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Diskussionsforum des FASK


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VOM DEUTSCHEN LEBEN (II)

Andreas F. Kelletat

Germersheimer Perspektiven für ausländische Studierende und ihre deutschen KommilitonInnen

(Ansprache des Dekans zum Beginn des 55. Studienjahrs am 9. November 2000)

Liebe Studierende, vor allem all jene, die in diesem Semester mit dem Lernen und Forschen in Germersheim begonnen haben – Willkommen!

Liebe Kolleginnen und Kollegen, vor allem jene, die in diesem Semester mit dem Lehren und Forschen und Administrieren in Germersheim begonnen haben – Willkommen!

Liebe Gäste und Freunde des Fachbereichs!
Verehrter Herr Vizepräsident Druwe!
Meine Damen und Herren!

VOM DEUTSCHEN LEBEN – surrt mir seit dem Sommer schon durch den Kopf als Vortragstitel für den Auftakt dieses Studienjahres. Wobei mir die Wortarten bis auf die Präposition unklar sind: Ist DEUTSCH Adjektiv und LEBEN Substantiv, so dass ich über das deutsche Leben, das Leben in Deutschland zu sprechen hätte? Oder soll ich mir DEUTSCH als Substantiv denken und LEBEN als Verb, so dass es also darum ginge, vom Deutschen zu leben, von der Sprache Deutsch, von genauester Kenntnis deutscher Sprache und Kultur? Wieviel Deutsch braucht die Welt? – darüber habe ich im Sommer vor ein paar hundert DAAD-Lektoren in Bonn gesprochen, ebenfalls unter dem Titel „VOM DEUTSCHEN LEBEN“.1 Die Doppeldeutigkeit dieser Wendung wird auch durch den Untertitel nicht aufgelöst: „Germersheimer Perspektiven für ausländische Studierende und ihre deutschen Kommiliton/innen“. Denn auch mit Blick auf unseren Fachbereich läßt sich fragen: Werden unsere ausländischen wie deutschen Studierenden mittel- und langfristig vom Deutschen leben können? Vom Übersetzen und Dolmetschen in und aus dieser Sprache? Oder man kann fragen: Wie lebt es sich hier in Germersheim? Wie klappt das Miteinander, Nebeneinander und Gegeneinander von über 1000 ausländischen und 1400 deutschen Studierenden am Fachbereich Angewandte Sprach- und Kulturwissenschaft? Um den zuletzt genannten Aspekt geht es mir heute primär. Über den anderen können Sie sich u.a. auf unserer FASK-Seite im Internet orientieren, anhand von Professor Stolls dort dokumentierter Antrittsvorlesung.

Ausländer hat es an unserem Fachbereich von Beginn an gegeben. Im Sommer 1947 waren von den 233 Studierenden 22 Ausländer, knapp 10%. Auch als 1965 Deutsch als Fremdsprache in den Fächerkanon des Übersetzerstudiengangs aufgenommen wurde, blieb es bei einer überschauberen Studierendengruppe. 100 bis 200 junge Leute aus dem Ausland waren es durchschnittlich, die bis 1985 von der Chance Gebrauch machten, sich hier zu Übersetzern ausbilden zu lassen. Das Diplom, das sie erwarben, unterschied sich in nichts von dem ihrer deutschen Kommiliton/innen: Neben dem Deutschen mußten auch sie eine zweite Fremdsprache belegen und ein Ergänzungsfach.

In den 70er Jahren stiegen die Studierendenzahlen sprunghaft an. Das betraf zunächst die deutschen Studierenden, so dass für Englisch, Französisch und Spanisch dauerhaft ein Numerus clausus eingeführt werden musste. Das betraf zeitlich leicht versetzt auch die Studierenden des Faches Deutsch, deren Zahl vor 15 Jahren bei 250 lag, vor 10 bei gut 400, vor 5 Jahren bei 650 und heute bei 1100 liegt (wovon ca. 100 Bildungsinländer sind, als junge Leute mit einem griechischen, italienischen oder türkischen Pass, die in Deutschland aufgewachsen und hier ihr Abitur gemacht haben). Die Gesamtzahl der Studierenden hat sich trotz dieses Anstiegs allerdings kaum verändert hat: 2250 gab es hier insgesamt vor 15 Jahren, 2450 sind es heute. Das heißt also auch: Die Zahl der deutschen Studierenden ist von 2000 auf 1400 gesunken... Bei Erstimmatrikulierten liegt der Ausländeranteil derzeit zwischen 50 und 60%, bei den Diplomen zwischen 30 und 40%. Die Ausländer stammen aus über 75 Ländern, 50% von ihnen kommen aus EU-Staaten, die andere Hälfte aus Mittel- und Osteuropa, aus den abrabischen Staaten, aus Afrika, Asien, Lateinamerika, Australien und den USA.

Woraus erklärt sich diese doch erstaunliche internationale Anziehungskraft? Warum hat dieser Studienstandort in einer doch nicht sonderlich attraktiven Kleinststadt eine solche Sogwirkung auf Studierende aus dem Rest der Welt? Darauf gibt es viele Antworten: Entstehung des gemeinsamen EU-Arbeitsmarktes als Folge des Vertrags von Maastricht; Zusammenbruch der realsozialistischen Staatenwelt und Öffnung der Grenzen nach Westen für junge Leute aus Polen, aus den baltischen Republiken, aus den GUS-Staaten; Ausbildung zum Übersetzer in Germersheim als Möglichkeit, sich zügig in die deutsche Gesellschaft zu integrieren – ein Aspekt, der z.B. für Rußlanddeutsche oder jüdische sog. Kontingentflüchtlinge aus den GUS-Staaten in Betracht kommt; Studium in Deutschland als Vielleicht-Chance einem Leben ohne Perspektive in einem von Korruption, Bürgerkrieg, Diktatur oder ökonomisches Desaster geplagten Land der sogenannten Dritten Welt zu entkommen.

