.

Reden, Vorträge und Berichte


.


Trauerfeier für Univ.Prof. Dr. Gustav H. Blanke († 26.09.2001)


Germersheim, 1. Oktober 2001

Trauerrede: Univ.Prof. Dr. Dr. h. c. Renate v. Bardeleben



Liebe, verehrte Frau Blanke, lieber Herr Blanke,
liebe Angehörige, liebe Trauernde,
ein Tag wie der heutige lässt uns innehalten in unserer alltäglichen Geschäftigkeit. Unerbittlich haben Krankheit und Tod unseren verehrten Kollegen und Freund Professor Dr. Gustav H. Blanke aus der Heiterkeit eines unbeschwerten Lebensabends gerissen. Das Institut und die Amerikanistik trauert um seinen hochgeschätzten Lehrer und verehrten Emeritus. Bis vor wenigen Monaten noch ging er hier ständig aus und ein und nahm teil an der Entwicklung des Faches, für das er bedeutsame Wegmarken durch neue Studienkonzepte und -inhalte, vornehmlich und nachhaltig aber durch seine Forschungen geschaffen hatte.
Sein Ringen mit dem Tode vollzog sich vor dem düsteren Hintergrund der Ereignisse des 11. September in Amerika. Diejenigen, die Gustav Blanke in den letzten Monaten, Wochen und Tagen begleitet haben, mussten erleben, wie hart es für einen engagierten Wissenschaftler ist, Abschied zu nehmen von seinen Büchern, von seinen ihn täglich ausfüllenden politischen und kulturellen wie auch künsterlerischen Interessen, um diese Kräfte nur noch einzusetzen für einen doch nicht zu gewinnenden Kampf gegen eine tödliche Krankheit. Ich werde niemals den letzten starken, überraschend kräftigen Händedruck beim Abschied in seinem Zimmer am Nachmittag im Speyerer Hospiz vergessen, zwei Tage vor seinem Tode, als wir alle weiterhin hofften, er würde noch eine Weile bei uns weilen.
Es ist nicht möglich, in kurzen Sätzen ein so reiches und bewegtes Leben zusammenzufassen. Ich will mich daher auf einige wenige Akzente beschränken. In seinem eigenen Lebensbericht (1999) über die entscheidenden Jahre seiner Entwicklung zum Forscher und Wissenschaftler zeigt er sehr deutlich, wie er als Jugendlicher in die Zeit des Nationalsozialismus hineinwuchs und Zeuge der Herrschaft eines pervertierten Ideenguts wurde, das er selbst durch glückliche Umstände des eigenen Lebensweges sehr bald zu hinterfragen lernte und in der Folge überwinden konnte. 1938 tut sich für den, der gerade seine germanistische Doktorarbeit zu Ende gebracht hat, die Möglichkeit auf, als Stipendiat des Deutschen Akademischen Austauschdienstes in Amerika zu studieren. Schon ehe er abreiste, hatte er in seinem Tagebuch immer wieder die Stimmen der leisen Warner und Mahner eingetragen, die ihn zu Zweifeln am herrschenden politischen System veranlassten, und hatte begonnen, sich für die Grundwerte von Gesellschaften zu interessieren. In Ohio angekommen, notiert er aus der Fülle seiner Kontakte die ganz anders gearteten Positionen und beginnt sie für sich persönlich auszuwerten und auch für sein eigenes Leben umzusetzen. Tief beeindruckt von amerikanischen politischen und gesellschaftlichen Werten, trägt er sich ernsthaft mit dem Gedanken, eine Laufbahn an einer amerikanischen Universität einzuschlagen, und beantragt einen amerikanischen Pass, um Amerikaner zu werden und sein Leben ganz in der Neuen Welt zu leben. Er kann jedoch diese Hoffnungen nicht realisieren, sondern muss, ohne sein Zweitstudium der Amerikanistik beenden zu können, 1941 wegen der durch diese seine Pläne politisch bedrohten Eltern und Geschwister zurück nach Deutschland. Es folgt die Einberufung, der Einsatz als Dechiffrierer in Rommels Afrika-Corps und nach der Gefangennahme der abermalige und den späteren Amerikanisten umfassend vorbereitende Aufenthalt in einer sogenannten Lageruniversität in Kansas. In dieser und der folgenden Zeit kommt es zu entscheidenden Begegnungen mit großen amerikanischen Persönlichkeiten, insbesondere auch aus der Wissenschaft. Aus der Fülle der Namen nenne ich nur Howard Mumford Jones von der Harvard-Universität, mit dem ihn in den folgenden Jahrzehnten eine enge Freundschaft verbindet und der seine berufliche Wegfindung grundlegend beeinflusst.
Bereits 1945 entlassen, gelingt ihm der Einstieg in die Universität Münster als Dolmetscher des Rektors, bald danach eine Lektorentätigkeit. Neben zahllosen Vortragsreisen über die amerikanische Demokratie und Kultur engagiert er sich nachhaltig im Boppardausschuss als einer der Gründerväter der Deutschen Gesellschaft für Amerikastudien. Dieser Akt 1953 trug wesentlich zur Etablierung des neuen Studienfaches an deutschen Universitäten bei. Blanke schrieb sich hiermit zentral in die Geschichte der deutschen Amerikanistik ein.
Auch hatte Blanke bereits zwei große Werke in Angriff genommen. Diese, der Amerikanische Geist (1956) und Der Amerikaner (1957), werden zu ersten Marksteinen der jungen, im Aufblühen begriffenen Amerikastudien in Deutschland. Blanke — und dies folgt aus seinem Lebensweg ­ ist dabei nicht so sehr der traditionelle Literatur — oder Sprachwissenschaftler, sondern sein Augenmerk gilt Fragen wie: Was heißt amerikanische Demokratie? Was bedeutet Pragmatismus? Was ist puritanische Arbeitsethik? Was macht überhaupt das amerikanische Selbstverständis und Wertebewußtsein aus?
