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Diskussionsforum des FASK


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VOM DEUTSCHEN LEBEN (I)

Andreas F. Kelletat

Beitrag zum DAAD-Lektorensommertreffen im August 2000 in Bonn

(„Wieviel Deutsch braucht die Welt? Zur aktuellen Diskussion um eine zeitgemäße Sprachenpolitik“)

Wieviel Deutsch braucht die Welt?“ haben die Veranstalter des Lektorensommertreffens uns über diese Vortrags- und Diskussionsrunde geschrieben. Da liegt für mich die Versuchung natürlich nahe, diese Frage gleich an Sie, an die DAAD-LektorInnen, weiter- oder zurückzugeben. Denn Sie müssten die Antwort am ehesten kennen. Also: Wieviel Deutsch braucht man in Genua, in Athen, in Helsinki, in Oppeln, in Kaunas, in Nishni Novgorod, in Dakar, in Bangkok, in Peking, in Tanger, in Adana, in Südamerika, in Nordamerika? Wozu lernen die jungen Leute in Ihren Lehrveranstaltungen Deutsch? Und werden Ihre Studenten (oder an vielen Orten zumeist wohl: Studentinnen) von dem, was sie da bei Ihnen mehr oder minder mühsam erlernt haben, in zwei bis vier Jahren auch einmal ordentlich leben können?

Denn mit dieser Frage nach den Berufs- und Lebensperspektiven Ihrer portugiesischen, thailändischen, arabischen oder ukrainischen Studentinnen werden Sie sich ja täglich befassen. So interkulturell geeicht sind wir doch inzwischen: Dass wir das Deutsche so vermitteln, wie es vor Ort auch tatsächlich benötigt wird. Und aus Ihren vielen, sehr unterschiedlichen Antworten müsste sich dann auch die Antwort auf die Frage des DAAD destillieren lassen: Wieviel Deutsch braucht die Welt?

Da könnten Sie also verweisen auf die Absolventin X, die nach ihrem Germanistik-Studium in den Schuldienst gegangen ist und nun als Lehrerin den Schulkindern in Irland oder Portugal wiederum das Deutsche beibringt. Und eine Absolventin Ihrer Vorgängerin im DAAD-Lektorat ist sogar an der Universität geblieben und schreibt eine Doktorarbeit über Diminutivsuffixe im Deutschen und Polnischen. Und wenn alles gut geht, wird sie irgendwann Germanistik-Dozentin oder Professorin werden. Und wenn all ihre Absolventinnen solche Zukunftschancen im Bildungsbereich, in Schule oder Universität, haben, dann muss sich der DAAD keine Sorgen machen, dass die deutschen Steuer-Gröschelchen in diesem DAAD-Lektorat vielleicht nicht nutz- und gewinnbringend genug angelegt sein könnten. Denn zu seinen wichtigsten Zielen und Aufgaben zählt der DAAD, „der Germanistik und der deutschen Sprache, Literatur und Landeskunde an wichtigen ausländischen Hochschulen den Rang zu erhalten oder zu schaffen, der einer großen Kulturnation würdig und angemessen ist.“ (www.daad.de/allgemein)

Ich vermute, dass man mit dieser Aufgabenbestimmung – Stützung und Stärkung der Auslandsgermanistik – zahlreiche Lektorate rechtfertigen kann, nämlich überall dort, wo die Germanistik im Reigen der Fremdsprachen-Philologien eine gefestigte Position hat. Und das dürfte zumindest in Deutschlands europäischen Nachbarstaaten der Fall sein. Auch wenn die Rede von der „großen Kulturnation“ ein wenig nach Günter Grass und auspendelndem 20. Jahrhundert schmeckt: Nichts gegen einen isländischen Nachwuchs-Germanisten, der sich mit einer Studie zu Klopstock, Lessing und Herder seine akademischen Meriten verdient. Und nichts gegen jenes halbe Dutzend finnischer Germanistinnen, die ihre wissenschaftliche Laufbahn mit Monographien zur Valenztheorie begründet haben. Da wurden und werden Spezialisten gefördert, die die Beschäftigung mit unserer Sprache und Literatur zu ihrer Lebensaufgabe gemacht haben – Respekt vor ihnen und für sie! Und was könnte die hiesige, die deutsche Germanistik an größerem Respekterweis aufbringen, als solche Forschungs- und Lebensleistungen auch jeweils gebührend, sprich: mehr als nur oberflächlich interessiert zur Kenntnis zu nehmen.

