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Informationen aus dem Fachbereich 23

Ausgabe 1 - 17. Februar 1997

Inhalt

  1. Beiträge

    1. 50 Jahre FASK. Rede von Dekan Prof. Dr. Stoll anläßich des traditionellen Neujahrsempfangs am 20.1.1997

    2. "Ich bin ein bekennender Jammer-Ossi". Lesung mit Richard Pietraß

    3. Interview: Germersheim im Zeichen Lateinamerikas

  2. Redaktionelles

    1. Veranstaltungen zum 50. Geburtstag des FASK (Externer Verweis)

    2. Drittmittel des kanadischen Aussenministeriums

    3. Was in dieser FAX-Ausgabe fehlt

  3. Personalien

  4. fax- Literatur und Presseschau (eigenes Dokument)

Aktuelle Informationen
vgl. Semester- und sonstige Fachbereichstermine (externer Verweis)

siehe auch:


Beiträge



50 JAHRE FASK

Rede von Dekan Prof. Dr. Stoll anläßlich des traditionellen Neujahrsempfangs
am 20.1.1997

Besonders herzlich begrüße ich die verehrten Kommilitoninnen und Kommilitonen im hundertsten Semester, die im Kreidacher Kreis Verbindung miteinander gehalten haben, die Ehemaligen aus den 1950ern vom Bund der Germersheimer e. V. sowie die ehemaligen Dozenten und Mitarbeiter des Fachbereichs.

Am 20. Januar 1947 nahm die Dolmetscherhochschule Germersheim den Lehrbetrieb auf. Der 50. Geburtstag unserer Institution war für den ehemaligen Studenten Eckhard Halm Anlaß, eine Sammlung von 130 Limericks über Germersheim, die er Germericks nennt, als Büchlein drucken zu lassen. Für mich, der fast 30 Jahre der Geschichte selbst miterlebt hat, sei's Anlaß zu einer Bestandsaufnahme von einigen Fakten und Daten zum Thema: früher und heute.

Jubiläumsveranstaltungen

Die heutige, in weiser Erwartung der Witterungsbedingungen vorwiegend interne Geburtstagsfeier eröffnet einen ganzen Reigen von Festivitäten im Verlauf des Jahres:

Im April erscheint in der Schriftenreihe unseres FB eine von Prof. Drescher herausgegebene wissenschaftliche Festschrift mit ca. 40 Beiträgen unter dem Titel Transfer. Übersetzen, Dolmetschen, Interkulturalität.

Die Stadt Germersheim schenkt dem FB einige Vorträge im Rahmen der Reihe Universität im Rathaus, die schon seit 10 Jahren in Germersheim läuft, und ein Festkonzert des Mainzer Collegium musicum.

Prof. Kelletat hat für den 9. - 11. Mai eingeladen zu einem internationalen Kongreß über Kleine Sprachen - ferne Kulturen, an dem ca. 100 Gäste aus 20 Ländern teilnehmen werden.

Prof. Drescher und Dr. Völkel halten die Jahreskonferenz des größten Erasmus-Austauschverbunds, an dem 24 Universitäten teilnehmen, des sog. Dubliner Programms, am 29. - 30. Mai in Germersheim ab.

Die Professoren Perl und Pörtl vom ISPSK veranstalten vom 23. - 26. Juni den 2. Internationalen Kongreß des Lateinamerikazentrums am FASK. Im Mittelpunkt stehen diesmal Fragen der kulturellen und sprachlichen Identität in Kolumbien, Venezuela und in der spanischsprachigen Karibik. Neben international führenden Hispanisten werden der Rektor der Universität Bogot., der Präsident der Univ. Mainz sowie die Leiter der diplomatischen Vertretungen einiger lateinamerikanischen Länder teilnehmen.

Prof. Drescher lädt für die 2. Oktoberhälfte ein zu einem Round Table mit dem Thema Übersetzen und Dolmetschen heute: Ausbildung, Kommunikationsanspruch und Berufsprofil zwischen Theorie und Praxis.

Gebäude

Das erste Hörsaalgebäude unserer Institution, das heutige Rathaus, war das Offizierskasino der Festung Germersheim gewesen; bis 1945 beherbergte es nationalsozialistische Dienststellen. In der Seyssel-Kaserne, die wir jetzt " Altbau" nennen, lagen nach Auflösung der Festung Germersheim vom Ende des 1. WK bis 1930 französische Truppen, die das Gebäude in Caserne Vauban umgetauft hatten. Danach wurde es von armen Familien mit meist großer Kinderschar in düsteren 1-Zimmer-Sozialwohnungen bewohnt. Einige Räume beherbergten das Heimatmuseum, andere Unterrichtsräume der Berufsschule. Ab ca. 1940 waren im Ostflügel die HJ (Hitlerjugend) und der BdM (Bund Deutscher Mädchen) untergebracht. Die Keller dienten 1943-45 z. T. als Luftschutzräume für die Bevölkerung, z. T. als Depot für die ausgelagerten Bestände sämtlicher Museen der Pfalz und des Saargebiets, insbesondere eine große Sammlung von Frankenthaler Porzellan, Bestände, die in der Nachkriegszeit geplündert und über die Schweiz verhökert wurden.

Noch während der Renovierungsarbeiten im Winter 1946/47 - die Waschräume hatten noch keine Kachel- sondern Sandböden, es gab kein warmes Wasser, und die Toilettentüren fehlten - zogen die Studierenden ein. Im rechten Flügel wohnten die Damen, im linken die Herren, je 125, dazwischen war eine ominöse Schwingtür, die immer zur Mitternacht abgeschlossen wurde. Schon Anfang der 1950er wuchs die Zahl der Studierenden so an, daß bald die Mehrzahl Zimmer in der Stadt nahm.

Das Wohnheim im Altbau bestand noch 30 Jahre, bis 1977. Ich kann Ihnen aus eigener Anschauung berichten, wie spartanisch es eingerichtet war. So etwas wie eine Privatsphäre ließ sich in den 8-10-Bett-Zimmern nur durch quergestellte Schränke und aufgehängte Bambusmatten erzeugen. Dennoch - oder gerade deswegen - wurde für viele die von den Gründern beabsichtigte Erziehungsgemeinschaft zu einer Lebensgemeinschaft, was sich noch heute in der Existenz zahlreicher Ehen und sonstiger Freundeskreise wie z. B. dem Kreidacher Kreis und dem Bund der Germersheimer manifestiert.

