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Alternative Lebensformen?

Feier zum Beginn des 53. Wintersemesters, 3. November 1998

Susanne Hagemann



Herr Dekan, ich bedanke mich für die Einladung, hier die Tätigkeit der Frauenbeauftragten kurz vorzustellen.

Meine Damen und Herren, ich will Sie nicht mit einer detaillierten Aufzählung langweilen, welche Funktionen eine Frauenbeauftragte hat. Die Frauenbeauftragte müsste, kurz gesagt, ein Universalgenie sein. Sie kann sich mit allem befassen, was in Beziehung zu § 2 Abs. 2 UG steht. Dort heißt es: "Die Hochschulen nehmen ihre Aufgaben so wahr, daß die Grundrechte von Frauen und Männern auf Gleichberechtigung gewährleistet und bestehende Benachteiligungen von Frauen beseitigt werden." In der Praxis kann das die Mitwirkung in Berufungskommissionen bedeuten, aber auch die Beschäftigung mit der neuen Bibliothekssystematik; es kann die Beratung von sexuell belästigten Frauen bedeuten, aber auch die Organisation von Vorträgen und anderen Veranstaltungen, wie zum Beispiel dem Frauengesundheitstag am 14. November hier am FASK. Eine Person allein kann das neben ihrer " normalen" Tätigkeit her natürlich gar nicht leisten. Deshalb gibt es uns in Germersheim auch im Doppelpack: Angelika Hüttenberger als Frauenbeauftragte und mich als ihre Stellvertreterin.

Der Titel "Alternative Lebensformen", den ich für meine Ausführungen gewählt habe, ist einerseits nicht ganz ernst gemeint, aber er hat andererseits durchaus auch einen ernsten Unterton. Es wurde mir vor einigen Monaten vorgeschlagen, offensichtlich mit einer gewissen Portion Ironie, man könne doch die Frauen- und Gender-Forschung unter der Bezeichnung "alter-native Lebensformen" subsumieren. Ich könnte mich natürlich sehr leicht über die Bezeichnung lustig machen. Sie ist so schön vielseitig: passt auf alles von Frauen und Lesben bis hin zu Aliens. Wenn frau das hört, fühlt sie sich doch sofort mit kleinen grünen Männchen solidarisch. Aber sind Frauen an der Universität nicht vielleicht tatsächlich manchmal eine Art Aliens?

Gegenfrage: Wozu brauchen wir eigentlich eine Frauenbeauftragte? Wir leben doch in einer Zeit der Chancengleichheit. Frauen können studieren, promovieren, sich habilitieren. Wer etwas kann, der bringt es auch zu etwas. Der braucht kein Kindermädchen, keine Frauenbeauftragte. Und wer in irgendeiner Form benachteiligt oder angegriffen wird, kann sich selbst wehren. Oder? Dieser Auffassung sind offenbar ausnahmslos alle Erstsemester-Studentinnen in diesem Winter; jedenfalls ist heute morgen zu der Informationsveranstaltung, die die Mainzer Frauenreferentin hier für sie abhalten wollte, keine einzige von ihnen erschienen. Ist also alles in schönster Ordnung?

Die Statistik spricht leider eine ganz andere Sprache. Ich habe nur Zeit für ein einziges Beispiel. Im Jahre 1995 wurde eine Untersuchung der Beschäftigungsstruktur an der Johannes Gutenberg-Universität veröffentlicht. Im Blickpunkt stand der Frauenanteil auf den verschiedenen Ebenen des Wissenschaftsbetriebs, von den Studierenden bis zu den C4-Professuren. Die Ergebnisse wurden nach Fachbereichen aufgeschlüsselt. Besonders gelobt wurde der Fachbereich 15, das ist einer der philologischen Fachbereiche in Mainz. Ich zitiere aus der Studie:

"[D]er Fachbereich 15 [kann] wohl mit Recht als der 'frauenfreundlichste' Fachbereich der ganzen Universität bezeichnet werden. [...] Als deutliches Gegenteil muß der Fachbereich 23 (Angewandte Sprach- und Kulturwissenschaft) gewertet werden. Die Frauenquote unter den Studierenden ist hier mit 79% am höchsten. Und obwohl hier mit 84% auch die höchste weibliche Abschlußquote erzielt wird, ist der Anteil der weiblichen wissenschaftlichen Bediensteten erschreckend niedrig: Von 75 BAT-Stellen (BAT III bis BAT I) sind zwar immerhin noch 31 weiblich, aber von 16 Beamtenstellen (A13 bis A15) sind nur noch fünf und von den 15 Hochschul-lehrer/innenpositionen nur zwei mit Frauen besetzt."

Frauen haben weniger Stellen; sie haben noch weniger prestigeträchtige Stellen; und sie haben außerdem überproportional häufig befristete Stellen. Das Liedchen ist bekannt, und es hat sich seit 1995 nicht viel geändert bei uns.

natürlich durchaus gelegentlich an der Qualifikation liegen. Es gibt faire Auswahlverfahren, auch am berüchtigten Fachbereich 23. Und wenn in einem solchen Verfahren ein Mann sich als der Qualifizierteste erweist, dann ist das kein Fall von Diskriminierung. Eine offene Ausschreibung ist aber bekanntlich nicht der einzige Weg, auf dem eine unbefristete Stelle besetzt werden kann. Manche BAT-Dauerstellen werden gar nicht erst ausgeschrieben. Der Rest ist Statistik.

Chancengleichheit? Nein, es sieht nicht so aus. Wir brauchen eine Frauenbeauftragte. Nicht nur die Frauen brauchen sie, sondern auch der Fachbereich insgesamt braucht sie, wenn er nämlich das Potential ausschöpfen will, das qualifizierte Frauen zu bieten haben.

Ich möchte mit einer Frage schließen, die ich mir in Zusammenhang mit der Wahl des Titels "Alternative Lebensformen" gestellt habe. Hat sich schon einmal jemand überlegt, warum wir eigentlich von kleinen grünen Männchen sprechen und nicht von kleinen grünen Frauchen?
 

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