FachdolmetscherIn – Fachdolmetschen: Ein Definitionsversuch


Die Bezeichnung “FachdolmetscherIn” mit Angabe des Spezialisierungsgebiets (med./soz./jur.) wurde im Jahre 2000 von Bahadır+Dizdar als Bezeichnung für professionelle DolmetscherInnen in medizinischen, sozialen, behördlichen und juristischen Settings vorgeschlagen. Damit sollte eine klarere Abgrenzung zum ‘natürlichen Dolmetschen’ von Migrantenkindern und zum Laiendolmetschen allgemein ermöglicht werden. Der entsprechende Teil des Positionspapiers von Bahadır+Dizdar  sowie nähere Infos über das erste Arbeitstreffen „Dolmetschen im medizinischen und sozialen Bereich: Entwurf eines Berufsprofils für den deutschsprachigen Raum“ am 5. Februar 2000 am FB 06 in Germersheim können in Bahadır 2000 nachgelesen werden. Die Namengebung für diese Dolmetschsorte ist heute immer noch ein Problem – nicht nur in Deutschland. Auch im englischsprachigen Raum kursieren Bezeichnungen wie community interpreting, cultural interpreting, diaologue interpreting, liaison interpreting, public service interpreting. Community interpreting scheint sich dabei am besten durchgesetzt zu haben. Allerdings haftet an dieser Bezeichnung oft noch das alte Stigma des Laiendolmetschens in migrantischen Kontexten. Im deutschsprachigen Raum hat sich Österreich weitgehend für Kommunaldolmetschen entschieden, während die Schweiz zunächst das seltsame Konstrukt interkulturelles Übersetzen wählte, was aber vor kurzer Zeit in interkulturelles Dolmetschen abgewandelt wurde.

Das Fachdolmetschen in medizinischen, sozialen und juristischen Kontexten für VertreterInnen verschiedener Kulturen, zwischen denen ein großes Machtungleichgewicht besteht, ist eine ethisch höchst komplexe Tätigkeit. Natürlich spielen für die Professionalität im Fachdolmetschen konventionellere Kompetenzen wie Sprachkompetenz, Kulturkompetenz, Dolmetschtechniken und -strategien und interkulturelle Kommunikationskompetenz eine große Rolle. Allerdings steht zusätzlich die psychosoziale Kompetenz im Mittelpunkt, d.h. der kultursensible, verantwortungsvolle, problembewusste und reflektierte Umgang mit ethisch und politisch brisanten Interaktionen, mit emotionsgeladenen, konfliktgezeichneten Situationen. FachdolmetscherInnen ist bewusst,  dass sie in ihren Einsatzbereichen nicht nur Beobachterin oder Zeugin eines extremen Machtgefälles sind, sondern auch Teil dieses Machtgefälles werden (können). Die zu erlernende dezidierte Positionierung als ‚Dritte‘, als ‚eine eigene Partei dazwischen‘, als eine ‚Expertin des Dazwischenraums‘ ermöglicht die Verknüpfung der berufsethischen Forderungen nach Neutralität/Distanz und gleichzeitiger Empathie.

Das Benennungsproblem hat mit der Vielfältigkeit der Einsatzbereiche, der Vielschichtigkeit und den inhärenten Ambivalenzen der Dolmetscherrolle zu tun. ‘Soziale’, ‘medizinische’ und ‘behördliche’ Settings sind mannigfaltig und schwer kategorisierbar. ForscherInnen, AusbilderInnen, PraktikerInnen werden immer wieder mit der Frage konfrontiert, ob die Tätigkeit denn nun ‘nur’ oder ‘mehr als’ oder ‘tatsächlich Dolmetschen’ sei. Wenige erkennen, dass das eigentliche Problem in den herrschenden Vorstellungen von der Dolmetschtätigkeit und in der daraus resultierenden Definition des Begriffs ‘Dolmetschen’ liegt. Außeruniversitäre Projekte ziehen seit vielen Jahren Sprachmittlung und/oder Kulturmittlung als Bezeichnung vor. Das hatte lange einen beruhigenden Effekt für alle Beteiligten: Für die Dolmetschwissenschaft wie auch Dolmetscherausbildung war die Mittlertätigkeit in diesen Einsatzbereichen (so weit sie überhaupt wahrgenommen wurde) lange Zeit mehr oder auch weniger als, aber auf keinen Fall richtiges Dolmetschen - eher eine Form der Assistenz in der sozialen oder medizinischen Beratungsarbeit. Diese Kategorisierung schien den meisten außeruniversitären Maßnahmen entgegenzukommen In den bis auf wenige Ausnahmen kurzzeitigen und niedrigschwelligen Qualifizierungen, an denen meist Auszubildende mit zum Dolmetschen unzureichenden Deutschkenntnissen teilnahmen, konnten und sollten sie ja nicht als richtige DolmetscherInnen ausgebildet werden. Sie sollten ‘nur’ Sprach- und KulturmittlerInnen werden. Und doch sollten sie ‘mehr’ tun als Dolmetscherinnen: Sie sollten kulturelle Missverständnisse klären und vermitteln. Dabei gesellt sich zum Definitionsproblem ‘Was ist Dolmetschen?’ auch noch das Definitionsproblem ‘Was ist Mediation?’, was sowohl auf der Ebene der Migrantenprojekte als auch in der Dolmetschforschung kaum beachtet wird.

In den letzten Jahren hat sich diese paradoxe gegenseitige Wahrnehmung verändert.  Die Dolmetschforschung interessiert sich nunmehr fürs Fachdolmetschen und auch fürs Laiendolmetschen. Sie hat es dem Dolmetschen in migrantischen Settings zu verdanken, dass sich namhafte ForscherInnen angesichts einer Sackgassensituation in der  Konferenzdolmetschforschung dem Dolmetschen als alle Sorten integrierendes Phänomen oder auch dem community interpreting / Fachdolmetschen per se widmen. An universitären Dolmetscher- und Übersetzerausbildungsstätten wird das Fachdolmetschen immer öfter thematisiert, in theoretische Seminare integriert oder an wenigen Universitäten auch schon als Spezialisierung bzw. Studienschwerpunkt angeboten. Es entstehen Kooperationen zwischen außeruniversitären Qualifizierungsprojekten und akademischen Translatorenausbildungsstätten. Die Etablierung von Qualitätsstandards in der Ausbildung von FachdolmetscherInnen und FachdolmetschtrainerInnen ist ein wichtiges Anliegen dieser Kooperationen.