Ziele, Inhalte, Herangehensweise

Mit diesem Lehrprojekt soll die Methode Dolmetschinszenierungen im Rahmen des neuen Masterstudienschwerpunkts „Fachdolmetschen in sozialen, medizinischen und juristischen Einsatzbereichen“ am Arbeitsbereich Interkulturelle Germanistik an die Bedürfnisse der Studierenden angepasst, in den Fachdolmetschübungen erprobt und weiterentwickelt werden.

Die Arbeitsfelder des Projekts sind:

  • wissenschaftliche Begleitung der Lehre durch audiovisuelle wie auch schriftliche Dokumentation der Dolmetschinszenierungsarbeit
  • wissenschaftliche Auswertung der Dokumentation
  • Erarbeitung und Anwendung von Lehr- und Lernmaterialien
  • Disseminierung und Veröffentlichung der Auswertungen und Ergebnisse
  • Organisation von Informationsveranstaltungen, Fachgesprächen und –tagungen, Train-the-Trainers-Seminaren
  • Erarbeitung von Verknüpfungspunkten mit anderen Bereichen der Translationsdidaktik zur Anwendung der Methode, z.B. in der Übersetzer- und Konferenzdolmetscherausbildung
  • Erarbeitung von Verknüpfungspunkten für die Anwendung/Adaptation der Methode in der Lehre in anderen Disziplinen

Dolmetschinszenierungen sind eine Methode, die fest in der Praxis der Dolmetscheinsatzbereiche innerhalb multilingualer Gesellschaften verankert ist. Sie wurde für die Aus-/Fort-/Weiterbildung von FachdolmetscherInnen in medizinischen, sozialen und juristischen Settings entwickelt. Ein wichtiges Anliegen ist es aber, aus den Ergebnissen des Lehrprojekts erste Vorgehensweisen für den Einsatz der Methode in anderen Spezialisierungsbereichen der Translatorenausbildung und für andere Disziplinen auszuarbeiten.

Während das Dolmetschen in den akademischen Ausbildungsstätten bisher weitgehend als verbale/mentale/intellektuelle Tätigkeit erforscht und gelehrt wird, rückt diese Methode dezidiert den Körper der DolmetscherIn und den Kontext der Verdolmetschung ins Zentrum: Die emotionalen, nonverbalen und irrationalen Dimensionen der Kommunikation sowie die sozialen, kulturellen, politischen aber auch persönlichen Faktoren, die die Dolmetschperformanz beeinflussen, stehen in der Lehre gleichberechtigt neben den verbalen Faktoren. Zudem stellt die (selbst)bewusste und ethische Positionierung als DolmetscherIn einen wichtigen Bestandteil der Ausbildung dar. All diese Einflussgrößen werden an konkreten Dolmetschszenarios erarbeitet und in den verschiedenen Phasen der Inszenierungsarbeit geprobt und somit ‚ge- bzw. erlebt’.

Grundlegend für den Einsatz der Dolmetschinszenierungen als Lehr- und Lernmethode ist die aktive Beteiligung von Fachkräften aus den zukünftigen Einsatzbereichen der FachdolmetscherInnen an der Ausbildung. Damit wird eine starke Praxisorientierung gewährleistet. Gleichzeitig werden die Fachkräfte für die Zusammenarbeit mit FachdolmetscherInnen sensibilisiert. Gemeinsam werden realitätsnahe Einsatzsituationen erarbeitet und inszeniert, Kommunikationsstrategien und Entscheidungsprozesse geprobt und diskutiert. Neben der Mitwirkung von Fachkräften spielt das Team-Teaching eine große Rolle: Die Zusammenarbeit zwischen Studierenden, TutorInnen, Dozierenden und externen Fachkräften ermöglicht eine flexible, dynamische, zur Handlung befähigende („empowerment“) Ausbildungssituation, in der praxisrelevante Szenarien erarbeitet, durchgespielt, reflektiert und diskutiert werden. Es handelt sich dabei nicht nur um Simulationen oder Rollenspiele im traditionellen Sinn: Vergleichbar mit der experimentellen und pädagogischen Theaterarbeit werden in den verschiedenen Phasen der Dolmetschinszenierungen unterschiedliche Facetten eines Szenarios vorbereitet, geprobt, modifiziert, wieder geprobt, aufgeführt, wieder geändert etc – von der Raumnutzung und der Relation zwischen Gegenständen und AkteurInnen (‚Bühnenbild’), über Bewegungsabläufe und nonverbale Kommunikationsabschnitte (Gestik, Mimik, Blickkontakt, Körpersprache), Gesprächsdynamiken, Rollenprofile der InteraktionspartnerInnen bis hin zu den einzelnen Redeabschnitten und letztendlich jedem einzelnen Wort, das in diesem Szenario ausgesprochen und (nicht) gedolmetscht wird.

Der Ansatz nährt sich von den Schnittstellen der Translationswissenschaft mit der Ethnographie, Anthropologie, Soziologie, Theaterpädagogik und den performance studies. In der Dolmetschinszenierungsarbeit stehen die Darstellungskompetenz und die kritische (Selbst)Reflexionskompetenz im Vordergrund. Dolmetschervermittelte Interaktionen werden als Inszenierungen und Dolmetscher/innen als dramatis personae in den sozialen, kulturellen und politischen ‘(Alltags)Dramen’ des Dolmetschens verstanden. Die Methode bietet den Rahmen für eine vielschichtige, dynamische Wahrnehmung, Beschreibung, Bewertung und letztlich Ausführung der Dolmetscherrolle, also für die performance des Dolmetschers im Sinne der performance studies.