.

Diskussionsforum des FASK


.

Neugierde auf Kärrnerarbeit

Andreas F. Kelletat

Prof. Dr. Birgit Menzel als Willkommensgruß am Germersheimer Fachbereich Angewandte Sprach- und Kulturwissenschaft, gesprochen am Nachmittag des 9. November 2000



Sehr geehrte Kollegin, liebe Frau Menzel!


Seien Sie ganz herzlich willkommen an unserem Fachbereich, dessen Repräsentanten aus den Statutsgruppen 1, 2 und 3 (so exakt rubriziert uns das Universitätsgesetz Ihres neuen Dienstherren) Sie nunmehr auch offiziell durch diesen Stehempfang begrüßen wollen.


Den ortstypischen Schnack vom doppelten Traurigsein haben Sie schon vernommen, wonach Studenten in Germersheim zweimal weinen: einmal bei der Ankunft in dieser südpfälzischen Kreis- und Universitätsstadt und dann erst wieder beim Abschied. Was wohl heißen soll, dass dieser Ort den hierher verschlagenen Studenten beim allerersten Anblick (und das ist häufig der Bahnhof mit dem malerischen Blick zur B 9) die Tränen in die Augen schießen läßt, dass sie dann aber hier rasch so heimisch werden, dass der schließliche Abschied die nunmehrigen Absolventen noch einmal zu Tränen rührt. Und manche Studenten fürchten diesen zweiten Tränenschub so sehr, dass sie nie aus Germersheim wieder fort können... Wenn das alles doch nur für die Studierenden und für den Ort jenseits unserer akademischen Festungsmauern gälte!


Aber es gilt – das haben Sie in den sechs Wochen seit Ihrem Dienstantritt bereits reichlich zu spüren bekommen – leider auch für die Professoren und für den Fachbereich. Der Kulturschock bleibt keinem Ankömmling erspart. Und schon gar nicht jemandem, der wie Sie Slavistik, Germanistik und Politologie an Orten wie Bonn, Bloomington und Berlin studiert hat, dazu bei Forschungsaufenthalten slavistisch-kulturwissenschaftliche Metropolen wie Leningrad und Helsinki mit seinem herausragenden Aleksanteri-Instituutti kennen lernen konnte. Mit den Bibliotheken und Archiven und der kulturellen Attraktivität all dieser Städte können wir nicht mithalten. Und auch die Studierenden sind anders hier als in Bloomington oder Berlin. Sie haben auch anderes vor mit ihrer Zukunft nach dem Studium.


All das haben Sie in Ihren ersten Germersheimer Wochen schon genau registriert. Wobei Ihr Amt und Ihre Aufgaben vielleicht sogar noch ein wenig schwerer sind als sie es z.B. für mich vor siebeneinhalb Jahren waren, als ich aus Finnland in die Pfalz kam. Denn ich fand eine seit Jahren erprobte Studienstruktur vor sowie ein Institut, das auch ohne mich ganz gut klargekommen war. Ich konnte mir also Zeit lassen mit kleineren Veränderungen, denn ich übernahm die Aufgaben, die auch mein Vorgänger wahrgenommen hatte: Mitarbeit an der kultur- und literaturwissenschaftlichen Ausbildung der Studierenden im Hauptstudium. Aber einen Schock hab ich mit Ihnen natürlich geteilt, die Wahrnehmung nämlich, wie wenig Zeit den Studenten in Germersheim für jene Studieninhalte zur Verfügung steht, die ein philologisches Studium ausmachen (wie wir es absovliert haben!), also Vorlesungen, Seminare und Übungen in Sprach- und Literaturwissenschaft und (neuerdings ja auch bei Philologen) in Kulturwissenschaft. Dieser Schock wurde allerdings schnell geheilt durch die sehr positive Erfahrung, dass unsere Absolventen nämlich recht gute Berufs- und Aufstiegschancen haben, deutlich bessere zumindest als die meisten Sprach- und Literaturexperten aus streng philologischen Studiengängen.


Eine weitere Schwierigkeit kommt in Ihrem Fall freilich hinzu: Die russistische Kulturwissenschaft war ja nicht das Hauptgeschäft Ihres Vorgängers und sie gleicht derzeit ein wenig der faktenhuberischen Linguolandeskunde, die mit Ihren Vorstellungen einer zeitgemäßen interdisziplinären Kulturwissenschaft nicht sehr viel gemein haben dürfte.


Es wird also von Ihnen Kärrnerarbeit zu leisten sein. Wie sollen die in Prüfungs- und Studienordnung angesetzten 14 Semesterwochenstunden Kulturwissenschaft im Hauptfach Russisch in Zukunft gestaltet werden? Das werden Sie selbst festlegen müssen bis hin zu den Veranstaltungstypen und den Inhalten der Prüfungen. Und Sie werden jene Bibliothek und Mediensammlung erst aufbauen müssen, die Sie für Ihre Lehre benötigen – für die Forschung werden Sie allerdings auf Dauer auf Ressourcen außerhalb Germersheims zurückgreifen müssen. Vielleicht tröstet es Sie ein wenig: Es geht uns allen so.