All das mögen Gründe für die galoppierende Internationalisierung unseres Fachbereichs sein, aber als ausschlaggebend möchte ich doch einen ganz anderen sehen: Dass hier ein auf die Interessen ausländischer Studierender maßgeschneiderter Studiengang angeboten wird, dass es hier eine große Zahl von Dozentinnen und Dozenten gibt, die die universitäre Übersetzer- und Dolmetscher-Ausbildung von Ausländern – woher und warum auch immer sie hierher gekommen sind – nicht als lästigen Job ansehen, sondern bewußt zu ihrer Lebensaufgabe gemacht haben. Ohne dieses auch im Lebensgeschichtlichen verankerte Engagement gäbe es nicht jene – ohne Übertreibung: weltweit – zu vernehmende Flüsterrede, nach der das Institut für Interkulturelle Kommunikation und unser Fachbereich insgesamt ein guter Ort für ausländische Studenten sind. Und das wird so bleiben.

Genug des Selbstlobs! Denn mit dem kräftigen Anstieg der Zahl ausländischer und dem gleichzeitigen Rückgang der deutschen Studierenden sind für unseren Fachbereich auch ein ganzes Bündel an strukturellen Verwerfungen entstanden, die uns in den nächsten Semestern intensiv beschäftigen müssen. Die Weichen hierfür hat der Fachbereichsrat im Frühjahr 2000 mit seinen Überlegungen und Beschlüssen zur Entwicklung unserer Institution in den kommenden zehn Jahren gestellt. Was zeichnet sich ab? Wo gibt es noch weiteren Handlungsbedarf?

Als erstes war die Frage zu klären, ob der Fachbereich überhaupt steuernd in die Entwicklung eingreifen solle. Langfristig könnte aus Germersheim ja eine durch und durch internationale Ausbildungsstätte werden, mit dann vielleicht 2000 ausländischen und nur noch 400 deutschen Studierenden. Wir hätten dann insgesamt jene Situation, die bereits heute einzelne Lehrveranstaltungen für die Sprachenpaare Deutsch-Polnisch bzw. Deutsch-Russisch prägt, in denen z.B. zwei deutsche mit acht russischsprachigen Kommiliton/innen das Dolmetschen üben. Der Fachbereichsrat hält eine solch weitgehende Internationalisierung für nicht wünschenswert und hat daher beschlossen, dass der Anteil der ausländischen Studierenden langfristig nicht über einem Drittel der Gesamtzahl liegen soll. Konkret: die Zahl der Deutsch-Studierenden muss von derzeit deutlich über 1000 schrittweise auf ca. 800 zurückgeführt werden. Dies soll durch Quoten für besonders drastisch angestiegene A-Sprachen erreicht werden. In diesem Wintersemester wurden erstmals nur jeweils 15 Studierende mit den A-Sprachen Arabisch, Polnisch, Russisch und Spanisch in das Grundstudium aufgenommen. Aus den GUS-Staaten gab es knapp 100 Bewerbungen für das Fach Deutsch, entsprechend streng war der NC für die A-Sprache Russisch, 85 Bewerber wurden abgewiesen.

Der Fachbereichsrat hat ferner beschlossen, eine Ausdehnung der A-Sprachen nicht zu betreiben. So wünschenswert es nicht nur aus EU-Perspektive auch wäre, z.B. Studierenden aus Tschechien, Ungarn oder Serbien jene Studienmög­lich­keiten zu eröffnen, die es für ihre Generationsgenossen aus Portugal oder Griechenland schon gibt – die Sache ist leider nicht durchführbar, nicht finanzierbar. Denn für jede weitere A-Sprache würde zumindest ein zusätzliches Lehrdeputat von 14 Stunden benötigt, eine ganze Mitarbeiterstelle. Das Geld dafür fehlt unserer Universität, wir sind nicht mehr in den 70er Jahren... Eine vielleicht noch bedauerlichere Lücke in unserer Palette klafft für die Sprachen und Kulturen Nordeuropas bzw. der Ostseeregion. Lehrveranstaltungen zum Erwerb des Dänischen, Norwegischen, Schwedischen, Finnischen, Estnischen, Lettischen und Litauischen gibt es zwar auf dem Mainzer Campus, aber leider nicht in Germersheim. Dabei wäre es für alle Studierenden – egal ob deutsche Muttersprachler oder nicht – die auf eine Anstellung bei den Organen der EU in Brüssel, Straßburg oder Luxemburg spekulieren, ein sehr großer Wettbewerbsvorteil, wenn sie neben zwei „großen“ EU-Sprachen wie Französisch und Englisch oder Deutsch und Spanisch noch eine dritte, kleinere bzw. „exotische“ EU-Sprache mitbrächten. Und angesichts der Osterweiterung der Union müßte man jetzt gezielt Übersetzer und Dolmetscher ausbilden, die zumindest Grundkenntnisse im Tschechischen, Ungarischen, Litauischen oder Lettischen erwerben. Vor vier Jahren habe ich für diesen absehbaren Sprachenbedarf Lösungskonzepte skizziert und an dieser Stelle auch vorgetragen. Diese Konzepte müssen vor dem Hintergund der aktuellen Sparzwänge modifiziert werden.

