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Informationen aus dem Fachbereich 23

Ausgabe 3 - 1996 10. Juni 1996

Inhalt

  1. Beiträge

    1. Eine Feier in Mainz

    2. Himmlisch zufrieden (Ergebnisse einer Umfrage im Fach Chinesisch)

    3. Alltag im Prüfungsamt (Interview)

    4. CLEVER. Eine neue bibliographische Datenbank für die Uni

    5. Soziale Marktwirtschaft als Weg nach Europa? (Konferenzbericht)
      plus Literaturtip

    6. Weitere Tagungs- und Reiseberichte

  2. Redaktionelles

    1. Personalien

    2. fax- Literatur und Presseschau

  3. Aktuelle (und vergängliche) Informationen
    vgl. auch Semester- und sonstige Fachbereichstermine (externer Verweis)

    1. Vorträge und Veranstaltungen

    2. Konferenzkalender

siehe auch:


Beiträge

Eine Feier in Mainz

Am 22. Mai hat unsere Universität gefeiert, den 50. Jahrestag ihrer Wiedereröffnung durch die französische Besatzungsmacht im damals vom Krieg arg zerzausten Mainz. Gar nicht froh sollen die Mainzer im Frühsommer 1946 gewesen sein, über die hungrigen Studentenmäuler, die nun auch noch zu stopfen waren, wo man doch selbst kaum zu essen hatte. Inzwischen freilich bedauern die Stadtväter nicht mehr, daß sie 1946 auf dem heutigen Campus keine Kartoffel-Äcker anlegen ließen.

Gut zwei Stunden dauerte der Festakt, und er war, wie Festakte so sind. Musik am Anfang, Musik am Ende und mittendrin noch einmal Musik, drei sehr schöne Stücke für vier Trompeten, gespielt vom munteren Damen-Ensemble Quadraphonia. Viele Herren in dunklen Anzügen gab es, vorne die älteren auf den Ehrenplätzen, weiter oben im Saal die jüngeren in schon legererer Kleidung und viele Frauen dort auch, und die letzten Reihen waren vielleicht für die Studenten reserviert, die dann doch nicht kamen. Aber Ehemalige waren da, sehr viele. Man blieb - anders als bei einer Abiturfeier - ein bißchen unter sich, die Honoratioren, die Fotographen, die Lehrenden, die Verwaltung und die ergrauten Studenten von einst.

Begrüßt wurden wir vom Präsidenten und hörten so, wer sich alles die Ehre gegeben hatte aus Politik, Wirtschaft und Kultur. Dann die Grußworte des Minister-Kollegen Zöllner an "seine" Universität (das Klinikum wurd immer wieder separat genannt, mit dem hat er etwas vor, scheint es), dann der Mainzer Oberbürgermeister Weyel, dann der AStA-Vorsitzende Heymann, der auf die Bundesregierung schimpfte, und Frau Dr. Hauf vom Personalrat, die deutlich machte, was eine Universität ohne ihr nicht-wissenschaftliches Personal wäre. Alle sehr engagiert und fast alle an das Jahr 1946 und die Euphorie des Aufbruchs erinnernd - "so viel Zukunft wie die damals, das hätt man für sich auch gern mal", mag manchem durch den Kopf gegangen sein. Oder trübte da Nostalgie den Blick auf die doch nicht nur humanistisch-idealistischen Motive der Feinde und Besatzer von einst? Nach den vier Grußworten die Festrede des französischen Botschafters Scheer, souverän im Historischen, engagiert im Gesellschaftspolitischen, selbstbewußt, lobend und fordernd auch, daß z.B. über aller Internationalisierung der Rang der Romanistik nicht vergessen werden darf, nein: der Französistik - und daß endlich Schluß sein muß mit dem Protektionismus in Sachen Anerkennung in Frankreich erbrachter Studienleistungen. Eine Festansprache, der man nicht immer zustimmend, aber dafür gewiß nie gelangweilt zuhörte. Nach der Festrede die Ehrungen, die Medaillen und Urkunden, für Freunde und Förderer und Sponsoren und für ganz besonders verdiente Professoren - auch hier vom Präsidenten der Akzent bewußt auf die internationalen Kontakte gesetzt, auf die Beziehungen zu Polen, zu Frankreich, zu Kolumbien und zu den Juden. Man fürchtete schon, daß das schief gehen mag, diese zu oft gehörte Betroffenheits- und Versöhnungsrhetorik. Je weniger Juden unter uns sind, desto routinierter klingt der Wunsch, uns mit ihnen auszusöhnen. Aber unsere Universität hatte mit dem Ehrenden wie dem Geehrten Glück. Denn es ging um Leo Trepp, in Mainz 1913 geboren, Philosoph und Philologe, Absolvent des Berliner Rabbinerseminars, KZ-Häftling und Emigrant und Gelehrter an vielen amerikanischen Universitäten, früher Initiator amerikanisch-deutscher Studentenbegegnungen und zudem Honorarprofessor unseres Mainzer Fachbereichs Evangelische Theologie.

Im Namen aller Geehrten hielt er die Dankrede, ohne Manuskript, in einem Deutsch, das die Mainzer Herkunft ebenso wenig verbergen wollte wie das Leben in Amerika seit über einem halben Jahrhundert. Von Vergangenem war da nicht die Rede, nur von der Verpflichtung, die die "Gemeinschaft der Geehrten" nun gegenüber unserer Universität empfindet - "für ewig". Der weit über 80jährige, physisch leicht gebrechliche, aber mit ungebrochen fester, lauter und sicherer Stimme Redende - er brachte für mehr als einen flüchtigen Moment Aufbruchstimmung unter uns junge Hadernde, im Hochschulalltagssumpf Versinkende, im Gremienhickhack Versauernde. Da rüttelte jemand an seinen Mainzer Kollegen, indem er immer wieder das Wort "Gemeinschaft" förmlich hervorstieß und immer wieder variierte - als wollte er es aus seiner Jugendzeit zu uns hinüberrufen, über die braunen Jahre hinweg, der in der Rede nicht gedacht wurde und die gerade darum um so greller im Gedächtnis der Angesprochenen aufschienen. Was war das? Eine amerikanisierte pfälzische Stimme, die jenen etwas blauäugigen Optimismus verbreitet, der uns mitunter auf die Amerikaner herabblicken läßt? Oder jemand, der aus der deutsch-jüdischen Jugendbewegung und Reformpädagogik der 20er Jahre kommt, aus expressionistischer Gemeinschafts-Zeit, der an einem frühen Ideal festgehalten hat? Oder lebte uns hier jemand vor, was unter Bubers "Dialog des Tuns zwischen Ich und Du" zu verstehen ist? Es war keine versöhnliche Rede, abgründig mitunter der Humor, der Spott auf die Ärzte, das Alter, den Lorbeer... "deinen Vater frag, der dirs melde, deine Alten, sie sprechen dir zu", das hab ich 1972 in Leo Trepps Buch über das Judentum mir angestrichen. Hab ich den jüdischen Gelehrten Leo Trepp richtig verstanden, daß er uns deutsche Zuhörer als gleichgestellte Partner ansprach, uns zu gemeinsamem Tun für eine gemeinsame Sache aufforderte? Vielen sah man nach dieser Rede an, daß sie bewegt waren, und stolz auch, an einer Universität zu arbeiten, der Leo Trepp so aufrüttelnd seine Verbundenheit bekundete.