1966 bezogen wir das mittlerweile 30 Jahre alte, aber im Vergleich zu dem über 150 Jahre alten Festungsbau immer noch mit Recht "Neu"bau genannte Gebäude. 1977 konnte dank des großen Engagements von Bürgermeister Siegfried Jantzer das Städtische Wohnheim mit über 200 Plätzen fertiggestellt werden. Die dadurch mögliche Auflösung des Wohnheims im Altbau schaffte Raum für Umzug und Ausdehnung von Instituten, Unterrichtsräumen und Seminarbibliotheken; letztere waren davor für jedes Institut einzeln im Neubau untergebracht. Seit ein paar Jahren führt aber die weiterhin kontinuierliche Zunahme an Studierenden, Dozenten, Fächern, Literatur und technischen Einrichtungen zu einer immer bedrängenderen Raumnot. Trotz der ideenreichen und tatkräftigen Unterstützung durch Bürgermeister Benno Heiter - wir hatten anvisiert, unter Inanspruchnahme von Konversionsmitteln per Kauf oder Leasing die Fachbereichsbibliothek in der gerade von der Bundeswehr geräumten Stadtkaserne anzusiedeln - sehe ich allerdings angesichts der wegen der derzeitigen Haushaltslage äußerst zögerlichen Haltung von Ministerium und Universitätsleitung derzeit keinen Ausweg. Immerhin konnte ein gewichtiger Teil des FB im Jahre 1996 einen eigenen Neubau beziehen: Das Kinderhaus im Park ist fertiggeworden.

Dozenten und Studienangebot

Im ersten Semester zählte der Lehrkörper an der Dolmetscherhochschule 4 Professoren und 17 Dozenten für die 6 Sprachen Französisch, Englisch, Spanisch, Russisch, Italienisch und Portugiesisch - wobei es in den beiden letztgenannten Sprachen nur Anfängerkurse gab. Allgemeinbildende Kurse wurden im Rahmen eines studium generale von Mainzer Professoren angeboten. Nach 4 Semestern konnte man ein Abschlußdiplomen als Handelskorrespondent oder Übersetzer erlangen, nach 6 ein Dolmetscherdiplom.

Heute bieten insgesamt heute 16 Professorinnen und Professoren, fast 100 Wissenschaftliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie mehr als 50 Lehrbeauftragte den 2 350 Studierenden bis zum Diplomabschluß die folgenden Sprachen an: Deutsch als Fremdsprache, Niederländisch, Britisches und Amerikanisches Englisch, Französisch, Italienisch, Spanisch, Portugiesisch, Russisch, Polnisch, Arabisch, Chinesisch und - unser jüngster Sproß - Neugriechisch. Sprachkurse gibt es jetzt für Dänisch, Finnisch, Isländisch, Lettisch, Norwegisch, Schwedisch, Tschechisch, Türkisch, Ukrainisch und - seit Beginn dieses Semesters endlich auch - Japanisch. Man kann in Germersheim also 23 Sprachen studieren. Als Ergänzungsfächer bieten wir an: Technik, Wirtschaft, Recht und Medizin, in der Diskussion ist Informatik als weiteres E-Fach.

Der Ausschuß für Studium und Lehre unter der Leitung von Prof. Kelletat hat heute vor einer Woche die Aufgabe abgeschlossen, Möglichkeiten einer Modularisierung unserer Studiengänge auszutüfteln, die es u. a. auch gestatten werden, Sprachkurse oder ein zusätzliches Ergänzungsfach auf dem Diplomzeugnis unterzubringen.

Der FB ist seit einigen Jahren auch im Bereich von Weiterbildungsseminaren aktiv. Offensichtlich gibt es da in der Berufspraxis einen Riesenbedarf. Die vom 7.-10. März und vom 10.-13. Oktober 1996 von Prof. Huber und Dr. Göpferich organisierten Kurse in Technical Writing fanden eine hervorragende Resonanz.

Im ersten Semester gab es ganze 6 Verwaltungsangestellte - heute wird die Lehre unterstützt von 62 Mitarbeitern in Verwaltung, Bibliothek und Technik.

Die sprachtechnischen Einrichtungen, die sich zunächst beschränkten auf ein Radio mit Batteriemikrophon und ein Tonbandgerät und dann, seit 1953, auf eine schon von Herrn Rheinfrank installierte 2-Kabinen-Simultananlage, bestehen heute - wenn ich das Audimax mitzähle - aus 4 Dolmetschlehranlagen mit insgesamt 44 Kabinen, 2 Sprachlabors mit insgesamt 55 und einem Videoarbeitsraum mit 10 Arbeitsplätzen. Gelder zur Erneuerung der seit dem Neubau 1966 in Betrieb befindlichen Dolmetschanlagen sind uns gerade zugesagt worden, so daß Herr Hüttenberger und seine Mannen dieses Jahr mit den Arbeiten beginnen können.

Der Fachbereich verfügt über 130 Computerarbeitsplätze. Die Verkabelung auch der Arbeitsplätze im Neubau und der Umzug des CIP-Pools in eine abgeschlossene Gruppe von Räumen am Ende des Erdgeschosses, die - hoffentlich - einbruchssicherer sind als die 1995 heimgesuchten, konnten dank des großen Einsatzes der Herren Krüger, Orschel und Dr. Rapp im letzten Jahr durchgeführt werden.

Der gute internationale Ruf unserer Institution zeigt sich in einem intensiven Austausch von Dozenten und Studierenden mit über 70 Partnerinstitutionen in aller Welt. In erster Linie sind hier natürlich die in der Internationalen Konferenz der universitären Übersetzer- und Dolmetscherinstitute, der CIUTI, vereinigten Ausbildungsstätten zu nennen. Derzeitiger Präsident der CIUTI ist unser Germersheimer Kollege Prof. Forstner. Die Professoren Perl und Pörtl schwirrten letztes Jahr in den USA, in Mittel- und Südamerika herum, Herr Pörtl ist im Moment in Portugal. Prof. Huber war in Japan, Irland, den USA und Ungarn. Prof. Kelletat, die Doctores Hönig, Kiraly, Kußmaul, P. A. Schmitt und Herr Srinivasan verbreiten das Evangelium vom rechten Übersetzen von Vaasa über Riga, Warschau, Ljubljana, Budapest und Istanbul bis nach Cordoba, Argentinien. Immer wieder sind Dozenten aus Moskau, Lettland, China, Thailand etc. in Germersheim zu Gast, um Vorträge zu halten und sich anzusehen, wie wir Übersetzer und Dolmetscher ausbilden. Heute abend darf ich von der Linguistischen Universität Moskau, die ich selbst im letzten Frühjahr besuchen durfte, ganz herzlich die beiden Germanisten Frau Olga Oltschak und Herrn Michael Sassonov begrüßen.

Wir werden übrigens durch die Fertigstellung einer zweiten kleinen Gastdozentenwohnung in diesem Jahr eine weitere Möglichkeit anbieten können, unsere Gäste unterzubringen.