Auf der Suche nach den tragenden Strukturen, nach dem trotz vieler Gemeinsamkeiten mit Europa eigenständigen Gebilde Amerika faszinieren ihn der Facettenreichtum sowie die oft radikal verschiedenen Lebens- und Verhaltensformen. Gleichzeitig erkennt er als Analyst trotz vieler Jahre in den USA seine Verhaftung in der eigenen, deutschen Herkunftskultur. So beschreibt er die eigene Position als Forscher: "Unwillkürlich vergleicht er zunächst die auf ihn eindringenden Einzelheiten mit dem Leben in der eigenen Heimat, registriert dabei viele Dinge, mit denen er so gut wie nichts anfangen kann, und andere Dinge, die er aus seinem eigenen Land und eigener Erfahrung kennt. Er kommt zunächst zu dem Schluss, dass er an ein Volk von Widersprüchen und Gegensätzen geraten ist, und je länger er in dem Lande (Amerika) weilt, desto schwerer fällt es ihm, eindeutige Aussagen und Verallgemeinerungen zu machen."
Basierend auf der Annahme, dass jede Verhaltensweise ihre sprachliche Reflexion findet, wählt er als Schlüssel zum Verständnis die Wort- und Stilanalyse als Untersuchungsmethode. Schon zu diesem frühen Zeitpunkt können wir den späteren Ordinarius an der Germersheimer Ausbildungsstätte für Dolmetscher und Übersetzer rückblickend heraushören: "Wer ohne die Hilfe eines Buches oder eines Dolmetschers sich einen Zugang in eine fremde Sprache zu verschaffen sucht, wird bald feststellen, dass er nicht in sie eindringen kann, wenn er nicht die Handlungen der Sprecher versteht. Nur über das Verständnis der anderen Kultur verstehen wir die andere Sprache richtig, und nur über die Sprache verstehen wir die Kultur."
Zwischen der Kultur, in die er geboren wurde, und der Kultur seines Wunsches und seiner Wahl sich ständig hin- und her bewegend, ein Dolmetscher als Wissenschaftler und ein Wissenschaftler als Dolmetscher, wählt er für sein drittes Werk nach seiner Rückkehr nach Deutschland die Frage nach dem Amerika im englischen und amerikanischen Schrifttum des 16. und 17. Jahrhunderts (1962), wobei er über diesen Titel hinaus den Blick weitet zu den Spaniern und Portugiesen, den antiken Vorstellungen eines geheimnisvollen Atlantis, nach Indien und den Inselparadiesen, Wunder- und Schatzländern der Fabeln, Mythen und Legenden. Dieses Werk, das ihm 1960 die Habilitation und 1964 die Professur an der Unversität Münster einträgt, ist ein Zeugnis besten Gelehrtenfleisses, eine Fundgrube an schwer zugänglichen Materialien, Quellen und Zitaten, das nur durch einen weiteren einjährigen Aufenthalt an amerikanischen Bibliotheken, u.a. der berühmten Folger Shakespeare Library in Washington, möglich wurde. Die Werke, die seine wissenschaftliche Laufbahn nach dem Kriege begründen, die die Studierenden der 50er, 60er und 70er Jahre eifrig rezipierten, bilden, wie gerade dieser Tage ein Kollege wieder zu mir sagte, immer noch äußerst relevante, nützliche Meilensteine der Amerikanistik.
Ein weiteres Buch, Die semantische Analyse (1973), entsteht in Germersheim, wo er 1968 seine Tätigkeit als Institutsdirektor und Fachvertreter für die Amerikanistik aufgenommen hatte. Und danach weit über die Emeritierung hinaus, bleibt er ein aufmerksamer Leser neuer amerikanistischer Veröffentlichungen und publiziert selbst unermüdlich bis zu seiner Erkrankung viele größere und kleinere Schriften. Mehr und mehr fokussiert der Gelehrte seine Arbeit auf den amerikanischen Demokratiebegriff, die Civil Religion, den amerikanischen Traum und das amerikanische Sendungsbewußtsein. Kritisch, nicht selten unbequem, sowohl in seinen Schriften wie Vorträgen, bleibt er bis zuletzt ein stets dialogbereiter Beobachter, ist er überzeugter Verfechter der Völkerverständigung. Jahrzehnte früher bereits war er den vielfältigen Zeugnissen der Hoffnung nach der Verwirklichung des alten Menschheitstraumes von einer idealen Gesellschaft nachgegangen, beschäftigte er sich mit den Leitbildern aus der Kolonialzeit von einer "himmlischen Stadt" im jungen Amerika und kontrastierte diese Vorstellungen mit der jeweiligen Wirklichkeit. Solcherart an der Vergangenheit geschult, kann er pointiert formulieren: "Die Geschichte der neueren Zeit hat gezeigt, dass die Unterschiede der im Nationalcharakter verankerten Denk- und Lebensweisen gefährliche Explosivstoffe sein können, die man genauestens beobachten muss, wenn man Frieden will. Frieden ist nicht nur das Ergebnis von Verständigung, und Verständigung ist nicht nur die Folge der Bereitschaft, Gemeinsamkeiten zu sehen, sondern auch eine Folge des Erkennens und Anerkennens wesentlicher, nicht-eliminierbarer Unterschiede."
Seiner Stiftung für die Amerikanistik, die er 1999 anlässlich seines 85. Geburtstages ins Leben ruft, gibt er als Aufgabe für den zu fördernden wissenschaftlichen Nachwuchs vor: "die Darstellung der Entstehung, Entwicklung und globalen Bedeutung der Vereinigten Staaten und die Darstellung der Bemühungen der USA um die Verbesserung der Beziehungen der Nationen zueinander (Humanisierung, Universalisierung, Völkerverständigung, und Friedenspolitik und Notwendigkeit oder Berechtigung eines starken Sendungsbewußtseins)." Die Amerikanistik am Fachbereich Angewandte Sprach- und Kulturwissenschaft zollt ihm hierfür immerwährenden Dank.
Mit dieser seine tiefe Verbundenheit mit der Amerikanistik und mit Amerika ausdrückenden Stiftung rundete er sein Lebenswerk ab, wenngleich er zu diesem Zeitpunkt noch nicht sein Leben zu Ende gehen sieht, im Gegenteil. Die Krankheit bricht jedoch über ihn herein, der noch nicht Abschied nehmen will und es dennoch muss. Ich möchte schließen mit einem kurzen Gedicht der größten amerikanischen Dichterin, Emily Dickinson, das gerade dieses Eingreifen des Todes in das Leben eines Menschen thematisiert und die Erkenntnis, dass sich der Blick des Betroffenen nun in eine andere, neue Richtung wenden wird:


Because I could not stop for Death
Because I could not stop for Death —
He kindly stopped for me —
The Carriage held but just Ourselves —
And Immortality.
We slowly drove — He knew no haste
And I had put away
My labor and my leisure too,
For His Civility —
We passed the School, where Children strove
At Recess — in the Ring —
We passed the Fields of Gazing Grain —
We passed the Setting Sun —
Or rather — He passed Us —
The Dews drew quivering and chill —
For only Gossamer, my Gown —
My Tippet — only Tulle —
We paused before a House that seemed
A Swelling of the Ground
The Roof was scarcely visible —
The Cornice — in the Ground —
Since then — ‘tis Centuries — and yet
Feels shorter than the Day
I first surmised the Horses Heads
Were toward Eternity —
und die Übersetzung durch das mit Blanke befreundete Kollegenehepaar,
Annemarie und Franz Link,
Da ich nicht halten konnte für den Tod,
Da ich nicht halten konnte für den Tod,
Hielt freundlich er für mich.
Im Wagen saßen nur wir zwei
und die Unsterblichkeit.
Wir fuhren langsam. Er kannte keine Hast,
und meine Arbeit hatte ich beiseit’ gelegt
und meine Muße auch,
da er so freundlich war.
An der Schule fuhren wir vorüber, wo Kinder
in der Pause sich im Kreise mühten;
an Feldern starrenden Getreides fuhren wir vorüber;
an der sinkenden Sonne fuhren wir vorüber.
Oder eigentlich: sie zog an uns vorüber.
Der Tau brachte Zittern und Kälte,
denn nur aus Sommerfäden mein Gewand,
meine Pelerine — nur aus Tüll.
Wir hielten an vor einem Haus, das
eine Bodenschwelle schien;
das Dach war kaum zu sehen,
der Sims — im Boden.
Seitdem sind es Jahrhunderte — und doch
erscheint es kürzer als der Tag,
an dem zuerst ich ahnte, dass der Pferde Köpfe
zur Ewigkeit hin ausgerichtet waren.

zurück   top

UNI-MAINZ | Startseite | Intranet | Institute | Zentrale Einrichtungen | Kontakt | Bibliothek
Liste unserer Seiten | Vorlesungsangebot | Allgemeine Informationen | Personenverzeichnis | Internet-Recherche


[WWW-Adresse: Http://www.fask.uni-mainz.de/fbpubl/fax/bardeleben01.html - 9.10.2001 -]