Das Fach Deutsch sieht sich sogar gewzungen, mittelfristig auf eine seit Jahrzehnten angebotene Grundsprache zu verzichten, auf das Finnische. Die Zahl der finnischen Studierenden ist zu gering geworden, als dass Semester für Semester die laut Prüfungs- und Studienordnung mindestens erforderlichen 14 Stunden Lehrveranstaltungen angeboten werden könnten. Wir haben jedoch mit mehreren finnischen Universitäten Abmachungen getroffen, damit weiterhin Übersetzer- und Dolmetschstudenten aus dem Nokia-Land zumindest für zwei Semester nach Germersheim kommen können. Wobei natürlich die Frage naheliegt, warum nicht mehr mehr Studierende aus Finnland und Nordeuropa insgesamt den Weg an unseren Fachbereich finden. Für mich ist die Antwort klar: Es liegt an der – im Vergleich zu nordeuropäischen Universitäten – miserablen technischen Ausstattung unseres Fachbereichs sowie an den Betreuungsrelationen. Schauen Sie sich an einer beliebigen Universität in Dänemark, Schweden, Norwegen, Island oder Finnland um, wie es dort um die Versorgung mit Computern in allen Bereichen bestellt ist (auch für Literaturrecherchen in Bibliotheken, für die Anmeldung zu Prüfungen usw.), wieviele Studierende dort an einem Seminar oder einer Übung teilnehmen und halten Sie unsere Verhältnisse daneben: der Unterschied ist eklatant!

Bei allen Überlegungen zur Zukunft von Germersheim ist es auch vor diesem Hintergrund nicht sinnvoll, uns mit vermeintlichen philologischen Schwesterinstituten auf dem Mainzer Campus zu vergleichen – wir stehen als Ausbildungseinrichtung für Übersetzer und Dolmetscher nicht in Konkurrenz zur Mainzer Slavistik, Anglistik, Romanistik oder Germanistik, sondern zu CIUTI-Instituten in Genf, Brüssel, Paris, Triest oder Kopenhagen. Und es sollte ein Warnsignal für uns sein, wenn zwar Studierende aus Ost- und Südeuropa, aus der arabischen Welt, aus China und aus Afrika und Lateinamerika in hoher Zahl nach Germersheim kommen, wenn sich aber gleichzeitig kaum ein Studierender aus Nordeuropa oder aus den Vereinigten Staaten nach Germersheim verirrt.

Zurück zu den Überlegungen zur Situation der ausländischen Studierenden. Was wäre – auch angesichts der internationalen Konkurrenzsituation – an Verbesserungen denkbar? Was hat der Fachbereichsrat dazu beschlossen?

Er hat sich vor allem für eine stärkere Integration der ausländischen Studierenden in den Gesamtfachbereich ausgesprochen. Es soll nicht mehr so sein, dass deren Ausbildung als fast ausschließliche oder doch primäre Aufgabe nur des Faches Deutsch bzw. des Arbeitsbereichs Germanistik am Institut für Interkulturelle Kommunikation anzusehen ist. Der ganze Fachbereich ist gefordert. Man kann nicht 10 Dozent/innen und einer Professur die Hauptbetreuung von 40% der Studierenden eines Fachbereichs mit knapp 100 Dozent/innen und 15 Professuren aufbürden. Die Universitätsleitung sieht sich hier leider nicht gefordert, denn die Gesamtzahl der Studierenden in Germersheim hat sich ja nicht nennenswert erhöht. Also wird der Ratschlag erteilt, dass man intern Ressourcen „umschichten“ müsse. Das ist ebenso leicht gesagt wie schwer getan. Eine vakante Mitarbeiter- oder gar Professorenstelle von einem Institut in ein anderes zu verlagern, das artet rasch in eine mittelschwere Keilerei aus. Daraus hat der Fachbereichsrat nach einschlägigen Erfahrungen zwei Konsequenzen gezogen, die unseren Alltag in Lehre, Forschung und Administration gravierend verändern werden.

Hierzu ist eine Zwischenbemerkung nötig, die ein Detail unserer Studienstruktur betrifft. Den ausländischen Studierenden wurden in der Vergangenheit in ihrem Erstfach Deutsch nicht nur Lehrveranstaltungen im Vertiefenden Spracherwerb, in germanistischer Sprach- Literatur- und Kulturwissenschaft angeboten, sie haben im Fach Deutsch auch ihre sehr umfangreichen Übersetzungsübungen absolviert. Für die Sprachen Englisch, Finnisch, Französisch, Italienisch, Spanisch und – mit Einschränkungen – Arabisch wurden auch die Übersetzungsübungen vom Fach Deutsch angeboten. Sogar für die zweite Fremdsprache (in aller Regel Englisch oder Französisch) gab es am Germanistischen Institut eigene Lehrveranstaltungen, in denen etwa Studierende aus Finnland, Frankreich, Ägypten und Brasilien gemeinsam das Übersetzen aus dem Deutschen ins Englische erlernten. Mit dem unschönen Terminus „didaktische Separierung“ wurde diese recht weitgehende Trennung der deutschen und ausländischen Studierenden beschrieben. Und in der Tat: Macht es Sinn, einen Deutschen und eine Französin im ersten Semester gemeinsam das Übersetzen ins Französische üben zu lassen? Die Französin wird lauter Fragen zum deutschen Ausgangstext haben, der Deutsche hingegen große Mühe mit der Zielsprache Französisch. Die Bedürfnisse nach Erläuterung, Begründung usw. stehen einander diamteral entgegen. Das ist kein befruchtendes Tandem, sondern eine Veranstaltung, in der beide in jeweils entgegengesetzte Richtung zerren. Etwas anders sieht die Sache im Hauptstudium aus und ganz anders ist sie gewiß bei Übersetzerseminaren und vergleichbaren Veranstaltungen. Da sollten Deutsche und Ausländer konstruktiv an Problemlösungen zusammenarbeiten können!