Die immer größer werdende Zahl von Angehörigen des FB erschwert natürlich die Kommunikation über die vielfältigen Aktivitäten. Ich freue mich daher, daß dank des Engagements von Prof. Worbs und Prof. Kelletat das FAX als regelmäßig erscheinende hausinterne Informationsquelle ins Leben gerufen wurde. Ich bitte Sie alle, die Herausgeber auch und erst recht in diesem Jahr mit Neuigkeiten über Gastvorträge, Auslandskontakte, Publikationen, neue Mitarbeiter etc. zu versorgen, damit wir einen Überblick darüber behalten, was im Hause los ist und was Kollegen und Studierende in aller Welt treiben.

Studierende und Absolventen

1947 waren 242 Studierende eingeschrieben, schon 1951 waren es über 500, die Marke von 1 000 wurde 1972 überschritten. Trotz des seit 1976 bestehenden NC in den "großen" Sprachen kletterte die Zahl 1977 über 1 500, 1984 über 2 000 und liegt gegenwärtig bei 2 350 - 896 davon Ausländer aus fast 70 Ländern; von diesen studieren 783 am GI, 115 sind Austauschstudenten.

Der Fachbereich hat in den 50 Jahren über zehntausend - diese Zahl wurde im letzten SS überschritten - Abschlußzeugnisse für Diplom-Übersetzer (88 %), Diplom-Dolmetscher (nur 7 %) und Akademisch geprüfte Übersetzer (nur 5 %) verliehen. Angesichts des Zusammenwachsens und der bevorstehenden Erweiterung Europas, der Globalisierung von Wirtschaft und Wissenschaft dürften die Berufsaussichten sehr gut bleiben.

Ein eigenes Promotionsrecht haben wir erst seit 1977. Insgesamt ist die Bilanz der Promotionen und Habilitationen auch heute noch eher negativ: Es erfolgten bisher 26 Promotionen - im letzten Jahr 2, in diesem Jahr bereits eine - und 8 Habilitationen - im letzten Jahr eine. Der Fachbereich hat also weitaus mehr Promovierte und Habilitierte eingestellt, als er selbst produzierte. Bei der Nachwuchsförderung bleibt noch einiges zu tun.

Dennoch sind wir immerhin in der Lage gewesen, einige unserer Ehemaligen und unserer eigenen Dozenten selbst zu Promotion und Habilitation zu bringen. Und immerhin wird die Englischprofessur an unserem Schwesterinstitut in Saarbrücken von einer ehemaligen Germersheimer Doktorandin, Frau Gerzymisch-Arbogast, wahrgenommen. Frau Dr. Göpferich, die 1994 hier promovierte und derzeit an ihrer Habilitationsschrift arbeitet, hat zum 1.1.97 eine Professur an der FH Karlsruhe angetreten. Der jüngste Habilitand, Peter Axel Schmitt, dessen Diplomarbeit, Doktorarbeit und Habilitationsschrift am FASK geschrieben wurden, erhielt vor einigen Wochen den Ruf auf den Lehrstuhl für Angewandte Sprach- und Übersetzungswissenschaft in Leipzig.

Gesamtbild

In 50 Jahren hat sich aus den bescheidenen Anfängen der Staatlichen Dolmetscherhochschule Germersheim die in jeder Hinsicht weltweit größte Ausbildungsstätte für Übersetzer und Dolmetscher entwickelt - nämlich in bezug auf die Zahlen der Studierenden, der Nichtwissenschaftlichen Mitarbeiter, der Wissenschaftlichen Mitarbeiter, der Professoren, der angebotenen Sprachen und Ergänzungsfächer sowie der technischen Ausstattung. Ich hoffe, daß solche quantitativen Superlative sich irgendwie auch qualitativ niederschlagen, so daß irgendwann womöglich selbst die AIIC, die uns von den möglichen drei Sternchen bisher eines vorenthält, uns in die oberste ihrer Guide-Michelin-Kategorien aufzunehmen geruhen könnte.

Probleme

Angesichts der Rags to Riches Story der FASKies sei aber nicht verschwiegen, daß wir - neben der anfangs erwähnten Raumfrage - eine Reihe schmerzlicher Probleme und Lücken haben:

Den Studierenden brennen die neuen BAFöG-Regelungen auf den Nägeln. Der Kreis der Geförderten wird immer kleiner. Und: wenn wegen der Erlernung von Nichtschulsprachen oder der gerade für unsere Studiengänge so unerläßlichen Auslandsaufenthalte 9 Semester Studiendauer überschritten werden, können sich die Betroffenen nur noch mit Bankdarlehen über Wasser halten.

Japanisch ebenso wie die skandinavischen und viele osteuropäische Sprachen fehlen als voll ausgebaute Fächer. Fürs Niederländische wäre endlich eine Professur nötig.

Das GI hat wegen des in aller Welt erfreulich gestiegenen Interesses an Deutsch seit einigen Jahren die massivsten Zuwachsraten bei den Studierenden, das Angebot in der Lehre hält damit nicht Schritt.

Mir persönlich erscheint es angesichts der Rolle des Englischen als globale lingua franca und offizielles Kommunikationsmedium in über 50 Ländern notwendig, daß eigentlich jeder Translator auch eine gründliche Kompetenz in dieser Sprache und exemplarische Einblicke in die geographischen Varianten erhält ohne durch den NC geschreckt zu werden.

Die eben von mir erwähnten großen Zahlen von Wissenschaftlichen und Nichtwissenschaftlichen Mitarbeitern sind auch ein wenig dadurch zustandegekommen, daß Angestelltenstellen in zunehmendem Maße nur noch zur Hälfte oder zu Dreiviertel besetzt werden.

Im Bereich der Fachsprachen hoffe ich, daß der Vorschlag von Herrn Dr. Beyerlein-Buchner, Medizin auch fürs Französische anzubieten, bald verwirklicht werden kann.

Die Ergänzungsfächer schließlich werden größtenteils nur durch Lehraufträge und nicht mit Stellen abgedeckt.

Bei letzterem Problem winkt uns allerdings vielleicht z. T. schon ein Ausweg: Unter Federführung von Herrn Prof. Huber und Herrn Krüger haben wir einen Antrag auf multimediale Vernetzung mit dem Mainzer Campus auf den Weg gebracht, der es ermöglichen soll, daß unsere Studenten via Fernseher und Computer interaktiv an Mainzer Lehrveranstaltungen beteiligt werden und umgekehrt.

Dank

Dies ist mein letzter Empfang als Dekan, und ich möchte diese Rede mit einigen Dankesworten beschließen.

