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Diskussionsforum des FASK

April 2000


Inhalt

April 2000






Querverbindungen in Germersheim



In comparison to many other European universities, FASK offers translation and interpreting courses in a wide range of language combinations. As is to be expected, whether they study English, Italian or Polish, Germersheim students normally work into and out of German.

There is, however, also potential for an even wider range of language combinations in the curricula by giving students the option of interpreting or translating between two languages other than German. In the past there have been courses in French-English and Spanish- English translation. Interest among students was very high, but the initiative unfortunately met with bureaucratic disapproval. More recently, since January 1999, following a suggestion by Prof. Kelletat, a number of students, mainly Russian native speakers, have been attending classes in Russian-English translation and interpreting (simultaneous and consecutive).

The overall conditions in Germersheim for courses such as these are favourable. There are staff who are willing and able to teach a large range of language combinations, in some cases even on a voluntary basis. There is also a relatively high proportion of students whose mother tongue is a language other than German: whilst the overall number of applicants to study in Germersheim is decreasing, the number of foreign applicants is increasing. We also have German students who are proficient enough to translate or interpret between two foreign languages and are just as interested in these Querverbindungen.

With increasing globalisation, there is a growing market demand for interpreters and translators who are capable of working with various combinations of languages, including the less usual ones. If Germersheim is to remain competitive, particularly with the introduction of the Euro-Master in Germany, we should not ignore this fact when training our students for the future.



Linda Turner



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Die Welt rückt enger zusammen

Eine Zusammenfassung des Kongresses zur Globalisierung anlässlich des zwanzigjährigen Bestehens des Ifri (Französisches Institut für internationale Beziehungen)

Am dritten und vierten November 1999 fand in der Cité des Sciences an der Porte de la Villette in Paris ein Kongress zum Thema “Globalisierung auf der Schwelle zum einundzwanzigsten Jahrhundert” statt. Bedeutende Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft und den Wissenschaften waren als Referenten erschienen.

Der französische Außenminister Hubert Védrine und der Bürgermeister der Stadt Paris, Jean Tibéri, sprachen unter anderem zu der Rolle Frankreichs im sich vereinigenden Europa. Hierbei teilten sie mit mehreren Rednern die Auffassung, dass sich das vereinigende Europa schon innerhalb der nächsten Jahre stark erweitern wird. Bundespräsident Johannes Rau plädierte in seiner Rede dafür, zu den künftigen Mitgliedsstaaten der EU Brücken zu bauen, damit die lähmenden Folgen des Kalten Krieges endgültig überwunden werden könnten. Als Repräsentant für die EU-Beitrittskandidaten sprach sich Aleksander Kwasniewski, Präsident Polens, dafür aus, dass die Achse Budapest-Prag-Warschau-Wilna-Riga-Reval künftig in das moderne Europa mit einzubinden. Bei diesem Prozess möchte Polen einen Großteil der Verantwortung übernehmen.

Bei allen positiven Gesichtspunkten der Globalisierung, wie zum Beispiel der verstärkten Nutzung des Internet als Kommunikationsmittel und der Öffnung der innereuropäischen Grenzen gab es auch Kritik und Bedenken gegen das Zusammenwachsen der Staatengemeinschaft. Vor allem die Sprecher der Schwellenländer und der Länder der Dritten Welt äußerten ihre Bedenken gegen eine mögliche Polarisierung des Kapitalgewinns, der im Zusammenhang mit der Globalisierung zu erwarten sei.

Die südafrikanische Außenministerin Nkosazama Zuma kritisierte in Übereinstimmung mit mehreren europäischen Rednern die übergewichtete Vormachtstellung der Vereinigten Staaten nach dem Zusammenbruch des kommunistischen Ostblocks. Eine “amerikanisierte” Staatengemeinschaft sei nicht dem Wohle aller gewidmet, sondern diene lediglich der Konzentration von Macht und Kapital auf wenige Einzelne. Der Bildungsminister von Singapur, Teo Chee Hean, sowie Henri Konan-Bédié, der Präsident der Elfenbeinküste, verwiesen darauf, dass bei der Globalisierung die Länder der Dritten Welt nur als Zuschauer dastünden, da sie für die industrialisierten Länder bezüglich gemeinsamer Handelsbeziehungen nicht attraktiv genug seien.

