Translationslehre und Bologna-Prozess: Unterwegs zwischen Einheit und Vielfalt

6. Internationales Symposium "Translatorische Kompetenz", Germersheim, 27.–29. November 2015

Sechzehn Jahre nach der Bologna-Erklärung möchten wir der Frage nachgehen, wie sich der Bologna-Prozess auf die Entwicklung der Translationslehre ausgewirkt hat. Die Maßnahmen zum Aufbau des europäischen Hochschulraums haben in erster Linie einen verbindenden Charakter; gleichzeitig wird Vielfalt in der Erklärung aber ausdrücklich anerkannt. In den Sektionen dieser Tagung soll dem Verhältnis von Einheit und Vielfalt in der Translationslehre exemplarisch nachgegangen werden, und zwar sowohl mit Bezug auf die Strukturen als auch auf die Inhalte.

Kulturgebundenheit der Translationslehre?

Durch den Bologna-Prozess wurde im Europäischen Hochschulraum das Studium strukturell vereinheitlicht; bekannte Beispiele hierfür sind die gestuften Studiengänge und das Leistungspunktsystem. Das Projekt Tuning Educational Structures in Europe brachte zudem eine inhaltsbezogene Abstimmung z. B. bei den fachlichen und überfachlichen Kompetenzen in den Prozess ein, und EMT und OPTIMALE entstanden aus einem Bedürfnis nach Koordination der Translationsausbildung. Die Sektion "Kulturgebundenheit der Translationslehre?" geht der Frage nach, inwieweit die Translationslehre trotz solcher Entwicklungen nach wie vor kulturspezifisch ist. Das Spektrum möglicher Beiträge reicht von der Orientierung der Translationsdidaktik an bestimmten translationswissenschaftlichen Ansätzen über ein kulturell bedingtes Verständnis der Rollen von Dozierenden und Studierenden bis hin zu inhaltlichen Vorgaben übergeordneter nationaler Institutionen. Erwünscht sind neben Bestandsaufnahmen vor allem auch kritische Auseinandersetzungen mit dem Spannungsfeld von Kulturgebundenheit und Internationalisierung.

Vielfalt trotz Einheit: Welche neuen Lehr- und Prüfungsformen passen in die neuen BA-MA-Strukturen?

Die Umstellung auf BA-MA-Studiengänge kann als Anlass gesehen werden, über Erfolg und Nutzen bisheriger Lehr- und Prüfungsformen nachzudenken, diese weiterzuentwickeln oder völlig neue zu erarbeiten. Durch die Bologna-Ziele sind neue kohärente Konzepte des exemplarischen, begleiteten und selbständigen Lernens noch stärker gefragt als bisher. Im Zuge der Umstellung wurden zahlreiche neue Lehrveranstaltungsformen konzipiert und in inhaltlich kohärente Module eingebettet. Bei der Reform der BA-MA-Studiengänge in Deutschland sollten außerdem die Zahl der Präsenzveranstaltungen reduziert und der Anteil des Eigenstudiums erhöht werden. Als neue Formen werden u. a. Lehrveranstaltungen im Blended Learning und in Projektarbeit angeboten.

Erwünscht sind Beiträge, die sich an folgenden Leitfragen orientieren: Welche Auswirkung hat die Forderung nach mehr exemplarischem, selbständigem und methodischem Lernen auf die Lehre? Wie lassen sich Lernfortschritte in Einzelveranstaltungen und in Modulen prüfen? Welche grundsätzlich anderen Ansätze jenseits der etablierten Translationsdidaktik sind in Lehre und Prüfung denkbar?

Materialität der Medien in der Translationslehre

Die Translation, und damit auch ihre Didaktik, wird mehr und mehr von Medien und Technologien bestimmt. Es ist davon auszugehen, dass die technischen Möglichkeiten der Textgenerierung und Recherche die Translation in spezifischer Weise beeinflussen. Auch für die Textualität und Textproduktionsprozesse generell werden durch diese Technik neue Möglichkeiten eröffnet. Die Sektion "Materialität der Medien in der Translationslehre" befasst sich mit der Frage, ob bzw. wie diese Medialität Menschen verschiedenster kultureller Hintergründe, die sich zudem in unterschiedlichsten Situationen befinden, bei Translationsprozessen in ein global quasi identisches Setup oder auch globale Interaktionsformen einbettet. Möglicherweise stellt diese Einheitlichkeit der Medialität durch die Erzeugung von globalen Formen der Textproduktion und -bearbeitung sowie immer unmittelbarerer Interaktivität einen kulturübergreifenden Faktor dar. Zu den zu untersuchenden Situationen zählen Interaktionssituationen zwischen: Mensch und Mensch, Mensch und Maschine, Maschine und Maschine. Hierzu sind Beiträge aus allen Feldern der Translationslehre denkbar.