An erster Stelle bedanke ich mich bei Prodekan Prof. Kelletat, der immer wieder im Dekanat vorbeischaute und mir zu jeder Zeit beistand mit frischen Ideen und uneingeschränkter Bereitschaft, Arbeit zu übernehmen.

Den Professorenkollegen, den Kolleginnen und Kollegen vom Mittelbau, dem Personalrat, der Verwaltung, den Studierendenvertretern und insbesondere dem Fachbereichsrat danke ich für die Sachlichkeit der Diskussionen und für die gute Zusammenarbeit, die mich sagen lassen: Mein drittes Dekanat hat mir am meisten Spaß gemacht.

Der Spaß war natürlich besonders groß, wenn ich montags von den Damen im Studierendensekretariat oder im Dekanat mit selbstgebackenem Kuchen verwöhnt wurde oder, letzte Woche, als die studentischen Vertreter im FBR mir einen Band mit Limericks schenkten.

Ich danke den 60 Autoren für die überwältigende Bereitschaft zur Mitarbeit an unserem Jubiläumsband 50 Jahre FASK. Geschichte und Geschichten. Daß trotz der 500 angeführten Personen viele prominente Ehemalige und verdiente Mitarbeiter nicht vorkommen oder ungenügend gewürdigt wurden, und daß einige Einrichtungen und Fächer nur im Vorwort erwähnt werden, aber keine eigenen Beiträge lieferten, bedauere ich, aber Vollständigkeit war bei einem solchen Unternehmen nicht zu erhoffen.

Die Vorbereitungen zu dem Band und zu unseren Jubiläumsfeiern führten zu einer Reihe von äußerst erfreulichen Kontakten mit Ehemaligen, deren Anhänglichkeit für Germersheim mich tief berührte und aus der ich die Verpflichtung ableite, die Verbindungen in Zukunft zu intensivieren. Ganz konkret möchte ich meine Amtsnachfolger herzlich bitten, bei den jährlichen Ehemaligentreffen wieder einen Empfang des Dekans durchzuführen und dort über die neuesten Entwicklungen am FB zu berichten.

Mit unserem Verwaltungsleiter, Herrn Amtsrat Schäfer, hatte ich aufgrund seiner offenen, konstruktiven Kooperation vom ersten Tag an ein intensives Vertrauensverhältnis. Er hat auch durch die Pflege seiner guten Beziehungen zur Mainzer Verwaltung so manches möglich gemacht, insbesondere im Bereich von Vertretungen und Baumaßnahmen, was ohne ihn nicht gegangen wäre. Herr Schäfer, ich bedanke mich für Ihr über die Pflichten hinausgehendes Engagement. - Unser Hausmeister, Herr Dorst, hat mich immer wieder durch hervorragende Ideen beeindruckt, insbes. zum Brandschutz und zum behindertengerechten Ausbau unserer Anlagen. Zu meinem großen Bedauern war leider just in diesen beiden Bereichen das Staatliche Hochbauamt noch nicht zu konkreten Maßnahmen zu bewegen.

Ganz besonderen Dank schulde ich meinen unmittelbaren Mitarbeiterinnen im Dekanat, ohne deren wundersame Fähigkeiten, einen 13 Jahre alten FBR-Beschluß in 5 Minuten zu finden, Briefe und Protokolle unterschriftsreif auszuformulieren und permanent meinem schlechten Gedächtnis auf die Sprünge zu helfen, ich absolut hilflos gewesen wäre.

Ich danke Frau Jester-Ickas, die bis zum Beginn ihres - wie alles, was sie anpackt, sehr erfolgreichen - Schwangerschaftsurlaubs Hirn und Seele des Dekanats war und, obwohl noch beurlaubt, es sich nicht nehmen ließ, heute abend zu helfen.

Ich bedanke mich bei Frau Wagner, ohne die schon früher, vor allem aber seit der Beurlaubung von Frau Jester-Ickas, nichts gegangen wäre. Zu jedem Zeitpunkt zeigte sie die liebenswerte Bereitschaft, ohne Rücksicht auf eigene Belange unzählige Überstunden zu leisten.

Und schließlich danke ich Frau Butz und Frau Wismeth dafür, daß sie das Dekanat so tatkräftig über die Dürreperiode hinwegretten.

Wünsche

Ich möchte abschließend für die nächsten 50 Jahre unseres FB die magische Formel wiederholen, die Herr Dr. Reinecke in seiner Rede zum ersten Geburtstag der Dolmetscherhochschule mit auf den Weg gab, und die offenbar wirkte, vielleicht weil - wie das mit der Magie so ist - sie in einer absolut rätselhaften, exotischen Sprache abgefaßt ist, die niemand versteht, weil sie nicht zu den 24 gehört, die man bei uns lernen kann:

Vivat! Crescat!Floreat!

Ihnen allen wünsche ich ein für Sie persönlich rundum gesundes und erfolgreiches Goldenes Jubiläumsjahr 1997. Und damit das Crescat! gleich beginnt, erkläre ich das Buffet für eröffnet!

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"Ich bin ein bekennender Jammer-Ossi"

Lesung mit Richard Pietraß

Eckdaten: Richard Pietraß

1946 in Sachsen geboren. Studium der Klinischen Psychologie an der Humboldt-Universität. Von 1975 bis 1977 Lektor im Verlag Neues Leben. 1977-1979 Herausgeber der Reihe "Poesiealbum". Seit 1979 freiberuflicher Schriftsteller, Übersetzer/Nachdichter (aus dem Englischen, Russischen und Finnland-Schwedischen [u.a. Seamus Heaney, Edith Södergran, Ossip Mandelstam, Boris Pasternak, Marina Zwetajewa]) und Herausgeber (Hans Arp, Uwe Greßmann, Inge Müller, Albin Zollinger).

Foto: C.McTague

Am 27. Januar war Richard Pietraß bei uns zu Gast im Rahmen des Programms "Ossis im wilden Süden", einer vom AStA unterstützten Veranstaltungsreihe mit Lesungen, Vorträgen, Gesprächen von und mit SchriftstellerInnen und ÜbersetzerInnen aus den neuen Bundesländern. Pietraß las aus seinem jüngsten Werk "Randlage" und sprach mit fax über das Leben und Schreiben in der Nachwendezeit.

fax: Ihr neuester Gedichtband heißt "Randlage". Beschreibt das Ihre Lage nach der Wende?