Es irritiert mich ein wenig – aber das nur nebenbei – wenn bei den Auswahlgesprächen für zu besetzende DAAD-Lektorate zumeist etwas undeutliche Antworten auf eine meiner Standardfragen gegeben werden, nämlich auf die Frage: „Können Sie bitte zwei oder drei ausländische Germanisten nennen, mit deren Forschungen Sie sich selbst während Ihres Germanistik-Studiums beschäftigt haben?“ Das Germanistik-Studium an deutschen Universitäten scheint noch immer eine leicht provinzialistische Angelegenheit zu sein, von Internationalisierung ist kaum etwas zu erkennen! Welcher deutsche Germanistik-Student liest eigentlich all die internationalen Germanistik-Jahrbücher, die der DAAD so freundlich Jahr für Jahr mitpubliziert?

Dennoch: Germanistische Forschung weltweit fördern, das macht m.E. nach wie vor Sinn. Aber: Nicht überall auf der Welt gibt es einen Lebensberuf für germanistisches Expertentum. Sie wissen es von Ihren Studierenden in Ostmittel- und Osteuropa, in der Türkei, in der arabischen Welt und in Asien wohl auch: Eine Uni-Laufbahn kommt weder in Betracht noch wirft sie genug zum Leben ab. Und der Lehrerberuf erst recht nicht. Was soll dann werden, nachdem man 4 oder 5 Jahre das Fach Deutsch studiert hat? Die AbsolventInnen träumen von einem Job in einer „Firma“, bei einem „Joint venture“ natürlich, einem Job als Sekretärin... DAAD-Lektorate in einem nicht unerheblichen Teil der Welt als Förderinstrumente für die universitäre Ausbildung von Fremdsprachensekretärinnen?

Warum nicht auch das, solang das liebe Geld nur reicht? Denn dann haben die StudentInnen zumindest einmal im Leben einen DAAD-Lektor aus dem fernen reichen Deutschland erlebt und der bzw. die hat mit ihnen über Themen gesprochen, die ihnen so rasch nicht wieder begegnen werden: Über Mülltrennung und die Grünen, über Ossis und Wessis, über Vergangenheitsbewältigung und Erlebnisgesellschaft und über Ingo Schulzes „Simple Storys“. Und die ganze Veranstaltung war auch noch mächtig kommunikativ und kreativ und keineswegs frontal und somit ganz anders, als die StudentInnen es von ihren heimischen Dozentinnen und Dozenten gewohnt sind. Dass das Studium und sogar das Leben dieser Studentinnen durch Ihre Arbeit als DAAD-Lektoren eine große Bereicherung erfährt, ist unbestritten.

Doch wird mir an dieser Stelle ein bisschen mulmig. Denn ich werde den Eindruck nicht los, dass die Deutsch-StudentInnen in diesen Regionen ihren Weg zur Fremdsprachensekretärin auch ohne Stützung durch den DAAD bzw. dessen Lektorenprogramm finden würden, mit ein bisschen weniger „Simplen Storys“ und ein bisschen mehr verschultem Pauk-Unterricht, aber halt doch. Ganz simpel gefragt: Ist dieser Aufwand innerhalb des DAAD auf lange Sicht zu rechtfertigen?

Noch anders gewendet: Was macht es für einen Sinn, das Germanistik-Studium an thailändischen Universitäten zu fördern, wenn es bisher nicht gelungen ist, dort auch nur eine Deutsch- und Deutschland-Expertin auszubilden, die es dem thailändischen König und dem deutschen Botschafter gestatten würde, in einem gemeinsamen Gespräch ihre jeweilige Muttersprache Thai bzw. Deutsch zu verwenden?