Ein gelungener Festakt, würdig und doch gar nicht steif, von unserem Präsidenten mit heiterem Ernst moderiert. Ein Dank für die zwei schönen Stunden nach Mainz!

PS 1 Wir wurden auch erwähnt, der Präsident begrüßte die "zahlreich anwesenden Germersheimer", die durch ihre beschwerliche Anreise auch etwas ausdrückten. Was das ist, mußte nicht explizit gesagt werden, der Herr Minister, der Landtagspräsident, die Parlamentarier der vier Parteien und die Kollegen aus Landau-Koblenz haben's auch so mitgekriegt. Und der französische Botschafter verwies auf einen Germersheimer Studiengang mit "Mehrfachabschluß" als seltenes Beispiel wirklich gelungener deutsch-französischer Kooperation. Wer wollt ihm da widersprechen? Nein, da haben sich die Germersheimer gefreut und es mag sie darüber hinweggetröstet haben, daß man den Bus schon so rasch wieder besteigen mußte - während andre in der alten Mainzer Mensa erst so richtig mit dem Feiern begannen.

PS 2 Im Bus nach Mainz und retour wär noch Platz gewesen für den einen oder die andre aus unserem Fachbereich.

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Himmlisch zufrieden?

Ergebnisse einer Umfrage im Fach Chinesisch


Peter Kupfer

Die Abteilung für Chinesische Sprache und Kultur führte bis zum Herbst 1995 unter den 83 Absolvent(inn)en, die bis WS 1994/95 die Diplomprüfung abgelegt hatten, eine anonyme schriftliche Umfrage zu Fakten, Erfahrungen und Beurteilungen bezüglich des Chinesischstudiums am FASK sowie des anschließenden beruflichen Werdeganges durch. Zugleich wurden die statistischen Daten aller Studierenden seit der Einrichtung des Faches im WS 1980/81 erfaßt und ausgewertet. Unter der Einschränkung, daß Chinesisch bis zum WS 1994/95 lediglich als Zweitfachsprache im Studiengang des Diplom-Übersetzers belegt werden konnte, d.h. also, daß alle befragten Absolventen Englisch oder ein anderes Fach als "Hauptstandbein" für ihre berufliche Qualifikation vorzuweisen hatten, ergibt sich aus der Auswertung ein interessantes Gesamtbild der bisherigen Ausbildung von Diplom-Übersetzern für Chinesisch, das teils Erfahrungen und Ergebnisse ähnlicher Umfragen in sinologischen Studiengängen an anderen Universitäten bestätigt, teils aber auch spezifische Tendenzen erkennen läßt. Schließlich - und dies war einer der wesentlichen Beweggründe für die Umfrage - belegt das nunmehr vorliegende Datenmaterial unmißverständlich die Notwendigkeit, endlich Lösungen für die seit anderthalb Jahrzehnten bestehenden Probleme in der Ausbildung und beruflichen Qualifizierung von Chinesisch-Übersetzern zu finden - insbesondere auch im Hinblick auf die neue Option, Chinesisch als Erstfachsprache studieren zu können. Da ein Teil der Absolventen nicht oder nur auf Umwegen brieflich erreichbar war und etliche Rückläufe verspätet eintrafen, konnte eine endgültige Auswertung der Umfrage erst zum Jahresende 1995 vorgenommen werden. Von den verschickten 83 Fragebögen sind insgesamt 40 (= 48,2 %) ausgefüllt zurückgekommen. Nachstehend werden die aufschlußreichsten Resultate aus dieser 19 Rubriken umfassenden Umfrage zusammen mit den allgemeinen statistischen Daten im Fach Chinesisch zusammengefaßt.

Seit ihrer Gründung 1980 bis zum Abschluß der Erfassung im Frühjahr 1996 haben sich insgesamt 345 Studierende in unserer Abteilung eingeschrieben. Im selben Zeitraum sind 185 Abmeldungen erfolgt. Bis einschließlich SS 1995 haben davon 128 die Vorprüfung und 87 die Diplomprüfung abgelegt. Um die Mitte der achtziger Jahre verzeichnete das Fach Chinesisch eine rapide Zunahme der Studierendenzahl. Der Höhepunkt wurde im WS 1988/89 mit 165 erreicht, wobei sich zu der Zeit noch knapp zwei Dutzend zu einem Studienaufenthalt in China befanden. Nach der blutigen Unterdrückung der Demokratiebewegung in China ab Juni 1989 sank die Zahl fast ebenso rasch wieder - übrigens ein bundes- und weltweiter Trend -, so daß unsere Abteilung momentan nur noch 70 Studierende umfaßt. Etwa jeder Zehnte belegt Chinesisch als drittes Fach. Was die Erstsemesterzahlen anbetrifft, so wurden im WS 86/87 mit 67 am meisten registriert, während sich in den vergangenen beiden Wintersemestern nur 17 bzw. 16 gemeldet haben.

Der hohe Anteil der Abmeldungen und die starke Reduzierung der Teilnehmer an der Diplomprüfung im Verhältnis zu den Vorprüfungsteilnehmern bestätigt die schon seit Jahren zu beobachtende Tatsache einer relativ hohen Abbruchquote im Fach Chinesisch, was sicher an den unvergleichlich höheren Anforderungen an den einzelnen beim Erlernen einer nicht zu Unrecht als sehr schwierig geltenden Fremdsprache mit dem kompliziertesten Schriftsystem der Welt und mit einer dreitausendjährigen autonomen Geschichts- und Kulturentwicklung ohne jegliche Vorkenntnisse liegt. Nur jeder vierte Studienanfänger erreicht demnach das Ziel des Diplomabschlusses. Im Durchschnitt werden bis zur Vorprüfung 5,1 Semester, bis zum Diplom 12,7 Semester benötigt (Unter den 40 Umfrageteilnehmern wurden sogar 13,2 Semester erreicht). Eine signifikante Häufung ist bei 11-15 Semestern zu finden, und die längste Studiendauer liegt bei 19 Semestern. Die Regelstudienzeit von 8 Semestern haben bisher nur drei Absolventen eingehalten, und dies auch nur, weil sie vor ihrem Studium in Germersheim bereits anderweitig eine sinologische Grundlage erworben hatten.