Gegen Ende der Veranstaltung wagte der neue EU-Beauftragte für eine gemeinsame Außenpolitik, Javier Solana, einen sehr optimistischen Ausblick auf die institutionelle Einigung Europas. Auch bei der Lösung von regionalen Konflikten innerhalb Europas hätten sich in den letzten große Fortschritte gezeigt, er illustrierte dies am Beispiel der internationalen Verwaltung Bosnien-Herzegowinas und an der sich anbahnenden Konfliktlösung im Kosovo. Nicht nur auf diesem Gebiet sei Europa für eine gemeinsame Zukunft bestens gerüstet.

Den Sprachen wurde von mehreren Rednern eine tragende Rolle im fortschreitenden Prozess der Globalisierung beigemessen. Der finnische Präsident und EU-Ratspräsident Martti Ahtisaari sagte, die Befürchtungen, es könne sich im Zuge der Globalisierung eine einzige Weltsprache auf allen Ebenen durchsetzen, hätten sich nicht bewahrheitet. Statt dessen sei auch im Umgang mit den neuen Informationstechnologien eine Vielfalt der Sprachen gewährleistet. Somit bliebe das Erlernen von Fremdsprachen unabdingbar für gute und direkte internationale Beziehungen, die das 21. Jahrhundert wohl stark charakterisieren werden.



Malte Patrik Rosenberger



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Überlegungen zur Landeskunde - ovvero
Noch mehr Überlegungen zum Gemeinsprachlichen Übersetzen

Bernd Bauske

In der letzten Nummer von Fax habe ich darzustellen versucht, daß Landeskunde auf der einen Seite und Übersetzung und Linguistik auf der anderen Seite zu trennen sind. Dies ist meines Erachtens in der Theorie offensichtlich – und diese Trennung damit unbedingt notwendig, da andernfalls dem sprachwissenschaftlichen (übersetzungswissenschaftlichen) Aspekt des Texts wissenschaftlich nicht beizukommen ist.

Für den Idealfall ergibt sich daraus – und dies wäre sicher interessant und müßte eigentlich auch ab und zu praktiziert werden –, daß Science-Fiction-Texte in den Übersetzungsübungen zu behandeln wären: In deren künstlich aufgebaute nichtsprachliche Wirklichkeit wären lan deskundliche Interferenzen bei Übersetzungsproblemen – außer negativen, das heißt durch die Eigenkultur(en) bedingte, und damit für die in unserem Zusammenhang vorliegende Interessenlage per se falsche – ausgeschlossen. Dies hieße eben auch, daß zwangsläufig eine Konzentration auf sprachwissenschaftliche (übersetzungswissenschaftliche) Aspekte bei der Arbeit am Text erfolgen würde, da ja die nichtsprachliche Wirklichkeit gerade – und nur – sprachlich konstituiert wäre, was die Arbeit an semantischen Fragen ungemein fördern, ja auf eine ganz neue, eigenständige Basis stellen würde (für Hinweise auf Forschungen zu dieser Problematik, auch was die damit verbundenen Übersetzungsprobleme betrifft, die mir, sofern es sie überhaupt gibt, leider nicht bekannt sind, wäre ich sehr dankbar).

Da dieser Idealfall – allerdings aufgrund der beschnittenen Stundenzahl für das Übersetzen wohl objektiv – nicht besonders häufig umgesetzt werden dürfte, gibt es weiterhin die Zwangsehe von sprachwissenschaftlicher (übersetzungswissenschaftlicher) und landeskundlicher Vermittlung im Text/in den Texten.