Denn das sollte doch das Mindeste sein, was der universitäre Deutschunterricht in welchem fremden Land auch immer als Resultat vorweisen können muss: Dass Deutsche und Vertreter jenes Landes miteinander problemlos parlieren können, ohne auf das Englische ausweichen zu müssen. Wo der Deutschunterricht eines ganzen Landes nach 15 oder 30 Jahren nicht einmal eine einzige Person mit solcher professionellen Sprach- und Kulturmitter-Qualität hervorgebracht hat, da kann man – Pardon! – auf seine Förderung durch deutsche Institutionen vielleicht auch gänzlich verzichten.

Auslandsgermanistik – sie hat für mich jenseits aller Klopstock-/Lessing-/Herder-, Ingo Schulze- und Valenz-Forschung also eine ganz einfache primäre Funktion: Die Kommunikation zwischen Deutschen und den Einwohnern jenes fremden Landes zu sichern. Und zwar Kommunikation auf fachsprachlich und situativ unterschiedlichstem Niveau. Einer von 200 arabischen Germanistik-Absolventen muss in der Lage sein, ein Gespräch zwischen dem deutschen Bundeskanzler und dem ägyptischen Staatschef dolmetschen zu können. 10 von ihnen sollten fähig sein, eine arabische Heiratsurkunde ins Deutsche zu übersetzen, 50 von 200 arabischen Germanistik-Absolventen sollten wissen, was auf der Tagesordnung steht, wenn sich morgen der deutsche und der marokkanische Wirtschaftsminister träfen. Und alle 200 sollten in der Lage sein, in der Fremdsprache Deutsch deutschen Touristen in Marrakesch die Besonderheiten ihrer eigenen arabisch-islamischen Kultur zu erklären.

Wieviel Deutsch braucht die Welt? Quantitativ kann ich darauf gewiß nicht antworten. Aber eines läßt sich m.E. kaum bestreiten: Die Welt braucht, nein: Ihre Studierenden brauchen ein professionelleres Deutsch, ein Deutsch – und ein Kennen der deutschsprachigen Länder – das den anspruchsvollsten Kommunikationssituationen gewachsen ist. Primitiv plakativ formuliert: Die Welt braucht nicht Deutsch für jederfrau und jedermann, sondern die Welt braucht Experten für Deutsch und Deutsches. Und wo es diese Fachleute gibt, werden sie auch für attraktive Aufgaben in Anspruch genommen: In den staatlichen Bürokratien, bei international agierenden Organisationen und Unternehmen. Das Fatale scheint mir zu sein, dass man solche Deutschland-Experten in vielen Regionen dort eben gerade nicht sucht, wo sie eigentlich (auch von den DAAD-LektorInnen) ausgebildet werden müssten: An den Instituten, Seminaren bzw. Lehrstühlen für Deutsch. Das hat gewiss viele Ursachen, eine könnte sein, dass man in Sprachstudiengängen generell nicht die künftige Elite eines Landes zu vermuten scheint. Solch bescheidene Erwartungshaltung wirkt sich nach meinem Eindruck auch wieder auf die Einstellung der Germanistik-Dozenten einschl. DAAD-LektorInnen gegenüber ihren Studierenden aus: Man traut denen eh keine große Zukunft zu und hängt die Latte daher von vornherein ein wenig tiefer. Das Gegenteil wäre angezeigt: Den Studierenden Expertenwissen zu vermitteln und dann auch das dazugehörende Selbstbewußtsein.

Die Konsequenzen müssten aus meiner Sicht also lauten: 1. Professionalisierung der Deutsch-Ausbildung mit Blick auf anspruchsvollste interkulturelle Kommunikationssituationen und 2. Verstärktes Angebot an Deutsch- und Deutschlandkursen dort, wo die angehenden Eliten des jeweiligen Landes ausgebildet werden. Und dieses Lehrangebot sollte – je nach Situation vor Ort – selbstverständlich auch auf Englisch oder Französisch oder Russisch entwickelt werden. Solche DACH-Studien (wie man sie z.B. in Finnland nennt), solche nicht nur aus Sprach- und Literaturkursen bestehenden Module zu Politik, Wirtschaft, Kultur und Gesellschaft Deutschlands, Österreichs und der Schweiz wären studienbegleitend und jeweils fachlich ausgerichtet Studierenden anzubieten, die aus Fächern kommen wie Politik, Soziologie, Geschichte, Publizistik, BWL und VWL, Jura – und warum nicht auch aus den Naturwissenschaften?