Von den 40 Absolventen, die den Fragebogen ausgefüllt haben, sind genau 80 % (32) weiblich und 20 % (8) männlich. Das Durchschnittsalter bei Studienbeginn betrug 21 Jahre und bei Studienabschluß 27,3 Jahre, wobei die Männer sich deutlich mehr Zeit für das Studium nehmen (14,2 Semester) als die Frauen (11,8 Semester).

Die gelegentlich geäußerte Vermutung, daß Chinesisch gern als Ausweichstudium anstelle der Numerus-clausus-Fächer gewählt wird, bestätigt sich nicht bei der Betrachtung der jeweils belegten Erstfächer. Der Löwenanteil fällt auf Englisch (31). Mit Abstand folgen Italienisch (4), Französisch (2), Spanisch (2) und Russisch (1).

Nur 9 dieser Absolventen hatten vor ihrem Studium am FASK Gelegenheit, sich minimale (zwei Monate Hongkong) bis eingehende Kenntnisse (bis 7 Semester Sinologie) der chinesischen Sprache und Kultur anzueignen. Insgesamt hatte ein Drittel (13) zuvor eine berufliche Ausbildung begonnen bzw. absolviert (außer Sinologie Fremdsprachensekretärin, Diplomvolkswirt, Sozialpädagogik, Bank- bzw. Bürokauffrau, Energietechnik, Anglistik, Germanistik und Romanistik). Nach der Germersheimer Diplomprüfung haben 11 noch eine weitere berufliche Qualifikation erworben bzw. ein zusätzliches Studium begonnen (Internationales Marketing, Lehramt, Diplom-Sprachenlehrerin, Export-Sachbearbeiterin, Speditionskaufmann, Wirtschaftswissenschaften und Zusatzstudium in Germersheim).

Allen pessimistischen Prognosen zum Trotz haben nur 25 % (10) unserer Absolventen beruflich nichts mehr mit China/Chinesisch zu tun. 40 % (16) sind gelegentlich und 35 % (14) ständig im Chinageschäft involviert. Von den letzteren arbeitet ein Teil in Firmenrepräsentanzen in China. Die Mehrzahl der Absolventen ist in einem Unternehmen tätig (30) bzw. in Behörden und Organisationen (5), in Übersetzungsbüros (3), an einer Universität (1), als Sprachlehrer(in) (1), in Aushilfsjobs (2) und gleichzeitig oder ausschließlich als freie(r) Übersetzer(in)/Dolmetscher(in) (10). Interessant ist die Feststellung, daß in der freiberuflichen Tätigkeit nur selten oder nie Aufträge in Verbindung mit Chinesisch anfallen. Was den beruflichen Status betrifft, so findet sich folgende Verteilung (z.T. mit Mehrfachnennung): angestellt: 27, weiteres Studium/Umschulung/Weiterbildung: 8, freiberuflich/selbständig: 8, verbeamtet: 1, erwerbslos (mit gleichzeitiger Anmerkung "freiberuflich tätig"): 1.

Nach ihren Gründen zur Aufnahme des Chinesischstudiums befragt, antworteten die meisten mit dem Interesse an der chinesischen Sprache und Kultur (13). Mehr als einmal genannt wurden außerdem die Erwartung guter beruflicher Perspektiven im Zuge des wirtschaftlichen Aufschwunges Chinas (11), der exotische Reiz einer außereuropäischen Sprache (10), ein allgemeines Interesse an Asien (3) und schließlich auch der Zufall (2).

Bezüglich der Interessenschwerpunkte während des Studiums standen der Spracherwerb (13) und das Interesse am modernen China (7) im Vordergrund. Mehrfache speziellere Angaben beziehen sich zudem auf die wirtschaftliche Entwicklung der VRCh (6), die chinesische Literatur (5), fachsprachliche Übersetzung (5) und kulturell-landeskundliche Themen (4).

Beim Thema Aufenthalte in China (VR China, Taiwan, Hongkong) ergaben sich folgende Antworten: Nur ein(e) Studierende(r) war nie in China. Zwei hatten schon vor dem Studium eine kürzere Chinareise unternommen. 38, also nahezu alle, waren während ihres Germersheimer Studiums mit einer Aufenthaltsdauer von drei Wochen bis drei Jahren (Durchschnitt: 1,5 Jahre) fast ausschließlich zu Studienzwecken in verschiedenen Landesteilen. Nach dem Studium reisten 23 Absolvent(inn)en nach China, sei es als Tourist mit einer Verweildauer von bis zu drei Monaten (14) oder aus beruflichen (7) oder sonstigen Gründen, wobei Aufenthalte zwischen wenigen Wochen und einigen Jahren wahrgenommen wurden.

Die persönliche Einschätzung des Lehrveranstaltungsangebots an unserer Abteilung erfolgte anhand einer fünfteiligen Skala, wobei das Prädikat "sehr gut" nicht angekreuzt wurde. Für "gut" entschieden sich 20 Absolvent(inn)en (= 50 %), für "mittelmäßig" 16 (= 40 %), für "weniger gut" 2 (= 5 %) und für "mangelhaft" ebenfalls 2 (= 5 %). Erkennbar ist eine bessere Beurteilung in der ersten Hälfte der neunziger Jahre im Vergleich zu den achtziger Jahren, als unsere Abteilung aufgrund der ungenügenden Personal- und Sachausstattung bei gleichzeitiger Kapazitätsüberlastung noch größere Lücken im Lehrangebot aufzuweisen hatte, die später weitgehend behoben werden konnten. Befragt nach der Nützlichkeit ihres Chinesischstudiums für die berufliche Tätigkeit antworteten 13 (= 32,5 %) Absolvent(inn)en mit "ja", 16 (= 40 %) mit "nur bedingt" und 10 (= 25 %) mit "nein", wobei allerdings unter den letzten beiden Gruppen 9 bzw. 8 beruflich nichts oder nur beschränkt mit China/Chinesisch zu tun haben. Auf einem Fragebogen stand anstelle einer Antwort die Anmerkung "noch nicht".

Auf die Frage, was während des Studiums am meisten vermißt wurde, stand der Wunsch nach mehr beruflicher Praxisbezogenheit mit 23 diesbezüglichen Angaben im Vordergrund. In diesem Zusammenhang wurden u.a. angeführt: mehr Wirtschaftskorrespondenz und Vertragstexte, mehr Information zu Berufschancen, mehr Vermittlung chinarelevanter wirtschaftlicher Zusammenhänge, mehr Information zur Rechts- und Marktlage in China und mehr praxisorientierte Übersetzungen. 10 Umfrageteilnehmer plädierten für mehr Praxisbezogenheit in der sprachlichen Ausbildung im Sinne eines stärker betonten Hörverständnis- und Sprechtrainings, 8 für ein erweitertes Angebot im Bereich der Fachübersetzungen und 5 für mehr Übersetzungswissenschaft und freiere Übersetzungsübungen. Die Einrichtung von Chinesisch als Erstfach (inzwischen realisiert) und damit ein größeres Gewicht für Übersetzungsübungen ins Chinesische wünschten sich 8 und die Möglichkeit der Dolmetscherausbildung immerhin auch 4 Interessenten. Vereinzelt wurde Kritik an der unsteten Personalsituation (3) bzw. an der fehlenden Motivation der Lehrkräfte (2) geübt. Darüber hinaus wurden noch eine Reihe von positiven und negativen Punkten sowie Vorschlägen jeweils einmal genannt.

