenziehen auch nicht, denn das ist langweilig. In der Möglichkeit, mit der Universitätsleitung und gelegentlich auch im Ministerium Belange unseres Fachbereichs zu vertreten? - darin gewiß schon eher. Aber als wirkliche Macht habe ich empfunden, dass man als Dekan am Fachbereich bestimmte Themen in den Vordergrund rücken kann oder sie auch ganz konkret als Punkte auf die Tagesordnung des Fachbereichsrates setzt. Transparenz herzustellen, Zusammenhänge aufzuzeigen, Entscheidungen durchschaubarer machen - das erschien mir wichtig, auch das vielleicht eine skandinavische Unsitte. Es tut mir leid, dass ich in meinem letzten Dekansjahr insbesondere für Studierende nicht mehr so ansprechbar war, wie in den ersten Jahren. Denn eins ist klar: Studierende können in unseren Gremien viel sinnvoller mitwirken, wenn sie ausführlich über jene Alternativen informiert werden, die zur Entscheidung anstehen. Und ich bin immer noch beeindruckt, wie kompetent unsere Studierenden im Fachbereichsrat und in vielen Ausschüssen mitwirken - wobei hervorzuheben ist, dass sie eben nicht die Interessen je eines Faches oder Instituts vertreten, sondern eher den ganzen Fachbereich im Blick behalten. Analoges gilt für die sog. Mittelbauvertreter und die Vertretung der Gruppe 4 - auch denen fällt es viel leichter als uns Professoren, unabhängig von Fach- und Institutsinteressen bzw . -egoismen zu argumentieren und zu entscheiden.

Mir ist bewusst, dass ich gegen eine Spielregel der standesbewussten deutschen Gremienuniversität mehrfach verstoßen habe. Diese Spielregel besagt, dass eine Professorenmehrheit auch in Fragen, in denen das Universitätsgesetz die sog. doppelte Mehrheit nicht vorschreibt, nicht mit Unterstützung der Gruppen 2, 3 und 4 überstimmt werden darf. Der Verstoß gegen diese Regel hat mir den Vorwurf der Unkollegialität und gleichbleibend magere Ergebnisse bei zwei Fachbereichsratswahlen eingebracht. Damit habe ich leben können, weil ich mich eben nicht als Dekan der Professoren, als "primus inter pares" verstehe, sondern als Dekan aller Angehörigen des Fachbereichs. Ohne ein solches gedämpft antiprofessorales Amtsverständnis wären manche Veränderungen nicht durchführbar gewesen - das zumindest meine Erfahrung in den zurückliegenden Jahren.

Immer noch stellt sich auch - ich kann es nicht verhehlen - mitunter ein Gefühl von Bitterkeit ein. Der neue Dekan, so hörte ich vor gut dreieinhalb Jahren, mache seine Sache ja ganz ordentlich, aber ein paar Zähne werde man ihm wohl noch ziehen müssen. Dass es dazu nicht gekommen ist, dass dem Fachbereich mithin der Anblick eines zahnlosen Dekans Kelletat erspart geblieben ist, dafür danke ich allen, die geholfen haben, dass es mit dem Vorzeigen der Extraktionsinstrumente sein Bewenden hatte. In meinen Dank darf ich für ihre kritische Loyalität ausdrücklich die Prodekane der Jahre 1997 bis 2001 einschließen, also Herrn Forstner und Frau Worbs, sowie die Mitarbeiterinnen des Dekanats, Frau Ickas. Frau Wagner und Frau Wismeth.

Macht des Dekans - worin also liegt sie? Vielleicht in der Ansprechbarkeit. Dass man Initiativen fördert, indem man sich von ihnen erzählen läßt, ihnen Beachtung gibt. Dadurch übrigens erst lässt sich ermessen, über welch fantastische Begabungen und Entfaltungsmöglichkeiten unser Fachbereich insgesamt verfügt. Und es gehört zu den großen Privilegien eines Dekans, von diesen erstaunlichen Begabungen und Mitwirkungsbereitschaften viel mehr zu erfahren, als es z.B. einem Nur-Institutsleiter möglich ist. (NB: Ende der Werbedurchsage für das Amt des Dekans!)

Ich schließe daher mit einem Dank an all jene vielen von Ihnen, die in den letzten vier Jahren mit ihren Ideen, ihren Vorschlägen, ihren Bedenken, ihrer Aufmunterung, ihrer Kritik auf mich zugekommen sind. Es waren diese Gespräche und Diskussionen, die das Amt interessant gemacht haben - so interessant, dass ich heute eher verblüfft feststelle: Mir hat es Freude gemacht, Dekan des Fachbereichs Angewandte Sprach- und Kulturwissenschaft der Johannes Gutenberg-Universität Mainz sein zu dürfen. Ich danke Ihnen allein daher sehr für diese vier ereignisvollen Jahre!

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