Wie dem auch sei, gegen das Prinzip der didaktischen Separierung wurde mit der Zeit mehr und mehr verstoßen. Als die ersten Studierenden aus Portugal, Brasilien und China kamen, wurden keine Dozenten im Fach Deutsch angeheuert, um die entsptrechenden Übersetzungsübungen Deutsch-Portugiesisch bzw. Deutsch-Chinesisch durchzuführen, sondern man schickte die ausländischen Studenten ins Fach Chinesisch bzw. Portugiesisch, an ein anderes Institut also. Auch als im Herbst 1988 der erste russische Muttersprachler das Fach Deutsch belegte, erklärte sich das Institut für Slavistik bereit, diese Person in den eigentlich nur für deutsche Studierende gedachten Übersetzungsübungen mit zu betreuen. Dieser Großmut meines Kollegen Salnikow sollte sich freilich rächen! Denn 1992 gab es schon 14 russische Muttersprachler und 1997 waren es 100 und heute sind es 150! Bei übrigens gleichzeitigem Rückgang der Deutschen, die das Fach Russisch belegen. Ähnlich verlief die Entwicklung für das Polnische, wo derzeit 50 deutschen Studierenden 140 polnische gegenüberstehen, ähnlich für das Arabische und seit 1995 auch für das Neugriechische. All diese Fächer haben nicht nur ihre deutschen Studenten zu versorgen, sondern sie sind auch in entscheidendem Umfang an der Ausbildung der ausländischen Studierenden des Faches Deutsch beteiligt. Und ich darf sowohl als Dekan wie als Vertreter des Faches Interkulturelle Germanistik an dieser Stelle all diesen Fächern und den dort wirkenden Lehrenden mit Nachdruck dafür danken, dass sie diese Aufgabe angenommen haben.

Damit ist freilich auch die Lösung für eine weitere Integration der ausländischen Studierenden vorgezeichnet. Auch die übrigen Fächer werden prüfen müssen, in welchem Umfang sie jeweilige Muttersprachler an ihren Übersetzungsübungen und Seminaren teilnehmen lassen können. Dies müßte sich in einen Gewinn für alle ummünzen lassen. Die ausländischen Studierenden, die aufgrund des Personalmangels im Fach Deutsch bisher auf bestimmte Spezialisierungen festgelegt sind (etwa, dass sie das Fachtextübersetzen nur im Bereich Wirtschaft oder nur im Bereich Technik absolvieren dürfen), können dann auch andere – für ihre berufliche Zukunft sinnvollere – Schwerpunkte setzen. Die deutschen Studierenden profitieren aus den sich daraus ergebenden Tandem-Situationen. Also: nicht Stellen werden von einem Institut ins andere geschoben, sondern die Studierenden bewegen sich über die Institutsgrenzen hinweg.

Im Zeichen des Personalbemessungskonzeptes verlangt das allerdings, dass solche geteilte Ressourcennutzung, solche Lehrimporte und -exporte zwischen den einzelnen Fächern dann auch dokumentiert und honoriert werden. Auf Fachbereichsebene haben wir dafür Voraussetzungen geschaffen, aber auch die Gesamtuniversität sollte nicht weiter Zahlen verwenden und nach außen tragen, nach denen das Polnische z.B. als ein mächtig überausgestattetes Kleinstfach erscheint, während es in Wahrheit mit 3,5 Mitarbeitern 200 Studierende zu versorgen hat. Die Verantwortung, der jeweils tatsächlichen Lehrbelastung aller Fächer angemessene Berechnungen und Modelle zu entwickeln, sehe ich allerdings primär bei uns in Germersheim. Und selbst die Bezeichnungen unserer Fächer sollten wir in diesem Zusammenhang überdenken. Das führt mich zur zweiten Konsequenz, die sich aus der Überwindung der sogenannten didaktischen Separierung ergibt:

Man studiert in Germersheim ja nicht Germanistik oder Deutsch als Fremdsprache wie an jeder anderen deutschen Universität. Sondern man studiert es immer im Vergleich und Kontrast zur eigenen Muttersprache und Herkunftskultur. Die italienischen Studierenden sollen nicht nur Experten für Deutsch und Deutsches werden, sondern Experten für deutsch-italienische Kommunikation. Und die Araber für arabisch-deutsche Kommunikation. Es geht immer um das Hin und Her zwischen zwei Sprachen und Kulturen. Und dasselbe gilt für die deutschen Studierenden: Auch sie sollen nicht Amerika- oder Frankreich- oder China-Experten werden, sondern zwischen Deutschem und Deutschland und Französischem und Frankreich als Sprach- und Kulturmittler agieren können. Hier liegt m.E. ein ganz entscheidender Unterschied zu philologischen Studiengängen. Ein weiterer liegt natürlich in unserer ausgeprägten Orientierung an Gegenwartsphänomenen. Die heutige russische Gesellschaft soll verstanden werden, wozu gewiss sehr viel an kulturgeschichtlichem Hintergrundwissen gehört, aber alles Nachdenken darüber mündet in aktuelle Kommunikationsfragen.

Wenn die Überlegung richtig ist, dass man hier nicht Deutsch, sondern Bereiche wie Deutsch-Polnische Kommunikation, Deutsch-Griechische Kommunikation usw. studiert, dann sollten wir unsere Fächer auch entsprechend benennen. Und wir sollten die nötigen inhaltlichen Konsequenzen ziehen: Ein Studierender ist unzureichend ausgebildet, wenn er nur zum Experten einer Zielkultur wird aber nicht zugleich zum Experten auch seiner eigenen Kultur.

Die seit mehr als zwanzig Semestern Studierenden oder auch Lehrenden hier im Saal hör ich nun leise aufstöhnen: Der will „Muko“ wieder einführen! Jenen berüchtigten Nachweis in „muttersprachlicher Kompetenz“, den in eisiger Vorzeit jeder Studierende erbringen mußte und der sogar den Effekt hatte, dass einige arabische Muttersprachler ihr Deutsch-Studium in Germersheim abbrechen mußten, weil sie nicht genug Arabisch konnten. Nein, an die Wiedereinführung solcher Poenalisierungen ist in diesem Zusammenhang nicht gedacht!