Ungeachtet der befriedigenden Karriere der Mehrzahl unserer ehemaligen Studierenden werden die beruflichen Chancen für künftige Diplomabsolvent(inn)en des Chinesischen nicht sehr optimistisch eingeschätzt: Nur 2 (= 5 %) antworten mit "sehr gut", 8 (= 20 %) mit "gut", 17 (= 42,5 %) mit "mittelmäßig" und 19 (= 47,5 %) mit "nicht gut". (Doppelmarkierungen waren möglich.) Für die Prognose "sehr schlecht" wollte sich jedoch niemand entscheiden.

Interessant für unsere künftigen Absolvent(inn)en, wenn auch stark abhängig von aktuellen Entwicklungsschwankungen, dürften die von den Ehemaligen angeführten Empfehlungen in bezug auf Bewerbung, fachliche Spezialisierung und Zusatzqualifikation sein. 28 von ihnen halten eine Zusatzqualifikation zur Sprachkompetenz für absolut notwendig. Als Beispiele werden angeführt (geordnet nach der Häufigkeit der Nennung): BWL, EDV, Jura, Technik, Vertragsrecht, Marketing, Ingenieurwesen, kaufmännische Ausbildung oder Lehrtätigkeit. Für das Vorgehen bei Bewerbungen wird mehrmals (6) geraten, auch dann diesen Schritt zu wagen, wenn man sich der eigenen Qualifikation noch nicht so sicher ist. Selbstbewußtes Auftreten und die Überzeugung, daß man mit den Anforderungen hinzulernt, werden als sehr wichtig eingeschätzt. Weitere, mehr als einmal geäußerte Ratschläge sind: Sammeln von Berufserfahrung während der Semesterferien, Bereitschaft zum Dolmetschen, Erfahrung durch Auslandsaufenthalte, keine ausschließliche Ausrichtung auf Chinesisch, praxisbezogenes Diplomarbeitsthema und intensivere Nutzung des Angebots an fachsprachlichen Übersetzungsübungen.

Bis zum WS 95/96 haben 25 Absolvent(inn)en eine Diplomarbeit in ihrer Zweitfachsprache Chinesisch angefertigt. Dabei wurden folgende Themenbereiche bearbeitet: moderne Literatur (8), Wirtschaft der VRCh (5), Umweltschutz (3), Linguistik/Terminologie (2), Tourismus (1), Städtepartnerschaften (1), Geburtenplanung (1), Frauen (1), Christentum (1), Kaiserreich (1) und Republik (1).


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Note 1 für Angewandte Menschlichkeit

"Freude teilen und Enttäuschungen schonend vermitteln"

Alltag im Prüfungsamt

Das Team: Ursula Czerni, Roswitha Vogler, Sylvia Götz, Günter Iller **

Das Motto: Für die Studierenden da sein.

FAX: Verwaltungsangestellte im Prüfungsamt - was beinhaltet das?

C+V: Zunächst einmal heißt es, alles rund um die Prüfungen zu organisieren. Und Seelsorger muß man sein.

FAX: Es ist bestimmt nicht einfach, jemandem mitzuteilen, daß er oder sie eine Prüfung - unter Umständen endgültig - nicht bestanden hat. Wie gehen Sie das an? Wird man als Angestellte im Prüfungsamt besonders darin geschult?

C+V: Dafür gibt es kein Patentrezept. Man hat's oder man hat's nicht. Wir gucken den Leuten in die Augen, nehmen uns Zeit für sie und bieten zum Trost auch mal eine Tasse Kaffee an. Wir zeigen andere Wege auf - IHK, eine andere Uni, was halt im Einzelfall angebracht wäre -, versuchen klarzumachen, daß es trotzdem weitergeht, suchen gemeinsam nach einer Lösung.

FAX: Was sind die typischen Reaktionen?

C+V: Zuerst einmal unterscheiden sich die Reaktionen je nachdem, ob die Studentin / der Student gerade die Vorprüfung oder aber die Diplomprüfung endgültig nicht bestanden hat. Es ist eindeutig schlimmer, im Diplom zum dritten Mal durchzufallen, obwohl die unmittelbare Konsequenz an und für sich dieselbe ist. Ansonsten sind die Reaktionen individuell unterschiedlich. Viele fassen sich. Manche haben's geahnt. Andere sind fassungslos, am Boden zerstört. Wieder andere sagen: Ich kämpfe.

FAX: Reagieren Männer und Frauen anders?

C+V: Nein - oder doch - wir haben nie einen Mann hier weinen sehen. Anscheinend werden Jungs immer noch dazu erzogen, ihre Gefühle nicht zu zeigen. Sie fassen sich wohl, bis sie alleine sind.

FAX: Trauern Sie mit?

C+V: Auf jeden Fall. Hier bei uns ist das ein Wechselbad der Gefühle. Von himmelhochjauchzend bis zu Tode betrübt - manchmal im Minutentakt. Der eine führt Freudentänze auf und möchte uns umarmen, der nächste ist erschüttert und braucht Trost.

FAX: In der Antike hat man den Überbringer schlechter Nachrichten getötet. Mußten Sie auch schon Ähnliches befürchten?

C+V: Die meisten wissen, daß wir eine neutrale Instanz sind. Manche lassen ihren Unmut an uns aus, aber - auch wenn sie uns manchmal verfluchen, wir lieben unsere Studenten!

FAX: Was tun Sie, wenn es massive Proteste über einen Dozenten gibt? Kommt das vor?

C+V: Das kommt vor. Wir greifen in solchen Fällen nicht ein, sind dazu auch gar nicht befugt. Was wir tun können ist, die verfeindeten Parteien dazu anzuregen, in Anwesenheit eines Dritten miteinander zu reden und nicht direkt zum Rechtsanwalt zu rennen. Das geht eigentlich immer gut aus.

FAX: Wird das überhaupt gewürdigt?

C+V: Doch, manchmal, wir bekommen oft schöne Briefe mit einem netten Dankeschön, wie diesen hier...

FAX: "Freude teilen und Enttäuschungen schonend vermitteln" - schön gesagt, das wird zitiert! Was ist mit den vielen kleinen Blumengestecken und Postkarten hier im Prüfungsamt - auch von Ehemaligen?