Pietraß: Nach der Wende habe ich zwei Jahre lang geschwiegen. Mein gewohnter Boden war weg. Ich war ein reines DDR-Gewächs. Die Zeit unmittelbar nach der Wende war eine Zeit der Zeugenschaft. "Randlage", das erste Gedicht in der neuen Sammlung, legt Zeugnis über den plötzlichen Ausverkauf von Landschaft ab. In dem Gebiet um Berlin herum, wo Jahrzehnte lang die Felder anfingen, wurde auf einmal nichts mehr angebaut. Ein sichtbarer Gürtel der Spekulation - eine Randlage - zog sich um die Stadt. "Ich stehe und verstehe. Wende sich, wer kann" heißt es in der letzten Zeile. Ein ähnliches Thema hat das Schwestergedicht "Brache". Ich schreibe in Schüben. Bei der Zusammenstellung der Gedichte schaue ich, ob die Gedichte, die man zusammen aufschlägt, auch zueinander passen. Ergänzen sie sich, oder sind sie sich im Wege? Sie beeinflussen sich wechselseitig, daher ist die Juxtaposition wichtig.

fax: Bilden alle Gedichte in der neuen Sammlung ein Schwesterpaar?

Pietraß: Es ist wichtig, gegen die Unerbittlichkeit zu sein, die keine Ausnahme zuläßt. "Zandvoort" entstand vor der Wende und stellt in der 12er-Kollektion daher eine Ausnahme dar. 1988 war ich mit meiner Frau in Zandvoort bei Amsterdam. Sie fuhr alleine zurück, weil sie unsere Kinder vermißte. Ich habe mich gefragt, wo mag sie jetzt wohl sein? So ist das Gedicht entstanden. Ich finde, zum besseren Verständnis eines Gedichtes ist eine Vorbemerkung notwendig. Nicht jedes Werk spricht für sich allein. Das nächste Gedicht, "Hiddensee", beschreibt die Atmosphäre eines Ortes, an dem nach 1989 drei Autorenbegegnungen stattfanden, bei denen sich Ost-Autoren und West-Kritiker trafen. West-Autoren waren keine da, wegen des spärlichen Angebots. Es gab eben nur freie Kost und Logis. Zu einer dieser Begegnungen kam ein West-Kritiker mit Hubschrauber an, zu unserer aller Erheiterung. Der Ort "Vilm" im gleichnamigen Gedicht war eine Insel mit "Zauberberg"-Atmosphäre, die hohen Funktionären zur Erholung vorbehalten war. Die Gewässer drum herum wurden sogar von bewaffneten Tauchern bewacht. Nach der Wende ging die Insel an den BUND über (nicht den Bundesnachrichtendienst, sondern den Naturschutz-Verband!), und das Verbot, den Ort zu betreten, bestand aus ökologischen Gründen fort. Im Winter darauf fror die Ostsee zu, und es gab eine Massenwanderung über das Eis zur Insel. Schilder wurden aufgestellt, "Werte Besucher, wenn Sie schon hier sind, verlassen Sie nicht die Wege". Für einen ehemaligen "Untertanen" wie mich war es aufregend, an diesen Ort zu gelangen. Ich gestehe, ich war nicht frei von Voyeurismus. Um neue Wohnerlebnisse, wie die Rausschmißdrohungen eines blockwartigen Vermieters, geht's in den Gedichten "Souterrain" und "Fristenlösung". Uns Dichtern kann aber eigentlich nichts passieren. Es ist notfalls alles Erfahrung. "Honigrute" habe ich geschrieben, weil ich 1992 auf einer Veranstaltung zum Thema "Weihnachten einmal anders" Gedichte lesen sollte und keine Brücke zum Thema hatte. "Wie meine Tage vergehen" enstand unter dem Eindruck meines fünfzigsten Geburtstages. Wie aus dem Gedicht hervorgeht, bin ich ein bekennender Jammer-Ossi, aber das Jammern muß exzessiv sein, damit es was bewirkt. Der Impuls zum Gedicht `Die Wohltaten' gab eine mir nahestehende Person, die nach Lesung meiner Gedichte meinte `Und wo bleibt die Liebe?". "Fliedergärten" ist eine Hommage an die Landschaft in der Gegend um Riesa. Jeder Stahlkocher hatte sein eigenes Häuschen mit Fliederbüschen. Nun sind die Stahlkocher nicht mehr da und ihre Häuser stehen in Trümmern, aber die Fliederlandschaft bleibt. Das letzte Gedicht, "Der Gartenweg", handelt von meinem Vater. Er war Bauer und Müller in Ostpreußen. Er und seine Brüder waren außerordentlich gut gebildet für die damalige Zeit und besuchten ein Gymnasium in Königsberg. Obwohl er Klassenbester war, holte ihn sein Vater von der Schule ein Jahr vor dem Abi. Er sollte bei der Scholle bleiben und ein nützliches Handwerk lernen. Mein Vater wollte dasselbe für mich, aber ich habe ihm ein Schnippchen geschlagen, indem ich ihm meinen Lehrer ins Haus schickte. So durfte ich doch noch Abitur machen. Wie viele Menschen seiner Generation, war er ein Tyrann nach innen und machtlos nach außen. Sein Leben lang liebte er die Poesie, lernte Gedichte auswendig und sagte sie auf, besonders Gartengedichte.

fax: Wie wichtig ist der biographische Hintergrund zum Verständnis der Gedichte?

Pietraß: Die Hintergrundanekdote erlaubt einen Zugang zum Gedicht und liefert einen Schlüssel zum Text, muß aber auch zurücktreten können und dem Leser erlauben, anhand seiner eigenen Erfahrungen den Text zu deuten. Letzten Endes hängt es auch mit der Persönlichkeit des Dichters zusammen, wieviel er preisgeben will. Ich bin kommunikativ, der Hermetiker ist hermetisch.

fax: Von 1975 bis 1979 waren Sie beim FDJ-Verlag Neues Leben tätig. Warum gingen Sie von da fort?

Pietraß: Ich war Lektor für Lyrik dort, eine Traumtätigkeit, die es nur im Osten gab. Die `Poesiealbum'-Reihe war einmalig. Die Ausgaben wurden an jedem Kiosk zum Stückpreis von 90 Pfennig verkauft. Ich war bestrebt, nur anspruchsvolle Gedichte zu publizieren und sperrte mich gegen gewisse Namen. Über die Jahre sammelte ich dadurch Minuspunkte und erwies mich als wenig lernfähig. In einer Nacht- und Nebelaktion kam der Rausschmiß, mit der ideologischen Begründung, ich böte nicht die optimale Gewähr zur Erziehung der kommunistischen Jugend.

fax: Im Osten hat man Dichter also ernstgenommen und ihnen ein gesellschaftlich mobilisierendes Potential zugetraut? Im Westen gelten Dichter eher als harmlose Spinner.

