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fax

Informationen aus dem Fachbereich 23

Ausgabe 4 - 1996 15. Juli 1996

Inhalt

  1. Beiträge

    1. Ein Ausflug ins Blaugrüne

    2. Leipziger Allerlei

    3. Der Wandel des Türkischen (am FASK)

    4. Bücher und elektronische Texte im Internet (eigenes Dokument)

    5. Bericht von einer Exkursion nach Stuttgart

  2. Aus den Instituten

    1. Weitere Tagungs- und Reiseberichte

    2. Gäste in Germersheim

  3. Redaktionelles

    1. fax- Literatur und Presseschau (eigenes Dokument)

  4. Aktuelle (und vergängliche) Informationen
    vgl. auch Semester- und sonstige Fachbereichstermine (externer Verweis)

    1. Konferenzkalender

siehe auch:


Beiträge

Ein Ausflug ins Blausgrüne

Am 29. Mai hatte Petrus - nach wochenlangem Spätwinter-Wetter - ein Einsehen und bescherte den "Betriebsausflüglern" des FASK einen Tag mit Kaiserwetter.

Ausflugsfoto

Morgens um halb acht traf sich ein bunter Haufen von etwa 30 Personen am Germersheimer Bahnhof - die Damen aus den Geschäftszimmern, den diversen Verwaltungsabteilungen und aus der Bibliothek, die Herren Pedelle und Techniker, der Verwaltungleiter und sage und schreibe 5 Mitglieder des lehrenden Fußvolkes. Die Herren/Damen Professoren glänzten durch Abwesenheit. 7,50 DM pro Person kostete der Spaß, einen ganzen Tag lang mit der Bundesbahn, Straßenbahn, Albtalbahn hin- und herzufahren - eine geldbeutelschonende Sache, die in Karlsruhe so manch einer/einem die Lust auf Shopping weckte.

Gegen 11 Uhr war die ganze Gruppe im Zentrum für Kunst- und Medientechnologie angemeldet (ein Projekt der Stadt Karlsruhe und des Landes Baden-Württemberg, in enger Zusammenarbeit mit der Hochschule für Gestaltung). Man stelle sich einen etwas nüchternen großen Raum vor, in dem es vor Computern nur so wimmelt. Zwei nette Damen erzählen einem dann, was in den Geräten so drin steckt und ermuntern die Besucher, sich doch mal "einzuklicken". Bald bildeten sich um einzelne Geräte interessierte Grüppchen, hier z. B. konnte man "per Maus" einen Museumsbesuch absolvieren und sich über das Design des Stuhls quer durch die Jahrhunderte informieren, dort flimmerten Gedichte über den Bildschirm, die mit allerlei künstlerischen Farbfotos und alten Stichen mit Blumenmotiven garniert waren. Für Leute, die gerne durch die Programme reiten und dabei noch etwas für ihre eigene Kultur tun wollen, eine herrliche Spielwiese... Nachdem alle irgendwo in Karlsruhe ihren Hunger gestillt hatten, bestieg man die Bahn und fuhr etwa eine Stunde lang hinauf in den Schwarzwald. Nach den langen trüben Wochen waren das satte junge Grün der Wälder und der geradezu blankgeputzte blaue Himmel eine wahre Augenweide. In Marxzell stieg eine Gruppe aus, um sich dem dortigen Technikmuseum zu widmen, was den Erzählungen zufolge ein höchst skurriles und interessantes Sammelsurium an Technik-Antiquitäten bietet. Der Rest der Gesellschaft fuhr bis zur Endstation Herrenalb, wo sich ein paar Unentwegte aufmachten, über einen schattigen, relativ bequemen Wanderweg nach Frauenalb mit seiner Klosterruine zu marschieren. Mit viel "Verzähle" und interessanten Gesprächen verging die Zeit wie im Fluge, und am Ende mußte man sich sogar sputen, um rechtzeitig um 17 Uhr wieder am Bahnhof Herrenalb zu sein. Die anderen hatten es sich derweil im Kurpark von Herrenalb gemütlich gemacht, Pedell und Sekretärin sollen sogar zu den Klängen der Kurkapelle ein Tänzchen gewagt haben

Wieder andere wollten sich ihr Abendessen wenigstens durch ein Minigolfspiel sportlich "verdienen". Um 17 Uhr fuhren alle vereint wieder nach Karlsruhe, von dort mit dem Zug nach Graben-Neudorf. Ursprünglich war geplant, die Einkehr in Germersheim oder Umgebung zu machen - aber der eigentlich vorgesehene Anschlußzug blieb aus. Westernromantik kam auf: die weite "Prärie" in der Abendsonne, Schienenstränge, die sich schnurgerade am Horizont verlieren, keine Menschenseele weit und breit - fast war man versucht, das Ohr an die Gleise zu legen um zu hören, ob sich was tue. Nach einigem Hin und Her entschloß sich der eine Teil der Gesellschaft, den nächsten Zug abzuwarten und heimzufahren, der andere Teil machte sich in Graben-Neudorf auf die Suche nach einem gastfreundlichen "Saloon" ... und sie gingen meilenweit für einen Pälzer Schoppen. Im Gasthaus "Zum Löwen" wurden dann die Tische zusammengerückt und bei "gut bürgerlicher reichlicher Kost" verbrachte man gemütliche zwei Stunden (bis zum letzten Zug nach Germersheim).

Das letzte Bild: Majestätisch winkend radelt Herr Morschhäuser mit leerem Rucksack im Dämmerlicht nach Lustadt heim. Seinen Wein- und Schnapsvorrat (übrigens sehr aromatisches selbstgebranntes Birnenwasser) hatte er erfolgreich während des ganzen Ausflugs an Mann und Frau gebracht. - Das Gerücht geht (um), daß im nächsten Jahr eine Dampferfahrt gewagt werden soll - also, dann!

ws


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Leipziger Allerlei

oder ISÜW, das Institut für Sprach- und Übersetzungswissenschaft in Leipzig

Peter A. Schmitt

Im fax kann man ja eigentlich über alles schreiben, sofern es irgendwie mit dem FASK zu tun hat. Trotz des weiten redaktionellen Rahmens mag es auf den ersten Blick etwas abwegig erscheinen, hier einen Artikel über Leipzig bzw. das dortige ISÜW zu bringen. Tatsächlich gibt es aber eine Reihe von Anknüpfungspunkten und Parallelen. Beginnen wir mit dem aus meiner Perspektive wichtigsten Punkt, daß mir die Universität Leipzig im SS 1995 angeboten hat, ab dem WS 1995/96 bis zur Klärung der Nachfolge von Albrecht Neubert die C4-Professur "Übersetzungswissenschaft (Englisch)" am ISÜW zu vertreten. Seither bin ich für diese Aufgabe in die Heimat von Leibniz und Luther (aber auch von Kara ben Nemsi - let's face it: Old Shatterhand sprach sächsisch) beurlaubt und könnte täglich in Auerbachs Keller essen gehen.

Leipzig

Hochhaus der Universität Leipzig, links daneben das Gewandhaus, im Vordergrund die Oper

Eine lineare Thema-Rhema-Progression würde es jetzt nahelegen, über Auerbachs Keller zu plaudern, um dann auf Schneider oder Goethe zu sprechen zu kommen; beginnen wir stattdessen mit einem kurzen Schwenk auf die Totalperspektive: Leipzig liegt in einer im wesentlichen flachen Landschaft (die Leipziger Tieflandsbucht) und ist eine 500.000-Einwohner-Stadt von rund 20 km Durchmesser, deren Silhouette schon aus großer Entfernung von zwei Hochhäusern geprägt wird, eines davon ein Wohnhaus, das andere, höhere, mit 29 Stockwerken und einem aus jeder Perspektive markanten Profil (es soll ein aufgeschlagenes Buch symbolisieren), im Grundriß dreieckig (mit konkaven Seiten), ist das Hochhaus der Universität Leipzig, ein sanierungsbedürftiger Stahlbetonbau aus den 60er Jahren. Unmittelbar anschließend gibt es einerseits (genauer: nördlich) das flache Hauptgebäude der Universität, mit den Büros der Universitätsleitung (erkennbar an den sauberen Fensterscheiben), das Hörsaalgebäude und das Seminargebäude mit einem großen Innenhof (aus geborstenen Waschbetonplatten), andererseits (genauer: südöstlich) das unter anderem wegen seiner Akustik berühmte Gewandhaus (mit dem Gewandhausorchester, dessen Chefdirigent Kurt Masur allerdings meist nicht in Leipzig, sondern in New York weilt). Vor der Uni liegt der Augustusplatz (gemeint ist August der Starke, ein Sachse), der freilich wegen des Baus einer Tiefgarage zur Zeit kein Platz, sondern eine bodenlose Baugrube ist. Aus meinem Büro im Hochhaus könnte ich gegenüber die Leipziger Oper sehen, wenn die Scheiben der nicht zu öffnenden Fenster außen nicht so schmutzig wären (geputzt werden sie nicht, weil nach der "Wendeî die Fensterputzergondeln wegen gravierender Sicherheitsmängel stillgelegt wurden).