Nun scheint es auf der Hand zu liegen, daß Landeskunde die Kunde des (Ziel)Landes zu sein hat. Allerdings gilt es darauf hinzuweisen, daß sich der Begriff nicht ganz mit dem in der deutschen geisteswissenschaftlichen Tradition verankerten Begriff Landeskunde, wie er zum Beispiel in Pfälzische Landeskunde, Badische Landeskunde usw. vorkommt, deckt. Ich nehme den "Lehrplanbegriff" pragmatisch als gegeben für "Alles Nützliche und Wissenswerte (über das entsprechende Land)" hin und sehe von weiteren Überlegungen zum abweichenden Gebrauch der beiden Begriffe ab.

Was eigentlich in Landeskunde (im fremdsprachlichen Sinn) zu vermitteln sei, erscheint folglich als sekundäre Frage, die erst nach Vorüberlegungen grundsätzlicher Art und jeweils bezogen auf den konkreten Lehranlaß zu stellen ist, und demgemäß auch ad hoc oft abhängig vom "Material" gelöst werden muß und kann. Diese Vorüberlegungen sind Gegenstand des Folgenden, da sie auch für die – indirekte, aber aufgrund des Lehrbetriebs eben doch auch entschiedene und entscheidende – Vermittlung der Kenntnisse über das (Ziel)Land in Übersetzungsübungen relevant sind.

Ich kann nichts dazu sagen, wie sich diese Probleme für jemanden stellen, der zweisprachig und "zweikulturig" (was heißt, in zwei [oder mehr] Ländern [und Sprachen] parallel mit [fast] gleicher Gewichtung [und zwar in allen Bereichen]) aufgewachsen ist. Solche Personen dürften jedoch auch bei uns die ganz große Ausnahme sein.

Aufgrund der Verankerung in Raum und Zeit sowie des "Werdegangs" fast aller unserer Studierenden (ich klammere hier das Germanistische Institut natürlich aus, wo genau "andersherum" zu argumentieren wäre) ist davon auszugehen, daß sie mit einem – mehr oder weniger artikulierten und auch reflektierten – "deutschen Bewußtsein" an die Landeskunde herangehen. Daraus ergibt sich, daß Landeskunde mit einem Erkenntnisgewinn, der über pures Auswendiglernen von Zahlen und Fakten hinausgehen soll, kontrastiv betrieben werden sollte. Durch das kontrastive Herangehen werden gleichzeitig Kenntnisse, Verhaltensweisen und Gebräuche des eigenen Landes bewußt gemacht, deren Reflektion eine unabdingbare Notwendigkeit für den über Intuitionen hinausgehenden und damit wissenschaftlichen Umgang mit anderem Verhalten ist. Dieser Umgang setzt in jedem Fall eine Wertung voraus, welche erst Vorurteile durch Urteile ersetzen kann (welche wiederum mit den Vorurteilen [die "gemeinsames volkstümliches Wissen" über das (Ziel)Land, also zeitgenössische Folklore im ureigensten Sinn des Wortes, sind] zu kontrastieren sind und genau wie diese zu leh ren sind, da ohne die "Grundtöne" viele Texte nicht wahrgenommen werden können).

Zusammenfassend müßte die Vermittlung im Idealfall so aussehen, daß sich jeder Studie rende ein eigenes Urteil, sein oder ihr eigenes Bild des Landes macht, das er oder sie auch in der Lage ist, argumentativ und selbstreflektiv zu vertreten und dies in geeigneten Situationen auch tun sollte (die banalste geeignete Situation für den universitären Betrieb scheint mir die Lehrveranstaltung zu sein). Eigenes Bild in diesem Sinne setzt die (inter)aktive Kenntnisnahme von und Auseinandersetzung mit verschiedenen/den verschiedensten Standpunkten und Haltungen voraus und sollte nicht, ja kann nicht (wenn sie bewußtseinsfördernd sein soll) einem neutralen, aseptischen Einheitsbrei entsprechen. (Als Beispiel möchte ich hier auf die Arbeiten Robert Minders zu den Beziehungen zwischen Deutschland und Frankreich hinweisen. Dort wird in einem exemplarischen Aufsatz immerhin so weit gegangen, typische Kategorien und Diktionen der für Frankreich wichtig gewordenen Hegelschen Philosophie über den Sprachgebrauch der pietistischen Schwaben[Über]väter auf regionalsprachliche und re gionalkulturelle Besonderheiten zurückzuführen.)