C+V: Ja. Dieses hier zum Beispiel bekamen wir von einer Studentin, die im Diplom durchgefallen ist. Als sie das hörte, hat sie ganz furchtbar geheult und war wirklich sehr durcheinander. Dann stellte sich im Gespräch heraus, daß sie ein Kind erwartete. Sie wußte weder ein noch aus. Wir haben ihr zugeredet, sich auf die Wiederholungsprüfung gut vorzubereiten - vielleicht schaffen wir es noch vor der Geburt. Daraufhin hat sie die Prüfung nochmal gemacht. Kurz danach besuchte sie uns hier mit ihrem Kind, um ihr Diplom abzuholen und überreichte uns dieses kleine Geschenk.

FAX: Was bieten Sie sonst noch für einen Service?

C+V: Ein bißchen Seelenmassage gehört mit zum Job. Ansonsten haben wir auch schon mal Studenten per Telefon aus dem Bett geholt, die ihre Prüfung sonst verschlafen hätten. Wir merken das, wenn der zugewiesene Platz leerbleibt. So verpassen sie vielleicht eine halbe Stunde, aber das ist ja besser als ganz durchzufallen.

FAX: Wie kann man Ihnen die Arbeit erleichtern?

C+V: Gut, daß Sie das fragen. Wir haben nämlich eine ganz große Bitte an die Studierenden, die man vielleicht durch FAX weitervermitteln könnte - und zwar folgende: Unsere heißen Zeiten sind die Prüfungs- und Anmeldetermine. Wir bekommen immer mehr Anmeldungen und die Schlangen, die sich vor der Tür bilden, werden immer länger. Vor der Anmeldung bekommt jeder Student ein Merkblatt, auf dem die Anmeldeunterlagen aufgelistet sind. Es wird auch mündlich nochmal extra darauf hingewiesen. Trotzdem kommt es sehr oft vor, daß Studenten mit unvollständigen Unterlagen kommen oder stundenlang in der falschen Schlange stehen. Einige gehen dann nicht kurz raus, um die Unterlagen richtig auszufüllen, sondern bleiben hier drin und halten den Betrieb auf. Vor kurzem haben sich ein paar Studenten gemeldet, die Verbesserungsvorschläge anbringen wollten, wie man das anders handhaben könnte. Genau die hatten unvollständige Unterlagen. Andere wiederum wollen dann unbedingt, daß man für sie eine Ausnahme macht. "Ich will doch nur ..." heißt es dann, "Ich habe meine Gründe". Wir werden nicht selten beschimpft. Wir möchten für etwas mehr Verständnis seitens der Studenten plädieren, und sie sollen bitte bitte dafür sorgen, daß ihre Unterlagen zum Anmeldetermin vollständig und leserlich sind.

FAX: Was ist Ihr größter Alptraum?

C+V: Pro Prüfungstermin müssen wir ungefähr 500 verschiedene Texte bereitlegen, die Schreibblätter packen, Prüfungsnummern zuteilen, "Tische decken" im Audimax und so weiter. Am ersten Prüfungstag ist es immer spannend - wir warten nur darauf, daß einer aufsteht und sagt "Ich habe den falschen Text!". Zum Glück kommt das so gut wie nie vor.

FAX: Sie beide sind direkt aus Germersheim bzw. der Gegend. Wie wird die Uni von den "echten" Germersheimern angesehen? Sagt man immer noch "Sprachschule" dazu?

C+V: Die Germersheimer sind stolz auf ihre Uni. Durch die Uni ist Germersheim in der ganzen Bundesrepublik zu einem Begriff geworden. Viele in der Stadt leben von (und mit) den Studenten. Früher - von 1947 bis 1967 - hat man vom "ADI" gesprochen - Auslands- und Dolmetschinstitut. Jetzt sagen alle "Uni" dazu.

FAX: Frau Czerni, Frau Vogler - danke für dieses Gespräch (und den vorzüglichen Kaffee)!

** FAX sprach mit Frau Czerni und Frau Vogler

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Wir gratulieren:

Frau Ursula Czerni
feierte am 1. Juni 1996
ihr zehnjähriges Dienstjubiläum.


Soziale Marktwirtschaft als Weg nach Europa?

Notizen von einer Konferenz von Wirtschaftspolitikern in Tallinn vom 7.-11. Mai 1996 über das künftige Verhältnis Ostmitteleuropas zur Europäischen Union

Rolf Mikus

Germersheimer Dolmetscher und Übersetzer treffe ich überall, und sie sind sehr gut, und ich freue mich, endlich einen Vertreter dieses berühmten Spracheninstituts kennenzulernen". So leitete Henri Ménudier, der bekannte, an der Sorbonne lehrende Schüler von Alfred Grosser unser Kennenlernen ein, als wir uns beim vierten von der Aktionsgemeinschaft Soziale Marktwirtschaft veranstalteten "Alfred-Müller-Armack-Symposion" in einem Tagungszentrum nahe der estnischen Hauptstadt Tallinn einander vorstellten. Er erfreute mich mit dieser Klarstellung unseres fachlichen Ranges allerdings erst am vierten Konferenztag, weil er, wie es sich für gefragte Leute gehört, erst dann eintraf, um als einer von mehreren prominenten Diskutanten (neben z.B. Peter Schmidhuber von der Bundesbank und einigen estnischen Ministern) an der den Kongreß krönenden Podiumsdiskussion zu seinem weitgespannten Generalthema "Soziale Marktwirtschaft - Weg nach Europa" teilzunehmen. Ich unbekannter Dozent hingegen war eingeladen, mich am gesamten Tagungsprogramm zu beteiligen, nachdem ich in jüngerer Zeit einige Beiträge zu der Thematik verfaßt hatte, die an praktisch allen Konferenztagen unter unterschiedlichen Aspekten immer neu zur Debatte stand, nämlich zur Wirtschaftsordnungsproblematik der EU. Da speziell die Wirtschaftsordnungen der mittel- und osteuropäischen Reformstaaten im Hinblick auf die europäische Integration (Untertitel des Tagungsthemas) thematisiert werden sollten, hatten die Veranstalter die Tagung in Zusammenarbeit mit dem Europa-Institut der estnischen Universität Tartu/Dorpat nach Estland verlegt - und damit von vornherein eine gewisse Anschaulichkeit der realen Dramatik diverser ökonomischer Probleme dieses Reformstaates sichergestellt.

Ménudier zeigte im übrigen bei dieser Podiumsdiskussion, daß er keineswegs primär zum Verteilen von Streicheleinheiten angereist war. Mit Brillanz, Charme und Schärfe stritt er in einem glänzenden Deutsch (!) für die Verwirklichung eines supranationalen europäischen Staates: Supranationalität sei die wirklich revolutionäre mit dem Schuman-Plan aufkommende Idee, ohne deren Umsetzung aus Europa nicht viel werden könne. Ganz anders dagegen Oxfords Star-Historiker Norman Stone: Er forderte die Deutschen dazu auf, es endlich "zu wagen, Deutsche zu sein". Nach ihm ist ein wohldosierter Nationalismus eine positive Kraft, die nicht nur Entscheidendes zum Sturz des Kommunismus beigetragen hat, sondern auch in Zukunft noch zum Nutzen Gesamteuropas eingesetzt werden kann und muß... Da war Spannung, Zündstoff, ja Explosivstoff "pur" im Raum, der abendliche Empfang beim Minister begann verspätet und gewann unerwartete Bedeutung vor allem als Sedativum nach der aufgeheizten Nachmittagsstimmung.