Bei meinem ersten Besuch im Jahre 1990 war Leipzig eine graue Stadt. Einer der wenigen Farb- und Lichtpunkte war ein neueröffnetes Mövenpick-Café, vor dem sich morgens Wessies mit Nadelstreifen und Handies drängten, um guten Kaffee und frische Croissants zu bekommen. Schon damals war es aber ein unvergeßliches Erlebnis, diese Stadt zu betreten: Bereits der Bahnhof ist atemberaubend; mit 26 Gleisen und einer Haupthalle, die länger, breiter und höher ist als der gesamte FASK-Altbau, ist er einer der größten Bahnhöfe der Welt und der größte Bahnhof Europas (zur Zeit ist er eine Großbaustelle). In Leipzig spürt man förmlich den "Hauch der Geschichteî; weniger wegen des Völkerschlachtdenkmals aus 1,2 Millionen Kubikmeter Beton, sondern eher wegen der Kirchen: In der Thomaskirche dirigierte Johann Sebastian Bach, "der Kantor aller Kantorenî, von 1723 bis 1750 die Thomaner, den ältesten Knabenchor der Welt (übrigens: vier der fünf "Prinzenî waren Thomaner). Die Leipziger Nikolaikirche, direkt vor dem Gästehaus der Universität, gilt als "das Haus der 89er Revolutionî, denn von hier gingen im Oktober 1989 die Demonstrationen und die Entwicklung aus, die letztlich zum Fall der Mauer und zur Wende führten: Ohne diese Kirche und ohne die Leipziger hätte es keine Wiedervereinigung gegeben, und Jochen Schwend wäre jetzt nicht an der Universität Leipzig und Matthias Perl nicht am FASK Germersheim (auch Dieter Huber lehrte in Leipzig vor seinem Ruf nach Germersheim). Bis zum 30. Mai 1968 gab es übrigens eine weitere Kirche im Zentrum, die Universitätskirche. Der spätgotische Hallenbau wurde von Martin Luther geweiht (der auch nichtprotestantischen Übersetzern, und vor allem den Anhängern funktions- oder skoposorientierten Übersetzens besonders nahestehen sollte) und hatte zwar diverse Kriege überstanden, nicht aber das DDR-Regime in Friedenszeiten: Die Kirche wurde ohne Not und trotz ohnmächtiger Bevölkerungsproteste gesprengt (!), um Platz auf dem Uni-Gelände zu schaffen.

Heute ist Leipzig eine faszinierende Stadt greller Kontraste: Unzählige Baustellen (angeblich 200 bis 400 Baukräne), auf denen alles an Hoch- und Tiefbau-Hightech aufgefahren wird, was der Westen zu bieten hat, dazwischen marode Ruinen und prachtvoll restaurierte und renovierte Messehäuser mit unverwechselbarer Architektur und ihren für Leipzig charakteristischen überdachten Innenhöfen (in denen früher die Messestände aufgebaut wurden); elegante Boutiquen und Kaufhauswühltische, feine Restaurants und Imbißbuden, Großstadt-Chic, Schickeria, und Skinheads, nabelfreie Rollerbladerinnen, skateboardende Raver, elegante Galerien und Graffitis auf jeder besprühbaren Oberfläche. Leipzig hat neuerdings sogar einen Comic-Shop (im Karstadt), fragt man dort nach Carl-Barks-Comics, versteht die Verkäuferin freilich Karl-Marx- und damit nur Bahnhof. Die Duroplast-Trabbis stapeln sich auf den Autofriedhöfen, das Straßenbild ist geprägt von West-Autos, im Zentrum stehen am Straßenrand (Parkhäuser und Tiefgaragen gibt es noch nicht) reihenweise Autos aller Nobelmarken - vor wenigen Jahren mit West-Kennzeichen, heute überwiegend mit L wie Leipzig. Sogar in den Vororten, vor zwei Jahren noch die Domäne von Wartburg, Lada und Trabant, tristen Plattenbausiedlungen und verfallenden Gründerzeitvillen, ändert sich das Bild mit atemberaubendem Tempo: Neue Fenster mit Isolierverglasung in Tausenden von Wohnungen, neue abgasarme und effiziente Heizungsanlagen, neue Geschäfte, neue Straßenbahnen, Türsprechanlagen. Solange die Telekom noch im Eiltempo kilometerlange Kabelgräben zieht, sprießen Satellitenschüsseln wie sich nach dem Licht reckende Blüten an fast allen Wohnblockfassaden, und private Telefonanschlüsse sind noch so rar, daß sogar manche StudentInnen ganz trendy mit Handy mobiltelefonieren.

Leipzig hat viele Gesichter und entsprechend viele Attribute: Leipzig, die Handelsmetropole, Messestadt, Stadt der Bücher, Klein-Paris, Drehscheibe zum Osten, dynamischste Stadt Ostdeutschlands, Boomtown, Frankfurt des Ostens, Hongkong des Westens. Messestadt ist Leipzig seit über 800 Jahren; die Leipziger Messe war einst die berühmteste Messe der Welt, heute hat Leipzig das modernste Messegelände Europas. Auch hier gibt es Verbindungen zu Germersheim: Zum einen vermitteln die Germersheimer Hostessen-Agenturen die FASK-StudentInnen (meist wirklich -innen) für Leipziger Messe-Jobs, zum andern werden auch Leipziger StudentInnen von den Germersheimer Agenturen vermarktet. Das Attribut "Frankfurt des Ostensî paßt zu Leipzig nicht nur wegen der Funktion als Messestadt, Handels- und Bankenmetropole und wegen des Wettkampfs um den größten Bahnhof Europas (den Leipzig gewonnen hat, solange nicht im Rahmen des Umbaus drei Gleise für ein Parkhaus entfernt werden), sondern auch wegen der Leipziger Buchmesse: Leipzig, die Stadt der Bücher, war vom 18. Jh. bis 1945 das Zentrum deutscher Buchverleger. Das Bibliographische Institut (DUDENVERLAG), zu dem professionelle Texter wie Übersetzer und Dolmetscher eine besondere Affinität haben, wurde im Jahre 1826 von Joseph Meyer in Gotha gegründet und 1874 nach Leipzig verlegt. 1946 wurde das Leipziger Unternehmen (inzwischen eine AG) enteignet und in den volkseigenen Betrieb VEB Bibliographisches Institut umgewandelt. Daraufhin wurde von den Aktionären im Jahre 1953 der Firmensitz nach Mannheim (man könnte auch sagen: in die Nähe von Germersheim) verlegt, und als Verlagsort wurde nur noch "Mannheim/ Wien/ Zürichî angegeben. Inzwischen gibt der Verlag seinen Sitz wieder mit Mannheim/ Leipzig/ Wien/ Zürich an. Für mich persönlich gibt es hier eine Beziehung insofern, als das Bibliographische Institut in Mannheim ein Nachbar jenes Unternehmens ist, für das ich vor meiner Universitätstätigkeit arbeitete - heute sehe ich den Schriftzug "VEB Bibliographisches Institutî, zwar seiner Neonröhren beraubt, aber noch deutlich erkennbar, erneut auf dem Weg zum Arbeitsplatz: an einem der Leipziger Universitätsgebäude.

Universitätsstadt ist Leipzig seit dem Jahre 1409; die Alma mater Lipsiensis ist damit (nach der Universität Heidelberg) die zweitälteste Universität Deutschlands: Hier studierten Johann Sebastian Bach, Johann Gottlieb Fichte, Johann Wolfgang von Goethe und Robert Schumann. Zwischen 1953 und 1989 hieß sie Karl-Marx-Universität. Bis zu 500 Jahre nach ihrer Gründung hatte es vier Fakultäten gegeben: die Artistenfakultät, die Theologische Fakultät, die Medizinische Fakultät und die Juristenfakultät. 1968 wurden im Rahmen der Dritten DDR-Hochschulreform die Fakultäten als entscheidungstragende Struktureinheiten abgeschafft, nach der Wende wurden sie 1993/1994 wieder etabliert. Derzeit gibt es 14 Fakultäten, die zweitgrößte (nach der Medizinischen Fakultät) ist die Philologische Fakultät, zu der das ISÜW gehört. Insgesamt gibt es rund 70 Institute mit rund 30 Studiengängen, darunter die Diplom-Studiengänge für Übersetzer und Dolmetscher. Übersetzer und Dolmetscher wurden in Leipzig schon zwischen 1937 und 1945 an verschiedenen privaten und öffentlichen Schulen ausgebildet; 1945 wurde eine kommunale "Fremdsprachenschule der Stadt Leipzigî gegründet, die 1949 in eine staatliche Fachschule umgewandelt wurde. 1953 wurde daraus die "Fachrichtung Dolmetscher und Übersetzerî des neugegründeten Pädagogischen Instituts Leipzig. Am 1. September 1956 erfolgte die Gründung des Dolmetscherinstituts an der Karl-Marx-Universität Leipzig als akademische Ausbildungseinrichtung (das ist der Stichtag für die diesjährigen Feiern zum 40jährigen Bestehen der universitären Übersetzer-/Dolmetscherausbildung in Leipzig), am 24. Januar 1969 wurde die "Sektion Theoretische und Angewandte Sprachwissenschaft (TAS) für die Ausbildung in fremdsprachigen Philologienî, einschließlich der Abteilung Sprachmittlung (für die Übersetzer- und Dolmetscherausbildung) gegründet, im Dezember 1993 wurde - nach radikaler Stellenkürzung und Umstrukturierung - dank des Einsatzes von Anita Steube das heutige Institut für Sprach- und Übersetzungswissenschaft (ISÜW) eingerichtet.