Eher geht es mir darum, dass es für einen deutschen Dolmetscher, der seine Zukunft im Berliner Auswärtigen Amt sieht, vielleicht gar nicht übel wäre, sich über sein solides oder leicht brüchiges Abiturwissen hinaus mit Fragen der deutschen Geschichte und des politisch-sozialen Systems der Bundesrepublik gründlicher vertraut zu machen. Auch eine Vorlesung oder ein Hauptseminar zum Sprachgebrauch deutscher Medien und deutscher Politiker könnte vielleicht nicht schaden. Wo sollen die deutschen Studierenden in Germersheim solche Veranstaltungen belegen? Zum Hauptcampus unserer Universität ist es trotz der neuen direkten Bahnverbindung Germersheim-Mainz (Stadt, Kreis und Land seien bedankt!) immer noch ein bisschen weit. Es bleibt also nur, dass die Germersheimer Germanistik sich um diese Aufgabe kümmert. Und dazu ist sie trotz der sehr hohen Zahl seiner „eigenen“ Studierenden bereit. Das Fach hat – beginnend mit diesem Wintersemester – sechs Module im Umfang von je 12 Semesterwochenstunden entwickelt, die sich an deutsche Studierende richten: „Deutsche Sprache und Kultur“, „Deutsche Literatur“, „Germanistische Sprachwissenschaft“, „Deutsche Politik und Geschichte“ (einschließlich Deutschland in der Europäischen Union), „Kulturwissenschaft (Deutsch)“ sowie „Interkulturelle Kommunikation“. Jedes der Module enthält eine Einführung, ein Proseminar, ein Hauptseminar, eine Übung sowie 2-4 Vorlesungen. Und jedes der Module läßt sich analog zu den Ergänzungsfächern als „Wahlpflichtmodul 2“ belegen.

Wir hoffen, mittelfristig (und in Kooperation mit Mainzer DaF-Expertinnen) auch noch ein Modul „Deutsch als Fremdsprache“ anbieten zu können, das sich dann an all jene deutschen wie ausländischen Studierenden richtet, die vom Deutschen nicht primär als Übersetzer oder Dolmetscher leben wollen, sondern indem sie es auch anderen beibringen, als Dozenten an Goethe-Instituten, als DAAD-Lektoren, als Mitarbeiter an Sprachschulen, an Germanistischen Instituten im Ausland usw.

Analoges nun könnte von den übrigen 10 bis 12 Fächern unseres Fachbereichs angeboten werden und Ansätze dazu gibt es auch schon. Ein Hauptseminar für deutsch-griechische Lexikographie wäre selbstverständlich für die griechischen Studierenden des Faches Deutsch genauso relevant wie für die deutschen Studierenden des Faches Neugriechisch. Und ebenso selbstverständlich wäre es, dass ein in diesem Seminar erworbener Hauptseminarschein auch für das Fach Deutsch angerechnet werden kann. Und wenn es im Russischen ein Seminar zu deutsch-russischen Kulturbeziehungen in der postsowjetischen Ära gibt, so wird damit analog verfahren. Für noch gewinnbringender hielte ich es, wenn den Studierenden auch jeweils ein komplettes Modul „Griechische Sprache und Kultur“ oder „Russische Kulturwissenschaft“ angeboten werden könnte, das dann nicht statt Lehrveranstaltungen des Faches Deutsch absolviert wird, sondern zusätzlich als komplettes Wahlpflichtmodul.

Um diese Form der Integration der Studierenden zu forcieren, um auch die ghettoartigen Soziotope, die die deutschen wie ausländischen Studierenden zu bilden manchmal geneigt sind, aufzubrechen, ist der Fachbereichsrat sogar noch einen Schritt weiter gegangen. Er wollte es für die Zukunft nicht der Kooperationsbereitschaft und dem guten Willen der einzelnen Fachvertreter überlassen, ob sie auch jeweils die Ausbildung von ausländischen Studierenden mit zu ihrer Sache machen werden, sondern er hat für die Defintion einiger in den nächsten zehn Jahren vakant werdender Professuren klare Vorgaben festgelegt. Professuren in sog. „kleineren“ Fächern wie Neugriechisch, Polnisch oder Arabisch sollen mit der Auflage wiederbesetzt werden, dass sich die Fachvertreter in ihrer Lehre jeweils um die deutschen Studierenden und um die entsprechenden Muttersprachler aus dem Ausland kümmern sollen.

Dieses Integrationskonzept kann allerdings nur gelingen, wenn ausländische Studenten in den einzelnen Fächern bzw. Lehrveranstaltungen auch willkommen sind und genauso respektvoll und fair behandelt werden wie ihre deutschen Kommiliton/innen. Das sollte eine Selbstverständlichkeit sein. Ich habe Grund, diese Selbstverständlichkeit anzumahnen. Auch geht es natürlich nicht an, Festlegungen der Studien- und Prüfungsordnungen zu unterlaufen, die es z.B. ausländischen Studierenden freistellt, im Zweitfach selbst zu entscheiden, ob sie in die Fremdsprache Deutsch oder aus der Fremdsprache Deutsch arbeiten wollen.