Von diesem Nachmittag abgesehen konzentrierte sich die Tagung freilich auf die streng fach-ökonomische Behandlung des vorstehend genannten Generalthemas unter drei Aspekten:

Da gab es viele interessante Anwendungen theoretischer Versatzstücke der Ökonomen auf Probleme der praktischen Politik - gedacht nicht zuletzt als Denkanstöße für die inzwischen angelaufene EU-Regierungs-konferenz zur Überprüfung des Maastricht-Vertrages. Von besonderer Bedeutung erscheint mir im nachhinein aber eine allgemeine Grundeinsicht, die sich ab einem gewissen Punkt unabweisbar und quasi indirekt aus den Vorträgen und Arbeitskreisen ergab: Einen Großteil der Hindernisse für einen EU-Beitritt der Reformstaaten hat die Europäische Union selbst aufgebaut: Sie hat Bedingungen formuliert, deren vorbehaltlose Erfüllung durch die Reformstaaten in mehrfacher Hinsicht problematisch wäre. Von daher erscheint es nicht unbillig zu verlangen, daß sie selbst diese Bedingungen revidiert bzw. fallenläßt.

Es geht hier insbesondere um die Forderung, die Reformstaaten sollten möglichst uneingeschränkt die ordnungspolitischen Prinzipien und die wirtschaftspolitische (Interventions-)Gesetzgebung der EU übernehmen. Das ist für die Länder Osteuropas z. T. einfach zu teuer - im Bereich der Sozialpolitik etwa, aber auch beim Aufbau der diversen Regulierungs- bzw. Überwachungsmechanismen in der Landwirtschaft, beim Verbraucher-schutz u. dergl. Außerdem betreiben einige Reformstaaten, an vorderer Stelle z. B. Estland, eine konsequenter an den Prinzipien von Marktwirtschaft und Wettbewerb orientierte Wirtschaftspolitik als die EU-Staaten (und sind damit erfolgreich!), so daß etwa im Fall Estlands die Wiedereinführung von Außenhandelsbarrieren (es gibt sie so gut wie nicht mehr) oder auch die Einführung binnenwirtschaftlicher Wettbewerbsbeschränkungen (etwa durch EG-Marktordnungen) erforderlich würde, woraus für sich genommen zweifelhafte langfristige Effizienz- und Wohlstandswirkungen für die estnische Wirtschaft zu erwarten wären (deren baldige Kompensation durch die Zugehörigkeit zum großen EU-Binnenmarkt zweifelhaft sein dürfte). Und schließlich erscheint ein Großteil der heute bestehenden EU-Wirtschaftsordnung keineswegs unumstritten und für alle Zeit fest etabliert: Unter dem Druck der Argumente der Ökonomen und der wachsenden Krisenbereiche scheint das ordnungspolitische Umdenken innerhalb des EU-Klubs stärker voranzukommen als lange vermutet - sollen da die Reformländer heute die teuren Sozialbeihilfen, die Subventionen und Marktordnungen einführen, von denen sie außer Kosten nur negative Wachstumswirkungen erwarten und die sie morgen nach Abschluß der EU-Regierungskonferenz in Turin oder sonstwo ohnehin vielleicht wieder ändern oder abschaffen würden?

Nein, so meinten nicht wenige Diskussionsredner, angesichts solcher Fragwürdigkeiten sei nicht einzusehen, wieso man Mittel- und Osteuropa nicht ähnliche Übergangregelungen im Wirtschafts- und Sozialbereich zugestehen könne wie früher den "ärmeren" Beitrittsländern in West- und Südeuropa. Dann könne man die politische EU-Vollmitgliedschaft der Reformstaaten relativ rasch verwirklichen - so man sie denn wirklich wolle!

Und damit war wohl der eigentlich kritische Punkt des gesamten Problems erreicht: Wollen die EU-Europäer den Beitritt der Ostmitteleuropäer überhaupt? Oder sind die bisher von Brüssel genannten Beitrittshindernisse weithin nur vorgeschobene Argumente? Ist man vielleicht sogar froh, daß die Osteuropäer die EU-Richtlinien und -Verordnungen nicht in Bausch und Bogen übernehmen wollen? Fürchten manche EU-Länder in Wirklichkeit vor allem um ihre Mittellzuflüsse aus den Kohäsions- und sonstigen Strukturfonds bzw. -Programmen der EU, wenn noch mehr Netto-Empfängerländer dazukommen? Fürchten andere in Wahrheit die niedrigen Arbeitskosten und Sozialbelastungen neuer EU-Mitglieder im Osten?

Wenn solche "Verdachtsmomente" auch nur zum Teil zutreffen, ist offenkundig, wohin die EU eine umverteilende, subventionierende und regulierende Interventionspolitik bereits geführt hat, wie sehr aus einer für alle Europäer offenen Gemeinschaft bereits eine geschlossene, sich nach außen abschirmende Gesellschaft geworden ist...

Und es wäre vielleicht nicht nur ein politisch-kulturhistorischer Skandal, die Reformländer "draußen" halten zu wollen. Der wäre es zweifellos auch. Denn wer durch Tallinn/Reval geht, wer den Barockschmuck und die gotischen Bögen seiner Kirchen und Gildehäuser bestaunt, erlebt plötzlich, daß er da mitten in Europa ist. Aber von derlei Wahrnehmungen abgesehen, wäre eine Ausschlußpolitik auf mittlere Sicht politisch wie ökonomisch vielleicht auch töricht. Denn bei allen Schwierigkeiten und bedeutsamen Unterschieden im einzelnen deutet manches darauf hin, daß sich diese Länder in ihrer Mehrheit ökonomisch in einem grundsätzlichen Sinne "auf dem aufsteigenden Ast" befinden (Estland gilt z. B. der Weltbank bereits als eines der besten Anlageländer der Welt). Könnte es nicht sein, daß die von immer neuen Eurosklerose-Anfällen heimgesuchten Westeuropäer in ein bis zwei Jahrzehnten über osteuropäische "Wirtschafts-lokomotiven" froh wären?

Über solches und noch mehr wurde in Tallinn gesprochen, übrigens fast ausnahmslos in deutscher Sprache (nur zwei Redner bedienten sich des Englischen). Ob die vielen hochkarätigen Beiträge bis Turin zu hören waren? - Bis Germersheim jedenfalls sollte m. E. die Bewußtmachung der Probleme und der wachsenden Bedeutung Ostmitteleuropas Resonanz finden; hier könnte die Auferstehung dieses Teils Europas u. U. im eigenen Interesse auch auf ihre Bedeutung für die mittelfristige "Sprach- und Kulturpolitik" des Fachbereichs durchdacht werden. Und dem kulturwissenschaftlichen wie sozialwissenschaftlich-inter-disziplinären Anspruch Germersheims dürfte es zustatten kommen, beim Themenbereich "Europa" auch künftig durch Beiträge und Veranstaltungen kompetent vertreten zu sein. Etwas fürs coffee table talk an unserem Fachbereich?

