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Vom Blatt zum Publikum: Zur Beurteilung von Seminarvorträgen


Susanne Hagemann



Sollen Referate in Seminaren nur in schriftlicher Form vorgelegt oder auch vorgetragen werden? Ein Argument gegen das Vortragen ist, dass es nicht selten zum Selbstzweck gerät und die Vermittlung von Inhalten darüber vergessen wird. Das Phänomen ist verbreitet: Trotz guten Zuredens wird häufig anstelle eines freien oder halbfreien Vortrags eine vorbereitete schriftliche Fassung nicht vorgelesen, sondern vorgeleiert; beim Publikum breitet sich Langeweile aus, der Nutzeffekt tendiert für beide Seiten gegen Null. Um die Vorträge in meinem Hauptseminar ”Literature and Power” im Sommersemester 1998 etwas lebhafter und vor allem verständlicher zu gestalten versuchte ich es mit einer Methode, die man auf Englisch als peer assessment oder benchmarking bezeichnet: Das Publikum bekommt im Anschluss an das Referat die Möglichkeit anonym zu Inhalt und Vortragsweise Kommentare abzugeben.

Der Fragebogen wurde unter Einbeziehung der Studierenden erarbeitet. Die gestellten Fragen und möglichen Antworten waren folgende: 1. Länge des Vortrags (zu lang; zu kurz; gerade richtig); 2. Vortragsweise (sehr gut; verständlich; eher unverständlich); 3. Fanden Sie die Themenstellung als solche interessant? (ja, sehr; mäßig; nein); 4. Informationsgehalt des Vortrags (Thema wurde auf interessante Weise dargestellt; nicht viel Interessantes; lustig, aber nicht sehr informativ; habe nichts kapiert); 5. Die wichtigsten Thesen/Punkte/ Themen des Vortrags waren [ Textantwort]; 6. Bemerkungen. Von einer Kollegin erfuhr ich später zufällig, dass sie in ihren Seminaren ebenfalls mit einem Fragebogen arbeitet, und zwar mit folgenden Fragen, auf die Antworten von ++ bis -- möglich sind: Handout, Struktur/Aufbau, Tiefe/Umfang, Verständlichkeit (Inhalt), Sprache (Englisch), Beziehung zur Hörerschaft; dazu die Textfrage nach weiteren Bemerkungen.

Die Studierenden sprachen sich dagegen aus die Umfrageergebnisse in die Seminarnote einfließen zu lassen, mit der Begründung, dass sie sonst bei einem schlechten Vortrag keine ehrlichen Antworten geben würden, um der Kommilitonin nicht zu schaden. Meine eigene, notenrelevante Beurteilung des Vortrags wurde daher vor Durchsicht der Fragebögen vorgenommen. Sie stimmte jedoch, wie sich anschließend herausstellte, in der Regel relativ genau mit der der Studierenden überein.

Und das Ergebnis? Aus Sicht der Seminarleiterin rundum positiv. Die Auswertung der Fragebögen bedeutet natürlich einen zusätzlichen Arbeitsaufwand, zumal die zunächst handschriftlich ausgefüllten Bögen den Vortragenden zur Wahrung der Anonymität nicht direkt, sondern nur in Form eines Computerausdrucks zugänglich gemacht werden können. Der Aufwand lohnt sich aber offensichtlich. Ich habe in keinem früheren Seminar so viele sehr gut verständliche und informative Vorträge zu hören bekommen. Die meisten Studierenden orientierten sich sowohl beim Inhalt als auch bei der Vortragstechnik klar an den Bedürfnissen des Publikums. Einzelne Aspekte der Multiple-Choice-Fragen erwiesen sich bei der Auswertung als verbesserungsfähig: So wurden bei den Fragen nach Vortragsweise und Informationsgehalt gelegentlich zusätzliche Bemerkungen wie ”sehr gutes Englisch, aber zu wenig Publikumskontakt” bzw. ”interessant schon, aber etwas einseitig” für notwendig gehalten. Die Textantworten auf die Frage nach den wichtigsten Thesen oder Themen gaben nicht nur über die allgemeine Verständlichkeit des Vortrags Aufschluss, sondern machten auch z. B. durch die gelegentlich falsche Schreibung von Eigennamen und Fachtermini deutlich, wo die Vorkenntnisse des Publikums noch zu wenig berücksichtigt worden waren. Die Frage nach weiteren Bemerkungen wurde sowohl für Lob als auch für Kritik sehr intensiv genutzt. Besonders erfreulich fand ich in diesem Zusammenhang, dass sich die Kritik ausnahmslos im Rahmen des Höflichen bewegte; auch bei den sehr wenigen Vorträgen, die als nicht besonders gelungen empfunden wurden, waren die Reaktionen sachlich und konstruktiv. Das Problem einer eventuellen Zensur verletzender Bemerkungen stellte sich nicht.

Zu Semesterende bat ich die Studierenden mir schriftlich und wiederum anonym mitzuteilen, was ihr Eindruck von der Umfrage war und was sie für änderungsbedürftig hielten. 80 % der Teilnehmenden gaben Kommentare ab, die meisten ausführlich und differenziert. Wie sich bereits bei der Auswertung der Fragebögen gezeigt hatte, empfanden etliche Studierende die vorgegebenen Multiple-Choice-Antworten als unbefriedigend; bei diesen Fragen sollte wohl zusätzlich die Möglichkeit einer detaillierteren Textantwort gegeben werden. Die Textfrage nach Themen und Thesen wurde von mehreren ausdrücklich als hilfreich bezeichnet: Man könne an den Antworten erkennen, ob der eigene Vortrag inhaltlich ”angekommen” sei, und fühle sich bei Vorträgen anderer zu genauerem Zuhören bewogen. Generell wurde die Umfrage überwiegend als nützlich und fortsetzenswert angesehen. Es sei interessant die Meinung der anderen zu erfahren; der Fragebogen gebe auch über Punkte Aufschluss, die in Diskussionen nicht erwähnt würden; es mache Spaß gefragt zu werden. Mehr als einmal wurde allerdings als grundsätzliches Problem erwähnt, dass man Hemmungen habe ein negatives Urteil abzugeben. Ein Grund wurde leider nicht immer ausdrücklich genannt; denkbar wären mehrere. Das Bedürfnis niemandem wehzutun? Die Hoffnung, dass andere einen nett behandeln, wenn man selbst nett zu ihnen ist – der Glaube an einen freundlichen Umgangston auf Gegenseitigkeitsbasis? Die Befürchtung, die Umfrage könnte sich trotz gegenteiliger Versicherungen der Seminarleiterin doch als notenrelevant erweisen? Der Wunsch sich in einer vermeintlichen Konfrontation zwischen Studierenden und Dozierenden auf die ”richtige” Seite zu stellen, das eigene Nest nicht zu beschmutzen? Die Angst vor der eigenen Subjektivität? Unabhängig von möglichen Ursachen spricht der Vorbehalt nicht gegen eine Fortsetzung der Fragebogenaktion. Die Unterschiede zwischen der Beurteilung gelungener und weniger gelungener Vorträge waren bei aller Höflichkeit deutlich genug.

Wer untersucht übrigens einmal die Beurteilungspolitik der Dozierenden?


 

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