Diese als extern charakterisierbare Kontrastierung setzt eine Kontrastierung für das Zielland voraus, die man als intern bezeichnen könnte.

Mit anderen Worten: Die gegensätzlichen und oft auch unvereinbaren Positionen, die "das" deutsche Bewußtsein ausmachen und die für eine(n) Deutsche(n), das heißt im hier relevanten Sinn für jede(n), der/die in Deutschland aufgewachsen ist, angeblich zumindest latent vorhanden sein sollen, oft aber bewußt gemacht werden müssen, sind – zumindest in Ansätzen und soweit dies in der verfügbaren Zeit und mit unseren (auch materiellen) Voraussetzungen möglich ist – für das Zielland auch zu vermitteln. (Hier könnte im Sinne des Schlögelschen "Moskau lesen" exemplarisch auf die Arbeiten von Fritz Mierau zum Rußland der Vor- und frühen Stalinzeit verwiesen werden. Dort wird ein vielstimmiger Chor [mehr oder weniger solidarisch] sich streitender Stimmen inszeniert, der die Vielschichtigkeit einer Zeit überhaupt erst erahnen lassen kann.)

Ganz abgesehen davon, daß es sich bei der Vermittlung von gegensätzlichen Positionen um eine demokratische und demokratieerzieherische Grundforderung handeln sollte (Nationen, und noch weniger Staaten [siehe dazu die exzellente Darstellung der Zwischenkriegstschechoslowakei bei Derek Sayer: The Coasts of Bohemia. A Czech History, Princeton: Princeton University Press, 1998], bestehen eben nicht aus Volksgemeinschaften, sondern aus vielfältigst differenzierten Individuen und Gruppen, deren gemeinsamer Nenner [falls es ihn denn gibt] sich erst infolge des Unterrichts im Bewußtsein konstituieren sollte), macht eine Vermittlung gegensätzlicher Positionen die aktive Auseinandersetzung mit landeskundlichen Inhalten im eigentlichen Sinne erst möglich.

Ich möchte an dieser Stelle, wie im vorhergehenden Artikel, wieder eine Lanze für die Auf wertung des Selbststudiums brechen: Zahlengerüste und Periodisierungsschemata können sich die Studierenden nicht nur im Selbststudium aneignen, sondern sollten dies auch tun, um nicht kostbare Unterrichtszeit mit "mecanickal exercises" zu verschwenden; ob und daß sie dies auch wirklich machen, ist eine Frage der Textbereitstellung und –verweisung.

Die Darstellung dieser verschiedenen Positionen muß meines Erachtens unbedingt zahlenmäßig marginale Positionen einschließen, da sich in diesen die "nationalen Besonderheiten" wie in einem Brennglas, und damit bei entsprechender Lektüreanleitung und Lektüreerfahrung, besonders leicht ablesbar, spiegeln. Dasselbe gilt für scheinbar (oder wirklich) "überholte" oder "vergessene" Bewegungen, die manchmal Muttersprachlern auch nicht mehr so geläufig sind, aber eine wichtige Rolle in der Neuesten Geschichte des betreffenden Landes gespielt haben, da Wissen um diese bei allen Muttersprachlern, selbst wenn der oder die Einzelne sich dessen nicht mehr bewußt ist, latent noch vorhanden sind. (Hervorragende Beispiele für Frankreich sind der sogenannte Renouveau Catholique und die Rolle des Anarchismus im Kulturbereich, sowie insgesamt die Rolle des Katholizismus in den kulturellen und politischen Auseinandersetzungen des 19. und 20. Jahrhunderts, ohne dessen Kenntnis dieser Be reich unverständlich bleiben muß. Das gleiche gilt bald (schon [?]) für die Rolle der Kommu nisten und insbesondere der Kommunistischen Partei Frankreichs.)