Auch hier könnte die Attraktivität und Effizienz unserer Ausbildung noch wesentlich gesteigert werden, wenn wir zumindest für das Englische und Französische wieder die einst aufgegebenen sogenannten „Querverbindungen“ einführen würden. Bei über 100 französischen Studierenden mit Englisch als Zweitsprache müßte es doch möglich sein, auch Übersetzungsübungen Englisch-Französisch anzubieten. Noch drängender stellt sich diese Aufgabe im Bereich des Dolmetschens. Das Auswärtige Amt in Berlin klagt mit beharrlicher Regelmäßigkeit, dass es immer weniger spanische und italienische Dolmetscher gibt, die auch aus dem Deutschen dolmetschen. Das können wir – mit etwas mehr Aufwand – unseren spanischen und italienischen Studierenden gewiss beibringen, aber sie müssten dann eben auch – zumindest hin und wieder – Dolmetschübungen für Englisch-Spanisch oder Französisch-Italienisch angeboten bekommen. Es gibt in Germersheim Dolmetsch-Dozentinnen, die solche Lehrveranstaltungen anbieten möchten. Wir sollten versuchen, auch diese Ressourcen zu nutzen. Der strukturelle Protektionsmus, mit dem unser Dolmetsch-Diplom durch Jahrzehnte ausländischen Studenten sehr erfolgreich vorenthalten wurde, ist auch jenseits von Germersheim inzwischen durchschaut. Denn es ist ja auch zu auffällig, dass von den tausenden ausländischen Studenten, die hier studiert haben, kaum mehr als 5 ein Dolmetschdiplom erworben haben. Es wird mir manchmal unter die Nase gerieben, wenn ich wieder einmal über die schwindende Position des Deutschen als Arbeitssprache in den Organen der Europäischen Union klage. Ihr habt doch so viele Griechen und Spanier und Italiener und Franzosen in Germersheim – warum bildet ihr sie dann nicht zu brauchbaren Dolmetschern aus?

Dass eine solche maßgeschneiderte Ausbildung für den Bedarf der Europäischen Union nicht immer im Rahmen unserer Standard-Studiengänge erfolgen kann, wird allerdings auch immer deutlicher. Abzusehen ist z.B., dass die europäische Kommission und das Parlament in einigen Jahren einen ganzen Schub an Dolmetschern für das Polnische benötigen wird. Das sind höchst attraktive, auch weil nicht schlechter als z.B. eine deutsche Professur vergütete Arbeitsplätze. Und ein wenig Ehrgeiz sollten wir schon aufbringen, dass auch Germersheimer Absolventen von dieser Brüsseler Arbeitsbeschaffungsmaßnahme profitieren. Was tun? Das Polnische als neue Dolmetschsprache in unseren Fächerkanon aufnehmen? Dann müssten wir das Lehrangebot auf Dauer vorhalten, also in entsprechendem Umfang neue Stellen auf Dauer besetzen. Das lassen die Finanzen nicht zu. Auch wird Brüssel nicht 10 Jahre warten wollen, bis Germersheim 5 bis 10 Dolmetscher mit den Arbeitssprachen Deutsch, Polnisch, Englisch und/oder Französisch erfolgreich ausgebildet hat. Da werden andere schneller sein als wir. Es bleibt also nur, nach jungen Leuten zu suchen, die 1. bereits ein Studium hinter sich haben, die 2. bereits über sehr gute Kenntnisse in mindestens drei Sprachen (darunter Polnisch und Deutsch) verfügen und die 3. eine Begabung für das Dolmetschen mitbringen. Solch Leute haben sich gefunden und sie sollen nun in Germersheim in nur neun Monaten zu Dolmetschern ausgebildet werden. Der Hürdenlauf, der bereits bis zum Start dieser zweisemestrigen mit EU-Geldern subventionierten Weiterbildungsveranstaltung zu absolvieren war, ließe sich episch breit schildern – ich belaß es bei einem schal-pauschalen Dank an alle Mitläufer und Hürdenbeseitiger sowie bei dem Hinweis, dass hier vielleicht ein neues Modell entsteht, wie wir künftig auf ganz spezifische Anforderungen des Arbeitsmarktes schnell und kompetent reagieren könnten.

Erstaunlich war – nebenbei bemerkt – dass sich für den Kurs nur ein deutscher Muttersprachler qualifizieren konnte, alle anderen sprechen von Haus aus Polnisch. Deutsche Kommilliton/innen haben sich offenbar entschlossen, den Dolmetsch- und Übersetzungsmarkt für die sog. kleinen Sprachen (als ob Polnisch eine solche wäre!?) ganz den Muttersprachlern aus diesen Regionen zu überlassen. Das ist schade und das ist unklug. Warum? Z.B. darum: Der französisch-deutsche Kulturkanal Arte und Televizja Polska, das öffentliche polnische Fernsehen, haben vor einem Monat eine verstärkte Zusammenarbeit, sprich Ausdehnung der Koproduktionen und der zugelieferten Programme, vereinbart. Da wird es Arbeit für deutsche Medienübersetzer geben, die uns polnische Programme auf die deutschen Fernsehschirme zaubern sollen – und umgekehrt natürlich für polnische Übersetzer. Fehlt nur noch der Dozent und die Dozentin, die den entstehenden Bedarf genauer eruieren und einschlägige Lehrveranstaltungen mit der hier vorhandenen Computer-Ausstattung für Synchronisierung und Untertitelung entwickeln. Und anzubinden wäre daran ein (hoffentlich drittmittelgestütztes) Forschungsprojekt an unserem neu errichteten Zentrum für interkulturelle Kompetenz, das die unterschiedlichen europäischen Konventionen der Medienübersetzung analysierte. Gelder für solche Projekte sollten im europäischen Jahr der Sprachen in Brüssel zu finden sein.

Ich komm ins Plaudern – daher rasch noch zu einem ganz anderen Thema.

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Wer an einem 9. November zum Thema VOM DEUTSCHEN LEBEN spricht, kann schwerlich jene Echos ignorieren, die dieses Datum im nationalen Jahresablauf wachruft. Diese Echos reichen vom Jahr 1918, als der wilhelminische Obrigkeitsstaat in jene Deutsche Republik einmündete, die Philipp Scheidemann am 9. November 1918 von einem Fenster des Berliner Reichstags ausruft, bis zum 9. November 2000, zu heutigen Tag, an dem auf dem Pariser Platz in Berlin – gleich am Reichstag – der sogenannte „Aufstand der Anständigen“ stattfinden soll. Die Spätnachrichten werden uns nachher erzählen, wie anständig dieser Aufstand war.