Der Name ist Programm: Man kann hier den Magister in Sprachwissenschaft erlangen, und Übersetzungswissenschaft ist ein traditioneller Schwerpunkt des Standorts Leipzig und auch der heutigen Ausbildung am ISÜW. 1965 wurde an der damaligen TAS die weltweit erste internationale Tagung zur Übersetzungswissenschaft durchgeführt, der seither vier weitere Tagungen zu Grundfragen der Übersetzungswissenschaft folgten, deren Ergebnisse international rezipiert wurden und den Ruf der "Leipziger übersetzungswissenschaftlichen Schuleî begründeten. Diese oft kurz "Leipziger Schuleî (nicht zu verwechseln mit der gleichnamigen Richtung der Malerei) genannte Richtung der Übersetzungswissenschaft war zwar, der Zeit entsprechend, zunächst stark linguistisch und lexikalisch orientiert, mit Schwerpunkten im Bereich slawischer Sprachen, das schmälert jedoch nicht die Leistungen von Wissenschaftlern wie Otto Kade (der "Translationî als Oberbegriff für das Übersetzen und Dolmetschen einführte), Albrecht Neubert (nicht zu verwechseln mit dem eher lexikologisch orientierten Günter Neubert), Heide Schmidt und Gerd Wotjak; auch die Fachsprachenforschung (für die es an der Universität Leipzig ein sog. Fachsprachenzentrum gibt) ist eng mit Leipziger Wissenschaftlern verbunden, wie etwa Rosemarie Gläser, mit der ich 1985 den wissenschaftlichen Kontakt zwischen Germersheim und Leipzig knüpfte, aber auch Klaus-Dieter Baumann und Lothar Hoffmann sind hier zu nennen.Wie intensiv in Leipzig geforscht wurde, zeigt sich z.B. daran, daß die Leipziger Schriftenreihe Linguistische Arbeitsberichte (LAB) über 100 Bände umfaßt, die Reihe "Übersetzungswissenschaftliche Beiträgeî zwölf Bände, von den unzähligen Publikationen in anderen Werken ganz abgesehen.

Im Studium beginnt die Beschäftigung mit Übersetzungswissenschaft (in Leipzig liebevoll "Üwiî genannt) und Sprachwissenschaft nicht erst im Hauptstudium, sondern bereits im ersten Semester in Form obligatorischer Vorlesungen für alle Neuimmatrikulierten. Die übersetzungswissenschaftliche Vorlesung für Erstsemester liefert Grundlagenwissen und metasprachliches Instrumentarium zum Fach "Übersetzen/Dolmetschen"; dabei werden u.a. folgende Aspekte berücksichtigt: (1) Empirische Basis der Üwi: Quantitative Relevanz der Arbeitssprachen, Übersetzungsrichtungen, Fachrichtungen, Themen, Textsorten; Arbeitsbedingungen, Entwicklungstendenzen, Erwartungen der Bedarfsträger; Üwi als Grundlage professioneller (effizienter) Sprachmittlertätigkeit - dieser Teil soll die Akzeptanz der Üwi und bestimmter Üwi-Modelle bei den Studierenden erhöhen; (2) Geschichte und Evolution der Üwi: Überblick von Hieronymus bis heute; die Rolle von Ausgangs-, Zieltext und Übersetzer im Lichte verschiedener Übersetzungsmodelle; (3) theoretische Kategorien: Vom Zeichen zum Text; Text und Textualitätskriterien; Texttypen und Textsorten; Äquivalenz vs. Adäquatheit; Scenes and Frames; Transferprozeß: Verhalten vs. Handeln, Reflex vs. Reflexion. Die Vorlesung wird flankiert durch ein ebenfalls obligatorisches Seminar über allgemeine Hauptprobleme des Übersetzens. Ziel dieses Seminars ist es, die Teilnehmer für allgemeine Übersetzungsprobleme zu sensibilisieren, deren Überwindung in sprachenpaarspezifischen Lehrveranstaltungen der einzelnen Abteilungen exemplarisch geübt wird. Typische Aspekte dieses Seminars sind: Die Anwendung übersetzungswissenschaftlicher Modelle auf reale Texte; der Übersetzer im Spannungsfeld zwischen den am Translationsprozeß beteiligten Faktoren (und Aktanten); AT-Funktion vs. ZT-Skopos; Textbedeutung ("Übersetzen, was dastehtî?) und Interpretation; die semiotische Funktionsgemeinschaft von verbalen und nonverbalen Ausdrucksmitteln, Interpretationskonflikte und Lösungsstrategien; typische Erscheinungsformen von Textdefekten und ihre translatorische Behandlung; die Fremdbestimmtheit translatorischen Handelns vs. kreative Textproduktion; Technical Writing und Textoptimierung; Text- und Translatqualität und das Evaluierungsproblem.

Im zweiten Semester folgen Vorlesungen über translatorische Arbeitsmittel und ihre spezifischen Einsatzmöglichkeiten, über die Grundlagen der computergestützten translationsorientierten Terminologiearbeit, und zum Interpretieren fachlicher Bilder (u. a. Lesen von technischen Zeichnungen, Schaltplänen, Rohrleitungsplänen), damit die Studierenden befähigt werden, auch andere als verbale Codes zu verstehen. Im dritten Semester gibt es in jeder Abteilung ein Üwi-Seminar zu sprachenpaarspezifischen Hauptproblemen des Übersetzens; in der englischen Abteilung z.B. geht es dabei um translatorisch relevante Erscheinungsformen von Kulturspezifik in deutschen und englischen Fachtexten und ihre translatorische Behandlung, vom Papierformat und Layout über die Binnengliederung von Begriffshierarchien bis zu semantischen Prototypen. Außerdem gibt es ein Hauptseminar zur computergestützten translationsorientierten Terminographie. Im Hauptstudium werden weitere übersetzungswissenschaftliche Seminare angeboten, in denen spezielle Themen vertieft bzw. Detailprobleme behandelt werden. Üwi-Grundlagen sind Gegenstand der Üwi-Prüfung im Vordiplom, speziellere Themen werden in der 30minütigen mündlichen Üwi-Diplomprüfung behandelt.

Der zentrale Grundgedanke des Curriculums am ISÜW ist die Balance zwischen Theorie und Praxis, zwischen universitätsgemäßer wissenschaftlicher Fundierung und berufsqualifizierender, praxisorientierter Ausbildung. Die intensive Beschäftigung mit Übersetzungswissenschaft wird daher ergänzt durch sprachpraktische Lehrveranstaltungen, die denen am FASK (und anderer C.I.U.T.I.-Institute) in nichts nachstehen dürften; alle Lehrkräfte (nicht nur im Bereich des Dolmetschens) haben entsprechende Praxiserfahrung. Praxisnähe wird auch in den Übersetzungsklausuren (auch im Examen) angestrebt: Bislang wurden die Klausuren im Lesesaal der Universitätsbibliothek (!) geschrieben (Simulierung eines Großraumbüros), wobei alle (!) dort verfügbaren Bücher konsultiert werden dürfen, also z.B. auch zweisprachige Fachwörterbücher und Fachbücher. Künftig werden diese Prüfungen in einem der neuen Computerräume (sog. "Computerkabinetteî) stattfinden, um den realen Übersetzerarbeitsplatz noch praxisnäher zu simulieren: Der ZT wird am PC geschrieben und als Datei abgeliefert, als Hilfsmittel ist alles zugelassen, was online angeboten wird. Durch den Zugang zu zentralen Ressourcen auf dem Server sind zum einen die Prüfungs-Rahmenbedingungen präziser definierbar, zum andern entfällt das bisherige Problem, daß manche Nachschlagewerke in der UB nicht in ausreichender Zahl vorhanden sind, um gleichzeitig von mehreren Kandidaten benutzt werden zu können.