Nochmals anders formuliert: Hätten wir mehr Spitzenkräfte für Deutsch und Deutsches weltweit, wäre auch der Gebrauch des Deutschen weltweit ein anderer als er es derzeit ist. Bei allen künftigen Anstrengungen um das Deutsche sollte daher die simple Formel gelten: Mehr Qualität statt Quantität. Ob in Lettland 2000 oder 7000 Abiturienten Deutsch als Schulsprache belegt haben, ob das im russischen Riesenreich 11,3 Millionen sind oder „nur“ 3,7, ist m.E. sekundär im Vergleich zu der Frage, ob wir 20 oder zumindest 5 lettische Germanistik-Absolventinnen haben, die beim bevorstehenden Einzug lettischer Parlamentarier ins Straßburger Europäische Parlament deren Reden aus dem Lettischen ins Deutsche werden bringen können. Wir haben derzeit keinen. Aber wir haben mittlerweile schon etliche, die aus dem Lettischen ins Englische dolmetschen können. Die englische, amerikanische und französische Sprachenpolitik setzt halt traditionell auf andere Pferde als die deutsche.

Womit ich dann doch noch beim heimlichen Thema dieser Veranstaltung gelandet wäre: Braucht die Welt noch Deutsch, wo doch schon alle – sogar der deutsche Außenminister – so hervorragend Englisch können? Kann man es also überhaupt noch verantworten, junge Leute in Bangkok oder Kairo oder Riga zu einem Studium des Deutschen – und womöglich nur des Deutschen! – zu raten, wo das doch international immer mehr zu einem Weg ins berufliche Abseits zu werden scheint?

Sachlich argumentieren lässt sich darüber in einem 20-Minuten-Vortrag kaum. Ich beschränke mich auf acht thesenartig und zum Teil überspitzt formulierte Überlegungen:

  1. Das Deutsche spielt als internationale Wissenschaftssprache keine große Rolle mehr. Zumal in den Natur-, Wirtschafts- und Gesellschaftswissenschaften hat das Deutsche nur noch Bedeutung als Unterrichtssprache in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Die Forschung spricht Englisch. Wo sich auf den Lektürelisten von Studenten der Natur- und Sozialwissenschaften vor 30 Jahren noch zahlreiche deutsche Standardwerke fanden, etwa in ganz Nordeuropa, sind sie inzwischen ausnahmslos durch englischsprachige Werke ersetzt. Die nachwachsende Elite der nordeuropäischen Länder ist zur Anglophonisierung gezwungen, ein Studium egal welcher Disziplin läßt sich ohne sehr gute Englisch-Kenntnisse nicht mehr absolvieren. Die Situation dürfte in weiten Teilen Asiens ähnlich sein.

  2. Ob und in welcher Geschwindigkeit und welchem Umfang die Anglophonisierung der globalen und der europäischen Eliten in Wirtschaft, Forschung, Politik und Kultur voranschreitet, lässt sich derzeit nicht genau absehen. Ein markanter Schritt für die Anglophonisierung Deutschlands war gewiß die am 3. April 2000 einsetzende tägliche Veröffentlichung einer englischen Ausgabe des Zentralorgans des deutschen Bildungsbürgertums, der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“; seit dem 5. Juni ist diese „English Edition“ unter „www.faz.com“ auch übers Internet weltweit anzuschauen. Nicht weniger symptomatisch erscheint mir das am 25. Juli 2000 abgegebene einhellige Votum des baden-württembergischen Landeselternbeirats für die Einführung von Englisch-Unterricht ab der ersten Schulklasse. Von Ferne – und wirklich nur von Ferne! – erinnert das Verhalten der schwäbischen Eltern an das der spanischsprachigen Eltern in Kalifornien, die sich unlängst mit großer Mehrheit dafür aussprachen, dass ihre Kinder an den kalifornischen Schulen auf Englisch und nicht in ihrer Muttersprache Spanisch ausgebildet werden. Merke: Für die berufliche Zukunft und die Karriere von Sohnemann und Tochterfrau sind Eltern in vielen Weltregionen durchaus bereit, vollständig aufs Englische zu setzen. In Europa zeigt die Anglophonisierung ein deutliches Nord-Süd-Gefälle, erkennbar am Vordringen des Englischen als universitärer Unterrichtssprache ebenso wie an der Sprachenwahl beim Stockholmer Grand-Prix-Finale der Schlagersänger. Stefan Raabs „Wadde hadde dudde da“ mag noch als schwache Schwundform des Deutschen durchgehen, unsere nord- und nordosteuropäischen Nachbarn ließen ihre Wettbewerbsbeiträge durchgehend auf Englisch vorsingen. So hielten es die Niederlande, Dänemark, Schweden, Norwegen, Island, Finnland, Lettland, Estland und sogar Rußland. In ihrer jeweiligen Muttersprache traten die Musikanten aus Belgien, Frankreich, Kroatien, Makedonien, Spanien, Israel, der Türkei und aus Zypern auf. Die Nord-Süd-Regel gilt also auch hier, Ausnahmen waren nur Österreich und Rumänien, die sich ebenfalls fürs Englische entschieden hatten. Merke: Auch gestandene europäische Kulturnationen sind bereit, auf ihr zentrales Identitätsmerkmal zu verzichten, auf ihre Nationalsprache nämlich, wenn dafür die Aussicht winkt auf „douze points“ – wie Hape Kerkeling sagen würde.