Die Vertracktheiten deutscher Identität sind an keinem anderen Tag so fühlbar wie am 9. November. Ich versuch‘ es an drei modernen Gedichten zu zeigen. Das erste handelt u.a. vom 9. November 1923, jenem Tag, an dem Hitler in München sein Mussolini-Plagiat vom „Marsch auf die Feldherrnhalle“ absolvierte, um sich an die Macht zu putschen. Hitler selbst ist das „lyrische Ich“ in diesem 1994 entstandenen Text. Aus vier Strophen besteht er, aus zwei Tankas und zwei Haikus – deutsche Geschichte in asiatischen Versmaßen. Der Titel lautet „Pennerpavillon“.

PENNERPAVILLON

Woher ich komme
Stadtstreicher streunender Hund
nachts an den Wänden
Gebell zu buchstabieren
Echo der Jahre Echo
Wer querdurchgeht kennt
wo ich liege die Abdrift

Geschlier mein Jenseits

München Hofgarten
Trip vom Siegestor Marschtakt
hallende Wortnacht
Feldherrnhalle Wolfsschanze
Pavillon Bunker Berlin

Im Tierfell komm ich
wer sagte Alles ist Traum
diesseits aufgeschreckt

„Bunker Berlin“ – das ist die Adresse, wo der einstige Wiener Stadtstreicher sich selbst umgebracht hat, nachdem er zuvor noch seinem eigenen Volk den kollektiven Untergang an den Hals gewünscht hatte.2 Von Berlin spricht auch das zweite Gedicht, aber es tut es in einer nicht leicht zu erschließenden Weise. Ein paar Andeutungen zu seinem biographisch-historischen Hintergrund sind nötig.

Am Morgen des 10. November 1938 kam ein noch nicht achtzehnjähriger Abiturient aus Südosteuropa in Berlin am Anhalter Bahnhof an. Über Krakau war die Zugreise gegangen und er war auf dem Weg nach Tours in Frankreich, wo er sein Medizinstudium aufnahm. In Berlin sollte lediglich umgestiegen werden. Der 10. November 1938 aber war der Tag nach der sogenannten „Reichskristallnacht“, jenem ersten schweren Judenpogrom, das Goebbels und Goering angezettelt hatten, obgleich sie immer behaupteten, es handle sich um eine spontane Volkserhebung, um kollektive Vergeltung für ein Attentat, das der polnische Jude Herschel Grünspan auf einen Mitarbeiter der deutschen Botschaft in Paris verübt hatte. Als die Nachricht aus Paris eintraf, war die Partei-Elite im Münchener Ratskeller versammelt und feierte den 15. Jahrestag des seinerzeit gescheiterten Marsches auf die Feldherrnhalle. In der bierseligen Siegesstimmung betätigte sich Goebbels als Hetzer und Brandtsifter. Telefonisch wurde in ganz Deutschland die SA in Marsch gesetzt, um Jagd auf die Juden zu machen. Über hundert wurden in dieser Nacht des 9. November 1938 erschossen oder erschlagen, viele Tausende verhaftet und in KZs eingeliefert. Unvermutet kam das Verbrechen über die deutsche Judenheit. Und es war nur der Auftakt auf dem Weg zur sogenannten „Endlösung der Judenfrage“, zum Völkermord, der auf der Berliner Wannseekonferenz am 20. Januar 1942 bürokratisch perfekt organisiert wurde. Man kann sich den Schrecken des noch nicht 18jährigen Studenten vorstellen, als er bei seiner Ankunft in Berlin von den Greueln hörte, die Scherben in den Geschäftsstraßen und die geplünderten Läden sah und die rauchgeschwärzten Synagogen. Denn der Student war selbst Jude. Und verlor später seine Eltern und Verwandten in dem großen Morden. Man wird sagen dürfen, dass er in Berlin am Morgen nach dem 9. November in das furchtbare Antlitz seiner eigenen Zukunft gesehen hat. „Ich hatte mich […] von meinem 20. Jänner hergeschrieben“, wird er 1960 in seiner Büchner-Preisrede sagen. Neunundzwanzig Jahre nach der deutschen Kristallnacht, im Winter 1967, kam der Student von damals erneut nach Berlin, u.a. zu einer Lesung vor Studenten der Freien Universität. „Der lesende Paul Celan. Begegnung mit dem König des Gedichts“ steht über einem Feuilleton-Bericht des „Berliner Tagesspiegels“ vom 20. Dezember 19673 und in der selben Ausgabe finden sich Fotos der tiefverschneiten Stadtlandschaft. Mit ein paar Freunden stapfte Celan an einem der Abende seines Berlinaufenthaltes durch den Schnee auf der weiten Blache des einstmaligen Anhalter Bahnhofs, von dessen riesenhafter Anlage nur ein Bruchstück noch stand, der Portikus der großen Bahnhofshalle. Vom „Anhalter Trumm“ spricht das Gedicht – eine kühne Neubenennung jener Ruine. Über dem Trümmerrest zeigte Celan seinen Freunden die drei Gürtelsterne des Orion, den Jakosbsstab. Der kausale Zusammenhang zwischen dem 9. November 1938 und dem jetzigen trostlosen Zustand des einst so belebten Berliner Fernbahnhofs wird durch das Wort „Kokelstunde“ hergestellt. So kindlich harmlos und vertraut läßt sich der 9. November 1938 im Rückblick nur benennen, wenn man bedenkt, welch Welt- und Völkerbrand aus der Kokelei dieses ersten Tages werden sollte. Das sehr kurze Gedicht beginnt mit der Berliner Abendstimmung, der blauen Luft, und den „gelben Fensterflecken“ der Winternacht, aus denen freilich der „gelbe Fleck“ heraustönt, jenes Schandzeichen, das Juden schon im Mittelalter und dann als gelber Judenstern erneut im Jahr 1941 angeheftet wurde. Es war die bitterste Demütigung. Und Celan spricht schließlich vom „Interkurrierenden“ – ein medizinischer Terminus, der u.a. einen unregelmäßigen Puls bezeichnet. So viel, so wenig einleitend zu Paul Celans Berlin-Gedicht „Lila Luft“:

LILA LUFT mit gelben Fensterflecken,

der Jakobsstab überm
Anhalter Trumm,

Kokelstunde, noch nichts
Interkurrierendes,

von der
Stehkneipe zur
Schneekneipe.

