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Anmerkungen zum gemeinsprachlichen Übersetzen1

Bernd Bauske



Im Germersheimer Vorlesungsverzeichnis stehen die gemeinsprachlichen Übersetzungsübungen den fachsprachlichen gegenüber. Behandelt werden im einen Fall fachsprachliche Texte, kurz Fachtexte, im anderen gemeinsprachliche Texte, also, nicht altertümelnd, Allgemeine Texte.


Fach texte sind inhaltlich bestimmt. Allgemeine Texte sind gerade nicht inhaltlich bestimmt. Die Fähigkeiten, die in gemeinsprachlichen Übersetzungsübungen vermittelt werden sollen, können also auch nicht inhaltlich definiert werden. Zuerst möchte ich im folgenden diejenigen Fähigkeiten ausschließen, die meines Erachtens nicht im Zentrum der Vermittlung stehen sollen, dann auf jene eingehen, die einen zentralen Platz einnehmen sollen.


Nicht vermittelt werden sollen in gemeinsprachlichen Übersetzungsübungen (daß es ohne "automatische" Mitvermittlung der im folgenden ausgeschlossenen Bereiche nicht geht, versteht sich natürlich von selbst; sie sollten nur nicht Ziel der Vermittlung sein, nicht im Zentrum stehen, sondern "Nebeneffekt" bleiben, wobei das landeskundliche Wissen dabei noch am ehesten einen integralen Bestandteil darstellt):


– Landeskunde, im Sinn eines "Abhakens" landeskundlichen Wissens als zentrales Kriterium für die Beurteilung einer Übersetzungsleistung, zumal dies meiner Überzeugung nach sinnvoll gar nicht zu leisten ist;

– Grammatik im engeren Sinn, das heißt morpho-syntaktisches Wissen;

– Wortschatz;

– Sondertextsorten. Dies gilt jedoch nicht für Einschübe aus Sondertexten – wie zum Beispiel fremdsprachliche Teile, Sprachspiele – in gemeinsprachlichen Texten: Der Umgang mit diesen im "gemeinsprachlichen Textzusammenhang" muß im Gegenteil bewußt gemacht und gelernt werden, zumal zumindest der Umgang mit fremdsprachlichen Elementen sprach (familien) typisch ist.


Diese Bereiche können umso mehr vernachlässigt werden, als daß Landeskunde und Wortschatz, zum einen Gegenstand anderer Lehrveranstaltungen sind, und daß ihnen, zum anderen, im Selbststudium und anderen außeruniversitären Aktivitäten von allen "Fächern" noch am besten nachgegangen werden kann und effektiv auch wird, ja daß durch die außeruniversitären Aktivitäten bei Wortschatz und Landeskunde der überwiegende Teil des betreffenden "Wissensfundus" vermittelt wird.


Für den morpho-syntaktischen Bereich gilt die Vermittlung in anderen Veranstaltungen entsprechend. Allerdings kommt für diesen Bereich hinzu, daß das über die in Grammatikveranstaltungen gelernten, vorauszusetzenden Kenntnisse hinausgehende Wissen nur an Texten gelernt werden kann (Ich denke hier für den romanischen Bereich an solche Fragen, wie – in französischer Terminologie – passé simple/passé composé/imparfait - "Gebrauch"). Dieser Bereich ist sinnvoll überhaupt nur als Teil einer als transphrastische Grammatik verstandenen Textlinguistik zu verstehen.


Auf Sondertextsorten und ihre Behandlung in gemeinsprachlichen Übersetzungsübungen kann in diesem Rahmen nicht eingegangen werden. Sollte es jedoch in bestimmten Fällen möglich sein, gerade an ihnen das Funktionieren von allgemein gültigen Problemen zu zeigen, sind sie wie allgemeinsprachliche Texte zu behandeln.


Zusammenfassend also: Die oben "ausgelagerten" Bereiche können in Übersetzungs übungen nicht erarbeitet und in deren Rahmen auch nicht sinnvoll geprüft werden, beziehungsweise sollten dies auch nicht, da eine (gemeinsprachliche) Übersetzungsübung eine Lehrveranstaltung und nicht "die Wirklichkeit" ist. Neben grundsätzlichen Überlegungen sprechen schon allein Effizienz- und Effektivitätsgründe dafür, den Schwerpunkt auf die Bereiche, für die sie wirklich etwas beziehungsweise das meiste zu leisten im Stande ist, zu legen.