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Landkarte von Estland

Lektüretip

... nicht nur für Tallinn-Reisende


CLEVER

Eine neue bibliographische Datenbank für die Uni

Sigrid Kupsch-Losereit

Der Wunsch, Informationen in WWW zu verbreiten, erwächst spätestens, wenn das Portrait des Kollegen oder eines Instituts von der uni-eigenen Home-Page herabstrahlt. Nun eröffnet die Universitätsbibliothek Mainz die Möglichkeit, bibliographisch nicht nur auf ihre Bestände zuzugreifen, sondern auch auf die Publikationen einzelner Fachbereiche, Institute und Hochschullehrer. Sie errichtete die bibliographische Datenbank CLEVER (Clearinghouse für elektronische Veröffentlichungen), die hauseigene Publikationen erfaßt und auch abstracts mitenthält. Natürlich ist jeder einzelne Forscher selbst für die Angaben verantwortlich, die in dieser Datenbank unter seinem Namen aufscheinen. Zusätzlich kann zu jeder Angabe der Volltext der Einzelpublikation (in ASCII-Format) eingegeben werden, so daß das gesamte Dokument im Internet aufgerufen werden kann (Doppelklick auf die bibliographische Angabe genügt!). Für den Leser ist die elektronische Veröffentlichung insofern von Nutzen, als er über einen Hyperlink direkt auf die jeweiligen Veröffentlichungen zugreifen kann. Der Ablauf einer Datenbankrecherche in CLEVER ähnelt dem einer Recherche im Online-Katalog der UB. Aufgerufen wird in WWW die Home-Page der UB:

http://www.ub.uni-mainz.de

Von dort aus klickt man Clever an. Der Benutzer wird dann entscheiden, wonach er weiter suchen will: nach Verfasser, Titel, Jahr, Dokumenttyp, Fachbereich, Institut, Forschungszentren etc. Er wird ersehen können, was bereits bibliographisch und eventuell sogar als Text erfaßt ist. Dieser neue Informationsdienst steht jedem wissenschaftlichen Anwender kostenlos zur Verfügung und erlaubt den schnellen und bequemen Zugriff auf elektronische Veröffentlichungen der Universitätsangehörigen.

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Hispanistentreffen der Spanischen Botschaft

Matthias Perl / Klaus Pörtl

Vom 16. bis 18. Mai fand auf Schloß Rauischholzhausen bei Marburg/Lahn das traditionelle Treffen der Hispanisten der deutschen Universitäten statt. Gastgeber war die Spanische Botschaft in Zusammenarbeit mit der Universität Gießen.

Der Botschafter Spaniens konnte ca. 50 Fachvertreter von 26 Universitäten begrüßen, die über die Situation der Hispanistik und der Spanischausbildung an ihren Hochschulen berichteten.

Zur Eröffnung der Tagung wurden die von der Botschaft gestifteten zwei Preise für die besten literarischen Ubersetzungen überreicht. Die Germersheimer Spanischabsolventin Melanie Pollmann aus Düsseldorf erhielt einen der begehrten Preise.

Nach einer Lesung des spanischen Schriftstellers Manuel Vazquez Montalban berichteten die Fachvertreter. Dabei wurde deutlich, daß an vielen Universitäten bereits heute die Hispanistik und das Studium des Spanischen zweitwichtigste Philologie nach dem Englischen ist. Hier hat sich in den letzten Jahren eine Veränderung der bisherigen Situation ergeben, die einmal im Zusammenhang mit der hohen Sprecherzahl des Spanischen (über 300 Millionen), der weiten Verbreitung in der Welt (23 Länder) und nicht zuletzt mit der literarischen Produktion zu sehen ist.

Auch die traditionelle, bereits auf das 19. Jahrhundert zurückgehende, Verteilung der Fremdsprachen in der Schule erfährt gegenwärtig eine Veränderung.

Die Eigenständigkeit der romanischen Sprachen setzt sich unaufhaltsam fort, da bereits an vielen Universitäten das Spanischstudium völlig unabhängig vom Studium einer anderen romanischen Sprache organisiert ist und Hispanistik und Lateinamerikanistik eigene Fachgebiete darstellen, eine Entwicklung, die es für das Englische bei der Trennung von Anglistik und Amerikanistik schon vor mehreren Jahren gegeben hat.

Die Universität Mainz zählt mit ca. 720 Spanischstudenten in Germersheim und 350 in Mainz zu den Zentren der deutschen Hispanistik. Auf Schloß Rauischholzhausen konnten die Professoren Geisler, Janik, Perl und Pörtl über Lehre und Forschung auf den Gebieten Hispanistik und Lateinamerikanistik in Mainz und Germersheim berichten.

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Reise zu den Phäaken

Hans Ruge

Am 16. und 17. Mai besuchte ich unsere Partneruniversität Ionio Panepistimio auf Korfu (griechisch Kerkyra). Der dortige Professor für Germanistik Dr. Hans-Bernhard Schlumm hatte mich eingeladen, über Germersheim zu berichten und einen Vortrag zu halten. Begrüßt und bewirtet wurde ich vom Vorsitzenden (Proedros) des Fachbereichs Fremdsprachen, Übersetzen und Dolmetschen, Herrn Prof. Ioannis Mazis und von Herrn Prof. Dr. Giorgos Kentrotis. Letzterer überreichte mir zwei seiner veröffentlichten Übersetzungen aus Werken von Musil und Hofmannsthal.

Frau Jodie Morgan (Englisch) und Frau Gudrun Rohr (Deutsch) erlaubten mir, ihrem Unterricht im Simultandolmetschen beizuwohnen. Sie machten auf mich den Eindruck, hochqualifizierte Lehrkräfte zu sein.

Der Fachbereich befindet sich in einem Prachtgebäude, benannt nach dem ersten Präsidenten des neuen griechischen Staates, Ioannis Kapodistrias (1827-1831), der auf Korfu geboren wurde. Die Aussicht über das Meer hinüber zum griechischen Festland und, etwas weiter entfernt, auf Albanien ist großartig.

Korfu wurde zusammen mit den anderen ionischen Inseln am 21. Mai 1864 von England an Griechenland abgetreten. Im Altertum wurde die Insel als Heimat der Phäaken betrachtet, wo Odysseus gastfreundliche Zuflucht fand.