Die EDV-Ausstattung war bis zur Wende praktisch nonexistent, da die wenigen vorhandenen Robotron-Rechner nur für besondere Personen zugänglich waren. Da das ISÜW direkt in der Universität integriert ist und das Uni-Rechenzentrum (in einem Labyrinth fensterloser Räume unter dem Hörsaalgebäude) inzwischen bestens ausgestattet ist (aktuelle Hardware, diverse Server mit -zig Gigabyte Speicherkapazität, Netzwerkbetriebssystem Novell 4.1, Windows95 auf allen Arbeitsplätzen), ist das ISÜW weniger als der FASK auf eigene Rechner angewiesen. dennoch hat das ISÜW jetzt zwei eigene Computerkabinette mit ca. 30 Multi-Media-Arbeitsplätzen (Sound via Kopfhörer), eigenem Server und 7fach-CD-Tower. Auf dem Server und für den CD-Tower steht bereits ein breites Spektrum dessen zur Verfügung, was man sich als Übersetzer/Dolmetscher heute wünschen kann, darunter Translation-Memory-Systeme, MÜ-Programme, Terminologieverwaltungssysteme und zahlreiche Nachschlagewerke für Landeskunde, "Weltwissenî und Terminologie, wie etwa American Heritage, Bookshelf, Chambers, Encarta95, Grolier, Languages of the World (mit Kucera), LexiROM (mit diversen DUDEN-Bänden), Oxford-DUDEN, Random House - um nur einige Beispiele aus dem Bestand der englischen Abteilung zu nennen. 30 eigene PC-Arbeitsplätze mag relativ wenig klingen, ist aber reichlich, zumal das Uni-Rechenzentrum direkt im Haus ist; am ISÜW sind rund 350 Studierende eingeschrieben (der FASK hat rund 50 PCs für 2300 Studierende).

Den Instituten des FASK entsprechen am ISÜW die Abteilungen; es gibt die Abteilungen Allgemeine Sprachwissenschaft, Englische Übersetzungswissenschaft, Ostslavische Übersetzungswissenschaft und Romanische Übersetzungswissenschaft. Sprachwissenschaft kann im Haupt- und Nebenfach studiert und mit Magister abgeschlossen werden, Englisch, Französisch, Spanisch und Russisch sind in den Diplomstudiengängen (Übersetzer bzw. Dolmetscher) institutsintern als HF und NF studierbar. Für bestimmte Studienfächer (Arabisch, Bulgarisch, Italienisch, Neugriechisch, Polnisch, Portugiesisch, Rumänisch, Serbokroatisch, Slowakisch, Tschechisch) und Ausbildungsinhalte (z.B. englische Kulturstudien) gibt es Kooperationen mit anderen Instituten innerhalb und außerhalb der Philosophischen Fakultät: Anglistik, Amerikanistik, Germanistik, Romanistik, Slavistik; Herder-Institut. Einzelvereinbarungen gibt es für die Ergänzungsfächer (Bauwesen, Informatik, Maschinenbau, Natur- und Umweltschutz, Psychologie). ERASMUS- bzw. Universitätsvereinbarungen für den Studentenaustausch bestehen mit Belgien (Brüssel, Lovain), Frankreich (Lille, Lyon, Montpellier, Strasbourg), Großbritannien (Birmingham, Leeds, Surrey, Westminster), Russland (Moskau, Pjatigorsk), Schweiz (Genf, Lausanne), Spanien (Barcelona, Granada, Madrid, Salamanca), künftig auch mit USA (Monterey). Die Regelstudienzeit beträgt neun Semester (vier im Grundstudium, fünf im Hauptstudium); eine Besonderheit ist auch, daß zur Zulassung in den Diplomstudiengängen eine Eignungsprüfung absolviert werden muß.

Das FASK-fax soll freilich weder Reiseführer noch Prüfungs- und Studienordnungen ersetzen. Wer Lust auf Leipzig hat, dem sei als amuse gueule (neuerdings auch: amuse bouche) der neue Merian Leipzig zur Lektüre empfohlen. Näheres zur Universität Leipzig, das ISÜW und den dortigen Studiengang (inkl. Vorlesungsverzeichnis WS 1996/97) erhält man am einfachsten via WorldWideWeb unter der URL:

http://www.uni-leipzig.de/~philol/sprach/d_sprach.html

Unter der Homepage der Universität Leipzig ( http://www.uni-leipzig.de) findet sich übrigens auch ein Editorial des Rektors Cornelius Weiss zum geplanten Stellenabbau an den Hochschulen in Sachsen und zu der Verfügung des Sächsischen Staatsministers der Finanzen vom 7. Mai 1996, wonach alle freien Stellen "bis auf weiteresî zu sperren sind. Deswegen kann derzeit auch niemand die Frage beantworten, wo P. A. Schmitt im WS 1996/97 unterrichtet - alles andere sind blanke Gerüchte. Fest stehen allerdings Termin und Programm der VI. Internationalen Konferenz zu Grundfragen der Übersetzungswissenschaft in Leipzig: Vom 11.-13. September 1996 mit über 80 Vorträgen. Anmeldungen bitte an Prof. Dr. Fleischmann, ISÜW, Universität Leipzig, Augustusplatz 9, 04109 Leipzig.

Bleibt noch ein Begriff zu klären: "Leipziger Allerlei". In Essen wie Gott in Deutschland (Hamburg: Zabert Sandmann) lesen wir: "Ein Gericht, das vermutlich in der Mitte des 19. Jahrhunderts in Leipzig erfunden wurde. Heute nur noch als Mischgemüse aus Erbsen, Möhren und Spargelspitzen bekannt. Nach den ältesten bekannten Rezepturen besteht es jedoch aus jungen Frühlingsgemüsen - vor allem aus Spargel, Möhren und Erbsen, Kohlrabi und Blumenkohl - sowie aus Morcheln, Krebsen und kleinen Semmelklößchen. Dieses Gericht wurde mit einer Krebsbutter serviert." Richtig, noch eine Parallele zwischen Germersheim und Leipzig: Beide liegen in einer Spargelgegend.


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Der Wandel des Türkischen (am FASK)

(vgl. auch Gästemeldung zu Türkinnen am FASK)

Sebnem Bahadir

Wer lernt heute Türkisch und mit welchem Berufsziel? Turkologie-, Arabistik-, Orientalistik-Studierende? Angehende Touristen? Und am FASK, wer lernt da Türkisch? Seit den 60er Jahren gibt es Türkisch am FASK. Von 1971 bis 1990/91 konnte man am Germanistischen Institut mit Türkisch als Muttersprache studieren. Dr. habil. H.-J. Kornrumpf betreute in dieser Zeit Muttersprachler aus der Türkei. Türkisch für Nicht-Muttersprachler wurde 1985 auf Nachfrage der Studierenden eingeführt und hauptsächlich von Dr. H. Scheinhardt übernommen. Seit 1984 arbeitet auch M. S. Kont mit. Türkisch bekam aber keinen offiziellen Status, die Bescheinigungen über Leistungen hatten keinen amtlichen Wert. Das hat sich bis heute nicht geändert. Es läßt sich hier an der Entwicklung des Türkischen am FASK ein Paradox feststellen: Während diese Sprache in der deutschen Realität "draußen" vor dem FASK in den letzten 10 Jahren immer mehr an Bedeutung gewann, d. h. der Bedarf an Kulturexperten für das Sprachenpaar D-Tk in den verschiedensten sozialen und wirtschaftlichen Bereichen zunahm, stagnierten die Angebote für Türkisch am FASK. Die Bedeutung einer Übersetzer-/Dolmetscherausbildung für Türkisch und deren Unterschied zur philologisch-orientierten Ausbildung im Rahmen der Turkologie oder Orientalistik wurde/wird in ganz Deutschland weitgehend nicht erkannt. Dabei werden heute ausgebildete Fachkräfte für das Türkisch "draußen" gebraucht - eine Sprache, die ein integraler Bestandteil des Lebens in Deutschland geworden ist, unabhängig von Entwicklungen in oder Beziehungen mit der Türkei.