Zentral vermittelt werden sollen dagegen:


– Textwissenschaft, im Sinne einer transphrastischen Grammatik.

– Erarbeitung kontrastiver Strukturen und – soweit dies aufgrund der fehlenden Vorarbeiten sowie der gegebenen Beschränkung auf Einzeltexte überhaupt möglich ist – kontrastiver Wortfelder.

– phonologisch-graphematisches Wissen

– kontrastive praktische Kenntnisse der Wortbildung.


Textwissenschaft im obigen Sinne bedeutet, daß die Notwendigkeit einer textspezifischen Erklärung und damit Übersetzung eines bestimmten (strukturellen) Paradigmas für jeden Text einzeln nachzuweisen, zu bestimmen und für die Zielsprache adäquat umzusetzen ist. Kenntnisse und Fähigkeiten zu vermitteln, um diese Identifikation und Umsetzung für neue Texte leisten zu können, muß die Hauptaufgabe gemeinsprachlicher Übersetzungsübungen sein, denn allein der Erwerb dieser Fähigkeit wird es den Studierenden später erlauben, selbständig beliebige Texte zu bearbeiten, ja diese Fähigkeit allein ist es auch, die eine universitäre Übersetzerausbildung überhaupt rechtfertigt.


Das kontrastive Erarbeiten von Strukturen ist die verallgemeinernde Umsetzung typischer Paradigmen für ein Sprachenpaar. Um auf das obige Beispiel der Vergangenheitszeiten des Französischen zurückzukommen: Es wäre von schriftlich konzipiertem Text zu schriftlich konzipiertem Text zu zeigen, warum zum Beispiel passé simple benutzt wird, und nicht daß. Daraus sind, wiederum textspezifisch, die Übersetzungen abzuleiten. Passé simple ist also nicht "nur" eine "schriftliche Form": Tritt es zum Beispiel im (verschrifteten) mündlichen Bereich auf, so ist sein Gebrauch sozial und/oder situationell konnotiert. Dies ist ins Deutsche dann meist problemlos durch entsprechend markierte Wortwahl übersetzbar. Für das Italienische gälte Entsprechendes für die Verwendung des Demonstrativpronomens codesto (sofern es nicht regional markiert ist, was übrigens auch beim passé simple der Fall sein kann). Es handelt sich in der Übung also nicht darum zu "lernen", wie passé simple usw. zu übersetzen ist, sondern zu erkennen, welche Funktion es jeweils erfüllt, und dann aufgrund der Kenntnisse der Zielsprache verschiedene Möglichkeiten für jeden Fall zu diskutieren. (Daß kontrastive Betrachtung der vier großen romanischen Sprachen nur erhellend wirken kann, liegt gerade bei den beiden angeführten Beispielen auf der Hand.)


Dem wäre eigentlich für den semantischen Bereich kontrastive Wortschatzarbeit zur Seite zu stellen. Dies wird wohl undurchführbar bleiben, da diese umfassende und schwierige Aufgabe aufgrund eines relativ kurzen Texts im Zeit- und Wissenslimit einer Übersetzungsübung nicht zu machen sein wird.


Im phonologischen und graphematischen Bereich muß es um Fragen gehen wie


– Wortgrenzen ("fremde" Namen müssen im Französischen zum Beispiel endbetont werden, wegen der dadurch erfolgenden Markierung der Wortgrenze, die auf diese Weise ”gesprochen” wird. Daß fremd dabei nur eine Hilfsvokabel ist, zeigt ein flüchtiger Blick in das Telefonbuch von Paris oder anderen französischen [Groß]Städten, wobei ich von anderen französischsprachigen Ländern gar nicht reden möchte. Im übrigen sind fremdsprachige Text(element)e für viele Texte in der Frankophonie geradezu konstitutiv),


– Wiedergabe von Namen aus fremden Alphabeten (allein schon ganz pragmatisch, um eventuell an richtiger Stelle nachschlagen zu können und/oder vorliegende Texte entsprechend redigieren zu können. Es gibt jedoch auch Sprachen, wie neben anderen das Albanische, die "im Geltungsbereich" des lateinischen Alphabets "transkribieren")


– Fragen der Interpunktion und kontrastiven formalen Textstrukturierung, in welchem Zusammenhang es sinnvoll ist, (auch historische) Kenntnisse zur Typographie einzubeziehen.