  3. Goethes Vorstellung von einem europa- oder gar weltweiten Drei-Sprachenregime mit Französisch als Sprache der Diplomatie, Englisch als Sprache der Wirtschaft und Deutsch als Sprache des „internationalen geistigen Handelsverkehrs“ ist gescheitert. Diese Idee vom Deutschen als Welthilfssprache der Kultur und Wissenschaft, eine neue Hilfssprache, die das Lateinische ersetzen sollte, war spätestens obsolet geworden, als sich die Deutschen daran machten, auch auf politisch-ökonomisch-militärischem Gebiet Weltmacht sein zu wollen.

  4. Auch 55 Jahre nach Kriegsende scheinen die deutschen Eliten noch nicht in der Lage zu sein, analog zu Frankreich, England, Amerika oder auch China (oder gar Norwegen) Sprachenpolitik als das zu sehen und zu betreiben, was sie halt auch ist: Mittel zur Stärkung eigener wirtschaftlicher, politischer und kultureller Macht. Als höchst absonderlich empfinde ich es, dass nicht einmal im Zusammenhang mit den bevorstehenden Ost-Erweiterungen der EU eine Stärkung des Deutschen als De-facto-Arbeitssprache in den Organen der EU durchgesetzt wurde. Dass ausgerechnet der Beitritt Polens, Ungarns, der Tschechischen Republik und der drei baltischen Staaten zur endgültigen Befestigung des Englischen als alleiniger EU-Arbeitssprache führen wird, hätte von der deutschen Politik verhindert werden können. Diese Chance ist in weniger als 10 Jahren gründlich vertan worden. Der letzte Vorstoß des deutschen Bundeskanzlers Schröder, die Position des Deutschen innerhalb der EU-Organe zu verbessern (Stichwort: Finnisch-deutscher Sprachenstreit im Sommer 1999), hat in der deutschen Öffentlichkeit vor allem Spott hervorgerufen. Deutschland hat sich auf die lobenswerte Umschulung von polnischen, ungarischen und tschechischen Russisch-Schullehrern auf Deutsch-Schullehrer konzentriert, aber es hat nichts getan, damit die Beitrittsverhandlungen dieser Länder zumindest auch auf Deutsch geführt werden können. Die des Deutschen gut kundigen Eliten dieser Länder wurden systematisch gezwungen, aufs Englische umzusatteln. Selbst Frankreich hat hier zu Gunsten des Englischen mitgespielt, um den kulturellen (und damit auch wirtschaftlichen und politischen) Einfluss Deutschlands auf Ostmitteleuropa einzugrenzen.