Am FASK ist Türkisch heute an das Arabische Institut gebunden. Im WS 95/96 wurde ein von Prof. Dr. Martin Forstner, Dr. Hartwig Scheinhardt, M. Sait Kont, Dilek Dizdar und Sebnem Bahadir gemeinsam ausgearbeitetes Programm für einen 4-semestrigen Studiengang zur Vermittlung von Grundkenntnissen des Türkischen eingeführt. Es gibt also Lehrangebote für Türkisch als Fremdsprache, die sich an den Bedürfnissen von Nicht-Muttersprachlern orientieren - die Integration der erbrachten Leistungen in das gesamte Studium ist der erhoffte nächste Schritt. Da ist aber auch noch eine andere Zielgruppe für Türkisch am FASK: sog. BildungsinländerInnen, d.h. TürkInnen zweiter oder dritter Generation in Deutschland. Ein Teil dieser quasi-bilingualen Studierenden ist dabei, ihre Muttersprache zu verlieren. Hier fällt ein anderes Paradox auf: Einerseits werden diese TürkInnen während ihres Studiums wie deutsche Muttersprachler behandelt, weil Deutsch auch oft die Stelle der Muttersprache bei ihnen einnimmt - ihr Plus an Muttersprachenkompetenz bleibt unbeachtet, unbearbeitet, geht verloren. Andererseits meint man oft, diese (quasi-)bilingualen TürkInnen könnten gegebenenfalls ja ohnehin als "natürliche" Übersetzer/Dolmetscher agieren. Wenn translatorische Kompetenz aber angeboren wäre, bräuchten wir keine Übersetzer-/Dolmetscher-ausbildung. Eine Anwendung der im Studium der ersten und zweiten Sprache erworbenen translatorischen Kompetenz auf das Sprachenpaar D-Tk und die Aktivierung der passiven Potentiale türkischer BildungsinländerInnen einerseits, und die Anerkennung der Bedeutung von Türkisch als Fremdsprache im allgemeinen... ist das angesichts der Lage des Türkischen heute in Deutschland wirklich eine so utopische Vorstellung?

Bericht von einer Exkursion nach Stuttgart

Rudolf Mikus



Das Exkursionswesen ist auch nicht mehr, was es einmal war. Vorbei sind die Zeiten, da sich die Firmen allgemein dazu drängten, studentische Besucher zu empfangen, um Imagepflege zu betreiben oder erste Fühler nach künftigen Mitarbeitern auszustrecken. Bei Übersetzern braucht es letzteres heute oft ohnehin nicht mehr, werden Übersetzungsdienstleistungen im Zeichen des Lohnnebenkostendenkens doch zunehmend extern, d. h. von selbständigen Übersetzungsbüros bezogen. Also führt der zukunftsorientierte Dozent seine Schützlinge zwecks Vermittlung wertvollen Praxiskontaktes jetzt besser in diese Übersetzungsbüros und -betriebe? Das wäre sicher sinnvoll, doch kommen solche Besuche wegen der "atomistischen" Marktstruktur der Übersetzerbranche kaum je zustande: Die zumeist kleinen Büros schrecken vor der halb- oder ganztägigen Heimsuchung durch studentische Besucherschwärme (und vor deren Bewirtung!) verständlicherweise zurück. Gibt es Exkursionen als Berührung mit der Berufspraxis also bald nicht mehr, wie der Vertreter eines Übersetzerverbands kürzlich meinte?

Ganz so dramatisch scheint es angesichts der Erfahrung unserer Germersheimer Ergänzungsfächer nicht kommen zu müssen. Erstens verbleiben uns - McKinsey hin, Trend her - auf absehbare Zeit offenbar immer noch eine stattliche Anzahl von (Groß-)Unternehmen und sonstigen Organisationen mit einem traditionellen Sprachendienst, den ganz aufzulösen ihnen aus produkt- oder firmenspezifischen Gründen bedenklich erscheint. Manche von ihnen empfangen offensichtlich weiterhin gern Besuch aus Germersheim, wie zuletzt eine Gruppe von rund fünfzig (!) Studierenden unseres Ergänzungsfachs Wirtschaft feststellen konnte, als sie im vergangenen Wintersemester eine hochinformative und auch sonst rundum gelungene Exkursion zur Landesbank Rheinland-Pfalz in Mainz unternahm.

Zweitens aber scheint uns zu helfen, daß - wenig überraschend - das zunehmende Outsourcing der gewerblichen Wirtschaft bei Übersetzungen jedenfalls für eine ganze Reihe von Übersetzungsbetrieben in den letzten Jahren beachtliche Umsatzsteigerungen zur Folge hatte. Mit solchen Umsatzsteigerungen um zweistellige Prozentzahlen hängt es gewissen Indizien zufolge wahrscheinlich zusammen, daß wir in Germersheim in diesem Jahr - natürlich nur aus dem kleinen Kreis der "ganz großen" Übersetzungsfirmen (Büro wäre hier ein zu irreführender Ausdruck) - bereits zweimal eine Anregung bzw. Einladung zu einem Firmenbesuch mit Studierenden erhielten. Natürlich sollte nur eine kleine Gruppe kommen, aber der zweimalige Anstoß von außen war trotzdem ein absolutes Novum. In der Woche vor Pfingsten fuhren deshalb ein Dutzend Studierende des Ergänzungsfachs Wirtschaft zur Besichtigung der ALPNET GmbH (dem früheren Ingenieurbüro für technische und naturwissenschaftliche Übersetzungen Dr. W.-D. Haehl) nach Stuttgart. Es wurde eine der interessantesten, instruktivsten Exkursionen, die wir je unternommen haben.

Die ALPNET GmbH, Tochter des amerikanischen ALPNET-Konzerns, ist abgesehen von einem Berliner Unternehmen (für dessen Entwicklung noch politische Sonderfaktoren aus DDR-Zeiten von Bedeutung gewesen sein sollen) mit rund 160.000 übersetzten Seiten und zuletzt 12 Mio. DM Umsatz pro Jahr (1991 - 7,7 Mio. DM) deutlich das erfolgreichste Unternehmen der Übersetzerbranche in Deutschland. Sie kann ihre Leistung samt den diversen Nebenleistungen, die außerdem noch auf der Angebotspalette stehen (Software-Lokalisierung, technische Redaktion, DTP u. a. m.), zu konkurrenzfähigen Preisen nur durch Einsatz u. a. modernster Übersetzer-Software offerieren, und so hatte natürlich der EDV-geschultere Teil unserer Gruppe im zentralen Computer-Arbeitsraum viel Grund zum Fragen und zum beeindruckten Staunen über die hier so "locker herumstehenden" Großgeräte, über deren Anschaffung in Germersheim "in jedem Einzelfall erst ein halbes Jahr verhandelt werden müßte" (O-Ton Teilnehmer)...

Neben den Besichtigungen von technischen und anderen Arbeitsräumen sowie den Gesprächen mit Übersetzern und sonstigen Mitarbeitern dürfte den Besuchern aus Germersheim dann aber vor allem so manches aus den Ausführungen des ALPNET-Ge-schäftsführers vor der Gruppe noch heute im Gedächtnis sein. Herr Dr. Massion, Diplomübersetzer Germersheimer Provenienz, der uns an diesem Tag stundenlang in Rede und Gegenrede zur Verfügung stand, beschrieb sein Unternehmen und die Rolle aller seiner Mitarbeiter offen und gleichzeitig mit sicherem Gespür für die Erwartungs- und Stimmungslage der vor ihm sitzenden Korona. Von 42 fest angestellten Mitarbeitern seien nur fünf Übersetzer, der Rest sei tätig in der Verwaltung, für Projektmanagement, DTP, technische Betreuung u. a. m., erklärte er. Vor vier Jahren habe man noch zwölf angestellte Übersetzer beschäftigt, fügte er ohne Beschönigung hinzu und ergänzte, den Schrecken auf den Gesichtern lesend, noch rechtzeitig, dafür arbeite man jetzt mit 600 freiberuflichen Übersetzern fest zusammen und nicht mehr bloß mit 440 wie im Jahre 1992... - Die langfristigen Entwicklungs- und Einkommensaussichten dieser "unverbindlich fest angebundenen" Freiberufler seien eher besser als die der traditionellen Festangestellten, vorausgesetzt, sie würden die Zeichen bzw. Anforderungen der Zeit erkennen und ihre Schwerpunkte entsprechend setzen, d. h. ihre Ausbildung außer auf die Sprachen auf den Erwerb ernsthafter Fachkenntnisse und sicherer Grundkenntnisse in der EDV-Anwendung konzentrieren, usw., usf.