Da sich das Deutsche im Vergleich zu den meisten moderneren europäischen Sprachen in der Wortbildung sehr untypisch verhält, sind gute – praktische – Kenntnisse in diesem Bereich unerläßlich.


Es gilt also, Texte zu benutzen, die es erlauben, die oben angegebenen Probleme anzusprechen, zu üben, und, darauf basierend, diese – eben auch – in Klausuren und Prüfungen anwenden zu können. Aufgrund der zur Verfügung stehenden Zeit und der davon abhängigen zu bewältigenden "Textmenge" in einem Semester kann nicht an umfassende Texte gedacht werden. Ferner sollten die Texte so gewählt werden, daß möglichst signifikante Unterschiede zwischen den Sprachen in diesem textlichen "Nahbereich" erarbeitet werden können, weshalb diese "allgemeinen" Texte folgende Charakteristika haben sollten:


– Sie dürfen nicht zu formalisiert sein (wie dies gerade Fachtexte typischerweise sind). Denn dadurch sind Strukturen, die sprachlich nicht synchron bestimmt sind, zu rigoros vorgegeben, um effektiv strukturell-kontrastive Arbeit leisten zu können. Es würde in diesem Fall in zu großem Maße er setzen statt über setzen gelernt, was den Erwerb verallgemeinerbarer Kenntnisse zumindest nicht fördert. Quasi könnte man für den gemeinsprachlichen Bereich die Faustregel aufstellen: Je formal(isiert)er ein Text ist, desto weniger ist er geeignet, denn sprachspezifische Strukturen kommen so weniger deutlich zum Ausdruck.


– Andererseits dürfen die Texte jedoch auch nicht zu umgangssprachlich sein, da sonst die Struktur zu sehr von der in der Standardsprache "fest-geschriebenen" abweicht, wie extrem beim sogenannten français avancé beziehungsweise français zéro zu sehen ist. Ferner tritt bei (fast) allen Sprachen dann auch das Problem sozial sehr negativ markierter Formen und eines stark argothaltigen Wortschatzes auf, deren Vermittlung in unserem Rahmen meist nur noch eingeschränkt sinnvoll ist.


Am besten geeignet erscheinen mir aufgrund des Gesagten also erzählerische und essayistische Texte, die weder "zu literarisch" noch "zu salopp" sind. Ich halte etwas längere Texte für besser geeignet als kurze, da viele textkonstitutive Erscheinungen erst ab einer bestimmten Textlänge als solche erkennbar sind oder in verallgemeinerbarer Form auftreten. Diese längeren Texte, die sich ruhig über ein ganzes Semester erstrecken können, könnten dann begleitet werden von kurzen, einfach und klar kontextuierten, abgeschlossenen Stegreiftexten, die kurz besprochen und nachbereitet werden sollten. Dies würde nicht nur das Erfassungs- und Übersetzungstempo steigern, sondern durch den Umgang mit in sich selbständigen Texten die Textkonstitution üben. Vom Charakter her eignen sich hierfür gut, um nur ein Beispiel zu nennen, Kurzzusammenfassungen von Büchern, wie sie in Katalogen der Verlage zu finden sind. Sie müssen kurz und präzis sein, können aber aufgrund von Zielgruppe und Thema nicht fachspezifisch sein. Sie haben oft eine – manchmal fast zu – große idiomatische "Ladung". Schließlich haben sie durch ihre Kürze noch den Vorteil, daß problemlos mehrere Lösungen der Studierenden vorgestellt und diskutiert werden können.
 

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1Da es sich um einen eher essayistischen Text handelt, verzichte ich auf Fußnoten und verweise auf die vergnügliche Lektüre von Anthony Grafton: Die tragischen Ursprünge der deutschen Fußnote, Berlin: Berlin Verlag, 1995.