Pietraß: In der DDR hatte man vor allem und jedem Angst, auch vor Dichtern. Es gab keine besondere Angst vor Dichtern per se. Gleichwohl wurde die Dichtung durchaus ernstgenommen. Man konnte sich am Leipziger Institut für Literatur zum Schriftsteller ausbilden. Große Namen wie Ralph Giordano und Volker Braun waren dort. Das literarische Übersetzen wurde auch am Rande behandelt.

fax: Muß man Dichter sein, um Gedichte zu übersetzen?

Pietraß: Wenn man ein Gedicht so übersetzen kann, daß es in der Zielsprache als Gedicht fungiert und nicht nur den Inhalt wiedergibt, hat man sicherlich dichterische Fähigkeiten. Es gibt eine Logik des dichterischen Schreibens, die zu beherrschen unter Umständen wichtiger ist, als meinetwegen die Ausgangssprache perfekt zu beherrschen.

fax: Nachdem ich Ihre sehr gelungene Übersetzung des Gedichtbandes `Norden' des irischen Nobelpreisträgers Seamus Heaney gelesen hatte, erfuhr ich mit Erstaunen, daß Sie zum Zeitpunkt des Übersetzens im Herbst 1986 noch nie in Irland gewesen waren, nur Schulenglisch bzw. wissenschaftliches Hochschulenglisch konnten, und als wichtigstes Arbeitsmittel den "Großen Muret-Sanders" benutzt hatten. Dabei sind Heaneys Gedichte sehr schwer zu verstehen, er benutzt archaische Wörter und der Bezug zur irischen Kultur ist sehr stark. Beim Lesen ertappte ich mich (wohlgemerkt wie Heaney aus dem Norden Irlands kommend), wie ich mich hilfesuchend an Ihre Übersetzung wandte, um das Original zu verstehen. Haben Sie sich bei Verständnisschwierigkeiten auf Ihren poetischen Instinkt verlassen?

Pietraß: Ich kann Ihnen ein Beispiel geben. Im Gedicht "The Barn" (aus "Death of a Naturalist") ist von "two-lugged sacks" die Rede. Ohne genau zu wissen, was gemeint war, hatte ich ein Bild vor Augen, wie diese Säcke ausgesehen haben müssen, oben zusammengebunden, wie Ohren. Ich habe "Ohrensäcke" geschrieben, was sich im Nachhinhein auch als inhaltlich richtig erwiesen hat. Englisch habe ich gelernt, indem ich mich im Alter von 17 Jahren in den Sommerferien mit einem 300-seitigen Roman über die Entwicklung der Atombombe, bei dem Liebe und Spionage im Mittelpunkt standen, hingesetzt habe. Ich habe jeden Tag alle Wörter aufgeschrieben, die ich nicht kannte. Am Anfang waren es 35 Wörter pro Seite. Ich mußte fast jedes Wort aufschreiben. Es war eine verzweifelte Arbeit, jeden Tag acht Stunden. Aber ganz allmählich wurde es weniger, zum Schluß waren es nur noch zwei Wörter pro Seite. Auf diese Weise habe ich in zwei Wochen 2000 Vokabeln gelernt. Diese 14 Tage waren sozusagen mein Intensivkurs in Englisch. Danach war Englisch für mich spielend leicht. Erst 1990 hatte ich die Gelegenheit, ein englischsprachiges Land zu besuchen.

fax: Eine Erfahrung, die vielen Übersetzern aus dem Osten gemein sein dürfte.

Pietraß: Wir waren eben alle Trockenschwimmer, ohne den Kontakt mit Muttersprachlern.

fax: Im Band `Norden' erscheinen das englische Gedicht und die deutsche Übersetzung Seite an Seite. Waren Sie damit einverstanden? Haben Sie nicht befürchtet, daß irgendein Schlaumeier kommt und sagt, hier, diese Stelle, das haben Sie falsch gemacht?

Pietraß: Ja, das befürchtet man schon, aber das ist kein Grund, das zu verweigern. Wenn auf diese Weise Fehler aufgedeckt werden, kann man sie in der nächsten Ausgabe korrigieren.

fax: Hat es einen finanziellen Gewinn für Sie bedeutet, als Heaney den Nobelpreis bekam?

Pietraß: Es hat einen Prestigegewinn bedeutet, einen finanziellen Gewinn keineswegs. Finanziell lohnt sich das Übersetzen von Gedichten nicht. Für einen ganzen Gedichtband, an dem man wochen- oder monatelang sitzt, bekommt man zweitausend Mark, wenn man Glück hat. In der DDR habe ich mehr übersetzt. Das Übersetzen von Lyrik wurde besser bezahlt. Jetzt übersetze ich vielleicht ein Zehntel davon.

fax: Sind Sie als langjähriger Freiberufler noch zu DDR-Zeiten nach der Wende im Vorteil gewesen gegenüber anderen DDR-Künstlern, bei denen auf einmal der staatliche Schutz weggefallen ist?

Pietraß: Die Jahre als Freiberufler in der DDR haben mich nicht in dem Maße auf den freien Markt nach der Wende vorbereitet, wie man vielleicht meinen könnte. Im Osten gab es nicht den Drang, sich zu profilieren. Es gab keine Konkurrenz. Es ging nicht um Sein oder Nichtsein.

fax: Wovon lebt man als Dichter?

Pietraß: Von den Büchern nicht. Ein Teil verkaufe ich, ein Teil verschenke ich. Der Ertrag von den verkauften Büchern muß die Verluste bei den verschenkten aufwiegen. So lande ich bei plus-minus Null. Das reicht aber auch. Ansonsten muß man vielseitig erfinderisch sein. Man muß im Ruf sein, daß man gut übersetzt, man gibt Lesungen, man macht mal mit bei einer Jury, mal kriegt man ein Stipendium, man muß ein fähiger Herausgeber sein, man muß auch fähig sein, bei einer Veranstaltung die Moderation zu machen. Die Vielseitigkeit ist das wichtigste. So bewahre ich mich auch vor Monotonie. Wenn ich nur übersetzen müßte, würde ich kaputtgehen.

fax: Stimmt es, daß Sie nur Dichter übersetzen, die Sie beneiden?

Pietraß: Ja. Neid hat mit Nähe zu tun. Der Neid impliziert eine gewisse Verwandtschaft. Ich beneide nicht etwas völlig Fremdes, sagen wir, etwas Afrikanisches oder Japanisches. Aber ein Gedicht über eine Scheune, wie Heaneys "The Barn" - darauf hätte ich selber kommen können.

fax: Gibt es das Unübersetzbare?

Pietraß: Es ist eine Frage des Maßstabes. 80%, 90% zu bewahren, ist schon bewundernswert. Man sollte nicht ewig jammern über die 10% Schwund.

fax: Muß man verrückt sein, um Dichter zu sein?