Letzteres bestätigte zwar für manche schon woanders Gehörtes, doch sollte noch Interessantes hinzukommen. Im Gespräch äußerte Dr. Massion Verständnis für eine nicht leicht zu lösende Schwierigkeit der in die jetzigen "Beschäftigungsaussichten" hineinwachsenden neuen Übersetzergeneration: Einerseits wolle die künftig (fast) nur mehr mit Freiberuflern zusammenarbeitende Industrie und auch "Übersetzungsindustrie" (wie z. B. die ALPNET) berufserfahrene Übersetzer, andererseits sei z. B. dem frischgebackenen Hochschulabsolventen der Zugang zu dieser Erfahrung entscheidend erschwert, wenn er als Neuling weder Anstellung noch Aufträge bekomme... Dr. Massion präsentierte dazu sozusagen als Höhepunkt und Abschluß des Tages seinen ("noch nicht in jeder Hinsicht ausgegorenen") neuen Plan: Als Lösung für genau dieses Problem schwebe ihm vor, eine Art Trainee-Programm für neudiplomierte Übersetzer einzurichten. Die ALPNET denke daran, für eine begrenzte Zeit (vielleicht ein halbes bis ein ganzes Jahr) gegen ein Anfängerentgelt ("Referendargehalt") eine begrenzte Zahl von Hochschulabsolventen zu beschäftigen, die sich in dieser Zeit, unterstützt von berufserfahrenen "Kollegen", schwerpunktmäßig der Überwindung typischer Anfängerprobleme widmen sollten. Nach Abschluß des Programms müßten die nun "fortgeschrittenen" Anfänger über ihre Zukunft erneut entscheiden: Einigen würde seine Firma je nach Lage des Unternehmens vielleicht eine längere Zusammenarbeit anbieten, die anderen hätten sich entweder woanders zu bewerben oder selbständig zu machen. Auf alle Fälle würden sie alle Schritte nun auf der verbesserten Basis ersten "Erfahrungswissens" tun...

Dr. Massion will seine Vorstellungen erst noch weiter durchdenken und diskutieren (und den Verfasser dieser Zeilen auf dem laufenden halten). Er vermochte seinen Besuchern aber schon bei der ersten Darstellung seiner Ideen den Glauben zu vermitteln, daß es grundsätzlich Lösungen für das angesprochene Problem geben wird, daß es im übrigen auch in anderen Bereichen der Übersetzerzukunft keinen Grund für rabenschwarzen Pessimismus, sondern stattdessen für Mut zum Gestalten gibt. Das allein, von einem so kompetenten Mann der Praxis verkündet, schuf an diesem Besuchstag bei den Teilnehmemern den hoffentlich weiterwirkenden "aufbauenden" Effekt, den man als Exkursionsveranstalter vor allem nach Hause bringen möchte.

Wir werden den Besuch daher irgendwann wiederholen. Um das Exkursionswesen ist es vielleicht doch nicht so schlecht bestellt wie manchmal gedacht.

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Aus den Instituten

Weitere Tagungs- und Reiseberichte

2. Afro-Romania Kolloquium in Bremen

Vom 27. - 29. Juni fand in Bremen das 2. Afro-Romania Kolloquium statt. Die von der Volkswagen-Stiftung finanzierte Tagung im Überseemuseum machte deutlich, daß die Beschäftigung mit außereuropäischen Varietäten romanischer Sprachen immer mehr an Bedeutung gewinnt, da von den 300 Millionen Spanischsprechenden und den 180 Millionen Portugiesischsprechern die überwältigende Mehrheit außerhalb Europas lebt. Die diesjährige Tagung war der Afrolusitanistik gewidmet, d. h. der Beschäftigung mit der portugiesischen Sprache und Kultur in Afrika. Hierzu hielt Prof. Dr. Matthias Perl vom Institut für Spanische und Portugiesische Sprache und Kultur der Universität Mainz in Germersheim das die Tagung einleitende Referat.

ISPSK


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Gäste

My Germersheim Impressions

(Anm. des Bearb.: Reisebericht einmal anders - nach Germersheim und nicht von Germersheim weg)

Ieva Zauberga

I must admit, I arrived in Germersheim with certain reservations. The main concern was my fear that Germans would not accept me because I do not speak German and I would feel excluded. But things have turned out differently - from the very first day I have felt most welcome. Not only the University people have been very friendly, but also people in the street and my stereotypes are shaken. Now, at the end of six weeks at Germersheim, I can say I feel at home and this has turned out to be, perhaps, the most useful and enjoyable of all of my visits at foreign universities. The days have passed so quickly that I have hardly had a moment to feel homesick or lonely.

My main objective was to explore the curriculum design as the University of Latvia has just established a new translator training course with an attempt to imitate the German pattern. For us the main novelty is two equally strong foreign languages - English and German. What I saw visiting the classes and studying time-tables reassured me that the newly set-up training programme in Riga is close to the Germersheim variant. The main difference lies in the fact that in Germersheim there are many more courses offered and students have a wider range of options. For example, there are many different background courses. However, it also has certain drawbacks - students can get the translator's qualification without taking a full translation theory course which, in my opinion, is essential for professional translators. As regards interpreting, Germersheim has excellent facilities and against this background the interpreter training attempts in Riga can hardly qualify as professional.

The university has a good library and I seized the opportunity to get better acquainted with German translation theory and incorporate it in my lecture course. I was surprised to discover that there are quite a few German authors I had not been aware of before; also that there are books and authors who publish in English and who I had assumed to be central to contemporary translation studies that are not represented in the library shelves. There seems to be a silent wall between groups of scholars and I am happy to have landed on the other side and made useful discoveries. I also had the chance of meeting the authors in person and Paul Kußmaul, Hans Hönig and Donald Kiraly turned out to be not only high-class scholars but also good company.

Thanks to Donald Kiraly I even got involved in teaching which, again contrary to my initial apprehensions, proved to be a wonderful experience because it turned me from a passive, anonymous on-looker into one of the team, and that made such a difference! I was teaching Latvian - by Natural Approach - a thing I had never done before and, moreover, did not believe in. But it works! There are 22 students in Germersheim studying Latvian which, however, is neither my achievement, nor the consequence of a general interest in the Latvian language. It is Don Kiraly's enthusiasm and obvious popularity with students that makes this course possible. Anyway, I have made my contribution by giving a talk "History, Culture, Translation: the Latvian Case" for conference interpreters. I am happy that the interest in Latvia is there, it just needs to be sustained!

Fotovon Frau Zauberga

Last but not least, there was the cultural programme, with many exciting invitations and opportunities to catch glimpses of German homes and have long, relaxed and enjoyable discussions. And then - Germersheim is so conveniently situated that it simply invites you to visit different places - the picturesque Heidelberg castle; the Loreley Valley where you can literally feel the quiet flowing of the Rhine and, with a bit of imagination, see the lovely girl combing her golden hair in the moonlight; the Bavarian Alps where one can feel the breath of glory and mystery, the jolly Hofbräuhaus atmosphere in Munich and the cultivated charm of the Mineau Botanical Gardens.

Now the visit is over but, according to Latvian mythology, every end is a new beginning. The cooperation with Germersheim is going on. New friendships have just started - with Professor Andreas Kelletat whose caring presence was felt throughout the stay, with Araceli MarÌn with her mis chievous smile, with Don Kiraly who has made me rethink some of my views about translation, Germany and life in general, with Srinivasan who has been everywhere and knows how to enjoy things like nobody else. And it is nice to be aware of the fact that the Mainz University administration in the person of Professor Renate von Bardeleben is so supportive of this cooperation. Now it is time for the German colleagues to visit Riga so that we can return the hospitality.

Bis bald, Germersheim! Uz redzesanos Riga!

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Germersheimer Türkinnen am FASK

Auf die Initiative von Prof. Dr. Göhring und Frau Wismeth hatte die Abteilung für Kultursoziologie des Instituts für Allgemeine Sprach- und Kulturwissenschaft am 3. Juli 1996 türkische Heiratsmigrantinnen zu einem Erfahrungsaustausch eingeladen.

Das Treffen, an dem auch Studierende und türkische MuttersprachIerinnen teilnahmen, fand in der Dolmetschanlage unter der Leitung von Prof. Dr. Göhring statt und wurde von ebnem Bahadr und Dilek Dizdar gedolmetscht. Wegen der regen Diskussion begann der gemütliche Teil im Bierstübchen mit einer Stunde Verspätung.

Ein wichtiger Beitrag des Fachbereiches zur interkulturellen Kommunikation in unserer unmittelbaren Umgebung ...

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Sebnem Bahadir

Gäste aus Kolumbien und Österreich

Frau Prof. Dr. Montserrat Ordonez Vila von der Universidad de Los Andes in Bogot. sowie Herr Prof. Dr. Dieter Messner von der Universität Salzburg

zu Besuch in Mainz und Germersheim

Frau Prof. Dr. Montserrat Ordonez Vila, ausgewiesene Literaturwissenschaftlerin und Hochschullehrerin von der kolumbianischen Universidad de Los Andes in Bogot. ist für drei Monate Gast des Instituts für Spanische und Portugiesische Sprache und Kultur der Universität Mainz in Germersheim. Während ihres Aufenthalts wird Frau OrdÛÒez im Lateinamerikazentrum des Instituts arbeiten, Vorträge halten und sich aktiv für die Erweiterung der Universitätsbeziehungen zwischen Bogot. und Mainz einsetzen.

