Die Methode: Dolmetschinszenierungen

„Die Tätigkeit des professionellen Translators beginnt nicht mit dem Dolmetschen und/oder Übersetzen im engeren Sinn des des Wortes und endet nicht mit dem letzten Wort, das er ins Mikrophon spricht oder in den Computer gibt oder ausdruckt.“

Hans J. Vermeer

(Die Welt, in der wir übersetzen. Drei translatologische Überlegungen zu Realität,Vergleich und Prozess. 1996, S. 117)






„Der Mensch ‚macht‘ nicht nur Theater, er ‚ist‘ auch Theater“

Augusto Boal

(Der Regenbogen der Wünsche. Methoden aus Theater und Therapie. 1999, S. 117)





Was versteht man unter Dolmetschinszenierungen?

Dolmetschinszenierungen können als eine Alternative zu konventionellen Dolmetschübungen betrachtet werden. Es geht dabei um die Erarbeitung, Entwicklung, Erprobung und Aufführung von Dolmetschsituationen und Dolmetscherrollen. Die Dolmetschinszenierungsarbeit gestaltet sich konkret als eine Form der pädagogischen Theaterarbeit. Dabei steht das Wort oder das Schweigen, das gedolmetscht werden soll/kann (oder auch nicht), ebenso im Mittelpunkt wie die professionspolitische Positionierung eines Fachdolmetschers im Kontakt mit den anderen Fachkräften oder die kulturell geprägte Sprech- und Handlungsweise des Klienten oder körperlich-emotionale Einflussgrößen in einer Gesprächssituation.

Studierende übernehmen während der Arbeit an den Dolmetschszenarien drei Rollen: Sie sind teilnehmende Beobachter/innen (mit dem Auftrag, Protokolle über die Aufführungen der Anderen zu verfassen), Schauspieler/innen (mit dem Auftrag, die Rolle der Dolmetscherin aber auch immer wieder der Fachkraft und der Migrantin/Klientin zu spielen) und Regisseure (mit dem Auftrag, die eigene wie auch die Performanz der Anderen kritisch zu reflektieren, zu evaluieren und gegebenenfalls zu verändern). Die Ausbildung beginnt mit der Sensibilisierung für nonverbale Kommunikationselemente. Neben Aspekten der Sprach-, Kultur- und Fachkompetenz rückt die Fähigkeit, in einer kontextgebundenen Freiheit Entscheidungen zu treffen und performativ (im Sinne eines bewussten und öffentlich aufgeführten Aktes) Verantwortung für jegliche Dolmetschhandlung zu übernehmen, immer mehr in den Mittelpunkt.

Darstellungs- und (Selbst)Reflexionskompetenz, Empathiebildung

Bei dieser Lehr- und Lernmethode wird von der Annahme ausgegangen, dass DolmetscherInnen als Personen mit ihrem ganzen Körper und ihren Emotionen und nicht nur mit ihren intellektuellen Fähigkeiten an Dolmetschsituationen beteiligt sind. DolmetscherInnen sind als Körper anwesend und als Individuen mit verschiedenen Identitätsebenen, d.h. als Menschen mit einer oder mehreren Kulturen, mit einer ganz individuellen Lebensgeschichte und unterschiedlichen Erfahrungen, die nicht einfach nur so ‚ein- und abgeschaltet‘ werden können. Professionelle Umgangsformen und Distanzierungstechniken bei emotionaler Involviertheit können erst entwickelt werden, wenn DolmetscherInnen zunächst einmal die Tatsache bejahen, dass sie subjektiv, sichtbar, und anwesend sind – und dass sie immer wieder in den Zustand der Betroffenheit versetzt werden können.

Die Paradoxie der Bewegung zwischen Nähe und Distanz beim Dolmetschen ist die grundlegendste Eigenschaft der Dolmetscherrolle. Die Ambivalenz und die weitgehende Unberechenbarkeit in den Abläufen der Dolmetschszenarien verlangt von der Dolmetscherausbildung, dass angehende DolmetscherInnen auf das Unerwartete vorbereitet werden. Entgegen traditioneller Ansätze, die bei der Dolmetscherausbildung die Routine/Routinisierung in den Vordergrund rücken, sollen Studierende in den Dolmetschinszenierungen lernen, möglichst ein Leben lang ‚wach‘ und flexibel zu bleiben. Jedes Dolmetschszenario ist neu und anders, jede Dolmetscher/in ebenso. Jede DolmetscherIn ist in jedem Dolmetschszenario eine Andere. Immer ist ganz zu Beginn einer dolmetschervermittelten Gesprächssituation die Dolmetscherin zunächst eine Fremde und ein Eindringling.

FachdolmetscherInnen müssen für kritische Situationen, die sie emotional, körperlich und intellektuell belasten können, ausgerüstet werden. Es gibt keine definitiven Lösungen und festen Rezepte. Für einen kreativen Umgang mit dieser Ambivalenz benötigen FachdolmetscherInnen Darstellungs- und (Selbst)Reflexionskompetenz. Durch die gemeinsame Erarbeitung und das ständige/wiederholte Inszenieren unterschiedlicher dolmetschervermittelter Situationen lernen die Studierenden, sich mit den verschiedenen beteiligten Rollen auseinanderzusetzen und sich in die anderen Rollen hineinzuversetzen. Nur durch eine (selbst)reflexive Herangehensweise an das Eigene und das Andere eröffnet sich den Studierenden ein Weg zur Empathiebildung. Dolmetschinszenierungen bedeutet insofern, erfahrungsbasiertes, studierendenzentriertes und teilnehmerorientiertes Lernen und Lehren.