Eine Darstellung der Landeskunde des Auslands aus einer Position der vollständigen Identifikation mit dem Gegenstand ist nach den vorausgegangenen Überlegungen nicht nur nicht möglich, sondern geradezu kontraproduktiv. Die Unmöglichkeit ist darin begründet, daß diese volle Identifikation den kontrastiven Zugang unmöglich macht und zwangsläufig zu "Identifikationskurzschlüssen" führen muß, da auch das Gefühl und die Empathie von der Ausgangskultur geprägt sind.

Schließlich ist als Hintergrund aller Landeskunde nichtenglischsprachiger Länder seit späte stens den sechziger Jahren dieses Jahrhunderts ein wachsender Fond angelsächsisch gepräg ter, an Bedeutung und Umfang ständig zunehmender, gemeinsamer "Weltkultur" anzunehmen und zu vermitteln. Die Ausblendung dieses gemeinsamen Fonds verhindert schon für diese Zeit, für spätere Jahrzehnte jedoch in zunehmendem Maße, das sinnvolle Betreiben von Landeskunde (dabei ist aber eben auch der britische parochialism bei kultureller Rezeption fremdsprachiger Produktion mitzurezipieren).

Ich will das soeben Gesagte an Beispielen aus dem "eigenen" Sprachbereich weiter ausfüh ren: Sich der in französischsprachigen Ländern insbesondere von offizieller und offiziöser Seite betriebenen Frontstellung gegen "des Englische" anzuschließen, mag bei Muttersprachlern des Französischen verständlich sein, nicht aber bei Nichtmuttersprachlern aufgrund der Inkongruenz in Folge der oben angesprochenen Überidentifikation. Im übrigen ist sie jedoch auch inhaltlich nicht begründbar, da in der populären Kultur Frankreichs, das heißt aber heutzutage im Zeitalter der Massenmedien der Kultur aller Franzosen und der einzigen Kultur der weitaus größten Mehrheit der Franzosen, wenn nicht eine viel stärkere "Amerikanisierung", so doch eine viel frühere und schnellere "Amerikanisierung" als in Deutschland stattgefunden hat: Dies ist durch die stark bleibende Öffnung Frankreichs während der ganzen 30er Jahre bedingt; eine Tendenz, an die durch die Befreiung des Landes durch große Kontingente amerikanischer Truppen am Ende des Zweiten Weltkrieges enthusiastisch angeknüpft werden konnte und auch wurde; beides im übrigen Perioden, die einer "Amerikanisierung" in Deutschland eher gegenläufig waren, so daß auch hier Brüche und Verspätungen gegenüber den Demokratien West- und Mitteleuropas eintraten.

Daß dies oft nicht gesehen wird, hängt mit der für das Frankreich der "Intellektuellen", das leider auch bei uns oft als das Frankreich schlechthin rezipiert wird, typischen Verachtung und Mißachtung der populären Kultur zusammen.

Der immer stärker werdende, zuerst aus dem Hintergrund und im Hintergrund wirkende und in letzter Zeit in vielen Bereichen immer prägendere Einfluß der angelsächsischen Kultur ist, wenn auch sicher mit etwas anderer Gewichtung und sicherlich mit anderen Verhältnissen zwischen "hoher" und populärer Kultur, auch für andere Länder gültig.

Die Folgerungen, die es aus der dargestellten Situation abzuleiten gilt, sind, daß viele aus dem Englischen übersetzten oder auf Englisch rezipierte Texte im weitesten Sinne als Teil der einheimischen Kultur zu betrachten sind und diese daher auch Gegenstand der Landeskunde und von Übersetzungsübungen sein können, ja müssen. (Ganz neu ist diese Situation nicht: Eine offensichtliche Parallele ist zum Beispiel die deutschsprachige Shakespearerezeption.) Dafür, daß dies adäquat geschehen kann, sind allerdings Vorarbeiten und Vorverständigungen auf zwei Ebenen nötig: Notwendig ist eine länderspezifische Rezeptionsforschung, die nicht nur die Selektivität der Rezeption erforscht, sondern auch die Gründe erkundet und darstellt, die für die spach- und landesspezifische Ausprägung der angelsächsischen Literatur verantwortlich sind. Diesem Herangehen muß aber, damit es erfolgreich sein kann, eine "länderspezifische" Erforschung der Ausbildung der Popularkultur in den Ursprungsländern zu Grunde liegen: Es muß – zumindest auf theoretischem Niveau – gefragt werden, welche Aspekte dieser Kultur durch die Herausbildung neuer Medien und Kommunikationsformen bedingt sind, und welche auch dort der nationalen Tradition geschuldet sind. So könnten – zumindest und notwendigerweise auf der Forschungsebene – "medienspezifische" Übernahmen, die technischer Natur sind und "mechanisch" angewandt werden, von "intellektuell" geprägten unterschieden werden, die per se modifiziert werden müssen. Diese würde einen Vergleich von, für mein Beispiel hier, französischer und deutscher Rezeption erleichtern, ja eigentlich erst ermöglichen.

