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Diskussionsforum des FASK


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Andreas F. Kelletat


VOM SCHMOREN IM EIGENEN SAFT


Ein Dank an Rektor und Senat der Universität Lettlands
aus Anlass der Ehrenpromotion am 28. September 2000


Verehrte Frau Staatspräsidentin
Sehr geehrter Herr Rektor
Geehrte Senatoren
Liebe Kolleginnen und Kollegen
Liebe Studierende
Meine Damen und Herren


Getarnt als finnischer Tourist kam ich im November 1982 erstmals nach Riga. Verglichen mit Kopenhagen oder Helsinki erschien mir Riga als strangulierte Metropole, ihrer Vergangenheit und Zukunft beraubt, ohne Chance, erneut zu jenem Ostsee-Kosmopolitismus beitragen zu können, der diese Stadt so schön gemacht hatte. Am Strand von Jurmala hörten wir von Vizma Belsevicas Riga-Gedicht von 1967 und vom Schweigen, in das sie selbst gestoßen worden war. Wir suchten nach dem jüdischen Riga und fanden die Spuren nicht. Auf dem Rückweg unterbrach der Intourist-Bus in Pärnu die Fahrt für eine Stunde. Wir sollten trauern um den unermüdlichen Kämpfer für den Frieden, um Leonid Breschnew, der am 10. November gestorben war. In einer Kaffeebar sah ich die Fernsehbilder der roten Gerontokraten vom Roten Platz. Die Esten schauten nicht hin.

Zehn Jahre später war ich erneut in Riga, im Herbst 1992. Der Sowjetkolonialismus zerbröselte, aber in den Straßen gab es noch die Okkupantenarmee. In den bitterkalten Räumen der Universität sprach ich auf Kolleginnen ein, wie sie zügig Anschluss finden könnten an die internationalen Fachdiskussionen. Man fragte zurück, ob nun alle Lehrveranstaltungen neu ausgearbeitet werden müssten, ob man die Fachbücher aus der Sowjetunion und der DDR wegschmeißen müsse. Ich verstand die Fragen nicht.

In den acht Jahren seither hat es zahllose Begegnungen mit Kollegen und Studierenden Ihrer Universität gegeben. Vieles ist anders geworden. Aber immer noch scheint mir die Überwindung der aus der Sowjetzeit stammenden Deformationen von Forschung, Lehre und Administration in den Anfängen zu stecken. Nach jedem Aufenthalt in Riga stelle ich mir ähnliche Fragen:

Warum bringen sich die Nachwuchswissenschaftler nicht hörbarer ein in das Gespräch über die Zukunft dieses Landes, in dem sie bald doch wichtige Führungspositionen werden übernehmen müssen?

Entschuldigen Sie den besserwisserischen Ton dieser Fragen. Meine Ungeduld rührt auch aus nicht vergehender Scham über jenen 23. August 1939, der mit dem deutsch-russischen Teufelspakt so viel Elend über Ihre Stadt und Ihr Land gebracht hat. In Deutschland wissen zu wenige, in welcher Haftung Stalins einstiger Vertragspartner auch gegenüber Lettland steht.

Ich danke Ihnen für die hohe Auszeichnung. Ich werte sie vor allem als erneute Anerkennung für jenes vielstimmige Gespräch, das seit bald zehn Jahren zwischen Ihrer Universität und der Johannes Gutenberg-Universität Mainz stattfindet. Die Auszeichnung verpflichtet mich, an diesem Gespräch auf Dauer teilzunehmen. Auch für dieses Privileg danke ich dem Senat und dem Rektor und der Fremdsprachenfakultät der Universität Lettlands sehr.


[Die Dankrede wurde von Beate Paskevica, Dozentin an der Universität Lettlands und Germersheimer Doktorandin, konsekutiv ins Lettische gedolmetscht; afk]

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