  5. Die Frage „Wieviel Deutsch braucht die Welt?“ ist daher inzwischen nicht nur global sondern sogar innerhalb EU-Europas nicht mehr als Alternative Englisch oder Deutsch zu diskutieren, sondern in Relation zu Fragen wie „Wieviel Italienisch braucht die Welt?“, „Wieviel Niederländisch braucht die Welt?“, „Wieviel Polnisch braucht die Welt?“, „Wieviel Finnisch braucht die Welt?“

  6. In vielen Regionen muss man Studierenden heute sehr deutlich sagen: Schön dass ihr Deutsch lernen wollt, aber ohne gute Englisch-Kenntnisse werdet ihr nicht durchs Leben kommen. Und Studierenden, die in Polen oder Litauen sich jetzt mit gutem Grund ganz aufs Englische stürzen, müsste man Angebote machen, wie sie auf Nebenfach-Niveau brauchbare Deutsch- und Deutschland-Kenntnisse erwerben können. Noch stärker muss man solche Lehrveranstaltungen Studierenden anderer Fachrichtungen anbieten.

  7. Je weniger Leute weltweit gut Deutsch können, desto mehr muss man weltweit wenige Leute ausbilden, die neben dem Englischen sehr gut Deutsch können. Vom Deutschen zumindest halbwegs leben, das wird in Zukunft nur können, wer dieses Deutsche sehr gut beherrscht. Nicht flächendeckende Konkurrenz zum ohnehin unschlagbaren Englisch als globaler Kommunikationssprache ist angesagt, sondern Professionalisierung der Deutsch-Studien. Wer diese Sprache zu lernen bereit ist, soll sie dann auch professionell nutzen können, soll vom Deutschen leben können!

  8. Nicht „Wieviel Deutsch“ sollte der DAAD weltweit fördern, muß m.E. in den nächsten Jahren unser Thema sein, sondern: „Welches Deutsch“ sollte er fördern? Ist es das Deutsch für angehende Lehrer, Sekretärinnen und Reisegruppenbegleiter oder ist es auch jenes Deutsch, das man benötigt, um als Deutsch- und Deutschland-Experte innerhalb der Eliten der jeweiligen Länder ernst genommen zu werden? 10 von 100 einer solchen Elite mögen in manchen Regionen sogar angehende oder ehemalige Germanisten sein, die restlichen 90 muss man in anderen Studienfächern suchen. Ob der DAAD einge seiner zahlreichen Deutsch-Lektorate erfolgreich für die Suche nach diesen 90 anderen wird nutzen können (und das dürfte mancherorts zunächst auf Unverständnis und Widerstand der lokalen Germanistiken stoßen), auch das wird m.E. über die Zukunft des Lektoren-Programms insgesamt mitentscheiden. Halten Sie also – gerade auch außerhalb Ihrer germanistischen Institute! – an Ihren Hochschulen und (Stichwort Wieterbildung!) in wichtigen Institutionen Ihrer Gastländer Ausschau nach Leuten, denen man das Deutsche schmackhaft machen könnte – nach Leuten, die als Deutschlandexperten in Politik, Wirtschaft, Wissenschaft oder Kultur in der Zukunft Ihrer Gastländer eine herausgehobene Rolle werden spielen können. Letztmals sehr plakativ: Der Bedarf an mehr oder minder streng philologisch ausgebildeten Germanisten hält sich weltweit in Grenzen. Der Bedarf an Experten jeglicher Fachrichtung für die Kommunikation mit Deutschen und Deutschland ist jedoch bei weitem nicht gedeckt. Bei Überlegungen zur Einrichtung eines neuen DAAD-Lektorats sollte der Weg des DAAD-Repräsentanten künftig nicht mehr nur ins Germanistische Institut führen, sondern auch ins Rektorat, wo herauszufinden wäre, für welche Studierenden welcher Fächer jenseits der Germanistik eine intensivere Beschäftigung mit Deutsch und Deutschem sinnvoll sein könnte. Die Unterstützung der deutschen Universitäten und aller ihrer Fachbereiche wird dem DAAD und seinen LektorInnen bei solch geändertem Vorgehen so rasch nicht ausgehen.

Prof. Dr. Andreas F. Kelletat
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
FB 23 Angewandte Sprach- und Kulturwissenschaft
Institut für Interkulturelle Kommunikation
An der Hochschule 2
D-76711 Germersheim
e-mail:
kelletat@t-online.de

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