Für 10 Tage konnte weiterhin Herr Prof. Dr. Dieter Messner vom Institut für Romanistik der Universität Salzburg in Germersheim Empfangen werden. Herr Messner gehört zu den international bekanntesten Romanisten Österreichs und hielt in Germersheim zwei Vorträge zur portugiesischen Kulturwissenschaft und zur spanischen Sprachwissenschaft. Gemeinsam mit Kollegen des Instituts für Spanische und Portugiesische Sprache und Kultur leitete er ein Forum zu Fragen der Arbeitsmarktchancen von Portugiesischabsolventen in Deutschland und Österreich. An dieser Veranstaltung nahmen zahlreiche Studierende teil. Aufgrund einer anonymen Befragung von Absolventen der Universitäten Mainz und Salzburg konnte u. a. festgestellt werden, daß der Arbeitsmarkt für Absolventen der Studiengänge Magister und Diplom-Übersetzer identisch ist und eine bevorzugte Stellenvergabe für Absolventen, die neben gediegenen Kenntnissen zur Literatur-, Kultur- und Sprachwissenschaft auch noch sehr gute sprachliche Fähigkeiten mitbringen, festzustellen ist.

Beide Aufenthalte werden vom Deutschen Akademischen Austauschdienst finanziert.

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ISPSK

Besuch aus Moskau

Besuch der Rektorin und des Prorektors der Moskauer Staatlichen Linguistischen Universität

in Mainz und Germersheim

Fachdem fax in der vorletzten Nummer einen Bericht über den kürzlichen Aufenthalt des Dekans in Moskau abgedruckt hat, steht nunmehr die Anzeige hochrangiger Besucher aus Moskau an: Zu Gast in Mainz und in Germersheim waren die Rektorin der Moskauer Staatlichen Linguistischen Universität (ehem. Moskauer Maurice-Thorez-Hochschule für Fremdsprachen), Frau Prof. Dr. Irina Khaleeva und der Prorektor, Herr Prof. Dr. Sergej Gontcharenko, der zugleich Partnerschaftsbeauftragter seiner Universität ist. Bekanntlich besteht zwischen unseren beiden Universitäten seit 1989 ein Abkommen über die akademische Zusammenarbeit, das u. a. einen Austausch von Studierenden und Wissenschaftlern vorsieht. Die Möglichkeit eines Austauschstudiums wird von Moskauer wie Germersheimer Seite sehr gern angenommen und funktioniert auch - ebenso wie der Wissenschaftleraustausch - dank des engagierten Einsatzes von Prof. Dr. Salnikow, der zugleich der Partnerschaftsbeauftragte von seiten der Mainzer Universität ist, reibungslos. Dies beweist auch die Tatsache, daß immer mehr Studierende aus Rußland in Germersheim studieren möchten, z. B. um nach einem Übersetzer-Diplom der Moskauer Universität in Germersheim eine Erweiterungsprüfung zum Diplom-Dolmetscher abzulegen. Das wirft eine ganze Reihe von Fragen um die gegenseitige Anerkennung und Anrechnung von Studienleistungen und Diplomen auf, die im Vorfeld geklärt werden müssen.

Der jetzige Besuch der Moskauer Gäste diente dazu, gemeinsam mit Mainzer und Germersheimer Kollegen über diese und andere die künftige Zusammenarbeit betreffende Fragen zu beraten. Die Gespräche in Mainz und Germersheim, an denen von Mainzer Seite u. a. der Präsident und der Leiter des Akademischen Auslandsamtes sowie der Dekan und Professoren unseres Fachbereichs teilnahmen, haben eine ganze Reihe von konkreten Ergebnissen (u. a. die Planung eines gemeinsamen Sammelbandes mit Forschungsergebnissen) gebracht. Beide Seiten sind sich einig, daß die Vertiefung der Zusammenarbeit zwischen beiden Universitäten in Lehre und Forschung im Zuge der Annäherung zwischen den deutschen Universitäten und den Universitäten in Mittel- und Osteuropa ein Gebot der Zeit ist. Und hier hat der FASK Germersheim einmal mehr - vor wenigen Wochen wurden auch mit dem Institut für Angewandte Linguistik der Universität Warschau erste Absprachen getroffen - seine Verantwortung im Bereich der internationalen Kooperation wahrgenommen.

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ISSK

Redaktionelles

Literatur und Presseschau

In dieser Ausgabe wurde auf folgende Veröffentlichungen von Mitarbeitern des Fachbereiches hingewiesen:

Aus der Presse:

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Im Volltext vorliegende Artikel:

"Literarische Übersetzung" beginnt als zweisemestriger Aufbaustudiengang zum Wintersemester an der Ludwig-Maximilian-Universität München. Die Teilnehmer, Absolventen des Fachs Anglistik-Amerikanistik, müssen sich durch einen Eignungstest qualifizieren. Der Lehrplan umfaßt Übersetzungs-Workshops, Übungen zur Übersetzungstheorie und -kritik, kontrastive Stilistik, Hilfsmittelkunde und berufsaktuelle Informationen.

Einzelheiten sind zu erfragen beim Institut für Englische Philologie, Schellingstraße 3, 80799 München.

Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 6. Juli 1996

... tolerantiskoje atmosferoje ...

Über das Internationale Symposium zu Fragen

der Dolmetscher- und Übersetzerausbildung
Artikel aus der litauischen Tageszeitung KAUNO DIENA vom 19.12.1995

Sigita Barniskiene

Fachleute für Fremdsprachen werden zur Zeit an mehreren litauischen Universitäten ausgebildet: an der Universität Vilnius und deren Geisteswissenschaftlicher Fakultät in Kaunas, an der Pädagogischen Universität Vilnius, an der Universität Klaipeda sowie an der Pädagogischen Hochschule in Siauliai. Die Vytautas-Magnus-Universität Kaunas bietet ebenfalls die Möglichkeit, englische Sprache und Literatur bzw. deutsche Sprache und Literatur als Fachrichtung zu wählen. Ihrer Ausbildung nach sollen die Studenten der genannten Fachrichtungen Lehrer werden, die meisten träumen allerdings von einer Arbeit in einem Joint-venture oder vom Beruf des Dolmetschers bzw. Übersetzers. Sieht unser Studienprogramm eine solche Ausbildung vor? Ein fünfundvierzigstündiger Übersetzungskurs im Laufe eines Semesters kann weder ausreichendes theoretisches Wissen noch solide praktische Fertigkeiten des Übersetzens bzw. Dolmetschens vermitteln. Also müssen wir zugeben, daß wir über keine Dolmetscher- bzw. Übersetzerausbildung verfügen. Die Gründe dafür sind offensichtlich: uns fehlen sowohl qualifizierte Fachkräfte als auch Lehrmaterialien und Unterrichtsmittel. Der Bedarf an Übersetzern bzw. Dolmetschern ist aber in unterschiedlichen Bereichen der Wirtschaft, Kultur und Politik sehr deutlich zu spüren. Zum Teil wird dieser Bedarf mit Fachleuten des entsprechenden Fachgebietes gedeckt, die eine Fremdsprache beherrschen, zum Teil mit Fremdsprachenlehrern. Qualifizierte Dolmetscher und Übersetzer gibt es aber nach wie vor zu wenig.

Wie werden Dolmetscher und Übersetzer in anderen Ländern ausgebildet? Besteht für unsere litauischen Studenten die Möglichkeit, eine solche Ausbildung zu erlangen? Diese Fragen bewegten mich auf dem Wege zum internationalen Symposium unter dem Titel "Übersetzerische Kompetenz", das von der Universität Mainz veranstaltet wurde und vom 10.-13. November 1995 in Germersheim, einem kleinen deutschen Städtchen (20.000 Einwohner) am Rhein, stattfand. Hier befindet sich der Fachbereich Angewandte Sprach- und Kulturwissenschaft der Mainzer Johannes Gutenberg-Universität, an dem 2286 Studenten studieren, über ein Viertel davon Ausländer. Nach acht Semestern erhalten die Absolventen dieses Fachbereichs das Diplom eines Dolmetschers bzw. eines Übersetzers. Neben Deutsch werden die ausländischen Studenten noch in einer zweiten Fremdsprache unterrichtet. Die Übersetzungsübungen, die die Dozenten des Germanistischen Instituts leiten, gibt es für die Sprachen Französisch, Englisch, Arabisch, Spanisch, Italienisch und Finnisch. Studenten, deren Muttersprache Chinesisch, Griechisch, Polnisch, Portugiesisch oder Russisch ist, können sich an Übersetzungsübungen eines entsprechenden Instituts beteiligen. Sollten litauische Studenten die Möglichkeit einer solchen Ausbildung erhalten, so hätten sie eine Prüfung abzulegen, um nachzuweisen, daß sie eine der oben genannten Sprachen (z. B. Polnisch oder Russisch) genauso gut wie Muttersprachler beherrschen. Das hat mir auch eine der zwei in Germersheim studierenden Lettinnen sowie der Leiter des Germanistischen Instituts, Prof. Dr. Andreas Kelletat, bestätigt.