Aufgrund des oben Gesagten würde ich dafür plädieren, nicht nur die Texte in Übersetzungs übungen einzubringen, die in den Sitzungen besprochen werden. Es wäre vielmehr notwendig, zu jeder Veranstaltung Reader zu erstellen, die es den Studierenden ermöglichen, sich zumindest einige der vielen Facetten anzueignen, in denen die übersetzten Texte sitzen (um hier eine theologiespezifische Ausdrucksweise zu benützen) und deren Auswahl sich durchaus nicht auf das direkt übersetzte Sprachenpaar beschränken muß, wobei sich im Anschluß an das oben Ausgeführte in vielen Fällen Englisch als eine weitere Sprache anbieten dürfte, für romanische Sprachen aber auch Italienisch. Dabei kann die Auswahl der Texte für die Reader natürlich verschieden gewichtet werden. Je nachdem auf welche Aspekte in der konkreten Arbeit mit den Texten Wert gelegt wird, ist – um nur einige Beispiele anzuführen – eine eher registerdifferenzierte, kulturgeschichtlich orientierte oder grammatisch-strukturelle Auswahl sinnvoll. Grundlegend für alle praxisorientierten Auswahlkriterien erscheint mir, daß innerhalb derselben eine Vielfalt der Sichtweisen herrscht. Dies fördert nicht zuletzt bei den Studierenden den bewußten und selbstbewußten Umgang mit "Übersetzungsmaterial".



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Bücherschenkung an das Institut für Slavistik

Vor einiger Zeit erhielt die Russische Seminarbibliothek eine Umfangreiche Bücherschenkung: Walter Armbruster, Germersheimer Absolvent des Jahres 1954, hatte nach einem dem Russischen und den deutsch-russischen Beziehungen gewidmten Berufsleben vor seinem Tode im Jahre 1998 verfügt, dass seine Sammlung russlandspezifischer Bücher an seiner ehemaligen Ausbildungssttäte den Studierenden von heute zur Verfügung gestellt werden sollten. Darunter befinden siche viele Wörterbücher und Nachschlagewerke - die Handwerkszeuge des Russisch-Dolmetschers -, aber auch prachtvolle Kunstbände und vor allem Belletristik mit heute sehr seltenen Ausgaben von systemkritischen Dichtern und Schriftstellern. Nachfolgend veröffentlichen wir Notizen zum Lebenslauf des engagierten Russlandfreundes Walter Armbruster, die zugleich einen Einblick in die Lebens- und Studienbedingungen der 50er Jahre an unserem Fachberich geben. Autorin ist seine Frau, Ursula Armbruster, ebenfalls Germersheimer Absolventin aus jenen Jahren.

Erika Worbs

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Walter Armbruster

Als Walter Armbruster 1951 sein Studium am damals so genannten Auslands- und Dolmetscherinstitut in Germersheim, kurz ADI, begann, hatte er nicht vor, Dolmetscher zu werden. Vielmehr wollte er über die Wahl eines für ihn geeigneten Berufs nachdenken und die Zeit ansonsten mit etwas Nützlichem, nämlich einem Sprachstudium, ausfüllen.