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Redaktionelles

Personalien

Wir gratulieren:

Univ.-Prof. Dr. Martin Forstner
wurde am 24. Mai 1996 auf der Mitgliederversammlung der C.I.U.T.I.
zum Präsidenten dieser Organisation gewählt.

vgl. auch Dienstjubiläum im Prüfungsamt


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Gäste aus Partnerinstituten

Im Rahmen des Partnerschaftsvertrages unserer Universität mit der Universität Warschau besucht der Direktor des Instituts für Angewandte Sprachwissenschaft der Universität Warschau, Prof. Dr. Franciszek Grucza am 11. und 12. Juni unseren Fachbereich. An seinem Institut, gewissermaßen das polnische Pendant des FB 23 und bislang einziges seiner Art in Polen, werden Dolmetscher und Übersetzer für Englisch, Deutsch, Französisch und Russisch ausgebildet. Eine ganze Reihe von Deutsch-Studenten dieses Instituts kommen im Rahmen von DAAD-Stipendien nach Germersheim.

Prof. Grucza, Professor für Allgemeine und Angewandte Sprachwissenschaft, Translatologe, Germanist, wird am 11. und 12. Juni 1996 in Germersheim zwei Vorträge halten - siehe dazu Vorträge und Veranstaltungen.

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Neue Kolleginnen/Kollegen am Fachbereich
Foto

Isabella Gusenburger

( Abteilung Polnisch)

Im Rahmen der Modularisierung der Germersheimer Studiengänge wird an der Abteilung Polnisch, wo bekanntlich nur Übersetzer ausgebildet werden, künftig ein Zusatz-Modul "Konferenz-dolmetschen für Übersetzer" angeboten. Ausschlaggebend für diesen Schritt war die Tatsache, daß ein Polnisch-Übersetzer in der Berufspraxis meist auch dolmetschen muß, und dafür reicht die Ausbildung im Verhandlungsdolmetschen nicht aus. Deshalb hat mit Beginn des Sommersemesters Isabella Gusenburger die Ausbildung im Konferenzdolmetschen übernommen, die auf vier Semester mit jeweils 2 SWS angelegt ist.

Frau Gusenburger ist Absolventin von Saarbrücken und Germersheim: 1991 legte sie die Prüfung als Diplom-Übersetzerin für Spanisch und Russisch in Saarbrücken ab, dem folgten 1992 in Germersheim das Übersetzer-Diplom für Polnisch und 1993 das Diplom als Dolmetscherin für Spanisch und Russisch. Nach freiberuflicher Dolmetsch-Tätigkeit ist sie seit 1994 als Polnisch-Dolmetscherin im Bundesministerium der Verteidigung beschäftigt.

Literatur und Presseschau

in dieser Ausgabe wurde hingewiesen auf:

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Aus der Presse:


Aktuelle Informationen

Vorträge und Veranstaltungen

11.Juni1996

Franciszek Grucza

(Warschau)

"Translationswissenschaft in Polen"
(im Rahmen der Fachgruppe Übersetzen)

Dienstag, 11. Juni 1996, 15.30 Uhr

Raum 330

12.Juni1996


Franciszek Grucza

(Warschau)

"Zur Dolmetscher- und Übersetzerausbildung
am Institut für Angewandte Linguistik in Warschau"

Mittwoch, 12. Juni 1996, 15.00 Uhr

Raum 368

13.Juni 1996

Adel Karasholi

Lesung

Gedichte
"Wenn Damaskus nicht wäre"
"Also sprach Abdulla"

Donnerstag, 13. Juni 1996, 19.30 Uhr

Hörsaal D (Raum 328)


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Convergent Voices:
Issues in North American Public Debates



Unter diesem Titel findet die Ringvorlesung des Interdisziplinären Arbeitskreises für Nordamerikastudien der Johannes Gutenberg-Universität Mainz im Sommersemester 1996 am Fachbereich Angewandte Sprach- und Kulturwissenschaft statt. Die Ringvorlesung soll Studierenden und Lehrenden einen Überblick über die Vielzahl unterschiedlicher Denkansätze geben, die derzeit die öffentlichen Diskussionen in Nordamerika prägen. Der interdisziplinäre Ansatz soll sicherstellen, daß Konzepte verschiedener Herkunft zu Wort kommen.

Programm:

Louise Westling

(University of Oregon)

Willa Cather's Landscapes of Manifest Destiny


10. Juni 1996, 14.30 Uhr, Raum 328


John W. Lowe

(Louisiana State University)

American Literature at American Universities

17. Juni 1996, 14.00 Uhr, Raum 328


Richard Schusterman

(Temple University)

Pragmatism and American Popular Culture

Juli 1996 (bitte Anschläge beachten)

Zu diesen Vorträgen wird herzlich eingeladen !


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Konferenzkalender

1.-4. Oktober 1996

Der Fachverband Chinesisch e.V. (Deutschland, Österreich, Schweiz) veranstaltet in Zusammenarbeit mit der Abteilung "Moderne China-Studien" der Universität Köln und der Abteilung für Chinesische Sprache und Kultur des FASK der Universität Mainz

vom 1. bis 4. Oktober 1996

in Sankt Augustin bei Bonn


ein

Internationales Symposium
(IX. Tagung zum modernen Chinesischunterricht
im deutschsprachigen Raum)



zur Thematik

Fachsprachen des Chinesischen und ihre Didaktik
(Zhuanye Hanyu jiaoxue guoji xueshu taolunhui)

Themenbereiche:

- Chinesische Fachsprachen in Wirtschaft, Politik, Recht, Technik, Naturwissenschaften, Philosophie, Religion, Medizin, Sport u.a.
- Diachronische und synchronische Forschung
- Lexikalische, grammatische, semantische und pragmatische Aspekte
- Fragen der Terminologie, Standardisierung und Normung
- Didaktische Konzepte und Methoden, Lehr- und Hilfsmaterialien

Konferenzsprachen: Deutsch, Chinesisch und Englisch
Tagungsgebühr: 80,-- DM (für Studierende und Mitglieder des Fachverbandes Chinesisch: 50,-- DM)
Vollpension im Arnold-Janssen-Haus: 225,-- DM (3 Tage)
Vorschläge für Referate bitte mit vollem Titel und kurzer Inhaltsangabe
Anmeldeschluß: 15. Juli 1996 (Post-/Faxeingang)

Anmeldungen Inland:
Dr. Volker Klöpsch, Moderne China-Studien, Universität Köln,
Albertus-Magnus-Platz, D-50931 Köln, Tel.: (0221) 470 5412/14, Fax: (0221) 470 5406

Anmeldungen Ausland:
Dr. Peter Kupfer, Fachverband Chinesisch, Postfach 1421,
D-76714 Germersheim, Fax: (07274) 508 429 (Universität Mainz, FB 23)

Tagungsanschrift:
Arnold-Janssen-Haus, Arnold-Janssen-Str. 24, D-53754 Sankt Augustin, Tel.: (02241) 237296

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Erstellt und bearbeitet von F. Krüger 15.06.96. (Letzte Bearbeitung: 14.02.00 - DDP