Pietraß: Schon. Ein Zustand der Ausgeglichenheit ist kein energetischer Zustand. Um Gedichte zu schreiben, muß Energie vorhanden sein. Ein emotionelles plus-minus Null gibt nichts her. Zwischendurch kann man `normal' sein. Aber in den Zwischenphasen wird man entflammt. Man kann sich schreibend entladen. Der Zustand der Zufriedenheit ist nicht der Zustand, etwas zu machen. Auch Langeweile kann inspirierend sein. Ohne das Militär und seine endlose Langeweile wäre ich nicht zum Schreiben gekommen. Da hätte ich Medizin studiert und mich ins bürgerliche Leben gestürzt.

Gedichtbände:

Uuml;bersetzungen (eine Auswahl):

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Interview

Germersheim im Zeichen Lateinamerikas

Interview mit Matthias Perl zum 2. Internationalen Kongreß des Lateinamerikazentrums der Universität Mainz in Germersheim

Michael Wirth: Vom 23. bis 26. Juni 1997 findet in Germersheim der 2. Internationale Kongreß des Lateinamerikazentrums (Centro de Estudios Latinoamericanos CELA) statt. Worum geht es?

Matthias Perl: Diese Veranstaltung ist Teil der Aktivitäten des Fachbereichs 23 der Universität Mainz in Germersheim anläßlich des 50. Jahrestages seiner Gründung. Auf dem Kongreß sollen Probleme der kulturellen und sprachlichen Identität in Lateinamerika diskutiert werden. In einer Welt der zunehmenden Globalisierung gewinnen nationale und regionale Identitäten wieder an Bedeutung. Leider ist das in Deutschland verbreitete Bild von Lateinamerika von oft falschen Stereotypen geprägt. Der Kongreß soll diese einseitige Orientierung korrigieren. Hierzu haben wir Fachkollegen aus Kolumbien, Venezuela, Kuba, den USA, der Dominikanischen Republik und aus Deutschland eingeladen.

Michael Wirth: Mit welchen Gästen rechnen Sie in Germersheim?

Matthias Perl: Nun, wir haben bereits jetzt die Zusage von Alvaro Mutis, nach GarcÌa M.rquez der wohl bekannteste Schriftsteller Kolumbiens und einer der angesehensten Lateinamerikas. Mutis wird an einem Nachmittag seine neuesten Werke vorstellen. Luis Chesney Lawrence, ein prominenter Dramaturg aus Venezuela, wird mit Studenten ein Theaterstück einstudieren und während des Kongresses zur Aufführung bringen. Weiterhin erwarten wir führende Literatur und Sprachwissenschaftler aus den genannten Ländern und aus Deutschland, darunter den wohl zur Zeit international bekanntesten Vertreter der hispanistischen Linguistik der USA, Prof. John Lipski aus Albuquerque, die Mitglieder der Leitung der lateinamerikanischen Linguistikvereinigung (ALFAL), die Professorinnen Paola Bentivoglio und Mercedes Sedano aus Caracas, den Präsidenten der Deutschen Arbeitsgemeinschaft für Lateinamerikaforschung, Prof. Kohut aus Eichstatt und den Direktor des Ibero-Amerikanischen Instituts in Berlin, Herrn Prof. Briesemeister. Auch die Leiter der diplomatischen Vertretungen von Kolumbien, Venezuela und Kuba in Deutschland werden nach Germersheim kommen.

Der Kongreß wird von den Rektoren der Universitäten Mainz und Bogot. eröffnet.

Michael Wirth: Womit beschäftigt sich das Germersheimer Lateinamerikazentrum?

Matthias Perl: Eine Universität sollte immer eine Einheit von Lehre und Forschung anstreben. Einerseits gilt es, ein Lehrangebot für ca. 760 Spanischstudenten und 160 Portugiesischstudenten abzusichern sowie für weitere ca. 150 spanisch- und portugiesischsprachige Studenten, die in Germersheim Deutsch studieren und zum Teil von Lehrkräften des Instituts für Spanische und Portugiesische Sprache und Kultur mit unterrichtet werden. Nebenbei bemerkt ist das eine sehr hohe Zahl von Studierenden, die an wenigen derartigen Instituten oder an Romanischen Instituten erreicht wird. Andererseits widmen sich

Dozenten im Rahmen der Aktivitäten des Lateinamerikazentrums auch verschiedenen Forschungsaufgaben.

Herr Prof. Pörtl gilt international als Spezialist für das moderne Theater in Spanien, Portugal und Lateinamerika. Sein Rat ist nicht nur in verschiedenen Herausgebergremien von internationalen Zeitschriften gefragt, sondern u. a. auch bei der Vergabe von Preisen der spanischen Botschaft in Deutschland für literarische Übersetzer. Ich selbst beschäftige mich vor allem mit Sprachen und Kulturen in der Karibik und im portugiesischsprachigen Afrika und vertrete diese Gebiete auch in Zeitschriftenbeiräten in verschiedenen Ländern. Vom österreichischen Fonds zur wissenschaftlichen Forschung und der deutschen Volkswagen-Stiftung wurde ich mehrfach als Gutachter für wissenschaftliche Forschungsprojekte berufen.

Das Germersheimer Lateinamerikazentrum (CELA) verfügt über eine Spezialsammlung von Büchern zu Themen Kolumbiens und Brasiliens, jeweils ca. 1000 Bände, aber auch zu vielen anderen Ländern Lateinamerikas. Spanisch- bzw. Portugiesischstudenten stehen ca. 20.000 Bände in der Germersheimer Fachbereichsbibliothek zur Verfügung. Auch Bücher aus Mainz können problemlos bestellt werden und werden dann auch in Germersheim ausgeliehen.

Den CELA-Benutzern steht ein großer Computer zur Verfügung, worin alle Informationen zu den spanisch- und portugiesischsprachigen Ländern aus einer großen deutschen Tageszeitung seit mehreren Jahren erfüllt werden. Diese Datenbank ist besonders Für die Anfertigung von studentischen Qualifizierungsarbeiten sehr nützlich. Über das Computerzentrum des Fachbereichs kann darüber hinaus in allen nur denkbaren Informationssystemen der Welt recherchiert werden.

Michael Wirth: Mit welchen Universitäten bestehen Austauschbeziehungen ?