Die Entscheidung für ein Berufsziel fiel ihm schwer angesichts seiner zahlreichen Begabun gen und noch zahlreicheren, weitverzweigten Interessengebiete, die von A wie Altphilologie, Archäologie, Astronomie, Architektur über Geschichte, Jura, Kunst, Literatur, Medizin, Philosophie, Politische Wissenschaften, Soziologie, Theologie, Theaterwissenschaften, Volkswirtschaft bis zu Z wie Zoologie reichten.

Seine Familie hatte im Krieg ihr gesamtes Vermögen verloren, sein Vater war durch einen Bombenangriff ums Leben gekommen, seine gelähmte Mutter lebte mit ihren beiden Kindern von einer kleinen Rente, und so erhielt Walter Armbruster ein Vollstipendium, das ihn nicht nur von den damals noch üblichen Studiengebühren befreite, sondern ihm auch kostenlose Unterkunft in einem der damaligen Schlafsäle in den Kasematten, sowie einen freien Mensa-Mittagstisch gewährte.

Da er bereits überdurchschnittliche Kenntnisse in Französisch und Englisch besaß, entschied er sich, eher zufällig, für Russisch, eine damals noch recht exotische Sprache, die ihm völlig fremd war. Diese Wahl löste im gesamten Verwandten- und Bekanntenkreis einiges Entsetzen aus, denn in den Zeiten des kalten Krieges schien es höchst unwahrscheinlich, dass er damit je sein Brot verdienen könnte.

Doch je weiter sein Studium fortschritt, desto mehr entwickelte Walter Armbruster unter der Leitung von Herrn Prof. Blesse und des von ihm hochverehrten Professors Kaempfe eine tiefe Liebe zu Russland, seiner Sprache, Geschichte, Kultur, seinen Menschen und auch Sympathien für den Sozialismus/Kommunismus. Diese letztere Neigung trug ihm die Bezeichnung ”der rote Armbruster” ein, zur Unterscheidung (und Abgrenzung) zu einem Kommilitonen gleichen Namens, der aus häufig gegebenem Anlass ”der blaue Armbruster” genannt wurde.

Die Atmosphäre in der Studentenschaft des ADI dieser Zeit war geprägt von dem verlorenen Krieg, von Hunger, Not, Vertreibung, Bombenangriffen, Verlust von Angehörigen - manche Kommilitonen hatten bereits eine Kriegsgefangenenschaft erlebt und nutzten die dabei gewonnenen Sprachkenntnisse als Basis für ihr Studium. Die Normalität des Lebens in Frieden und Freiheit musste erst begriffen und erlernt werden. Aber allen war klar, dass eine neue Zeit angebrochen war, eine Zeit, die allen viel abverlangte, ihnen aber auch die Chance gab, durch Fleiß und Leistungswillen einer besseren Zukunft entgegenzugehen. Und so herrschte trotz aller Kriegstraumata eine positive Aufbruchstimmung.

Doch es wurde auch viel und fröhlich gefeiert in dieser Zeit, im Cafæ Illig, und da konnte es schon einmal vorkommen, dass sich am Morgen eine Parkbank plötzlich im Springbrunnen statt davor wiederfand. Die entsprechenden Nachforschungen der Institutsleitung nach den Schuldigen verliefen ebenso intensiv wie ergebnislos.

Zu größeren Festlichkeiten mussten, da die Zahl der Studentinnen ständig die der Studenten bei weitem überstieg, Herren der benachbarten Verwaltungsakademie in Speyer importiert werden, die auch gerne und in großer Zahl per Bus anreisten – ein eigenes Auto war zu dieser Zeit noch die ganz große Ausnahme.