Der Fachbereichsrat hat diesen radikalen Schwenk zur Kulturwissenschaft im Fach Russisch gewollt, so wie er einige Jahre zuvor eine nicht ganz so schroffe Wende für das Fach Französisch vollzogen hat – dort von der „reinen“ Kulturwissenschaft des emeritierten Kollegen Schunck zur Sprach- und Kulturwissenschaft des Kollegen Pöckl. Und der Fachbereich weiß natürlich um die z.T. heiklen Weiterungen solcher Neuausrichtung von Professuren. Ihr eigenes Lehrgebiet etwa wurde bisher von anderen Mitarbeitern des Instituts für Slavistik angeboten. Da wird man sich möglichst zügig ins Benehmen setzen müssen.


Ihr wackeres Vorgehen in den Berufungsverhandlungen mit der Universitätsleitung scheinen mir allerdings ein sehr deutliches Indiz dafür zu sein, dass das Fach Russisch durch Sie einen kräftigen Erneuerungsschub erhalten wird – und wir alle wissen, von welch großem Gewinn das für unseren ganzen Fachbereich sein wird! Unserer aller Unterstützung dürfen Sie sicher sein.


Schon die allerersten Gespräche hier in Germersheim haben zudem gezeigt, wie sehr Sie an möglichst regem Austausch und an Kooperation mit den neuen Kolleginnen und Kollegen interessiert sind. Und die Sie hier gemeinsam Begrüßenden dürften neugierig sein, was Sie denn im Berliner Umzugsgepäck für solche interdisziplinären Kooperationen – oder gelinder formuliert: für erste Gespräche mit Leuten aus anderen Fächern – mitgebracht haben. Ich kann nur einiges Weniges andeuten:


Da ist etwa Ihr Interesse an intermedialen Beziehungen zwischen Literatur und Musik, speziell der Oper, das Sie mit unserem Kollegen Prill aus der Romanistik teilen dürften, das spezielle Interesse an Schostakowitschs „Lady Macbeth von Mzensk“ zudem mit Klaus von Schilling.


Da ist die Vertrautheit mit der polnischen Literatur, die zu neuen Akzentuierungen auch in der Polonistik führen kann. Zumal sich die Prodekanin, die durch zu lange Jahre den schweren Institutskarren hat alleine ziehen müssen, bereit erklärt hat, in Zukunft auch russistisch-linguistische Themen mitzubetreuen. Vor Illusionen in Richtung gesamtslavistischer Lehre sei allerdings ein wenig gewarnt: Unsere Studenten belegen einzelne Sprachen, keine Philologien. Die Kombination Englisch/Polnisch oder Französisch/Russisch oder auch Deutsch/Russisch ist üblicher als die slavistische Fächerkombination Russisch/Polnisch, die Sie aus Bonn oder Berlin vielleicht eher gewohnt sind. Analoges gilt hier auch für die romanistischen Fächer, die meisten Studierenden belegen die Kombination Englisch/Französisch, nicht etwa Französisch/Spanisch o. dgl.


Zurück zum Umzugsgepäck: Da sind Ihre Kenntnisse über frauenbezogene Slavistik, die nicht nur ein einschlägiges Sondersammelgebiet in der Bibliothek bereichern werden.


Da sind Ihre literatur- und kulturtheoretischen Pfründe, die von all unseren einschlägig arbeitenden Forscher/innen – nicht nur den Nachwuchswissenschaftlern – angezapft werden müssten.


Und da ist Ihre Bereitschaft, in Germersheim eine vergleichende russistische Kulturwissenschaft zu etablieren, die zum einen die spezifischen Bedürfnisse angehender Übersetzer und Dolmetscher berücksichtigt und die zum anderen Tandem-Veranstaltungen für deutsche Studierende des Faches Russisch und russischsprachige Studierende des Faches Deutsch möglich macht. Ihr an vielen Publikationen und Forschungsprojekten ablesbares Interesse an den schwierigen Umgestaltungsprozessen in Osteuropa sowie an den kulturgeschichtlichen Voraussetzungen dieser Entwicklungen verrät zudem jene Gegenwartsorientierung, die für unsere Studierenden so wichtig ist.


Im Moment mag es Ihnen noch sehr schwer vorkommen, diese Studierenden für Ihre kulturwissenschaftlichen Konzepte zu gewinnen. Ich bin aber fest überzeugt, dass diese Anfangsschwierigkeiten in wenigen Semestern überwunden sein werden. Wir alle sind sehr gespannt, wie sich das Fach Russisch unter Ihrer Ägide neu entfalten wird.


Verehrte Kollegin Menzel! Ich danke Ihnen, dass Sie den Ruf an unsere Universität und an diesen Fachbereich angenommen haben. Für Ihr neues Amt wünschen wir alle – auch der hier anwesende Vizepräsident Druwe – Ihnen eine glückliche Hand, Erfolg und Erfüllung. Noch einmal: Herzlich willkommen in Germersheim!

zurück   top


UNI-MAINZ | Startseite | Intranet | Institute | Zentrale Einrichtungen | Kontakt | Bibliothek | Volltextsuche
Liste unserer Seiten | Vorlesungsangebot | Allgemeine Informationen | Personenverzeichnis | Internet-Recherche


[WWW-Adresse: Http://www.fask.uni-mainz.de/fbpubl/fax/kelletat0012-3.html - 21.12.2000 - HTML-Version: ddp. ]