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Diskussionsforum des FASK


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Diplomfeier am 24.11.2000

Diplomarbeitspreis: Laudatio auf Frau Heike Tietgen

Susanne Hagemann

Sehr geehrter Herr Dekan,

liebe Preisträgerinnen,

sehr geehrte Damen und Herren,

auf Anregung unserer Prodekanin, Frau Prof. Worbs, ist aus den Mitteln des so genannten Anreizsystems zur Frauenförderung ein Preis in Höhe von 1000 DM für die beste Diplomarbeit aus dem Bereich der Frauen- und Geschlechterforschung geschaffen worden. Der Preis wurde erstmals für den Millenniums-Prüfungstermin WS 1999/2000 vergeben, und ich freue mich, dass ich heute die Laudatio auf eine der beiden Preisträgerinnen halten darf.

In einer Laudatio ist normalerweise kein Raum für kritische Töne. Wenn ich heute bewusst gegen die Textsortenkonventionen verstoße, dann deswegen, weil es schlechthin unmöglich ist, mit befriedigtem Lächeln auf die Frauen- und Geschlechterforschung in Germersheim zu blicken. Das Forschungsgebiet ist mittlerweile über 30 Jahre alt, aber am FASK stößt es immer noch bei sehr vielen Lehrenden und Studierenden auf aktives Desinteresse. Natürlich gibt es immer wieder einschlägige Lehrveranstaltungen, es werden immer wieder einschlägige Diplomarbeiten geschrieben, es entstehen immer wieder einschlägige wissenschaftliche Publikationen, vom Aufsatz bis zur Habilitationsschrift. Diese Aktivitäten entfalten sich jedoch zu einem großen Teil in einem einzigen Fach: Englisch. Und sie konzentrieren sich sehr stark auf kultur- und vor allem literaturwissenschaftliche Themen. Erst in neuester Zeit bemühen wir uns gelegentlich, unseren Studierenden die Relevanz der Frauen- und Geschlechterforschung für die Studiengänge Übersetzen und Dolmetschen deutlich zu machen: Frauen- und Geschlechterforschung in Germersheim ist noch weitgehend ein Nischenphänomen.

Wie sieht es nun mit den Diplomarbeiten aus, die in dieser Nische entstehen? Es wird Sie nach dem bisher Gesagten nicht überraschen zu hören, dass die zwei Arbeiten, die heute hälftig ausgezeichnet werden, aus recht wenigen ausgewählt wurden, und dass beide aus dem Fach Englisch stammen und literarische Texte behandeln. Es wäre schön, wenn die Verleihung des Preises dazu führen würde, dass in mehr Fächern mehr einschlägige Diplomarbeiten zu einem breiteren Themenspektrum geschrieben werden. Utopisch? So utopisch wie die Hoffnung, dass unsere DiplomandInnen die Frauen- und Geschlechterforschung nicht nur mehr oder weniger intelligent rezipieren, sondern auch selbst voranbringen könnten?

Nach dieser bösen Bestandsaufnahme mag man sich fragen, wie in einem solchen Umfeld überhaupt preiswürdige Diplomarbeiten verfasst werden können. Welche preiswürdigen Qualitäten der Vergabeausschuss in der Arbeit von Frau Marion Otto gesehen hat, werden Sie in der Laudatio des Ausschussvorsitzenden hören. Mir fällt die Laudatio auf Frau Heike Tietgen zu. Ich habe diese Aufgabe sehr gern übernommen und hoffe nur, dass nicht der Himmel oder die Saaldecke einstürzt, wenn eine Anglistin über eine amerikanistische Arbeit redet.

Das Thema von Frau Tietgens Arbeit lautet “Sprache und Identität von Frauen in der amerikanischen Literatur des 19. Jahrhunderts: Hannah Fosters The Coquette, Henry James’ The Bostonians und Edith Whartons The House of Mirth”. Die Anregung dazu erhielt Frau Tietgen in einem Kurs, den sie als Austauschstudentin an der Southern Illinois University in Carbondale belegte. Drei Romane liefern Momentaufnahmen aus stark hundert Jahren. Die Verfasserin untersucht anhand dieser Texte exemplarisch-diachronisch die Spannung zwischen sozialer Rolle und individueller Identität von Frauen sowie den Zusammenhang zwischen Rolle, gesellschaftlichen Machtverhältnissen und Sprache bzw. Schweigen.

Sehr gut gefallen hat mir bei der Lektüre das Theoriebewusstsein der Arbeit – eher eine Seltenheit in Germersheim, wo ‘Theorie’ für die Studierenden ja nur allzu oft ein regelrechtes Schreckgespenst ist. Schon die Themenwahl deutet auf eine theoretisch fundierte Arbeit hin. Zu untersuchen, wie Machtstrukturen mit öffentlichem und privatem Sprechen und Schweigen von Frauen korrelieren, das ist vor dem Hintergrund neuerer feministischer Diskussionen über Sprache und Macht ein attraktives, anregendes und anspruchsvolles Thema, und es zeigt für sich genommen bereits, dass die Verfasserin gelernt hat, auf einem gewissen Abstraktionsniveau zu denken. Und ich fand es erfrischend, in einer Germersheimer Diplomarbeit einen Forschungsbericht zu lesen, in dem Theoretikerinnen wie Judith Butler und Elizabeth Meese zitiert werden. Es fallen übrigens auch Namen wie Bourdieu, Foucault und Derrida. Das soll nun nicht heißen, dass die Textanalyse stark theorieorientiert wäre. Im Gegenteil: Die Schlüssigkeit der Argumentation hängt zwar durchaus mit der soliden Theoriebasis zusammen, aber auf diese Basis wird hauptsächlich implizit Bezug genommen. Ein interessantes und wiederum theoriebewusstes Experiment ist der persönlich gefärbte Anhang, der sich unter anderem mit der Standortabhängigkeit des Denkens befasst.

Frau Tietgen, ich gratuliere Ihnen zum Preis für Ihre intelligent und kritisch konzipierte Diplomarbeit.

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