Zurück zu Walter Armbruster. Er war zwar ein engagierter Student, der keine Vorlesung, kein Seminar versäumte, aber seine vielfältigen sonstigen Interessen und Begabungen (Mitgliedschaft im SDS, Politik, Malerei, Dichtung, Theaterspielen, politische Diskussionen – alles aktiv betrieben – und nicht zuletzt eine Studentin der französischen Abteilung) hinderten ihn daran, seine gesamte Zeit und Aufmerksamkeit ausschließlich dem Studium zu widmen. Seine schnelle Auffassungsgabe und sein hervorragendes Gedächtnis ermöglichten es ihm, nicht nur pünktlich seine Stipendiatenprüfungen, sondern auch 1954 sein Examen als Diplomdolmetscher mit einer Arbeit über die wirtschaftliche Entwicklung Sibiriens innerhalb der damals sechssemestrigen Regelstudienzeit abzulegen. Er war in der noch sehr kleinen russischen Abteilung der einzige Diplomand und bemerkte einmal scherzhaft, dass er die Prüfung wohl nur deshalb bestanden habe, weil man nicht 100 % der Prüflinge hätte durchfallen lassen können. Sein Examen im Zusatzfach Französisch gelang ihm spontan, aus dem Stegreif, ohne dass er je eine französische Vorlesung besucht hätte.

Sein inzwischen gereifter Plan, an das Sprachstudium ein weiteres der politischen Wissen schaften oder des internationalen Rechts anzuschließen, wurde dadurch vereitelt, dass ihm nach dieser berufsbefähigenden Ausbildung kein weiteres Stipendium gewährt wurde.

Angesichts des ”kalten Krieges” und der noch nicht angelaufenen wirtschaftlichen Beziehungen zur damaligen UdSSR gestaltete sich die anschließende Stellensuche sehr schwierig. Nach einigen Aushilfsjobs fand Walter Armbruster 1957 endlich eine feste, wenn auch berufsfremde Anstellung an zwei politischen Bildungsstätten. In dieser Phase der täglichen theoretischen Auseinandersetzung mit dem real existierenden Sozialismus begann die Wandlung seiner politischen Einstellung, die durch den Wechsel an das ”Institut zur Erforschung der UdSSR” in München vertieft und verstärkt wurde und schließlich, durch seine 6-jährige Tätigkeit an der Deutschen Botschaft in Moskau, durch ständige theoretische Weiterbildung sowie die tägliche, hautnahe Konfrontation mit der Realität des sowjetischen Alltags dazu führte, dass er sein ganzes weiteres Leben dem Kampf gegen alle totalitären Systeme, speziell das sowjetische, und für Demokratie und Freiheit widmete.

Schon in München (1962-69) hatte er, zusammen mit Herman Achminow, Kollege am Institut, Schriftsteller und Freund und anderen Gesinnungsgenossen aus Einsicht in die Notwendigkeit eine europäische Partei gegründet, die sich jedoch später, während seiner Abwesenheit in Moskau, wieder auflöste. Die Zeit war wohl noch nicht reif dafür. Gleichwohl blieb er bis zu seinem Lebensende ein überzeugter Europäer.

Von 1969 bis 1975 arbeitete Walter Armbruster auf höchster Ebene an der Deutschen Botschaft in Moskau als Leiter des Sprachendienstes, Dolmetscher, Übersetzer, war aber auch wegen seiner profunden Landeskenntnis kompetenter Ansprechpartner in allen rus sisch/sowjetischen Fragen sowie bereitwilliger Helfer bei allen Kontakten sprachunkun diger Diplomaten mit der Außenwelt. Für seine außergewöhnlichen Leistungen und sein soziales Engagement wurde ihm 1975 das Bundesverdienstkreuz verliehen.

Nach seinem Ausscheiden aus dem Auswärtigen Dienst war er nachfolgend Leiter der Repräsentanz eines großen Stahlkonzerns in Moskau und später Erster Redakteur des Russischen Dienstes der Deutschen Welle.

Seinen musischen Talenten und Neigungen, die leider so oft hinter beruflichen Erfordernissen zurücktreten mussten, konnte er sich erst während seines Ruhestandes im gewünschten Maße widmen. Walter Armbruster starb 1998 an einem langjährigen Herzleiden. Er verfügte schon zu Lebzeiten, dass seine umfangreiche russischsprachige und russlandkundliche Bibliothek dem ”ADI” in Germersheim zukommen solle, das die Grundlage zu seiner beruflichen Karriere legte.

Ursula Armbruster



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Letzte Bearbeitung:19.04.2000 - DDP)