Es ist kein Zufall, daß das Symposium "Übersetzerische Kompetenz" in Germersheim veranstaltet wurde, schließlich ist diese Kleinstadt das Zentrum der Übersetzer- und Dolmetscherausbildung in Deutschland. Am Symposium beteiligten sich 150 Universitätsdozenten aus mehreren Ländern Europas, und zwar aus Schweden, Finnland, Norwegen, Ungarn, Polen, Rumänien, Tschechien, Dänemark, Italien, Spanien, Estland, Lettland, Rußland, Griechenland, Belgien und aus der Ukraine. Litauen war mit zwei Dozentinnen der Universität Vilnius (Raminta Gamziukaite-Maziuliene, Jadviga Bajaruniene) und der Verfasserin dieser Zeilen vertreten.

Das Themenspektrum, das auf dem Symposium behandelt wurde, war sehr breit und vielfaltig. Die Vorträge wurden parallel in drei Arbeitsgruppen gehalten. Eine Arbeitsgruppe beschäftigte sich mit Fragen des Dolmetschens, die zweite mit Problemen der Übersetzerausbildung, die dritte setzte sich hauptsächlich mit den Feinheiten der Übersetzung von literarischen Texten auseinander. Der Anschaulichkeit halber seien einige Vorträge erwähnt.

Henrik Nikula aus Vaasa (Finnland) widmete seinen Vortrag den Schwierigkeiten und möglichen Varianten beim Übersetzen konkreter Poesie, in der Laute und graphische Zeichen verabsolutiert werden. Jadviga Bajaruniene stellte die Übersetzungen von Rilke-Gedichten ins Litauische vor.

Sehr informativ war der Vortrag von Peter Kupfer über Erfahrungen, die im Laufe von fünfzehn Jahren bei der Ausbildung von Übersetzern für Chinesisch-Deutsch in Germersheim gesammelt wurden. In China werden immer noch keine Übersetzer ausgebildet, deshalb leisten die Deutschen auf diesem Gebiet geradezu Pionierarbeit. Sinologen werden in Deutschland hauptsächlich an drei Universitäten ausgebildet: an der Humboldt-Universität Berlin und an den Universitäten Bonn und Mainz (Germersheim). Deutschen Firmen geht es in China vor allem darum, daß der Übersetzer nicht nur Chinesisch kann, sondern sich auch im chinesichen Recht, in der Wirtschaft sowie in der Datenverarbeitung des Landes auskennt.

Die Vertreterin der Technischen Universität Budapest Zuzanna Antal stellte das Studienprogramm für die Ausbildung von Ingenieur-Übersetzern vor. Diese Fachrichtung bietet den künftigen Ingenieuren bessere Möglichkeiten, eine Arbeitsstelle zu finden und ihre Kenntnisse anzuwenden.

Sehr interessant war der Vortrag von Hans Schlumm von der Universität Korfu (Griechenland) über das wenig attraktive Stereotyp des Deutschen, das sich in Griechenland herausgebildet hat, sowie über die Rolle der Sprache und des Übersetzers im Bereich der politischen Psychologie.

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Originialartikel

Das litauische Original können Interessierte von der FAX-Redaktion erhalten.

Während des Symposiums in Germersheim hat man viel Interessantes und Nützliches erfahren. Nicht weniger interessant waren für mich zwei weitere Tage, die ich im Anschluß an die Tagung dem Besuch von Vorlesungen und Seminaren des Germanistischen Instituts widmen konnte. Die Studenten, darunter Franzosen, Italiener, Araber, Polen, Russen sowie Vertreter anderer Nationalitäten, beschäftigen sich sehr eingehend mit der deutschen Geschichte, Kultur, Sprache und Literatur. Die Verfasserin nahm an einem kulturwissenschaftlichen Proseminar teil, das vom Dozenten Klaus von Schilling geleitet wurde. Das Thema des Seminars war "Die Auseinandersetzung mit der sozialistischen Vergangenheit im wiedervereinigten Deutschland". Zwei Studentinnen aus Kopenhagen hielten während der Seminarsitzung ein Referat zu Christa Wolfs Erzählung "Was bleibt". Es fiel auf, daß die Studentinnen sich sehr gründlich darauf vorbereitet und sich sehr eingehend mit dem Werk auseinandergesetzt hatten. Sie analysierten das Werk enthusiastisch, brachten eigene Gedanken und Bemerkungen zum Ausdruck. Das Auditiorium (etwa 40 Studenten) war nicht nur äußerst aufmerksam beim Zuhören, sondern auch sehr aktiv in der Diskussion. Alle hatten die Erzählung gelesen und konnten mitdiskutieren. Das hat mich sehr beeindruckt, denn unsere Studenten in Kaunas oder Vilnius sind ihren Kommilitonen gegenüber nicht immer so aufmerksam.

Es gibt noch einen wesentlichen Unterschied zu unserer Studienform: die Vorlesungen, Übungen und Seminare finden in Germersheim meistens nur einmal pro Woche statt, viel mehr Zeit wird selbständiger Arbeit gewidmet. Außerdem hat jeder Dozent zweimal wöchentlich Sprechstunden. Man bekam den Eindruck, daß die ausländischen Studenten in einer überaus freundlichen und toleranten Umgebung leben und sehr viel voneinander lernen. Ein sehr interessantes Beispiel dafür war das Seminar von Prof. Kelletat "Analyse und Übersetzung deutscher Lyrik", bei dem die Studenten sehr unterschiedlicher Nationalitäten Möglichkeiten der semantischen und metrischen Übersetzung von Gedichten des zeitgenössischen deutschen Autors Hans Magnus Enzensberger in verschiedene Sprachen untersuchten.

Die kurze Bekanntschaft mit einer der vielen deutschen Universitäten bringt den Gast unvermeidlich zum Nachdenken über unsere eigene Germanistenausbildung in Litauen, auch darüber, wie man unseren Studenten Möglichkeiten verschaffen könnte, ihren Gesichtskreis zu erweitern, sich in Deutschland weiterzubilden. Solche Möglichkeiten wären mindestens einem bis zwei unserer besten Studenten oder Studentinnen gegeben, wenn es gelingen würde, ein akademisches Austauschprogramm mit dem Germanistischen Institut am Germersheimer Fachbereich Angewandte Sprach- und Kulturwissenschaft zu verwirklichen. In diesem Projekt wären auch Weiterbildungsmöglichkeiten für unsere Dozenten vorgesehen, ebenso die Aufnahme von Gastdozenten aus der Universität Mainz bei uns sowie die Vorbereitung eines Litauisch-Intensivkurses für Deutsche.

Im Moment sieht es so aus, daß uns viel Arbeit bevorsteht, und es ist durchaus mit guten Ergebnissen zu rechnen, wenn beiderseitiges Verständnis, Wohlwollen und Erfolg uns begleiten.

(Aus dem Litauischen von S.B.)

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Aktuelle Informationen


Konferenzkalender

3.-5. Oktober 1996

The 1st Riga Symposium on

PRAGMATIC ASPECTS OF TRANSLATION

October 3-5, 1996

Topics:

Translator, commissioner, market

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Organized by:

The Faculty of Foreign Languages of the University of Latvia
in cooperation with Fachbereich Angewandte Sprach- und Kulturwissenschaft der Johannes Gutenberg-Universität Mainz, Germersheim

Information for authors and participants:

Please indicate your interest in participating or in submitting a paper by returning the completed registration form and abstracts of the papers by July 30. Papers are scheduled for 30 minutes with 10 minutes provided for discussion. Abstacts of symposium papers will be published. Symposium languages will be English and German.

Participation fee 50 USD

Accomodation costs within the range of 30 USD per night in the University Guest House to 100 USD in three-star hotels.

Organizing Commitee:

Prof. Dr. Andreas F. Kelletat, Germanistisches Institut FASK
Prof. Andrejs Veisbergs, Dpt. of Contrastive Linguistics, LatviaUniversity
Dr. Ieva Zauberga, Dpt. of Contrative Linguistics, Latvia University
Dr. Arija Servuta, Lehrstuhl für Deutsch der Universität Lettlands

All requests for information and mail should be addressed to:

Ieva Zauberga
Visvalza 4a, Riga LV-1011, Latvia
Fax: 371-7-225039 or 371-7-820113, ph. 371-7-228837

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23.07.96 - Erstellt und bearbeitet von F. Krüger. (Letzte Bearbeitung: 14.02.2000 - DDP)