Matthias Perl: Wir können zur Zeit mit Universitäten in Portugal, Spanien, Argentinien und Kolumbien regelmäßig Studierende austauschen. Wissenschaftliche Beziehungen unterhalten wir besonders zur Universidad de los Andes in Bogot., die auch Partneruniversität der Universität Mainz ist, ebenso wie die Universität Valencia in Spanien, zu den spanischen Universitäten in Pamplona, La Laguna und Valladolid, der Universität Cartagena (Kolumbien), der Universität BrasÌlia, der Universität von Santiago de Cuba, der Universidad Central de Venezuela in Caracas, der Universidad de los Andes in Mérida (Venezuela) sowie zu Universitäten und Hochschulen in den USA (Irvine, Albuquerque, Nashville, Ithaca), in Österreich (Salzburg) und in anderen europäischen Ländern.

Michael Wirth: Wie werden derartige Konferenzen eigentlich finanziert?

Matthias Perl: Die Leistungsfähigkeit eines Instituts wird heute immer mehr auch daran gemessen, inwieweit es gelingt, sogenannte Drittmittel einzuwerben. Das sind Finanzmittel, die nicht aus dem Landes- bzw. Universitätshaushalt kommen, sondern von staatlichen oder privaten Stipendiengebern dann verteilt werden, wenn ein eingereichtes Projekt als besonders förderungswürdig angesehen wird. Das trifft auch für den größten Teil der Finanzen unseres Kongresses zu, der von der Deutschen Forschungsgemeinschaft getragen wird. Natürlich wäre eine derartige Veranstaltung nicht möglich ohne die Unterstützung der Freundeskreise der Universität Mainz und des Fachbereichs hier in Germersheim sowie der Spenden von mittelständischen Unternehmen aus der Stadt und der Region, die auf diese Weise ihre Verbundenheit mit dem Germersheimer Fachbereich zum Ausdruck bringen. Immerhin stellt er mit ca. 2.400 Studierenden und ca. 140 Mitarbeitern einen wichtigen Wirtschaftsfaktor dar.

Michael Wirth: Warum können Sie Studierenden das Spanischstudium in Germersheim empfehlen?

Matthias Perl: Zunächst kann festgestellt werden, daß das Studium zum Diplom-Dolmetscher oder Diplom-Übersetzer an der Universität Mainz in Germersheim eine gute Berufsfähigkeit schafft, nicht nur für die Berufe Dolmetscher und Übersetzer, die ca. 50% der Absolventen ergreifen, sondern auch für alle anderen artverwandten Berufe wie z. B. für Tätigkeiten im Export/Import, als Journalist, Fremdsprachenlehrer im Ausland, im Tourismus, Bankwesen usw. Hierzu haben wir heute aufgrund von Analysen der Situation auf dem Arbeitsmarkt Informationen, die zeigen, daß die Studiengange in Germersheim die modernere Alternative zu den traditionellen Magisterstudiengängen sind. Der Arbeitsmarkt ist für Romanisten oder Übersetzer absolut identisch. Meines Erachtens sind aber die Germersheimer Absolventen sprachlich besser vorbereitet. Bei den Angeboten in Sprach- und Literaturwissenschaft gibt es kaum Unterschiede mehr.

Spanisch ist immer mehr im Kommen. An einigen deutschen Universitäten steht Spanisch bereits jetzt hinter Englisch als zweite moderne Fremdsprache. Das ist in Rheinland-Pfalz und im Saarland aufgrund der Traditionen und der Nähe zu Frankreich natürlich noch anders. Heute gibt es ca. 300 Millionen Spanischsprecher in der Welt bei stark zunehmender Tendenz. In über 20 Ländern wird Spanisch als Nationalsprache verwendet. Allein in den USA gibt es mittlerweile ca. 30 Millionen Hispanos.

Wenn man dazu noch die neuesten Wirtschaftsdaten für Spanien und einige Länder Lateinamerikas kennt, kann man eigentlich nur zuversichtlich sein. Vom sprunghaft wachsenden Tourismus in die spanischsprachigen Länder brauche ich gar nicht zu sprechen. Auch das kulturelle Interesse wird sich in Deutschland weiter wandeln. Hierzu werden gewiß auch die Leser und Konsumenten beitragen, die Geschmack an der Literatur und Kultur dieser Länder gefunden haben, auch an spanischen und chilenischen Weinen und vorzüglichen südamerikanischen Gerichten...

Michael Wirth: Ich danke Ihnen für das Gespräch.

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Redaktionelles

FÜNFZIG JAHRE ÜBERSETZER- UND DOLMETSCHERAUSBILDUNG IN GERMERSHEIM

Terminkalender

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DRITTMITTEL DES KANADISCHEN AUSSENMINISTERIUMS

FÜR DIE FACHBEREICHSBIBLIOTHEK

Die Bibliothek des FASK erhielt Drittmittel in Höhe von $ 2.000 zum Kauf kanadischer Bücher und Medien. Es ist geplant, neben kanadischer Primär- und Sekundärliteratur auch Dokumentarvideos der Canadian Broadcasting Corporation anzuschaffen. Die Materialien stehen den BenutzerInnen im Laufe des Jahres in der Sektion Amerikanistik zur Verfügung.

Der Zuschuß stammt aus einem Etat des kanadischen Außenministeriums zur Förderung der Kanadistik in Forschung und Lehre. Die Bewilligung des Antrags erfolgte durch den International Council for Canadian Studies in Ottawa.

Die Drittmittel wurden von Priv.-Doz. Dr. Ludwig Deringer (IAA) eingeworben, der auch die Titelauswahl besorgt.


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Was in dieser FAX-Ausgabe fehlt:

Bei all dem geht es nicht um seitenlange Texte, sondern oft nur um wenige Zeilen, die uns über das informieren, was an unserem Fachbereich läuft... Oder ist das alles so ganz und gar uninteressant? Aber warum machen wir es dann?

Afk

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Personalien

Personalien

Am 27. Januar 1997 ist
Prof. Dr. Andreas F. Kelletat
vom Fachbereichsrat zum
Dekan unseres Fachbereichs
gewählt worden.

Prof. Dr. Martin Forstner wurde Prodekan.

Wir gratulieren sehr herzlich!

Gäste am FASK

Introducing - two visitors from Riga, Latvia ...

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Literatur- und Presseschau

Kürzlich ist im Romiosini Verlag in Köln

von unserem Kollegen

Hans Ruge

eine

"Grammatik des Neugriechischen. Lautlehre, Formenlehre, Syntax"

erschienen.

Wir gratulieren sehr herzlich

Und so wird Germersheim - geographisch - in der Weltpresse gesehen: Eine Wohnungsanzeige in einer Stuttgarter Zeitung.

... die Nähe Germersheims zu Stuttgart rechtfertigt wohl den stolzen Preis - oder???

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3. Juli 1997 - Erstellt und bearbeitet von F. Krüger. (Letzte Bearbeitung:14.02.2000 - DDP)