Ein sonderbarer Schluss, dieses Wortspiel von Steh- und Schneekneipe. Es wirkt wie das Winken eines sich langsam Entfernenden im immer dichter werdenden Schneefall des Winterabends.

Das dritte und letzte Gedicht stammt abermals von einem Büchner-Preisträger, dem des Jahres 2000, von Volker Braun also. Und es hat als Voraussetzung den 9. November 1989 – jenen so glücklichen Tag, als tausende Ostberliner die letzten Sperren an einem Grenzübergang beiseitedrückten, an jener Grenze, die Deutschland und Berlin durch viele Jahre zerschnitten hatte. Aber nicht dieser Glücksrausch des 9. November 1989 ist Thema des streng dialektisch gefügten Braunschen Gedichts,4 sondern das, was dann folgte: Die Entwertung der Lebensläufe einer ganzen Generation von DDR-Bürgern, der Widerruf auch jener sozialistischen Utopie, an der Braun bei aller Skepsis gegenüber dem Alltag des realexistierenden Gangstersozialismus festgehalten hatte, wie z.B. sein großes Gedicht „Die Mauer“ im Band „Wir und nicht sie“ von 1970 zeigt.5 „Das Eigentum“ heißt das 1990 entstandene Gedicht des Büchner-Preisträgers, das ich Ihnen vortragen möchte. Und es zitiert jenen Büchner, der über seinen aufrührerischsten Text, den „Hessischen Landboten“ ein Motto gesetzt hatte, das Volker Braun nun umkehrt: „Friede den Hütten! Krieg den Palästen!“ war 1834 Büchners Forderung an die Deutschen.

Das Eigentum

Da bin ich noch: mein Land geht in den Westen.
KRIEG DEN HÜTTEN FRIEDE DEN PALÄSTEN.
Ich selber habe ihm den Tritt versetzt.
Es wirft sich weg und seine magre Zierde.
Dem Winter folgt der Sommer der Begierde.
Und ich kann bleiben wo der Pfeffer wächst.
Und unverständlich wird mein ganzer Text.
Was ich niemals besaß wird mir entrissen.
Was ich nicht lebte, werd ich ewig missen.
Die Hoffnung lag im Weg wie eine Falle.
Mein Eigentum, jetzt habt ihrs auf der Kralle.
Wann sag ich wieder mein und meine alle.


„Wann sag ich wieder mein und meine alle“? Die Geschichte mit ihrem Hang zu dialektischen Sprüngen wird auf diese Frage zurückkommen, schon weil sich utopisches Hoffen dem Menschen schlicht nicht austreiben läßt. Das mag dann erneut an einem 9. November geschehen.

VOM DEUTSCHEN LEBEN – es waren eher unzusammenhängende Gedanken, die ich Ihnen heute vorgetragen habe. Dies Unzusammenhängende rührt vielleicht auch daher, dass an unserem Fachbereich in den letzten Jahren das eine und andere in Fluss gekommen ist. Und das wird hoffentlich nicht allzu rasch in allzu gerade und damit allzu eintönige Bahnen zurückgelenkt werden können.

Ich wünsche Ihnen auch in diesem Sinne einen guten Start in das 55. Studienjahr am Germersheimer Fachbereich Angewandte Sprach- und Kulturwissenschaft der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Und ich danke Ihnen für Ihre große Geduld beim Zuhören.


1 Der Text dieser Bonner DAAD-Rede findet sich auf den Internet-Seiten unseres Fachbereichs.

2 Das Gedicht „Pennerpavillon“ findet sich in: Manfred Peter Hein, Hier ist gegangen wer. Gedichte 1993-2000. Mit einem Nachwort von Andreas F. Kelletat. Zürich: Ammann 2001. (Erscheint demnächst)

3 Eine Reproduktion des Artikels findet sich in: Alfred Kelletat, Annäherung an zwei Gedichte Paul Celans. „Niedrigwasser“ (1958) – „Lila Luft“ (1967). Vaasa: Deutsche Abteilung der Universität Vaasa 1990, S.25 f. (Saxa 3). Meine Ausführungen zu Celans Berlin-Aufenthalten 1938 und 1967 sowie zu „Lila Luft“ sind ausschließlich Zitate und Paraphrasen der „Lila Luft“-Interpretation Alfred Kelletats.

4 Zu dieser Struktur in anderen Gedichten Brauns vgl. Andreas F. Kelletat: Im Dickicht der Widersprüche. Zu Volker Brauns Gedicht „Nach dem Treffen der Dichter gegen den Krieg“. In: Walter Hinck (Hrsg.): Gedichte und Interpretationen Bd.6. Gegenwart. Stuttgart: Reclam 1982, S.295-304.

5 Vgl. Gunnar Müller-Waldeck: „Der Baukunst langer Unbau“. Zum „Mauer“-Gedicht von Volker Braun. Vaasa: Institut für Deutsche Sprache und Literatur 1993. (Saxa 13). – Das folgende Gedicht „Das Eigentum“ in Volker Braun: Lustgarten Preußen. Ausgewählte Gedichte. Frankfurt/M.: Suhrkamp 1996. – Zusammen mit seinem Parallelgedicht „Das Lehen“ („Ich bleib im Lande und nähre mich im Osten“) findet sich „Das Eigentum“ auch in der von Harald Hartung hrsg. Anthologie: Jahrhundertgedächtnis. Deutsche Lyrik im 20. Jahrhundert. Stuttgart: Reclam 1998.

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